

Als Varnenum wird die konservierte und teilrestaurierte Ausgrabungsstätte eines Vicus mit einem gallo-römischen Tempelbezirk beim nordrhein-westfälischen Kornelimünster auf dem Gebiet der Stadt Aachen bezeichnet.
Das Bodendenkmal liegt etwa 700 Meter östlich der Stephanskirche auf einer Hochfläche, die „Schildchen“ genannt wird. Es handelt sich um einen römischen Tempelbezirk am Randes eines Vicus, dessen Gründung und erste Bauperiode vor der Zeitenwende angesetzt wird. Auf dem Gelände wurden in den Jahren 1907, 1911, 1923 und 1924 die ersten dokumentierten Ausgrabungen durchgeführt. Einer weiteren in den Jahren 1986 und 1987 durchgeführten Grabung waren Magnetometer-Prospektionen des RAB sowie eine phosphatanalytische Bodenuntersuchung durch die Universität Kiel vorausgegangen, deren Bohrrasterfläche rund 250.000 m² umfasste und sich damit sehr weiträumig um den Altgrabungsbereich erstreckte. Ob der Ort in antiker Zeit tatsächlich Varnenum hieß, wird zwar angenommen, jedoch fehlen hierfür entsprechende epigraphische Belege. Vielmehr scheint die Namenszuweisung durch die ausgrabenden Archäologen aufgrund der inschriftlichen Erwähnung der keltischen Gottheit Varnenus (siehe weiter unten) erfolgt zu sein. Die jüngsten Untersuchungen waren geophysikalische Prospektionen durch das archäologische Institut der Universität zu Köln von 2016 bis 2018.



Von den Archäologen wurde der Gesamtbefund in vier Perioden differenziert, wobei die Perioden II und III die Hauptbauphasen umfassen. Die erhaltenen Fundamente der Tempel und einiger Nebengebäude wurden 1989 restauriert und bis zu einer Höhe von rund einem Meter wieder aufgemauert. Die Anlage ist im Besitz der Stadt Aachen und wird vom Eifelverein Kornelimünster betreut. Die Magnetometer-Prospektionen sowie die am Geographischen Institut der Universität Kiel vorgenommenen Phosphatanalysen der Bodenproben ließen auf einen mindestens 150.000 m² großen Tempelbezirk mit einem spätestens in der Periode III existierenden Vicus schließen. Zwischen den eigentlichen Tempeln und der südlichen Gebäudeflucht des Tempelbezirks befand sich ein mindestens 100 m mal 55 m umfassender Platz, der vermutlich zu Prozessionen und anderen Kulthandlungen unter freiem Himmel diente. Luftbildauswertungen und Magnetometermessungen belegen eine direkte Trassenanbindung an Breinig, wo seinerzeit Galmeiabbau betrieben wurde (siehe auch: Vicus Gressenich). Die siedlungsgeschichtliche Entwicklung um das Aachener Zentrum beziehungsweise deren Thermenanlage legt die Folgerung nahe, dass die kulturelle Bedeutung von Varnenum in späterer Zeit möglicherweise auf die zwischen Dom- und Büchelthermen errichtete Sunuker-Tempelstätte überging. Ausweislich des Fundmaterials des Fundmaterials wurde Varnenum vom ersten bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts genutzt.
Zur Periode I gehört nur der Befund H, der Rest eines funktionmäßig nicht zu bestimmendes und nicht datierbaren Gebäudes, das auf jeden Fall älter ist als der unmittelbar daneben errichtete Tempel G. Das Gebäude H ist heute nicht mehr im Gelände sichtbar.
Periode II datiert auf die Zeit vor dem Jahr 70 v. u. Z. und umfasst die Gebäude B, D, E, F1, G und R. Diese Bauphase fand ihr Ende um das Jahr 70 v. u. Z., als ein Teil der Anlage durch ein Feuer zerstört wurde. Die Bestandteile dieser Bauphase sind im Einzelnen:
Der Wiederaufbau in Periode III wird durch den Fund eines Sesterz datiert, der unter Vespasian geprägt worden war. Die Periode III umfasst die Gebäude C, F2 und L.
