Varnenum

Übersicht der Tempelanlage (2020)
Aufgemauerte Fundamente an der Ausgrabungsstätte Varnenum (Zustand 1997)

Als Varnenum wird die konservierte und teilrestaurierte Ausgrabungsstätte eines Vicus mit einem gallo-römischen Tempelbezirk beim nordrhein-westfälischen Kornelimünster auf dem Gebiet der Stadt Aachen bezeichnet.

Lage, Forschungsgeschichte und Etymologie

Das Bodendenkmal liegt etwa 700 Meter östlich der Stephanskirche auf einer Hochfläche, die „Schildchen“ genannt wird. Es handelt sich um einen römischen Tempelbezirk am Randes eines Vicus, dessen Gründung und erste Bauperiode vor der Zeitenwende angesetzt wird. Auf dem Gelände wurden in den Jahren 1907, 1911, 1923 und 1924 die ersten dokumentierten Ausgrabungen durchgeführt. Einer weiteren in den Jahren 1986 und 1987 durchgeführten Grabung waren Magnetometer-Prospektionen des RAB sowie eine phosphatanalytische Bodenuntersuchung durch die Universität Kiel vorausgegangen, deren Bohrrasterfläche rund 250.000 m² umfasste und sich damit sehr weiträumig um den Altgrabungsbereich erstreckte. Ob der Ort in antiker Zeit tatsächlich Varnenum hieß, wird zwar angenommen, jedoch fehlen hierfür entsprechende epigraphische Belege. Vielmehr scheint die Namenszuweisung durch die ausgrabenden Archäologen aufgrund der inschriftlichen Erwähnung der keltischen Gottheit Varnenus (siehe weiter unten) erfolgt zu sein. Die jüngsten Untersuchungen waren geophysikalische Prospektionen durch das archäologische Institut der Universität zu Köln von 2016 bis 2018.

Archäologische Befunde und epigraphische Erkenntnisse

Skizze der sichtbaren und nicht sichtbaren Befunde
Durch Phosphatanalyse erschlossener Bereich
Rekonstruktionsmodell eines der beiden Tempel im nicht mehr existierenden Museum Burg Frankenberg

Von den Archäologen wurde der Gesamtbefund in vier Perioden differenziert, wobei die Perioden II und III die Hauptbauphasen umfassen. Die erhaltenen Fundamente der Tempel und einiger Nebengebäude wurden 1989 restauriert und bis zu einer Höhe von rund einem Meter wieder aufgemauert. Die Anlage ist im Besitz der Stadt Aachen und wird vom Eifelverein Kornelimünster betreut. Die Magnetometer-Prospektionen sowie die am Geographischen Institut der Universität Kiel vorgenommenen Phosphatanalysen der Bodenproben ließen auf einen mindestens 150.000 m² großen Tempelbezirk mit einem spätestens in der Periode III existierenden Vicus schließen. Zwischen den eigentlichen Tempeln und der südlichen Gebäudeflucht des Tempelbezirks befand sich ein mindestens 100 m mal 55 m umfassender Platz, der vermutlich zu Prozessionen und anderen Kulthandlungen unter freiem Himmel diente. Luftbildauswertungen und Magnetometermessungen belegen eine direkte Trassenanbindung an Breinig, wo seinerzeit Galmeiabbau betrieben wurde (siehe auch: Vicus Gressenich). Die siedlungsgeschichtliche Entwicklung um das Aachener Zentrum beziehungsweise deren Thermenanlage legt die Folgerung nahe, dass die kulturelle Bedeutung von Varnenum in späterer Zeit möglicherweise auf die zwischen Dom- und Büchelthermen errichtete Sunuker-Tempelstätte überging. Ausweislich des Fundmaterials des Fundmaterials wurde Varnenum vom ersten bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts genutzt.

Periode I

Zur Periode I gehört nur der Befund H, der Rest eines funktionmäßig nicht zu bestimmendes und nicht datierbaren Gebäudes, das auf jeden Fall älter ist als der unmittelbar daneben errichtete Tempel G. Das Gebäude H ist heute nicht mehr im Gelände sichtbar.

