Wa und Aa

Wa und Aa in Hieroglyphen
V4M17R8

Wa
Wꜣ
„der Ferne“
O29A40

Aa
ꜥꜣ
„der Große“

Wa (auch Wai) und Aa (ägyptisch Wꜣ, „der Ferne“, und ꜥꜣ, „der Große“) sind zwei Urgötter der ägyptischen Mythologie, die nur aus Inschriften des Horus-Tempels von Edfu aus griechisch-römischer Zeit bekannt sind. Sie treten stets gemeinsam auf und stehen an der Spitze der Schebtiu, einer Gruppe von Schöpfergöttern. Im Schöpfungsmythos von Edfu stützen die beiden das erste Schilf, das aus dem Urwasser emporwächst, und festigen den Ort, an dem die Schöpfung beginnt. Mehrere Reliefs im Tempel zeigen sie, unter anderem mit Schilfrohren in den Händen, und eine Ritualszene deutet darauf hin, dass sie dort gemeinsam mit dem Falkengott Horus Behdeti verehrt wurden.

Namen

Wa ist nur aus Edfu und nur aus griechisch-römischer Zeit belegt. In der Literatur wird der Name auch in der Form Wai wiedergegeben. Der Name ꜥꜣ, „der Große“, ist dagegen schon seit dem Mittleren Reich bezeugt und wurde vielen Göttern beigelegt, darunter Osiris, Anubis, Ptah, Chnum, Sobek, Thot und dem Sonnengott Re. Als Name eines Urgottes erscheint er aber ebenfalls erst in griechisch-römischer Zeit in Edfu, und zwar stets an der Seite von Wa.

Stellung unter den Schebtiu

Eine Ritualszene an der Außenwand des Pronaos zeigt die acht Schebtiu mit ihren Namen, und Wa und Aa stehen dort an erster und zweiter Stelle. Die Beischrift der Szene stellt die beiden ausdrücklich an die Spitze der Schebtiu. Auch im Schöpfungsmythos auf der Innenseite der Umfassungsmauer treten zunächst nur Wa und Aa auf, die übrigen Schebtiu erst später.

Rolle im Schöpfungsmythos von Edfu

Der Schöpfungsmythos von Edfu erzählt, wie aus dem Urwasser das erste Schilf emporwächst, das Wa und Aa stützen und aus dem der Tempel von Edfu hervorgeht. Ausführlich überliefert ihn ein Text auf der Innenseite der Umfassungsmauer, und die Beischrift der Ritualszene am Pronaos fasst einen Teil davon knapp zusammen. Sie nennt Wa und Aa „die beiden Götter, die diese Stätte festigen, an der das Werden beginnt“.

Vor Beginn der Schöpfung ist die ganze Erde vom Urwasser bedeckt. Zwei Mächte (tꜣšwj) kämpfen miteinander, bis das „göttliche Herz“ sie in Frieden vereint, und erhalten die Namen „der Ferne“ (Wa) und „der Große“ (Aa).

Was diese beiden Mächte verkörpern, ist unklar, und schon ihre Bezeichnung wird verschieden verstanden: als „Erweiterer“, womit Erde und Wasser gemeint seien, die jeweils ihren Bereich ausdehnen wollen, als „die beiden Teilenden“ oder als „die beiden Grenzziehenden“, womit die beiden Ufer gemeint sein könnten, die das Gebiet der Nilflut begrenzen.

Danach zieht sich das Wasser zurück, das Land kommt bis nahe an die Oberfläche, und ein urzeitlicher Falke, der am Himmel schwebt, holt mit seinem Blick das erste Schilf herbei. Dabei wird Wa herbeigerufen, und als das Schilf an einer Stelle wächst, die halb Land, halb Wasser ist, kommt Aa hinzu. Die beiden festigen die Halme inmitten der Flut. Das Schilf dient nun als Sitzstange, auf der sich Horus von Edfu in Gestalt eines Falken niederlässt.

Diese Sitzstange namens Djeba gilt als erster Ruheplatz des Falken, und ihr Name geht auf den Kultort über, der hier seinen Ursprung hat. Damit leitet der Text den Ursprung der Stadt Edfu her, die altägyptisch Djeba hieß. Später ruft Tanen die Schebtiu, zu denen Wa und Aa gehören, auf den Bauplatz, und sie lassen sich an einem Ort nieder, den Aa „Stätte des Wa“ und „Stätte des Throns“ nennt. Auch diese beiden Bezeichnungen sind als Namen von Edfu belegt.

Eine grundsätzlich andere Deutung vertrat E. A. E. Reymond, die den Mythos als Quelle für die Geschichte der frühesten Tempel Ägyptens las, aber selbst einräumte, dass sich das durch keine historischen Zeugnisse stützen lässt. Nach ihrer Lesart tauchen Wa und Aa aus dem Urwasser auf, landen bei dem Schilf und gründen dort die erste heilige Stätte des Falken, weshalb man sie im Tempel von Edfu als dessen mythische Gründer in einem Ahnenkult verehrt habe.