In einer absolutchronologisch nicht näher definierbaren Periode IV, die relativchronologisch aber nach der Periode III anzusiedeln ist, wurde der südliche Bereich der Tempelanlage mit einer Temenosmauer eingefriedet, die mit einer 3,08 m breiten Toranlage versehen war. Weitere Bauwerke dieser Phase sind nicht bekannt. Die Mauer und der Eingang sind überwachsen und nur noch schwach wahrzunehmen.
Die im Norden der Anlage befindliche Gebäude des Vicus wurden zum größten Teil nicht mehr ergraben, weswegen über die Struktur der Siedlung noch nicht allzu viel bekannt ist. Vom Vicus wurden bislang die Gebäude A, K, M und P erfasst.
Die Ergebnisse der jüngsten geophysikalischen Untersuchungen (Geomagnetik, Geoelektrik und Georadar) der Jahre 2016 bis 2018 klingen allerdings vielversprechend und decken sich zum großen Teil mit den vorangegangenen Phosphatanalysen. Zu den bereits ergrabenen, aber heute übertägig nicht sichtbaren Befunden, konnten weitere Befunde festgestellt werden. So wurde eine von Ost nach West verlaufende Straße sichtbar, an deren Südseite sich die Konturen von vier Streifenhäusern abzeichnen. Im Vergleich zu den bislang bekannten Befunden zeigen die geophysikalischen Bilder dieselbe Ausrichtung, so dass von einer größeren Besiedlung ausgegangen werden kann, als bislang angenommen.
Der Bericht des Ausgräbers Max Schmid-Burgk erwähnt drei Gallo-römische Umgangstempel, wobei einer dieser Tempel auf den Fundamenten eines älteren errichtet war. Weiterhin berichtet er von typischen Funden wie Fibeln, Nadeln, Nägeln, Münzen und Keramik, die jedoch im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind. Auskunft über die verehrten Götter gaben drei gefundene Bronzetäfelchen, die als Votivgaben zu betrachten sind. Auf ihnen werden der Gott Varnenus und die Göttin Sunuxal genannt. Die auf den Namen der beiden Gottheiten bezogenen tabulae ansatae (deutsch: „Tafeln mit Griffen“) tragen folgende Inschriften:
“G(enio) VARNE
NI C(aivs) P(---) S(---)”
„Dem Genius des Varnenus (geweiht), Gaius P(...) S(...)“
“DEO VARNENONI
M(arcus) [-]UCISS[-]US SECVN{D}
DVS SEXVIRALIS AVG
VSTORVM C(oloniae) C(laudiae) A(rae) A(grippinensium)
VOTVM SOLVIT”
„Dem Gott Varnen(on)us (geweiht); Marcus Fucissius Secundus, (Mitglied des) kaiserlichen Sechsmännergremiums der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, hat das Gelübde erfüllt“
“[De]AE SVNVXSAL(i)
LVO CISSONIS
V(otvm) S(olvit) L(ibens) M(erito)”
„Der Göttin Sunuxsalis (geweiht); Luo, Sohn des Cisso, hat das Gelübde freudig und nach Gebühr erfüllt.“
Eine vierte Inschrift, bei der es sich möglicherweise um die Bauinschrift des Heiligtums handelt, wurde 1972 bei Ausgrabungen in der Stephanskirche entdeckt, wo der Stein sekundär verwendet worden war:
“------]
[--- P]ERPET[u---]
[---] INPEN[sa? ---]”
„Perpetuus hat (dieses Gebäude) aus eigenem Vermögen gestiftet.“
Das Vicus- und Tempelgelände ist ein eingetragenes Bodendenkmal nach dem Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler im Lande Nordrhein-Westfalen (DSchG NRW) und als solches in die Liste der Bodendenkmäler der Stadt Aachen eingetragen. Nachforschungen, Bergungen und Veränderungen sind dort ohne Einverständnis der zuständigen Denkmalbehörden untersagt, Zufallsfunde sind den Behörden zu melden.
Koordinaten: 50° 43′ 47″ N, 6° 11′ 37″ O