Varnsdorf

Varnsdorf
Wappen von Varnsdorf
Varnsdorf (Tschechien)
Varnsdorf (Tschechien)
Basisdaten
Staat: Tschechien Tschechien
Region: Ústecký kraj
Bezirk: Děčín
Fläche: 2624 ha
Geographische Lage: 50° 55′ N, 14° 37′ OKoordinaten: 50° 54′ 48″ N, 14° 37′ 8″ O
Höhe: 332 m n.m.
Einwohner: 14.837 (1. Jan. 2023)
Postleitzahl: 407 47
Kfz-Kennzeichen: U
Verkehr
Bahnanschluss: Mittelherwigsdorf–Eibau
Rybniště–Varnsdorf
Struktur
Status: Stadt
Ortsteile: 3
Verwaltung
Bürgermeister: Jan Šimek (Stand: 2022)
Adresse: nám. E. Beneše 470
407 47 Varnsdorf
Gemeindenummer: 562882
Website: www.varnsdorf.cz
Lage von Varnsdorf im Bezirk Děčín

Varnsdorf (deutsch Warnsdorf, obersorbisch Warnoćicy) ist eine Stadt im Okres Děčín in Tschechien.

Geographie

Varnsdorf und nähere Umgebung

Die Stadt liegt in 350 m üM im Böhmischen Niederland an der Mandau zwischen Seifhennersdorf und Großschönau. Sie wird dem Schluckenauer Zipfel zugeordnet. Nördlich erhebt sich der Spitzberg (539 m). Varnsdorf grenzt im Norden, Osten und Südosten an Sachsen.

Stadtgliederung

Die Stadt Varnsdorf besteht aus den Ortsteilen Studánka (Schönborn), Světliny 1.díl (Lichtenhain – Schönborner Anteil) und Varnsdorf. Grundsiedlungseinheiten sind Gerhus, Hraniční Buk (Bei der Grenzbuche), Pěnkavčí vrch (Finkendorf), Pod Hrádkem, Pod nádražím, Pod Špičákem, Střed I, Střed II, Střed III, Studánka, Světliny, Špičák, U cihelny, U divadla, U hranic, U hřbitova, U kostela bez věže, U koupaliště, U lomu, U Mandavy, U Mělníka, U nemocnice, U Podluží (Schneckendorf), U polikliniky, U skály und Varnsdorf u kostela.

Das Stadtgebiet gliedert sich in die Katastralbezirke Studánka u Rumburku und Varnsdorf.

Nachbarorte

Rumburk (Rumburg) Seifhennersdorf Leutersdorf
Krásná Lípa (Schönlinde) Kompassrose, die auf Nachbargemeinden zeigt Hainewalde, Großschönau
Rybniště (Teichstatt) Horní Podluží (Obergrund), Dolní Podluží (Niedergrund)

Geschichte

Luftaufnahme von Marktplatz und der katholischen Kirche St. Peter und Paul (oben links)

Das Dorf Warnsdorf war seit seiner Gründung Teil der historischen Region Böhmen. Es wurde im Jahre 1352 erstmals erwähnt. Bohuslav Balbín, ein böhmischer Historiker des 17. Jahrhunderts, nannte den Ort Wernardivilla. Das ursprünglich hier ansässige Rittergeschlecht waren die von Warnsdorf. Unter den einheimischen Familien, die hier im 16. und 17. Jahrhundert siedelten, waren auch die Nostitz. Im Laufe der Gegenreformation verließen viele Bewohner ihre Gehöfte und Grundstücke und wanderten nach Sachsen aus. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Warnsdorf in der Osterwoche 1643 von schwedischen Truppen geplündert. Von 1868 bis 1918 gehörte Warnsdorf zum Bezirk Warnsdorf, mit dem es bis 1918 verbunden blieb.

Gemäß dem Toleranzpatent des Kaisers Joseph II. aus dem Jahr 1781 wurde Warnsdorf neben Reichenberg Zentrum der Altkatholischen Kirche in Böhmen. Heute befindet sich hier die Konkathedrale der Tschechischen Altkatholischen Kirche. Ab 1871 war Warnsdorf ein politisches Zentrum der altkatholischen Reformbewegung gegen den Ultramontanismus, deren Organ, die Wochenzeitschrift ‚Abwehr‘, hier bis 1938 erschien.