Darstellung und Verehrung

Wa und Aa, die beiden kleinen Figuren links und rechts des Schilfs, halten die Schilfrohre am Kultort Djeba (Umfassungsmauer des Edfu-Tempels, Innenseite der Nordwand, Foto veröffentlicht 1934)

Wa und Aa sind auf mehreren Reliefs des Tempels von Edfu abgebildet, als menschengestaltige Götter mit anbetend erhobenen Händen. Auf der Innenseite der Umfassungsmauer gehören sie zu einer Götterversammlung um Thot, die der Gründung eines mythischen Tempels beiwohnt, und zu einer Prozession am „Fest des Eintretens in den Tempel“. Ein weiteres Bild zeigt sie am urzeitlichen Kultort Djeba, wo sie zu beiden Seiten eines Schilfdickichts stehen, über dem der Falke sitzt. Jeder von ihnen hebt einen Arm und hält ein langes Schilfrohr.

In der Ritualszene am Pronaos, die den Titel „Gott preisen“ trägt, sitzen Wa und Aa mit den übrigen Schebtiu hinter der Sitzstange Djeba. Nach der zugehörigen Opferformel wurden sie offenbar an diesem mythischen Ort gemeinsam mit dem Herrn von Djeba, dem Falkengott Horus Behdeti, und einem Speergott angebetet.

Siehe auch

Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ E. A. E. Reymond veröffentlichte 1962 noch unter dem Namen Jelínková.

Einzelnachweise

  1. Christian Leitz (Hrsg.): Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Band 2: ꜥ – b. (= Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 111). Peeters, Leuven 2002, ISBN 90-429-1147-6.
    1. 1 2 S. 242
    2. ↑ S. 9–10
    3. 1 2 3 4 5 S. 9–10, 242
  2. Émile Chassinat: Le temple d’Edfou (= Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale du Caire. Band 23). Band 6. Institut français d’archéologie orientale, Kairo 1931 (französisch, archive.org).
    1. ↑ S. 181
  3. ↑ Michaela Bauks: Die Welt am Anfang. Zum Verhältnis von Vorwelt und Weltentstehung in Gen 1 und in der altorientalischen Literatur (= Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament. Band 74). Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1997, ISBN 3-7887-1619-3, S. 165.
  4. ↑ Matthias Rochholz: Schöpfung, Feindvernichtung, Regeneration. Untersuchung zum Symbolgehalt der machtgeladenen Zahl 7 im alten Ägypten (= Ägypten und Altes Testament. Band 56). Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-04604-X, S. 60.
  5. E. A. E. Jelínková: The Shebtiw in the Temple at Edfu. In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 87, 1962, S. 41–54, doi:10.1524/zaes.1962.87.12.41 (englisch).
    1. ↑ S. 41, 51
    2. 1 2 3 4 S. 41
    3. ↑ S. 46, Anm. r und S. 51
    4. ↑ S. 50
    5. ↑ S. 47, Anm. z
    6. ↑ S. 53 f.
  6. Dieter Kurth: Über den Ursprung des Tempels von Edfu. In: Ursula Verhoeven, Erhart Graefe (Hrsg.): Religion und Philosophie im Alten Ägypten. Festgabe für Philippe Derchain zu seinem 65. Geburtstag am 24. Juli 1991 (= Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 39). Peeters, Leuven 1991, ISBN 90-6831-337-1, S. 189–202.
    1. 1 2 S. 192
  7. 1 2 3 4 5 Dieter Kurth: Edfu. In: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex). Deutsche Bibelgesellschaft, Dezember 2006, abgerufen am 17. Oktober 2026.
  8. Dieter Kurth: Edfou VI (= Die Inschriften des Tempels von Edfu. Abteilung I: Übersetzungen. Band 3). PeWe, Gladbeck 2014, ISBN 978-3-935012-14-0.
    1. 1 2 S. 322
    2. 1 2 S. 323
    3. 1 2 S. 324
  9. Ragnhild Bjerre Finnestad: Image of the World and Symbol of the Creator. On the Cosmological and Iconological Values of the Temple of Edfu (= Studies in Oriental Religions. Band 10). Harrassowitz, Wiesbaden 1985, ISBN 3-447-02504-2 (englisch).
    1. ↑ S. 26
    2. ↑ S. 26 f.
    3. ↑ S. 38
    4. ↑ S. 50
    5. ↑ S. 21 f.
  10. E. A. E. Reymond: The Mythical Origin of the Egyptian Temple. Manchester University Press, Manchester 1969, ISBN 0-7190-0311-3 (englisch).
    1. ↑ S. 14 f.
    2. ↑ S. 14
    3. ↑ S. 13
    4. ↑ S. 17
  11. E. A. E. Reymond: Worship of the Ancestor Gods at Edfu. In: Chronique d’Égypte. Band 38, Nr. 75, 1963, S. 49–70, doi:10.1484/J.CDE.2.307941 (englisch).
    1. ↑ S. 59
  12. Émile Chassinat: Le temple d’Edfou (= Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale du Caire. Band 31). Band 14. Institut français d’archéologie orientale, Kairo 1934 (französisch, egnet.net [PDF; 43,5 MB]).
    1. 1 2 Tafel DLXI