Schebtiu

Schebtiu in Hieroglyphen
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Schebtiu

Die Schebtiu (ägyptisch šbtjw, vielleicht „die zum Mischen Gehörigen“) sind eine Gruppe von Schöpfergöttern der ägyptischen Mythologie, die nur aus Inschriften des Horus-Tempels von Edfu aus griechisch-römischer Zeit bekannt sind. Im Schöpfungsmythos von Edfu lassen sie Land aus dem Urwasser hervortreten und schaffen die erste Ruhestätte des Falkengottes, aus der der Tempel hervorgegangen sein soll. An ihrer Spitze stehen die beiden Urgötter Wa und Aa. Eine Inschrift verbindet sie außerdem mit Herakleopolis. Im Tempel wurden sie verehrt, vermutlich als dessen mythische Gründer.

Name

Der Name šbtjw kommt nur in Inschriften des Tempels von Edfu vor, vor allem in den Texten, die die Entstehung der Welt und des Tempels schildern. Alle Belege stammen damit aus griechisch-römischer Zeit, denn der Tempel wurde zwischen 237 und 57 v. Chr. errichtet und ausgeschmückt. Die Bedeutung des Namens ist unsicher. Das Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen übersetzt ihn mit Fragezeichen als „die zum Mischen Gehörigen“, und der Ägyptologe Dieter Kurth versteht die Schebtiu entsprechend als „die Mischer“, die alles zusammenbringen, was zur Schöpfung nötig ist. Gestützt wird diese Deutung durch eine Inschrift, die die Schebtiu als diejenigen bezeichnet, „welche die Dinge mischen“. Die Ägyptologin E. A. E. Reymond, die damals noch unter dem Namen Jelínková veröffentlichte, hielt diese Herleitung 1962 zwar für möglich, aber nicht für belegt. Sie leitete den Namen stattdessen von einem Wort für „verändern“ ab und übersetzte „die Verwandelnden“, weil die Schebtiu nichts völlig Neues erschaffen, sondern Vorhandenes in eine neue Gestalt bringen.

Daneben tragen die Schebtiu in einigen Texten den Namen ḏbꜣw, „die Versorger“. Reymond hielt es für möglich, dass dieser Name erst später entstand und auf die Djeba anspielt, die Sitzstange des Falken, die die Schebtiu geschaffen haben sollen.

Rolle im Schöpfungsmythos

Wa und Aa, die beiden kleinen Figuren links und rechts des Schilfs, halten die beiden Schilfrohre am Ort der Schöpfung (Umfassungsmauer des Edfu-Tempels, Innenseite der Nordwand, Foto veröffentlicht 1934)

In den Schöpfungstexten von Edfu wirken die Schebtiu gemeinsam mit zwei verwandten Göttergruppen, den Weisen und den Baumeistergöttern. Nach Reymond hatte jede Gruppe ihre eigene Aufgabe: Die Weisen kannten den Ursprung der Erde und „vergrößerten“ ihre Substanzen, die Schebtiu ließen sie durch ihre Sprüche als Land aus dem Urwasser hervortreten, und die Baumeistergötter errichteten darauf die heiligen Bezirke und Tempel. Die Schebtiu rufen dabei „die Dinge in Sicht“ und sprechen Schöpferworte, während das Urwasser zurückweicht und das erste Land, das pꜥj-Land, auftaucht. An dieser Stelle flechten sie aus Schilf eine Djeba, worauf die Erhebungen des Landes fest werden.

Wa und Aa gelangen als Erste an den Ort der Schöpfung, stützen dort das erste Schilf und festigen den Ort, an dem der Falkengott sich niederlässt und aus dem die Stadt Edfu hervorgeht. Die übrigen Schebtiu suchen sie später auf und schließen sich ihnen an.

Was die Schebtiu an diesem Ort genau tun, lässt sich nicht sicher sagen, weil ein Schlüsselwort der Texte unterschiedlich gelesen wird. Kurth übersetzt die Stelle als den Ort, „an dem die Dinge der Erde geschaffen werden“. Reymond und die Religionshistorikerin Ragnhild Bjerre Finnestad lasen dort dagegen ein Verb sw unbekannter Bedeutung. Reymond verstand darunter einen magischen Ritus, der die Dinge mit Kraft erfüllt und sie so in ihre wirkliche Gestalt verwandelt, während Finnestad eine Art Bearbeitung oder Kultivierung des Bodens für möglich hielt und darin ein mythisches Gegenstück zu den Beigaben sah, die bei der Gründung eines Tempels in den Boden gelegt wurden. Kurth beschreibt die Aufgabe der Schebtiu allgemeiner als das Ordnen der Materie der Welt.

