V-Modell

Vereinfachte Darstellung der Phasen des V-Modells über Zeit und Detaillierung.

Das V-Modell ist ein Vorgehensmodell bzw. Prozessreferenzmodell, welches ursprünglich für die Softwareentwicklung konzipiert wurde. Es findet allgemeine Anwendung im Bereich des System Engineering und wird bei ingenieursmäßiger Entwicklung von Produkten eingesetzt.

Zusätzlich zu diesen vertikalen Entwicklungsphasen definiert das V-Modell auch das Vorgehen zur Qualitätssicherung, beispielsweise durch Softwaretests als Teil einer Verifizierung und Validierung. Hierzu werden den einzelnen Entwicklungsphasen Testphasen auf horizontaler Ebene gegenübergestellt. Diese Gegenüberstellung stellt eine Rückverfolgbarkeit sicher. Diese Gegenüberstellung soll zu einer möglichst hohen Testabdeckung führen, weil die Spezifikationen der jeweiligen Entwicklungsstufen die Grundlage für die Tests (Testfälle) in den entsprechenden Teststufen sind.

Die Prozesse des V-Modells werden mit einem eigens Bewertungsmodell bzw. -system, z. B. nach ISO 33000-Familie bewertet (Assessments). Eine Umsetzung der Norm ist die Automotive SPICE, welche auf der ISO/IEC 15504 aufbaut. Nur mithilfe von Modellen wie SPICE oder CMMI lassen sich die Abläufe bewerten und bei Bedarf verbessern.

Ablauf

Modernes V-Modell nach VDI/VDE 2206 aus dem Jahr 2021

Ähnlich dem konventionellen Wasserfallmodell ist der Entwicklungsprozess des V-Modells in Phasen organisiert, die sich entlang eines gedachten „V“ von links oben (Start) nach unten und rechts oben (Ende) erstrecken.

Nach Eingang eines Projektauftrags mit Anforderungen an das zu entwickelnde Gerät, die Maschine oder das System wird auf der linken Seite des V begonnen. Zunächst werden die Anforderungen ermittelt und dann (idealerweise) über eine Systemarchitektur immer weiter zu detaillierten Spezifikationen ausgearbeitet. Bei diesem Vorgehen spielen neben dem Systems Engineering auch das Scope-Management und das Anforderungsmanagement eine bedeutende Rolle.

In der Spitze des „V“ unten erfolgt die Implementierung, beispielsweise die Programmierung. Anschließend wird sie auf der rechten Seite gegen die entsprechenden Spezifikationen der linken Seite getestet. Dabei ist entscheidend, dass für jede Ebene eigene Methoden und Verfahren herangezogen werden, beispielsweise die Unittests oder Systemtests. In der Regel findet die Abnahme auf Produktebene statt.

In der Literatur werden die Anzahl der Phasen und deren Bezeichnungen im Zusammenhang mit dem V-Modell unterschiedlich dargestellt oder nach Industrie und Produkt verschieden ausgelegt bzw. das V-Modell angepasst benutzt. Eine 1:1-Gegenüberstellung von Entwurfs- und Teststufen ist jedoch meist immer gegeben oder empfohlen.

Abgrenzung

Das hier beschriebene V-Modell ist nicht zu verwechseln mit dem Verfügbarkeitsmodell (auch abgekürzt als „V-Modell“) des Bundesministeriums für Verkehr (BMV), vgl. Verfügbarkeit und Hochverfügbarkeit.

Geschichte

Vorgeschlagen wurde dieses Vorgehen zuerst von dem US-amerikanischen Softwareingenieur Barry Boehm im Jahre 1979 und basiert auf dem linearen oder Wasserfallmodell, welches ursprünglich von Winston Royce vorgeschlagen wurde. Tatsächlich wurde Boehm aber mit dem Spiralmodell bekannt.

