Vital Hasson

Vital Hasson (griechisch Βιτάλ Χασόν, geboren 1916; gestorben 4. März 1948 in Korfu) war ein jüdischer Schneider aus Thessaloniki. Er war Leiter der jüdischen Polizei in seiner Heimatstadt und unterstützte die deutschen Besatzer bei der Verfolgung der Juden. Als er kurz davor stand, selbst von den Deutschen deportiert zu werden, floh er. Er wurde aber verhaftet, nach dem Krieg in Griechenland vor Gericht gestellt und als einziger jüdischer Kollaborateur in Griechenland hingerichtet.

Biographie

Ausbildung und junge Jahre

Vital Hasson kam aus einer sephardischen Familie aus Thessaloniki, das von den jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern „Salonica“ genannt wurde. Die Familie stammte – wie die meisten Sephardim von Thessaloniki – von Juden ab, die im 15. Jahrhundert von der Iberischen Halbinsel vertrieben worden waren und Ladino sprachen und schrieben. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 55.200 Jüdinnen und Juden in Thessaloniki und machten damit zwei Drittel der Einwohner der Stadt aus.

Hasson stammte aus einer gebildeten Familie der Mittelschicht, der Journalisten, Schriftsteller, Pädagogen und politische Führungspersönlichkeiten angehörten. Hassons Urgroßvater Sa’adi Besalel Ashkenazi a-Levi hatte Zeitungen in französischer Sprache in Thessaloniki publiziert. In seinen Zeitungen kritisierte er scharf die Rabbiner der Stadt als „misshandelnd, fanatisch und ausbeuterisch gegenüber den Armen“. Der Oberrabbiner von Thessaloniki, Asher Kovo, belegte daraufhin Sa’adi und dessen ältesten Sohn Hayyim mit einem herem. Eines Tages wurden die Beiden von rund 500 Anhängern Kovos durch die Straßen der Stadt gejagt. Sa’adi antwortete auf diese Demütigung mit der Gründung einer neuen Zeitung La Epoka, die als erste in Ladino verfasst war und 16 Jahre lang erschien.

Über eine Ausbildung von Vital Hasson, dem Enkel von Hayyim, gibt es keine Informationen. Bekannt ist, dass er in jungen Jahren seine Heimatstadt verließ und in Palästina lebte, bis er 1933 in seine Geburtsstadt zurückkehrte. Dort war er zunächst als Schneider tätig.

Kollaboration

Erfassung von jüdischen Männern für Zwangsarbeit auf dem zentralen Platia Eleftherias (1943)

Nach der Besetzung Griechenlands im Jahre 1941 wandelten die SS-Offiziere Alois Brunner und Dieter Wisliceny ab März 1943 das „Hirsch-Viertel“ in Thessaloniki in das Ghetto Baron Hirsch um. Das Viertel war nach dem Philanthropen Maurice de Hirsch benannt, der sich im 19. Jahrhundert humanitär in Südosteuropa engagiert hatte.

Innerhalb der hölzernen Mauern des Ghettos, das von Stacheldraht und Wachtürmen umgeben war, waren mehr als 2000 jüdische Frauen, Männer und Kinder in rund 600 Zimmern zusammengepfercht. Vital Hasson wurde rechte Hand von Wisliceny, der für die Kontrolle des Gebiets zuständig war; an anderer Stelle heißt es, er sei Dolmetscher des damals 23-jährigen SS-Mannes Herbert Gerbing gewesen. Zwei Jahre später übernahm Hasson „unter unklaren Umständen“ die Leitung der jüdischen Polizei („Politofilaki“) von Thessaloniki. Diese Position verlieh ihm die Befehlsgewalt über rund 200 unbewaffnete Männer, alle einheimische Juden.

