Momentanzinsmodell

Ein Momentanzinsmodell (englisch short rate model) ist ein Zinsstrukturmodell, das die Dynamik des Momentanzinses (englisch short rate) beschreibt.

Ziel ist es, durch die Beschreibung des Momentanzinses die Werte von Nullkuponanleihen für beliebige Zeitpunkte zu erhalten. Die Entwicklung von wird dabei durch eine oder mehrere stochastische Differentialgleichungen gegeben, wobei man verschiedene Modelle unterscheidet. Die Modelle unterscheiden sich voneinander sowohl durch die Komplexität der Formeln, die bei manchem Modellen eine analytische Formel für Anleihepreise unmöglich macht, als auch durch qualitatives Verhalten des Zinssatzes selbst.

Grundlagen

Gemäß üblicher Notationskonvention in der Finanzmathematik werden deterministische Funktionen mit Klammern und stochastische Funktionen mit tiefgestellten Variablen dargestellt.

Sei ein filtrierter Wahrscheinlichkeitsraum, wobei ein risikoneutrales Maß ist. Der Momentanzins ist der (annualisierte) Zinssatz, zu dem ein Marktteilnehmer Geld für einen infinitesimalen Zeitraum ausborgen kann. Die Dynamik des Momentanzinses sei durch gegeben, wobei einen Wiener-Prozess unter dem risikoneutralen Wahrscheinlichkeitsmaß und sein Differential bezeichnet. Aus dem jetzigen Momentanzins folgt noch nicht der Verlauf der gesamten Zinsstrukturkurve. Allerdings kann mit Hilfe der vorausgesetzten Arbitragefreiheit gezeigt werden, dass der Preis einer Nullkuponanleihe mit Fälligkeit zur Zeit durch

gegeben ist. Dabei ist die natürliche Filtration des Prozesses. Das heißt, dass ein Modell für die zukünftige Entwicklung des Momentanzinses die Preise von allen Anleihen bestimmt.

In der vorigen Gleichung lässt sich rechterhand als Funktion in und auffassen. Mithilfe der Feynman-Kac-Formel folgt die Zinsstrukturgleichung für und Endbedingung .

Eigenschaften

Ein Momentanzinsmodell besitzt eine affine Zinsstruktur, wenn die Preise der Nullkuponanleihen von der Form ist, mit deterministische bivariate Funktionen. Es lässt sich zeigen, dass diese Funktionen durch inhomogene Riccati-Gleichungen erfüllt werden, sofern der Drift und die Varianz affine Funktionen des Momentanzinses sind.

Beispiele

Vasicek-Modell

Das Vasicek-Modell wurde von Oldřich Vašíček 1977 formuliert. Darin wird die Dynamik des Momentanzinses durch einen Ornstein-Uhlenbeck-Prozess mit Startbedingung beschrieben. Dieser Prozess strebt immer wieder zu seinem Gleichgewichtsniveau . Das Modell hat attraktive Vorteile: Die Differentialgleichung kann explizit gelöst werden und der Momentanzins ist in diesem Modell normalverteilt. Andererseits treten negative Zinssätze mit positiver Wahrscheinlichkeit auf.

Das Vasicek-Modell besitzt eine affine Zinsstruktur.

CIR-Modell

Das CIR-Modell wurde 1985 von John C. Cox, Jonathan E. Ingersoll und Stephen A. Ross veröffentlicht. Darin wird die Dynamik des Momentanzins durch einen Wurzel-Diffusionsprozess mit Startbedingung beschrieben.

Hull-White-Modell

Das Hull-White-Modell wurde 1990 von John C. Hull und Alan White veröffentlicht. Es unterscheidet sich vom Vasicek-Modell darin, dass das Gleichgewichtsniveau zeitabhängig anstatt statisch ist. Die Dynamik des Momentanzins ist dementsprechend mit Startbedingung . Schreibt man die Gleichung zu um, so erhält man im Sonderfall das Ho-Lee-Modell. In diesem Modell lässt sich zeigen, dass die kurzfristigen Terminzinsen abgeleitet nach der Laufzeit durch gegeben sind.