Anwendungen

Automobilindustrie

Das V-Modell wird seit Jahrzehnten in der Automobilindustrie zur Entwicklung von Automobilelektronik eingesetzt und findet auch in anderen Bereichen Anwendung. Die AUTOSAR-Architektur für Steuergeräte wurde beispielsweise entlang des V-Modells entwickelt.

IT- und ITK-Projekte des Bundes

Das allgemeine V-Modell ist die Grundlage von Entwicklungsstandards wie z. B. dem V-Modell (Entwicklungsstandard) der öffentlichen Hand in Deutschland. Die benutzte Variante wird als V-Modell XT Bund bezeichnet und basiert auf dem V-Modell XT.

Das V-Modell in der Entwicklung mechatronischer Systeme

Spätestens seit 2004 wird das V-Modell auch allgemeiner in Entwicklungsprozessen verwendet. So empfiehlt die Richtlinie VDI/VDE 2206 das V-Modell als Teil der „Entwicklungsmethodik für mechatronische Systeme“. Hintergrund ist dabei die zunehmende Integration von mechanischen, elektrischen und informationstechnischen Komponenten in mechatronischen Systemen und die damit verbundene Steigerung der Komplexität.

Ausgangspunkt ist dabei meist eine konkrete Anforderung bzw. eine Anforderungsliste in Form eines Entwicklungsauftrags. Diese Anforderungen stellen zugleich den Maßstab dar, nach dem das spätere Produkt zu bewerten ist. Im Systementwurf wird die Gesamtfunktion des Systems bzw. des späteren Produktes in Teilfunktionen zerlegt. Sind die Teilfunktionen ermittelt erfolgt die Konkretisierung des Lösungskonzeptes meist getrennt in den einzelnen Fachdisziplinen (Domänen). Die konkreten Lösungen der einzelnen Disziplinen werden im Rahmen der Systemintegration zu einem Gesamtsystem verbunden und ihr Zusammenwirken untersucht. Fortlaufend wird dabei im Zuge der Eigenschaftsabsicherung der jetzige Entwurf gegen die spezifizierten Anforderungen geprüft, dadurch wird sichergestellt, dass die gewünschten Eigenschaften mit den tatsächlichen Eigenschaften übereinstimmen. Der gesamte Prozess kann dabei durch rechnergestützte Modellierung und Simulation unterstützt werden. Ergebnis eines durchlaufenen Zyklus des V-Modells ist das „Produkt“, wobei es sich hierbei um einen bestimmten Reifegrad (Funktionsmuster, Prototyp, Vorserienmuster etc.) des geplanten Endproduktes handeln kann. Das V-Modell stellt also einen iterativen Prozess dar, der sich schrittweise der endgültigen Lösung annähert und je nach Komplexität des Endproduktes vielfach durchlaufen wird.

Das V-Modell als Datenstruktur

Neben der Funktion als Prozessmodell kann das V-Modell auch die Grundlage für die Datenstruktur in der Entwicklung übernehmen. Dabei werden die verschiedenen Artefakte der Entwicklung auf dem V positioniert: Links oben die Anforderungen, bis zur Mitte unten zur Implementierung und auf dem rechten Arm die dazugehörigen Verifizierungs- und Validierungs-Artefakte. Eine Rückverfolgbarkeit zwischen den Artefakten unterstützt das Arbeiten mit den Artefakten. Diese Umsetzung ist in den gängigen Anforderungsmanagementwerkzeugen üblich.

Weiterentwicklung

Auf Basis von Erfahrungen aus der industriellen Anwendung und dem technologischen Fortschritt wurde seither eine Vielzahl von Weiterentwicklungen des V-Modells publiziert. Durch Hinwendung zu agilen Methoden, Concurrent-Engineering-Prozessen und die zeitgleiche Relevanz des Systems Engineerings wurde das V-Modell um 2000 beispielsweise zum W-Modell weiterentwickelt. Mit einer vorgezogenen Testphase und der Einbindung von Simulationsprozessen und statistischen Methoden zur Fehlervermeidung greift das W-Modell Maßnahmen auf, die zur Parallelisierung von Arbeitsschritten genutzt werden können. Es dient damit als Möglichkeit, agile Ansätze in klassische Arbeitsumfelder einzubetten. Der Begriff findet vorrangig im deutschsprachigen Raum Verwendung.