Periode II

Periode II datiert auf die Zeit vor dem Jahr 70 v. u. Z. und umfasst die Gebäude B, D, E, F1, G und R. Diese Bauphase fand ihr Ende um das Jahr 70 v. u. Z., als ein Teil der Anlage durch ein Feuer zerstört wurde. Die Bestandteile dieser Bauphase sind im Einzelnen:

Periode III

Der Wiederaufbau in Periode III wird durch den Fund eines Sesterz datiert, der unter Vespasian geprägt worden war. Die Periode III umfasst die Gebäude C, F2 und L.

Periode IV

In einer absolutchronologisch nicht näher definierbaren Periode IV, die relativchronologisch aber nach der Periode III anzusiedeln ist, wurde der südliche Bereich der Tempelanlage mit einer Temenosmauer eingefriedet, die mit einer 3,08 m breiten Toranlage versehen war. Weitere Bauwerke dieser Phase sind nicht bekannt. Die Mauer und der Eingang sind überwachsen und nur noch schwach wahrzunehmen.

Vicus

Die im Norden der Anlage befindliche Gebäude des Vicus wurden zum größten Teil nicht mehr ergraben, weswegen über die Struktur der Siedlung noch nicht allzu viel bekannt ist. Vom Vicus wurden bislang die Gebäude A, K, M und P erfasst.

Die Ergebnisse der jüngsten geophysikalischen Untersuchungen (Geomagnetik, Geoelektrik und Georadar) der Jahre 2016 bis 2018 klingen allerdings vielversprechend und decken sich zum großen Teil mit den vorangegangenen Phosphatanalysen. Zu den bereits ergrabenen, aber heute übertägig nicht sichtbaren Befunden, konnten weitere Befunde festgestellt werden. So wurde eine von Ost nach West verlaufende Straße sichtbar, an deren Südseite sich die Konturen von vier Streifenhäusern abzeichnen. Im Vergleich zu den bislang bekannten Befunden zeigen die geophysikalischen Bilder dieselbe Ausrichtung, so dass von einer größeren Besiedlung ausgegangen werden kann, als bislang angenommen.

Epigraphik

Der Bericht des Ausgräbers Max Schmid-Burgk erwähnt drei Gallo-römische Umgangstempel, wobei einer dieser Tempel auf den Fundamenten eines älteren errichtet war. Weiterhin berichtet er von typischen Funden wie Fibeln, Nadeln, Nägeln, Münzen und Keramik, die jedoch im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind. Auskunft über die verehrten Götter gaben drei gefundene Bronzetäfelchen, die als Votivgaben zu betrachten sind. Auf ihnen werden der Gott Varnenus und die Göttin Sunuxal genannt. Die auf den Namen der beiden Gottheiten bezogenen tabulae ansatae (deutsch: „Tafeln mit Griffen“) tragen folgende Inschriften:

“G(enio) VARNE
NI C(aivs) P(---) S(---)”

„Dem Genius des Varnenus (geweiht), Gaius P(...) S(...)“

“DEO VARNENONI
M(arcus) [-]UCISS[-]US SECVN{D}
DVS SEXVIRALIS AVG
VSTORVM C(oloniae) C(laudiae) A(rae) A(grippinensium)
VOTVM SOLVIT”

„Dem Gott Varnen(on)us (geweiht); Marcus Fucissius Secundus, (Mitglied des) kaiserlichen Sechsmännergremiums der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, hat das Gelübde erfüllt“

“[De]AE SVNVXSAL(i)
LVO CISSONIS
V(otvm) S(olvit) L(ibens) M(erito)”

„Der Göttin Sunuxsalis (geweiht); Luo, Sohn des Cisso, hat das Gelübde freudig und nach Gebühr erfüllt.“

Eine vierte Inschrift, bei der es sich möglicherweise um die Bauinschrift des Heiligtums handelt, wurde 1972 bei Ausgrabungen in der Stephanskirche entdeckt, wo der Stein sekundär verwendet worden war:

“------]
[--- P]ERPET[u---]
[---] INPEN[sa? ---]”

„Perpetuus hat (dieses Gebäude) aus eigenem Vermögen gestiftet.“

Denkmalschutz

Das Vicus- und Tempelgelände ist ein eingetragenes Bodendenkmal nach dem Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler im Lande Nordrhein-Westfalen (DSchG NRW) und als solches in die Liste der Bodendenkmäler der Stadt Aachen eingetragen. Nachforschungen, Bergungen und Veränderungen sind dort ohne Einverständnis der zuständigen Denkmalbehörden untersagt, Zufallsfunde sind den Behörden zu melden.

