Villa Malkasten

Villa Malkasten, 1870er Jahre
Atelier, um 1880

Die Villa Malkasten war das Land- und Atelierhaus des deutschamerikanischen Landschaftsmalers Albert Bierstadt. Im Stil viktorianischer Architektur wurde es 1866 von dem New Yorker Architekten Jacob Wrey Mould für ein Grundstück über dem Tappan Zee, einem breiten Abschnitt des Hudson River im Bundesstaat New York, erbaut. Es brannte am 10. November 1882 nieder und wurde nicht wieder aufgebaut.

Geschichte

Ab Ende der 1850er Jahre hatte der von der Düsseldorfer Malerschule und der Hudson River School inspirierte Maler Albert Bierstadt großen künstlerischen und wirtschaftlichen Erfolg mit monumentalen Landschaftsgemälden, insbesondere mit heroischen Landschaften, in denen er die auf Reisen erkundete Bergwelt der Alpen und sodann des amerikanischen Westens mit dramatischen Lichteffekten kompositorisch überhöhte sowie idyllisch und nationalromantisch verklärte. Die Anerkennung von Fachwelt und Publikum trug ihm 1860 die Mitgliedschaft in der National Academy of Design ein. Sein 1863 geschaffenes Bild The Rocky Mountains, Lander’s Peak erzielte 1865 einen Verkaufspreis von 25.000 Dollar, die bis dahin höchste Summe, die einem amerikanischen Künstler für ein Gemälde bezahlt wurde. Sein Vermögen gedachte Bierstadt in ein eigenes Anwesen zu investieren. Nach vier Jahren der Suche fand er 1865 das passende Grundstück in Irvington, knapp 40 km vor dem Zentrum von New York City gelegen, heute Teil von Tarrytown, New York. Der Bauplatz des Hauses lag auf ehemaligem Grundbesitz von Sunnyside, eines Landhauses des Schriftstellers Washington Irving, auf einer Anhöhe, gut einen Kilometer über dem Ostufer des Hudson River, in der Nachbarschaft zu einem Anwesen des Politiker Moses H. Grinnell. Von dort hatte der Künstler eine der besten Aussichten auf die Landschaft des „Rhine of America“ (Martha J. Lamb).

Die Villa, die der Architekt Jacob Wrey Mould nach Bierstadts Vorgaben entwarf, war 1866 im Bau, just zu seiner Hochzeit mit Rosalie Osborne (≈1841–1893), der Exfrau seines früheren Reisegefährten Fitz Hugh Ludlow. Zunächst wurde das Landhaus Hawkrest (‚Falkenruh‘) genannt, bald Malkasten, offensichtlich eine Referenz an das ebenfalls in den 1860er Jahren erbaute, von Louis Ammy Blanc entworfene Malkasten-Haus in Düsseldorf und den dort ansässigen Künstlerverein Malkasten.

Villa Malkasten, 1870er Jahre

Das auf einer Basis von 75 × 100 Fuß (ca. 700 m²) errichtete Gebäude hatte über drei Vollgeschosse Mauerwerk aus rauhem Blaustein-Gneis und ein schiefergedecktes Mansarddach aus Holz. Zum See hin lagen der viergeschossige massive Aussichtsturm sowie umlaufende Balkone und Veranden aus Holz. Die Fassade schmückten Erker, das Dach Gitterwerk und Turmgauben. Kennzeichen des Innenausbaus waren aufwändige Vertäfelungen und ein großer, über zwei Geschosse hoher Atelierraum mit einer Galerie, in der er seine Bilder ausstellte. Die Küche, das Ess- und das Billardzimmer befanden sich im Erdgeschoss, das Wohnzimmer und die Bibliothek im 1. Obergeschoss, darüber die Schlafräume. Die Böden waren aus geöltem Kieferholz, die Möbel aus geschnitzer Eiche. Umgeben war die Villa von einem ausgedehnten Landschaftspark.