Mitglieder und Verwandtschaft

Eine Ritualszene am Pronaos des Tempels, in der der König die Schebtiu anbetet, nennt acht von ihnen mit Namen. An erster und zweiter Stelle stehen Wa, „der Ferne“, und Aa, „der Große“, die im großen Schöpfungstext auf der Umfassungsmauer des Tempels ohne die übrigen als „die beiden Schebtiu-Götter“ auftreten. Die übrigen sechs heißen:

Das Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen versteht den achten Eintrag als Verbindung dreier Namen eines einzigen Gottes. Reymond hielt es dagegen für möglich, dass sich dahinter drei Götter verbergen, sodass die Gruppe insgesamt zehn Mitglieder gezählt hätte. Dazu passt, dass die Weisen und die Schebtiu zusammen „die zwanzig Götter“ heißen und mit den Baumeistergöttern „die dreißig Götter“. Reymond sah darin den späteren Versuch, jede der drei Gruppen auf zehn Mitglieder zu bringen. Weil die Schebtiu am Pylon des Tempels ohne Wa und Aa erscheinen, nahm sie außerdem an, dass das Paar und die übrigen Schebtiu ursprünglich zwei verschiedenen Überlieferungen angehörten, die erst später zusammengeführt wurden.

Eine Inschrift bezeichnet die Schebtiu als „Kinder des Tatenen“, als Brüder der Weisen und der Baumeistergötter und als Nachkommen dessen, „der südlich seiner Mauer ist“, eines Beinamens des Ptah. Ein anderer Text nennt Ptah ausdrücklich den Ahnherrn der Schebtiu. Reymond hielt diese Verbindung mit Ptah für eine jüngere Vorstellung, weil die wichtigsten Schöpfungstexte von Edfu ihn nicht als ihren Vater nennen. Die drei Gruppen hatte sie 1963 noch als Götterschar des Tatenen gedeutet, die in Edfu als Schöpfer der mythischen Tempel galt. Als Söhne des Tatenen erscheinen die Schebtiu in den Schöpfungstexten selbst allerdings nicht. Dort tritt Tatenen erst aus dem Urwasser hervor, nachdem die Schebtiu seinen Namen ausgesprochen haben. Reymond hielt die Bezeichnung „Kinder des Tatenen“ deshalb später für eine gelehrte Schöpfung der griechisch-römischen Zeit. Fest gezogen waren die Grenzen zwischen den Gruppen nicht: In einer Szene zum Strickspannen, der Gründungszeremonie des Tempels, werden die sieben Baumeistergötter, die als Chnumgötter galten, sogar selbst als Schebtiu bezeichnet.

Kult in Edfu

Der König (rechts) betet die acht Schebtiu an, die hinter dem Horusfalken auf der Djeba sitzen. Die beiden vordersten sind Wa und Aa. Die Zeichnung von 1928 gibt die Inschriften nicht wieder, sondern nur die Nummern ihrer Zeilen.
Lage der beiden Szenen im Tempel von Edfu: 1 Kultszene an der Außenseite der Westwand des Pronaos, 2 Wa und Aa am Schilf an der Innenseite der Nordmauer der Umfassung

Die Ritualszene der Schebtiu befindet sich an der westlichen Außenwand des Pronaos im vierten Register, ihr gegenüber auf der Ostseite eine Szene für die Weisen. In der Opferformel werden die Schebtiu als Götter im Gefolge des Re-Behdeti angerufen, die das pꜥj-Land für seinen großen Ort entstehen ließen. Wie bei den übrigen Urgöttern, deren Verehrung auf den Wänden des Pronaos dargestellt ist, besteht das Ritual im Wesentlichen aus der Handlung „Gott anbeten“. Speiseopfer oder andere Gaben sind nicht belegt.

Reymond deutete diese Verehrung als Kult der Gründerahnen des Tempels. Weil die Schebtiu die erste Ruhestätte des Falken geschaffen hatten, aus der der Tempel hervorgegangen sein sollte, galten sie als seine mythischen Gründer, und die Szene am Pronaos wiederholt die Anbetung, die ihnen schon an diesem Urort zuteilwurde. Sie vermutete außerdem, dass der Kult der Schöpferahnen in der Neujahrsnacht im Rahmen der Tempelweihe gefeiert wurde, räumte aber ein, dass es dafür keinen direkten Beleg gibt.