Hasson scheint großen Spielraum bei der Umsetzung der NS-Befehle vor Ort gehabt zu haben. In Berichten von Überlebenden heißt es, Hasson sei in einer Pferdekutsche durch das Ghetto gerast und habe die Bewohnerinnen und Bewohner gezwungen, die Straßen zu fegen. Mit seinen Stiefeln habe er Türen eingetreten sowie auf Menschen eingetreten. Er habe die Gefangenen bestohlen, indem er mit einem offenen Sack durch das Ghetto gegangen sei, in den Frauen und Männer den Schmuck oder das Geld legen mussten, das sie noch hatten retten können. Zudem habe er junge Männer für Zwangsarbeiten ausgewählt. Mädchen und Frauen habe er gezwungen, sich nackt auszuziehen. Er habe ihre Genitalien nach verstecktem Geld untersucht, ihnen die Haare geschoren, sie vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Die Widerstandskämpferin Bouena Sarfatty sagte über Hasson: „Er war wie ein Löwe, der aus dem Käfig gelassen wurde.“ Sarfatty berichtete zudem, dass sie im Hirsch-Ghetto, während sie eine Milchverteilung organisierte, von ihm misshandelt worden sei; er habe sie geschlagen und gezwungen, so viel Milch zu trinken, bis sie sich übergeben musste. Hasson habe ihren Verlobten denunziert, der untergetaucht war, woraufhin dieser von den Deutschen am Tag ihrer Hochzeit ermordet worden sei.

Nachdem die Räumung des Ghettos in Thessaloniki von den Deutschen abgeschlossen worden war, überquerte Vital Hasson im Mai 1943 die Grenze vom deutsch besetzten in das italienisch besetzte Griechenland, um dort Jagd auf Juden aus Thessaloniki zu machen, die vor den Nationalsozialisten geflohen waren und die er identifizieren konnte.

Zwischen März und August 1943 organisierten die deutschen Besatzer den Abtransport von insgesamt 48.533 Juden aus Thessaloniki; die Transporte gingen von dem direkt am Ghetto Baron Hirsch gelegenen Bahnhof aus. Einer dieser Züge fuhr in das KZ Bergen-Belsen, 18 weitere nach Auschwitz. Fast alle dorthin deportierten Juden aus Thessaloniki wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer ermordet. Am 2. August wurden die Familien der während des Krieges amtierenden Führung der jüdischen Gemeinde von Saloniki (einschließlich der jüdischen Polizei) in einer Sonderaktion in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Noch vor seiner eigenen Deportation mit eben jenem Zug nach Bergen-Belsen sagte sich Hassons Vater öffentlich von seinem Sohn los, der in Thessaloniki zurückgeblieben war. Von den rund 50.000 Jüdinnen und Juden der Stadt kehrten nach dem Krieg 1.950 Menschen in die Stadt zurück. Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten ungefähr 80.000 Jüdinnen und Juden in 31 verschiedenen Orten in Griechenland. 1945 war ihre Zahl auf 10.000 gesunken. 87 Prozent der griechisch-jüdischen Bevölkerung wurden in der Shoah ermordet.

Flucht

Die den Juden gestohlenen Wertgegenstände ermöglichten es Hasson, seine Flucht zu finanzieren. Sie gelang ihm am 19. August 1943, nur eine halbe Stunde vor der Abfahrt jenes allerletzten Transports, mit dem auch er hätte deportiert werden sollen. Ausgestattet mit einem Passierschein konnte er das Ghetto Baron Hirsch gemeinsam mit einigen Gefolgsleuten – insgesamt eine Gruppe von etwa 15 Personen, die schwere Koffer voller Schmuck und Silbermünzen bei sich trugen – ungehindert verlassen. Zusammen mit seiner Ehefrau, seiner Geliebten und seinem Kind gelang es ihm, Albanien zu erreichen, das zu jener Zeit unter italienischer Kontrolle stand. Laut dem Historiker und Rabbi Michael Molho wurde er bei seiner Flucht von italienischen Behörden unterstützt; als Gegenleistung dafür habe er die Rettung italienischer Juden aus Thessaloniki durch das dortige Konsulatspersonal nicht behindert.

In Albanien wurden die Flüchtlinge in Korça interniert. Nach der italienischen Kapitulation am 8. September 1943 kamen sie frei, überquerten die Straße von Otranto und erreichten den Hafen von Bari in Italien. Dort besorgte sich Hasson ein kleines Boot und segelte nach Ägypten. Er hielt sich anschließend in Alexandria auf, bis er von einer Person aus Thessaloniki erkannt wurde. Er wurde von der britischen Polizei festgenommen und zur Zeit der Befreiung an Griechenland ausgeliefert.