Im Atelier der Villa entstanden unter anderem die Gemälde Merced River (1866) und Yosemite Valley (1866). Als bei Rosalie 1876 eine Tuberkulose diagnostiziert wurde, fanden die idyllischen Sommeraufenthalte des Paars in der Villa Malkasten ihr Ende. Die meiste Zeit der nächsten Jahre verbrachten sie wegen der Lungenerkrankung in Nassau auf den Bahamas. Die Villa Malkasten wurde für Sommeraufenthalte vermietet. Am 10. November 1882, einen Tag nachdem der letzte Mieter Henry J. Chapman Jr. das Anwesen verlassen hatte, brannte das Gebäude nieder, möglicherweise entzündet von Glut aus einem offenen Kamin.

Am Folgetag berichtete die Tageszeitung The New York Times über die mit dem Brand einhergehenden Kulturgutverluste:

„In the studio were stored a large number of sketches and studies made by Mr. Bierstadt during the past 20 years, a large collection of engravings, a valuable library of works on the early history of America, which the artist has been engaged in collecting for years, and a collection of Indian implements and other articles. Most of these had been collected during Mr. Bierstadt’s residence in the Rocky Mountains and the Yosemite Valley, and had done service as models in some of his well-known paintings. Others were gifts from Gen. Sheridan, Gen. Custer, and other Army officers. All of these were burned, as were a large number of paintings, bronzes, articles of virtu and bric-a-brac, and all the furniture. The two most valuable paintings burned were a large recently completed view in the Hetchhetchy Valley, north of the Yosemite; a view of Niagara Falls from the Canadian side, which was not quite completed, both from the brush of Mr. Bierstadt and both large canvases; and an interior of Westminster Abbey, by David Neal, an American artist now a resident of Munich.“

„Im Atelier befanden sich eine große Anzahl von Skizzen und Studien, die Herr Bierstadt in den vergangenen 20 Jahren angefertigt hatte, eine umfangreiche Sammlung von Stichen, eine wertvolle Bibliothek mit Werken zur Frühgeschichte Amerikas – die der Künstler über Jahre hinweg zusammengetragen hatte – sowie eine Sammlung indianischer Gebrauchsgegenstände und anderer Objekte. Die meisten dieser Stücke waren während Herrn Bierstadts Aufenthalt in den Rocky Mountains und im Yosemite-Tal gesammelt worden und hatten bei einigen seiner bekannten Gemälde als Vorlagen gedient. Andere waren Geschenke von General Sheridan, General Custer und weiteren Offizieren der Armee. All diese Gegenstände verbrannten, ebenso wie eine große Anzahl von Gemälden, Bronzen, Kunstgegenständen, Nippes und sämtliche Möbel. Zu den wertvollsten Gemälden, die den Flammen zum Opfer fielen, gehörten ein großes, erst kürzlich fertiggestelltes Werk, das das Hetch-Hetchy-Tal nördlich des Yosemite-Tals darstellt; eine – noch nicht ganz vollendete – Ansicht der Niagarafälle von der kanadischen Seite aus – beides großformatige Leinwände aus der Hand von Herrn Bierstadt – sowie eine Innenansicht der Westminster Abbey, gemalt von David Neal, einem amerikanischen Künstler, der heute in München lebt.“

Das Gebäude wurde nicht wieder aufgebaut. Eine stattliche Ruine prägte allerdings noch jahrzehntelang das verlassene Grundstück.

Literatur

Commons: Villa Malkasten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Riley Wentzler, Felicia Barber: Lost History: The Tragedy of Malkasten. riverjounalonline.com, 26. Januar 2019, abgerufen am 23. Oktober 2026
  2. ↑ Bierstadt’s Loss By Fire. In: The New York Sun, Ausgabe vom 11. November 1882, S. 5
  3. ↑ The New York Times, Ausgabe vom 11. November 1882
  4. ↑ Ernest Ingersoll: Illustrated Guide to the Hudson River and Catskill Mountains. 1910