Uwe Nerlich

Uwe Nerlich (geb. 29. Juni 1930 in Wassersleben bei Flensburg; gest. 23. März 2023 in München) war ein deutscher Sicherheitspolitiker.

Lebensweg

Nerlich studierte Philosophie und Mathematik in Frankfurt am Main und in Cambridge (England); er war zeitweilig Fellow am King’s College London. Nach seinem Studium war Nerlich zeitweilig für den C. Bertelsmann Verlag tätig.

Nerlich wurde Mitarbeiter der im Winter 1960/61 gegründeten Studiengruppe für Rüstungskontrolle, Rüstungsbeschränkung und internationale Sicherheit, die von dem Bundestagsabgeordneten Fritz Erler, Experte der SPD für Verteidigungs- und Außenpolitik, und von Richard Balken, Leiter des Referates 302 („Abrüstung und Sicherheit“) im Auswärtigen Amt, initiiert wurde. Als Studiengruppe der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) tagte sie unter Erlers Leitung etwa vier Mal pro Jahr. Unter den Mitgliedern dieser Studiengruppe waren zwischen 1964 und 1966 Richard Balken, Wilhelm Grewe, Lothar Lahn, Herbert Müller-Roschach, Ulrich Scheske und Swidbert Schnippenkötter (Auswärtiges Amt), Volkmar Hopf und Herbert Trebesch (Verteidigungsministerium), Hans Speidel und Rolf Steinhaus (Bundeswehr), Kurt Birrenbach, Fritz Erler und Helmut Schmidt (Bundestag), die Journalisten Theo Sommer (Die Zeit) und Kurt Becker (Die Welt), Klaus Ritter von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Wilhelm Cornides und Helga Haftendorn (DGAP) sowie die Professoren Karl Dietrich Bracher, Ulrich Scheuner, Ulrich Menzel und Carl Friedrich von Weizsäcker.

Vom 15. Oktober bis zum 15. November 1962 – und damit während der heißen Phase der Kubakrise von 14. Oktober 1962 bis 28. Oktober 1962 – hielten sich einige Mitglieder der DGAP-Studiengruppe, unter ihnen Nerlich und Hans-Adolf Jacobsen, zu einem Informationsbesuch in Amerika auf. Die Studiengruppe nahm in den USA Kontakt zu etwa 35 Forschungseinrichtungen wie Universitäten und Think Tanks und zu etwa hundert Wissenschaftlern und Sicherheitspolitikern auf.

Ende November 1963 trat erstmals die European Study Commission unter dem Vorsitz des französischen Generals André Beaufre in Paris zusammen. Unter den Teilnehmern war auch Uwe Nerlich. Sie erarbeitete in einer vertraulichen Studie das Konzept einer europäischen Atomstreitmacht, als Gegenmodell zur Multilateralen Atomstreitmacht (Multilateral Force, MLF).

Mitte der 1960er Jahre setzte Nerlich sich dafür ein, dass sich die Bundesrepublik Deutschland die Option auf eigene Atomwaffen offenhält.

Von 1965 bis 1995, also 30 Jahre lang, war Nerlich Wissenschaftler der SWP, und viele Jahre lang ihr Forschungsdirektor. Die erste klar als SWP-Ausarbeitung gekennzeichnete Publikation von Januar 1967 wurde von dem Sicherheitspolitiker Uwe Nerlich und dem Physiker Rudolf Botzian verfasst und trug den Titel „Auswirkungen eines Vertrages über die Nichtverbreitung von Atomwaffen auf den zivilen Sektor technisch-industrieller Entwicklungen“. Da Nerlich parallel zu seiner Arbeit in der SWP weiterhin auch für die DGAP tätig war, war er eines der personellen Bindeglieder zwischen diesen beiden Politikforschungsinstitutionen.

In den Jahren 1974 und '75 war Nerlich Fellow am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences der Stanford University.

Von 1978 bis 1987 war Nerlich Mitglied des Rates des International Institute for Strategic Studies (IISS) in London.

Nerlich war von Anfang an Mitglied der „Schäuble-Runde“, einer vertraulichen Runde im Bundeskanzleramt, die der damalige Kanzleramtschef Wolfgang Schäuble ab November 1988 regelmäßig einberief. Zu dieser Runde gehörten auch der damalige NATO-Generalsekretär Manfred Wörner, General Franz-Joseph Schulze (früherer NATO-Oberbefehlshaber Europa-Mitte), der CDU-Sicherheitspolitiker Volker Rühe, der zum 1. April 1992 Bundesverteidigungsminister wurde, und der Politikwissenschaftler, Zeithistoriker und Publizist Hans-Peter Schwarz.

Im Jahr 1988 war Nerlich Vizepräsident des European-American Institute for Security Research in Los Angeles und Visiting Distinguished Professor an der Naval Postgraduate School (NPS) in Monterrey, Kalifornien.