Prozess und Hinrichtung

Nach seiner Freilassung durch die griechischen Behörden kehrte Hasson nach Thessaloniki zurück. Am 24. November 1944 wurde er von einer Gruppe von Lagerüberlebenden erkannt, geschlagen und den örtlichen Behörden übergeben, die ihn erneut inhaftierten und vor Gericht stellten. „Every single Jew in Salonika expects that this trial will be some vengeance for the tens of thousands deported“ („Jeder einzelne Jude in Thessaloniki erwartet, dass dieser Prozess eine Art Rache für die Zehntausenden Deportierten sein wird“), berichtete ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Die Jüdische Gemeinde Thessalonikis fungierte als Ankläger in diesem Verfahren, das von einem regulären griechischen Gericht durchgeführt wurde.

Am 2. Juli 1946 begann der Prozess gegen ihn und zwölf weitere Kollaborateure, sowohl jüdische als auch nicht-jüdische. Es wurden schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben: So habe er die Deutschen bei der Deportation von Juden unterstützt, insbesondere durch das Verraten von Verstecken derjenigen, die sich der Verhaftung zu entziehen versuchten. Auch wurde er beschuldigt, zahlreiche Misshandlungen, darunter Vergewaltigungen, begangen zu haben. Am 4. Juli wurde er zum Tode verurteilt. Nach seiner Verlegung in ein Gefängnis auf Korfu wurde er am 4. März 1948 hingerichtet. Vital Hasson war der einzige jüdische Kollaborateur, der nach dem Krieg in Griechenland hingerichtet wurde (weitere Todesurteile ergingen in Abwesenheit). Zu den Mitgliedern des Exekutionskommandos gehörte ein jüdischer Überlebender von Auschwitz.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Sara Berger, Erwin Lewin, Sanela Schmidt, Maria Vassilikou (Bearb.): Besetztes Südosteuropa und Italien. (= Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 14.) De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-055559-2, S. 594.
  2. 1 2 3 4 5 Liz Elsby, Asaf Tal: Themeninseln: jüdische Gemeinde von Salonika – das Jerusalem des Balkans. In: yadvashem.org. 2. Juli 2026, abgerufen am 9. September 2026.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Sarah Abrevaya Stein: Vital Hasson, the Jew who worked for the Nazis, hunted down refugees and tore apart families in WWII Greece. In: History Guild. 5. September 2022, abgerufen am 28. August 2026 (englisch).
  4. ↑ Stein, Family Papers, S. 14/15.
  5. ↑ Stein, Family Papers, S. 25.
  6. ↑ Stein, Family Papers, S. 27.
  7. 1 2 Salonika Jews Sponsor Trial Of Collaborators. In: Jewish Virtual Library. Abgerufen am 10. September 2026 (englisch).
  8. ↑ Klaus Hillenbrand: Die vergessenen Juden von Thessaloniki: Überall Schatten. In: taz.de. 15. Juli 2016, abgerufen am 4. Oktober 2022.
  9. 1 2 Hasson, Vital (?-1948). In: gedenkorte-europa.eu. Abgerufen am 6. September 2026.
  10. ↑ Bowman, The Agony of Greek Jews, S. 66.
  11. ↑ Renee Levine Melammed: Bouena Sarfatty Garfinkle 1916–1997. In: The Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women. Abgerufen am 26. August 2026 (englisch).
  12. ↑ Tasos Kokkinidis: Greece Commemorates Thessaloniki Jews Murdered in the Holocaust. In: GreekReporter.com. 20. März 2023, abgerufen am 9. September 2026 (englisch).
  13. ↑ Hagen Fleisch: Griechenland. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. R. Oldenbourg, ISBN 978-3-486-54631-6, S. 355.
  14. 1 2 Sarah Abrevaya Stein: Vital Hasson, the Jew who worked for the Nazis, hunted down refugees and tore apart families in WWII Greece. In: The Conversation. 21. Januar 2020, abgerufen am 18. September 2026 (englisch).
  15. ↑ Stein, Family Papers, S. 202.
  16. ↑ Nehama, Katzung (Übersetzer): In Memoriam, S. 382.
Personendaten
NAME Hasson, Vital
KURZBESCHREIBUNG griechischer Kollaborateur im Zweiten Weltkrieg
GEBURTSDATUM 1916
STERBEDATUM 4. März 1948
STERBEORT Korfu