Verbindung zu Herakleopolis

Die Beischrift der Ritualszene am Pronaos nennt die Schebtiu die „Vordersten in Herakleopolis“ und berichtet, dass sie gemeinsam mit Wa und Aa dorthin zogen und in der Stadt verblieben, während ihre Statuen in Edfu niemals zugrunde gehen sollten. Reymond schloss daraus, dass man sich die Schebtiu als verstorbene, in Herakleopolis bestattete Götter vorstellte, und vermutete, dass ihre Überlieferung aus Memphis über Herakleopolis nach Edfu gelangte. Belege dafür außerhalb von Edfu gibt es nicht.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Émile Chassinat: Le temple d’Edfou (= Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale du Caire. Band 23). Band 6. Institut français d’archéologie orientale, Kairo 1931 (französisch, archive.org).
    1. ↑ S. 181
  2. Christian Leitz (Hrsg.): Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Band 7: š – ḏ. (= Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 116). Peeters, Leuven 2002, ISBN 90-429-1152-2.
    1. 1 2 3 4 5 6 S. 45
    2. ↑ S. 665 f.
    3. ↑ S. 200 f.
  3. E. A. E. Jelínková: The Shebtiw in the Temple at Edfu. In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 87, 1962, S. 41–54, doi:10.1524/zaes.1962.87.12.41 (englisch).
    1. ↑ S. 42, Anmerkung b
    2. ↑ S. 42 f., Anm. b
    3. ↑ S. 43, Anm. d
    4. 1 2 3 S. 44, Anm. f
    5. ↑ S. 46, Anm. r
    6. 1 2 3 4 S. 51
    7. ↑ S. 41, 46, Anm. q
    8. ↑ S. 46, Anm. q
    9. ↑ S. 41, 50
    10. ↑ S. 53 f.
    11. ↑ S. 41 f.
    12. ↑ S. 49–53
  4. Dieter Kurth: Edfu. In: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex). Deutsche Bibelgesellschaft, Dezember 2006, abgerufen am 18. Oktober 2026.
    1. ↑ Abschnitt. 1.3
    2. ↑ Abschn. 3.7
  5. Dieter Kurth: Über den Ursprung des Tempels von Edfu. In: Ursula Verhoeven, Erhart Graefe (Hrsg.): Religion und Philosophie im Alten Ägypten. Festgabe für Philippe Derchain zu seinem 65. Geburtstag am 24. Juli 1991 (= Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 39). Peeters, Leuven 1991, ISBN 90-6831-337-1, S. 189–202.
    1. ↑ S. 196
  6. Dieter Kurth: Edfou VI (= Die Inschriften des Tempels von Edfu. Abteilung I: Übersetzungen. Band 3). PeWe, Gladbeck 2014, ISBN 978-3-935012-14-0.
    1. ↑ S. 311
    2. ↑ S. 323, Anm. 4
    3. 1 2 S. 313, 335
    4. ↑ S. 312
    5. ↑ S. 323 f.
    6. ↑ S. 323
  7. E. A. E. Reymond: The Children of Tanen. In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 92, 1966, S. 116–128, doi:10.1524/zaes.1966.92.12.116 (englisch).
    1. ↑ S. 116 f., 119
    2. ↑ S. 124
    3. ↑ S. 124–126
  8. Ragnhild Bjerre Finnestad: Image of the World and Symbol of the Creator. On the Cosmological and Iconological Values of the Temple of Edfu (= Studies in Oriental Religions. Band 10). Harrassowitz, Wiesbaden 1985, ISBN 3-447-02504-2 (englisch).
    1. ↑ S. 60 f.
    2. ↑ S. 61 f.
  9. Christian Leitz (Hrsg.): Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Band 3: p – nbw. (= Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 112). Peeters, Leuven 2002, ISBN 90-429-1148-4.
    1. ↑ S. 530–532
    2. ↑ S. 689
    3. ↑ S. 599
    4. 1 2 S. 740
  10. ↑ Christian Leitz (Hrsg.): Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Band 2: ꜥ – b. (= Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 111). Peeters, Leuven 2002, ISBN 90-429-1147-6, S. 672.
  11. E. A. E. Reymond: Worship of the Ancestor Gods at Edfu. In: Chronique d’Égypte. Band 38, Nr. 75, 1963, S. 49–70, doi:10.1484/J.CDE.2.307941 (englisch).
    1. ↑ S. 52, 63
    2. ↑ S. 50
    3. ↑ S. 50, 65
    4. ↑ S. 60 f.
    5. ↑ S. 59
    6. ↑ S. 67 f., 70
  12. Émile Chassinat: Le temple d’Edfou (= Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale du Caire. Band 27). Band 10, Fasc. 1. Institut français d’archéologie orientale, Kairo 1928 (französisch, egnet.net [PDF; 24,9 MB]).
    1. 1 2 Taf. CV
  13. Émile Chassinat: Le temple d’Edfou (= Mémoires publiés par les membres de l’Institut français d’archéologie orientale du Caire. Band 31). Band 14. Institut français d’archéologie orientale, Kairo 1934 (französisch, egnet.net [PDF; 43,5 MB]).
    1. ↑ Taf. DLXI