Black-Derman-Toy-Modell

Das Black-Derman-Toy-Modell wurde 1990 von Fischer Black, Emanuel Derman und William Toy veröffentlicht. Unter der Annahme konstanter Volatilität wird die Dynamik des Momentanzins durch eine geometrische brownsche Bewegung mit Startbedingung beschrieben. Im Sonderfall einer konstanter Driftintensität wird auch vom Dothan-Modell gesprochen.

Kalibrierung

Zur Kalibrierung der Drift- und Volatilitätsparameter werden üblicherweise zwei Methoden herangezogen. Zunächst gibt es die Möglichkeit mittels historischer Zeitreihen diese zu ermitteln. Dabei muss beachtet werden, dass die historischen Daten unter dem historischen Maß gemessen werden und dementsprechend für die Dynamik des Momentanzinses unter dem risikoneutralen Maß angepasst werden müssen.

Die zweite Methode besteht darin, die Kalibrierung anhand der aktuellen Marktpreise durchzuführen. Dafür muss ein bestimmtes Modell festgelegt werden. Man setze für den Parametervektor des gewählten Modells. Für alle Fälligkeiten wird die Lösung der Zinsstrukturgleichung ermittelt. Für eine bestimmte Anzahl an Fälligkeiten werden die Marktpreise der Nullkuponanleihen zum aktuellen Startzeitpunkt sowie der aktuelle Momentanzins (mittels Referenzzinssätzen wie €STR oder SOFR) gesammelt. Der optimale Parametervektor lässt sich dann durch das Minimierungsproblem mit skalarwertige Gewichte bestimmen.

Die zweite Methode der Marktkalibrierung ermöglicht es, das Modell halbwegs marktkonsistent zu kalibrieren, wobei stärkere Abweichung trotz optimalem Parametervektor möglich sind. Diese Diskrepanz lässt sich unter anderem auf den möglichen Mangel an genügend Marktpreisen erklären. Beachte, dass der Parametervektor entgegen der meisten Modellvorgaben als konstant angenommen wird.

Vergleich zu anderen Zinsmodelle

Momentanzinsmodelle sind per constructionem arbitragefrei, wenn auch nicht notwendigerweise vollständig. Durch die Endwertbedingung sind die Anleihepreise konsistent. Jedoch sind für vorige Zeitpunkte die Anleihepreise nicht konsistent mit den im Markt beobachteten Preisen. Sie müssen dementsprechend kalibriert werden, was in der Praxis einen hohen Rechenaufwand erfordert.

Eine zweite Familie von Zinsmodellen ist der Heath-Jarrow-Morton-Modellrahmen. Dabei wird nicht der aktuelle Momentanzins, sondern die gesamte Entwicklung des Momentanzinses, also die Gesamtheit der kurzfristigen Terminzinsen modelliert. Für manche Kassazinsmodelle wie das CIR-Modell oder das Hull-White-Modell gibt es eine äquivalente Beschreibung im HJM-Modellrahmen; andere Modelle haben keine duale HJM-Repräsentation.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Markus Rudolf: Zinsstrukturmodelle (= Studies in Contemporary Economics Ser). Physica-Verlag, Heidelberg 2000, ISBN 978-3-7908-1269-5.
    1. ↑ S. 37, Gleichung 1.33
  2. Stefan Reitz, Willi Schwarz, Marcus R. W. Martin: Zinsderivate. Vieweg+Teubner Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-528-03203-6.
    1. ↑ S. 89
    2. ↑ Abschnitt 2.4 "Die Hull-White-Modellgruppe"
  3. ↑ Oldřich Vašíček (1977). „An Equilibrium Characterisation of the Term Structure“. Journal of Financial Economics 5 (2): 177–188. doi:10.1016/0304-405X(77)90016-2.
  4. ↑ Cox, J.C., J.E. Ingersoll and S.A. Ross (1985). „A Theory of the Term Structure of Interest Rates“. Econometrica 53: 385–407. doi:10.2307/1911242.
  5. ↑ John C. Hull and Alan White (1990). „Pricing interest-rate derivative securities“. The Review of Financial Studies 3 (4): 573–592.
  6. ↑ Fischer Black, Emanuel Derman, William Toy: A One-Factor Model of Interest Rates and Its Application to Treasury Bond Options. In: Financial Analysts Journal. Band 46, Nr. 1, Januar 1990, ISSN 0015-198X, S. 33–39, doi:10.2469/faj.v46.n1.33 (Autorenkopie [PDF; abgerufen am 24. September 2026]).