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich in Warnsdorf, wie auch in der benachbarten Oberlausitz, die Weberei. Es entstanden weitere Orte in der Umgebung:

Im Jahre 1849 vereinigten sich diese Dörfer mit Alt Warnsdorf zu dem mit 13.000 Einwohnern größten Dorf des Kaiserthums Oesterreich. Im gleichen Jahr endete die Patrimonialgerichtsbarkeit in Warnsdorf, die zuvor etwa 200 Jahre lang über sieben Generationen von der Familie Goldberg ausgeführt wurde. In den nachfolgenden Jahren bekleideten Mitglieder der Familie Goldberg von 1872 bis 1897 und 1905 bis 1914 das Amt des Bürgermeisters. Dadurch prägten sie die Stadtgeschichte Warnsdorfs nachhaltig. Die Familie ist heute in einem Familienverband organisiert und pflegt eine genealogische Datenbank zu Warnsdorf. Warnsdorf lag im Gerichtsbezirk Warnsdorf und war ab 1850 Sitz eines Bezirksgerichts sowie ab 1908 der Bezirkshauptmannschaft.

Dampffärberei Anton Worm

Bereits 1839 hatte der Fabrikant Anton Runge († 31. Dezember 1843), Inhaber der Leinen-, Baumwoll- und Druckwaren-Fabrik Anton Runge & Co., den Bau einer Gewerbe- und Handelsschule angeregt und hierfür einen Teil der Baukosten gestiftet; das neue Schulgebäude wurde 1844 eingeweiht und der Unterricht 1845 aufgenommen.

1868 erhielt Warnsdorf, das nun auf 15.000 Einwohner angewachsen war und auch als Klein Manchester bezeichnet wurde, das Stadtrecht. Um 1900 war Warnsdorf ein bedeutender Standort der Textilindustrie (u. a. für die Herstellung von Gewirken und Velveton). 1914 lebten in Warnsdorf etwa 30.000 Einwohner. Bekanntestes Unternehmen waren die Kunert-Strumpfwerke.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Österreich-Ungarn der Vertrag von Saint-Germain diktiert. Das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung im Sudetenland (Deutschböhmen und Deutschmährer), die im Oktober 1918 die eigenständigen Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland gegründet hatten, blieb unberücksichtigt, und die Stadt wurde der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen.

In der nachfolgenden Inflation der Geldwährung im benachbarten Deutschen Reich (1923) und durch die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 bis 1932 kam es in Warnsdorf zu hoher Arbeitslosigkeit und Armut. Der Schmuggel über die nahe Grenze nach Sachsen wurde für viele Einwohner zur Existenzgrundlage. Laut Volkszählung 1930 hatte die Stadt 22.621 Einwohner (davon 19.963 Deutsche = 88 %, 1617 Tschechen = 7 %, 988 Ausländer = 4 % und 53 andere).

Nach dem Münchner Abkommen gehörte Warnsdorf von 1938 bis 1945 zum Landkreis Warnsdorf im Regierungsbezirk Aussig, im Reichsgau Sudetenland des Deutschen Reichs.

Im Zweiten Weltkrieg fand die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins viel Zuspruch. Als Henlein 1938 in Warnsdorf sprach, kamen 12.000 Zuhörer, und es wurde das Standrecht ausgerufen. 1939 lebten in der Stadt 21.000 Einwohner.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung von Warnsdorf vertrieben, ihr Vermögen unter Berufung auf das Beneš-Dekret 108 konfisziert, das Vermögen der evangelischen Kirche liquidiert und die katholischen Stadtkirchen wurden nach dem Februarumsturz 1948 enteignet.

Zwischen 1946 und 1949 war in Varnsdorf die erste Sorbische Oberschule untergebracht. Nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei 1948 in der Tschechoslowakei wurde diese in Übereinkunft mit den Behörden der SBZ geschlossen und die Schüler fortan in Bautzen unterrichtet. Einige Dutzend Sorben blieben jedoch in Varnsdorf und kehrten nicht in die Lausitz zurück. Am 22. Mai 1947 wurden in der Stadt 15.661 Bewohner gezählt.

Studánka und Světliny 1.díl (Lichtenhain) wurden 1980 eingemeindet.

Heute lebt in Varnsdorf eine große Bevölkerungsgruppe der Roma, deren Anteil im Vergleich zur übrigen Bevölkerung wächst.

Sehenswürdigkeiten

Varnsdorf besitzt eine Reihe von Kulturdenkmälern.