Am 28. Dezember 1995 erhielt Nerlich das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.

Von 1995 bis 2002 war Nerlich Senior Vice President der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft tätig. Er war zugleich Direktor des IABG-Zentrums für Europäische Strategieforschung. Anschließend, von 2002 bis 2005, war Nerlich Senior Advisor der IABG.

Am 20. Mai 1996 erhielt Nerlich die Ehrendoktorwürde, verliehen von der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Von 2003 bis 2005 war Nerlich Vorsitzender der European Study and Defence Analysis Group (ESDAG) (2003–2005), einer gemeinsamen Initiative europäischer Forschungs- und Technologieorganisationen (RTOs) in den Bereichen Sicherheit und Verteidigung.

Im Jahr 2006 wurde Nerlich Gründungsdirektor des Centre for European Security Strategies (CESS) und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2023 dessen Geschäftsführer.

Nerlich starb am 23. März 2023 in München, im Alter von 92 Jahren. Er wurde in München auf dem Nordfriedhof in der Ungererstr. 130 beigesetzt.

Publikationen (Auswahl)

Chronologisch nach Erscheinungsdatum, ohne Anspruch auf Vollzähligkeit

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Traueranzeige für Uwe Nerlich vom 1. April 2023, in: Süddeutsche Zeitung
  2. 1 2 3 4 Traueranzeige für Uwe Nerlich vom 1. April 2023 in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
  3. 1 2 3 4 5 6 7 Centre for European Security Strategies (CESS) Leitung
  4. ↑ Albrecht Zunker, „Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Entwicklungsgeschichte einer Institution politikbezogener Forschung“, Berliner Wissenschafts-Verlag (BWVV), Berlin 2007, S. 150
  5. ↑ Matthias Küntzel, „Bonn und die Bombe. Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt“, Campus-Verlag, 1992, S. 111, dort auch Fußnote 22.
  6. ↑ Daniel Eisermann, „Außenpolitik und Strategiediskussion: Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik 1955 bis 1972“, Verlag Walter de Gruyter, 6. Februar 2015, S. 177, https://books.google.de/books?id=9eSdCgAAQBAJ&pg=PA177&dq=%22Uwe+Nerlich%22&hl=de&newbks=1&newbks_redir=0&sa=X&ved=2ahUKEwj4hMOS1qn-AhW8YPEDHXKRABIQ6AF6BAgIEAI#v=onepage&q=%22Uwe%20Nerlich%22&f=false
  7. ↑ Samuel J. Baurkot, Jr., „Kurt Birrenbach and the Evolution of German Atlanticism“, Columbia University, 2014, S. 151, Fn. 81, https://academiccommons.columbia.edu/doi/10.7916/D8QR54JV/download&usg=AOvVaw1j3CevXxkGTyKQp3lcCslc
  8. ↑ Matthias Küntzel, „Bonn und die Bombe. Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt“, Campus-Verlag, 1992, S. 79, dort auch Fußnote 8
  9. ↑ Matthias Küntzel, „Bonn und die Bombe. Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt“, Campus-Verlag, 1992, S. 112–114
  10. ↑ Albrecht Zunker, „Die frühen Jahre der SWP: Vom Kalten Krieg zur internationalen Politik“, Sonderpublikation der SWP, Berlin, März 2012, S. 4, https://www.swp-berlin.org/publications/products/sonstiges/50JahreSWP_Zunker2012.pdf
  11. ↑ Agnes Bresselau von Bressensdorf, „Frieden durch Kommunikation. Das System Genscher und die Entspannungspolitik im Zweiten Kalten Krieg 1979–1982/83“, Reihe Studien zur Zeitgeschichte, Band 88, Verlag: De Gruyter Oldenbourg, Copyright-Jahr: 2015, S. 32, Fußnote 51, https://doi.org/10.1515/9783110404692
  12. 1 2 Uwe Nerlich (ed.), „Conventional Arms Control and the Security of Europe“, Routledge, Copyright 1988, ISBN 978-0-429-04437-3, 264 Seiten, S. 233 / 234
  13. ↑ Michael Stürmer, „SWP 1988–1998: Ende des Kalten Krieges“, in: Broschüre „50 Jahre SWP“, Berlin 2012, S. 18, https://www.swp-berlin.org/assets/swp/50-Jahrfeier/Broschuere_50_Jahre_SWP_Web.pdf
  14. ↑ Ehrenpromotion von Herrn Uwe Nerlich: verliehen am 20. Mai 1996 durch die Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Universitätsschriften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, 1996, https://books.google.de/books?id=AUDZPgAACAAJ
Personendaten
NAME Nerlich, Uwe
KURZBESCHREIBUNG deutscher Sicherheitspolitiker
GEBURTSDATUM 29. Juni 1930
GEBURTSORT Wassersleben bei Flensburg
STERBEDATUM 23. März 2023
STERBEORT München