Siehe auch

Literatur

Commons: Varnenum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 Wilfried Maria Koch: Aachen in römischer Zeit. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsverein. Band 98–99, 1992/1993, I. Teil, S. 16.
  2. 1 2 Wilfried Maria Koch: Archäologischer Bericht für das Jahr 1987. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins. Band 94–95, 1987, S. 485–511.
  3. 1 2 Thomas Krüger: Im Labor sichtbar gemacht: Die Grundfläche des römischen Tempelbezirks Varnenvm. In: Archäologie im Rheinland 1987, Rheinland-Verlag, Köln 1988, ISBN 3-7927-1036-6, S. 70–71.
  4. 1 2 3 4 5 6 7 Heinz Günter Horn: Aachen-Kornelimünster. Römischer Tempelbezirk. In: Ders. (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1987. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 329–331.
  5. 1 2 Manuela Broisch: Geophysikalische Prospektion in Varnenum, Kornelimünster. Archäologie ohne Spaten und Kelle. In: Andreas Schaub (Hrsg.): Gläserne Grabungen. 10 Jahre neue Stadtarchäologie Aachen 2006–2016. Schmidt, Neustadt an der Aisch 2016, ISBN 978-3-96049-027-2, S. 77–81.
  6. ↑ Wilfried Maria Koch: Aachen in römischer Zeit. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins. Band 98–99 (1992/1993) I. Teil, S. 14–16.
  7. ↑ Heinz Cüppers: Beiträge zur Geschichte des römischen Kur- und Badeortes Aachen. In: Aquae Granni, Beiträge zur Archäologie von Aachen. Köln/Bonn 1982.
  8. 1 2 3 4 5 Der Tempelbezirk Varnenum auf varnenum.de, abgerufen am 29. Juli 2026.
  9. ↑ Ostflügel Gebäude B bei 50° 43′ 45,88″ N, 6° 11′ 36,68″ O
  10. ↑ Gebäude D bei 50° 43′ 46,09″ N, 6° 11′ 37,25″ O
  11. ↑ Tempel G bei 50° 43′ 46,82″ N, 6° 11′ 36,02″ O
  12. ↑ Gebäude C bei 50° 43′ 46,41″ N, 6° 11′ 37,87″ O
  13. ↑ Tempel F2 bei 50° 43′ 47,25″ N, 6° 11′ 36,93″ O
  14. ↑ Zugang bei 50° 43′ 45,74″ N, 6° 11′ 37,18″ O
  15. ↑ Max Schmid-Burgk: Grabung im Tempelgebiet von Varnenum (Cornelimünster). In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins (ZAGV). Band 45, 1923, S. 284.
  16. ↑ Führer zur römischen Abteilung des Museums Burg Frankenberg, 1986, S. 15–16 und Erich Gose: Der Tempelbezirk von Cornelimünster. In: Bonner Jahrbücher 155/156. 1955/56, S. 169–177 (Digitalisat).
  17. ↑ AE 1958, 0013 = HD019630 = GAMS CF-GeI-102; seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen, Abguss im LVR-Landesmuseum Bonn.
  18. ↑ AE 1958, 0012 = HD019627 = GAMS CF-GeI-103; seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen, Abguss im LVR-Landesmuseum Bonn.
  19. ↑ AE 1958, 0014 = HD019633 = GAMS CF-GeI-308; wurde zusammen mit den beiden Bronzetafeln AE 1958, 0012 und AE 1958, 0013 gefunden, die seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen sind. Aufbewahrungsort: Depot des Suermondt-Ludwig-Museums, Aachen.
  20. ↑ AE 1977, 0546 = HD006136; Aufbewahrungsort: LVR-Landesmuseum Bonn.
  21. ↑ Bodendenkmäler Aachens auf geoportal.aachen.de, abgerufen am 29. Juli 2026.
  22. ↑ DSchG NRW in der Fassung vom 1. Juni 2022, abgerufen am 26. Juli 2026.

Koordinaten: 50° 43′ 47″ N, 6° 11′ 37″ O