Vernichten (Roman)

Vernichten (franz. Originaltitel: Anéantir) ist ein Roman von Michel Houellebecq aus dem Jahr 2022, der im selben Jahr auch in deutscher Sprache im DuMont Buchverlag erschienen ist. Der Roman handelt von einem hochrangigen Ministerialbeamten um das Jahr 2027 kurz vor und nach den Präsidentschaftswahlen in Frankreich. In der Danksagung kündigt Houellebecq an, „aufzuhören“.

Handlung

Am Anfang des Romans arbeitet der Protagonist Paul Raison im Wirtschaftsministerium, mit dessen Minister Bruno Juge er befreundet ist. Es tauchen einige kryptische Videos, aber auch explizite Videos auf, die eine realistisch animierte Enthauptung des Ministers oder einen realen Terrorangriff auf ein großes Frachtschiff zeigen.

Nach einem Schlaganfall seines Vaters unterbricht Paul seine Arbeit für mehrere Tage und wendet sich seiner Familie zu, mit der er zuvor kaum Kontakt hatte. Nachdem sein Vater in einem Pflegeheim untergebracht und dort der Personalschlüssel verschlechtert wurde, entführt Pauls Familie in Zusammenarbeit mit dem „Kommando zur Bekämpfung von Mord in Krankenhäusern“ seinen Vater, um ihm zuhause ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Mit einem Zeitungsartikel über die Entführung rächt sich die Ehefrau seines jüngeren, verträumten Bruders Aurélien für die von ihm geplante Scheidung, worauf hin Aurélien Suizid begeht.

Wirtschaftsminister Juge möchte Präsidentschaftskandidat werden, wird aber im Gegensatz zu einem Parteimitglied, das aus dem Fernsehen bekannt ist, vom bisherigen Präsidenten nicht nominiert. Stattdessen soll er den Präsidentschaftskandidaten unterstützen, gewinnt während des Wahlkampfes dabei aber zunehmend an Ansehen gegenüber dem Kandidaten.

Nach dem zweiten Wahlgang, den der Kandidat gegen den des Rassemblement National gewinnt, erkrankt Paul an einem Mundhöhlenkarzinom und findet während seiner Chemotherapie Trost in der Lektüre von Sherlock-Holmes- und Agatha-Christie-Romanen. In der Pariser Salpêtrière liest er das Buch Der Fetzen (2018) von Philippe Lançon, der nach dem terroristischen Anschlag auf Charlie Hebdo 2015 dort behandelt wurde. Pauls Genesung ist unwahrscheinlich, weil er die erforderlichen, verstümmelnden Operationen ablehnt und die Remission nach Chemo- und Strahlentherapie ausbleibt. Nach lange erkalteter ehelicher Beziehung hatten er und seine Frau Prudence wieder zu Nähe und gemeinsamer Erotik gefunden.

Figuren

Rezensionen

Nils Minkmar hält in der Süddeutschen Zeitung fest, dass der Roman durch seinen Optimismus in mehrerlei Hinsicht untypisch für Houellebecq sei. Politiker wie der Wirtschaftsminister Bruno würden positiv dargestellt, Sex sei nicht lieblos und die tröstende Kraft von Literatur werde betont.

Sigrid Brinkmann stellt im Deutschlandfunk Kultur fest, Vernichten sei „ein melancholischer Roman und sicherlich auch das Buch eines Melancholikers“. Michel Houellebecq positioniere sich mit dem Roman gegen aktive Sterbehilfe, Ableismus und Altersdiskriminierung und für zwischenmenschliches Mitgefühl. Trotzdem sei der Roman überladen, langweilig und teilweise zusammenhangslos.

Ein interpretierender Aufsatz von Kai Nonnenmacher deutet den Titel von Houellebecqs Roman Anéantir als bewusste sprachliche Entscheidung: Der Infinitiv „vernichten“ nennt keine Handlung mit Täter oder Opfer und verweigert damit sowohl die Lesart als politische Anklage als auch die als religiöse Endzeit-Prophetie. Die Vernichtung erscheint so als Grundzustand des Lebens, der sich gleichermaßen in den Cyberangriffen der Rahmenhandlung, im Schlaganfall und Koma des Vaters Edouard Raison und im Krebstod des Protagonisten Paul Raison zeigt, ohne dass diese Handlungsstränge sich gegenseitig erklären – sie stehen nebeneinander wie Variationen desselben Themas. In Bezug auf die Deutung, die Wiederannäherung zwischen Paul und seiner Frau Prudence sowie der Schlusssatz „Wir hätten wunderbare Lügen gebraucht“ zeigten einen milder, versöhnlicher gewordenen Houellebecq, hält der Verfasser dagegen: Die späte Zärtlichkeit ist kein Trost, sondern gerade die härtere Wahrheit – sie zeigt, dass Liebe nur als schützende Lüge gegen eine unerträgliche Wirklichkeit überhaupt möglich ist, nicht, dass diese Wirklichkeit doch nicht so schlimm wäre. Im Vergleich mit Houellebecqs Gedichtband Combat toujours perdant (2026) zeigt sich derselbe Stoff aus zwei Blickwinkeln: Der Roman hält den Tod auf Abstand, indem er ihn erzählt, außerhalb des letzten Kapitels; die Gedichte lassen ihn ungeschützt und unmittelbar an den Leser heran. Schönheit – die herbstlichen Weinberge des Beaujolais, der Wald von Compiègne am Romanende – tröstet dabei nicht über den Verfall hinweg, sondern existiert einfach gleichzeitig mit ihm, ungerührt und ohne Botschaft.

Rezeption

In dem 2025 erschienenen Roman In Erwartung eines Glücks von Sylvie Schenk spielt die Lektüre von Vernichten eine zentrale Rolle.

Ausgaben

Einzelnachweise

  1. ↑ Vernichten - (Michel Houellebecq) - 978-3-8321-8193-2 | DuMont Buchverlag. Abgerufen am 6. Juni 2022.
  2. ↑ Julian Schütt: Michel Houellebecq: Was taugt der neue Roman «Vernichten»? Abgerufen am 15. November 2022.
  3. ↑ Nils Minkmar: Liebe ist für alle da. Süddeutsche Zeitung GmbH, München 8. Januar 2022, S. 15.
  4. ↑ Sigrid Brinkmann: Michel Houellebecq: Vernichten - Kein Leben ohne Glauben, Liebe und Literatur. Deutschlandfunk Kultur, 16. Januar 2022, abgerufen am 7. Juni 2022.
  5. ↑ Kai Nonnenmacher: Zartes Vernichten: Michel Houellebecq. In: Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 27. März 2026, abgerufen am 3. August 2026.
  6. ↑