Stadtmuseum in der ehem. Villa Johann Lindner
Kirche St. Peter und Paul
Altkatholische Kirche
Borromäuskirche
Evangelische Kirche, 2007
Ausflugsrestaurant auf dem Hrádek oder Burgberg, 2007

Einwohnerentwicklung

Bevölkerungsentwicklung bis 1945

Jahr Einwohner Anmerkungen
18202546in 385 Häusern
18303328in 427 Häusern
18434137in 463 Häusern
18509670
185711.977am 31. Oktober
186913.180
188015.162
189018.268
190021.150deutsche Einwohner
193022.621davon 19.953 Deutsche und 1.617 Tschechen
193921.179davon 1.593 Evangelische, 14.644 Katholiken, 3.862 sonstige Christen und elf Juden

Bevölkerungsentwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs (Stand: 31.12. des jeweiligen Jahres)

JahrEinwohner
194715.706
195014.898
196015.671
197013.890
198016.770
JahrEinwohner
199016.755
200016.042
201015.867
202015.117
202214.837

Wirtschaft

Bis 1945 existierten zahlreiche Firmen der Textilindustrie und andere Industriebetriebe, von denen viele auf einem Stadtplan von 1936 vermerkt sind:

Webe- und Druckwarenfabrik G. A. Fröhlich’s Sohn (um 1870)
Ehemalige Firma Kunert & Söhne, jetzt ELITE Varnsdorf

sowie Maschinenfabriken u. a.

Verkehr

Die Stadt liegt an der Eisenbahnstrecke Zittau–Großschönau–Seifhennersdorf–Eibau und besitzt zwei Grenzübergänge in die sächsische Landstadt Seifhennersdorf (Zollstraße) und die Gemeinde Großschönau (Hauptstraße) sowie einen weiteren touristischen Übergang nach Seifhennersdorf (Warnsdorfer Straße).

Der Bahnhof Varnsdorf liegt an der Strecke aus Rybniště und der Bahnstrecke Mittelherwigsdorf–Varnsdorf–Eibau. Es existieren an letztgenannter Verbindung außerdem die Haltepunkte Varnsdorf staré nádraží („alter Bahnhof“) und Varnsdorf pivovar Kocour (Brauerei Kocour).

Persönlichkeiten

Literatur

Commons: Varnsdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Obec Varnsdorf: podrobné informace. In: Small Lexicon of Municipalities of the Czech Republic - 2024. Abgerufen am 15. September 2025 (tschechisch).
  2. ↑ Český statistický úřad – Die Einwohnerzahlen der tschechischen Gemeinden vom 1. Januar 2023 (PDF; 602 kB)
  3. ↑ Části obcí. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  4. ↑ Základní sídelní jednotky. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  5. ↑ Katastrální území. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  6. ↑ Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 37 ff.
  7. ↑ Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 216–221.
  8. ↑ Abwehr. Organ für die altkatholische Reformbewegung. Warnsdorf, Nr. 607 vom 9. Juni 1877
  9. ↑ Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 170.
  10. ↑ Sterbefall. In: Bohemia. 1897, S. 2 (nkp.cz).
  11. ↑ Christian Halama: Altkatholiken in Österreich. Hrsg.: Böhlau-Verlag. 2004, ISBN 3-205-77224-5, S. 401.
  12. ↑ Goldberg’scher Familienverband e. V. 2. Juni 2019, abgerufen am 2. Juni 2019.
  13. ↑ Gustav Adolf Asch: Die Real-Schule zu Warnsdorf. Rumburg 1852, S. 12 ff.
  14. 1 2 Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 20, Leipzig und Wien 1909, S. 386.
  15. ↑ Rudolf Hemmerle: Sudetenland Lexikon. Band 4, Adam Kraft Verlag, 1985, ISBN 3-8083-1163-0, S. 470.
  16. ↑ Centrum Panorama Varnsdorf. In: www.centrumpanorama.cz. Abgerufen am 10. Juni 2016.
  17. ↑ Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 43–44.
  18. 1 2 Karl Hellmich: Adreßbuch und geographisch-statistische Beschreibung des Industrie-Ortes Warnsdorf im Jahre 1864/65, bestehend aus den Ortschaften: Alt- und Neu-Warnsdorf, Floriansdorf, Karlsdorf, Alt- und Neu-Franzensthal nach der geographischen Lage in 6 Bezirken. Warnsdorf 1866, S. 29.
  19. ↑ Johann Gottfried Sommer: Das Königreich Böhmen. Band 1: Leitmeritzer Kreis, Prag 1833, S. 282, Ziffer 15.
  20. ↑ Jahrbücher des böhmischen Museums für Natur- und Länderkunde, Geschichte, Kunst und Literatur. Band 2, Prag 1831, S. 212 unten.
  21. ↑ Statistische Übersichten über die Bevölkerung und den Viehstand in Österreich. Wien 1859, S. 41, rechte Spalte.
  22. 1 2 Michael Rademacher: Landkreis Warnsdorf (tschech. Varnsdorf). Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006. In: eirenicon.com.
  23. ↑ Database of Demographic Indicators for Selected Towns of the Czech Republic. Tab. 216. In: www.czso.cz. Abgerufen am 31. Oktober 2023.
  24. ↑ Stadtplan 1936 und Industriebetriebe (abgerufen am 25. Januar 2022)