Die Richtlinie VDI 2206 wurde im VDI in den Jahren 2014 bis 2021 von dem Fachausschuss 4.10 „Interdisziplinäre Produktentstehung“ der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik überarbeitet und im November 2021 veröffentlicht. Hierbei wurden auf Basis einer Schwachstellenanalyse der hohen Interdisziplinarität, Komplexität und Heterogenität moderner Systeme Rechnung getragen und das V-Modell erneuert. Die Entwicklungen moderner Produkte, die neben einem mechanischen, häufig elektronischen sowie möglichen Software-Anteile mit einer Verbindung zum Internet der Dinge und Dienste umfassen kann, angepasst. Es existieren neben der neuen Richtlinie VDI/VDE 2206 „Entwicklung mechatronischer und cyber-physischer Systeme“ weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen. Zentral war die Erneuerung des Bildes V-Modells.

Commons: V-Modell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Siehe auch

Literatur

Fachbücher

Historische Werke und Klassiker

Einzelnachweise

  1. ↑ G. Müller-Ettrich: System Development with V-Model and UML. In: The Unified Modeling Language. Physica-Verlag HD, Heidelberg 1998, ISBN 978-3-7908-1105-6, S. 238–249, doi:10.1007/978-3-642-48673-9_16 (englisch, springer.com [abgerufen am 29. November 2023]).
  2. ↑ Ralf Kneuper: Software Process Assessment and Improvement. In: Software Processes and Life Cycle Models. Springer International Publishing, Cham 2018, ISBN 978-3-319-98844-3, S. 211–260, doi:10.1007/978-3-319-98845-0_5 (englisch, springer.com [abgerufen am 15. Oktober 2026]).
  3. ↑ VDI/VDE 2206 "Entwicklung mechatronischer und cyber-physischer Systeme". VDI, 2026, abgerufen am 13. Oktober 2026.
  4. ↑ Das V-Modell (Verfügbarkeitsmodell). In: Bundesministerium für Verkehr (BMV). 2026, abgerufen am 13. Oktober 2026.
  5. ↑ BMDV - Das V-Modell (Verfügbarkeitsmodell). Bundesministerium für Digitales und Verkehr, 2023, abgerufen am 29. November 2023.
  6. ↑ Johannes Fottner, Stefan Galka, Sebastian Habenicht, Eva Klenk, Ingolf Meinhardt, Thorsten Schmidt: Allgemeine Grundlagen für die Planung von Transportsystemen. In: Planung von innerbetrieblichen Transportsystemen. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2022, ISBN 978-3-662-63972-6, S. 77–120, doi:10.1007/978-3-662-63973-3_4 (springer.com [abgerufen am 29. November 2023]).
  7. ↑ Barry W. Boehm: Software engineering-as it is. In: Proceedings of the 4th international conference on Software engineering (= ICSE '79). IEEE Press, 17. September 1979, S. 11–21, doi:10.5555/800091.802916 (englisch, acm.org [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  8. ↑ B. W. Boehm: Software engineering. In: Classics in software engineering. Yourdon Press, USA 1979, ISBN 978-0-917072-14-7, S. 323–361, doi:10.5555/1241515.1241536 (englisch, acm.org [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  9. ↑ B. W. Boehm: Software process management: lessons learned from history. In: Proceedings of the 9th international conference on Software Engineering (= ICSE '87). IEEE Computer Society Press, Washington, DC, USA 1987, ISBN 978-0-89791-216-7, S. 296–298, doi:10.5555/41765.41798 (englisch, acm.org [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  10. ↑ W. W. Royce: Managing the development of large software systems: concepts and techniques. In: Proceedings of the 9th international conference on Software Engineering (= ACM Conferences). 1987, ISBN 978-0-89791-216-7, S. 328–338, doi:10.5555/41765.41801 (englisch, acm.org [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  11. ↑ Ralf Kneuper: Die geschichtliche Entwicklung des V-Modells. Nr. 1/2018. IUBH Discussion Papers - IT & Engineering, 2018 (econstor.eu [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  12. ↑ Gustav Pomberger: Boehm’s Spiral Model Revisited. In: Wirtschaftsinformatik als Schlüssel zum Unternehmenserfolg. DUV, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-8350-0293-7, S. 89–98, doi:10.1007/978-3-8350-9122-1_5 (englisch, springer.com [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  13. ↑ Dieter Nazareth, Robert Siwy: Development of an AUTOSAR Software Component Based on the V-Model. In: Proceedings of the FISITA 2012 World Automotive Congress. Springer, Berlin, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-33829-8, S. 407–416, doi:10.1007/978-3-642-33829-8_38 (englisch, springer.com [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  14. ↑ Reinhard Höhn, Stephan Höppner: Das V-Modell XT (= eXamen.press). Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-30249-0, doi:10.1007/978-3-540-30250-6 (springer.com [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  15. 1 2 Iris Graessler, Julian Hentze: The new V-Model of VDI 2206 and its validation. In: at - Automatisierungstechnik. Band 68, Nr. 5, 1. Mai 2020, ISSN 2196-677X, S. 312–324, doi:10.1515/auto-2020-0015 (englisch, degruyter.com [abgerufen am 5. Januar 2022]).
  16. ↑ Verein Deutscher Ingenieure (Hrsg.): VDI 2206 - Entwicklungsmethodik für mechatronische Systeme. Beuth Verlag GmbH.
  17. ↑ J. Gausemeier, S. Moehringer: VDI 2206- A New Guideline for the Design of Mechatronic Systems. In: IFAC Proceedings Volumes. Band 35, Nr. 2, Dezember 2002, S. 785–790, doi:10.1016/S1474-6670(17)34035-1 (englisch, elsevier.com [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  18. ↑ Was ist eigentlich das V-Modell? In: Systems Engineering Trends. 21. Juli 2016, abgerufen am 13. Oktober 2026 (deutsch).
  19. ↑ Iris Graessler, Julian Hentze, Tobias Bruckmann: V-MODELS FOR INTERDISCIPLINARY SYSTEMS ENGINEERING. In: DS 92: Proceedings of the DESIGN 2018 15th International Design Conference. 2018, S. 747–756, doi:10.21278/idc.2018.0333 (englisch, designsociety.org [abgerufen am 5. Januar 2022]).
  20. ↑ A. Spillner: From V-model to W-model. Establishing the Whole Test Process. In: Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften Universitätsbibliothek. Technische Informationsbibliothek (TIB) Hannover, 2000, abgerufen am 18. Juni 2019 (englisch).
  21. ↑ Reiner Anderl, Roland Nattermann, Thomas Rollmann: Das W-Modell. Systems Engineering in der Entwicklung aktiver Systeme. In: Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Technische Universität Darmstadt. Fachgebiet Datenverarbeitung in der Konstruktion, abgerufen am 18. Juni 2019.
  22. ↑ A. Spillner: Das W-Modell. Vorteile der agilen Prozesse in einem konservativen Umfeld nutzen. In: Gesellschaft für Informatik. Regionalgruppe Bremen Oldenburg. Hochschule Bremen, 13. Mai 2003, abgerufen am 18. Juni 2019.
  23. ↑ Iris Gräßler, Julian Hentze, Xiaojun Yang: Eleven Potentials for mechatronic V-model. In: Production Engineering and Management, 6th International Conference, Band 01/2016. Band 01/2016, 2016 (englisch, uni-paderborn.de [abgerufen am 13. Oktober 2026]).
  24. ↑ Gräßler I. A New V-Model for Interdisciplinary Product Engineering. In: Technische Universität Ilmenau, Marketing Division, ed. 59th IWK. Ilmenau Scientific Colloquium. Technische Universität Ilmenau; 2017:1-6.