Wiesen-Bocksbart

Wiesen-Bocksbart

Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis), Habitus

Systematik
Euasteriden II
Ordnung: Asternartige (Asterales)
Familie: Korbblütler (Asteraceae)
Unterfamilie: Cichorioideae
Gattung: Bocksbärte (Tragopogon)
Art: Wiesen-Bocksbart
Wissenschaftlicher Name
Tragopogon pratensis
L.

Der Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis) ist eine formenreiche Pflanzenart aus der Gattung der Bocksbärte (Tragopogon) innerhalb der Familie der Korbblütler (Asteraceae).

Beschreibung

Habitus
Blütenkorb
Illustration aus Flora Batava, Volume 5

Vegetative Merkmale

Der Wiesen-Bocksbart wächst meist als zweijährige, krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von bis zu 70 Zentimetern. Ihre saftigen Pflanzenteile enthalten Milchsaft. Es wird eine fleischige Pfahlwurzel gebildet. Der glatte, oben leicht angeschwollene Stängel ist innen hohl.

Die wechselständigen Laubblätter sind bis zu 50 Zentimeter lang, grasartig, bläulich-grün und glattrandig, halb stängelumfassend, schmal-linealisch bzw. lanzettlich, kahl und spitz zulaufend. Die Mitte des der Blattspreite durchquert der Länge nach ein weißlicher Streifen. Häufig sind die Laubblätter ab der Mitte abwärts gebogen oder geknickt.

Generative Merkmale

Die Blütezeit reicht von Mai bis August. Ihre Blütenkörbe öffnen sich etwa um acht Uhr und schließen sich um die Mittagszeit wieder. Die 35–50 mm breiten, flachen Blütenkörbchen sitzen auf relativ langen, kahlen, beblätterten, blattachselständigen Blütenkorbschäften, die sich zum Körbchen hin nicht oder nur schwach verdicken. Die je nach Unterart 4 bis 7 Zentimeter großen Blütenkörbchen setzen sich aus gelben Zungenblüten zusammen und werden von acht spitzen Hüllblättern eingefasst, die bei der Nominatform Tragopogon pratensis subsp. pratensis etwa so lang sind wie die Zungenblüten und über dem Grund eingeschnürt. Besonders die inneren Hüllblätter sind durch Haare meist rußig-schwärzlich. Charakteristisch sind die an der Spitze braun-violetten Staubblätter, die dem Köpfchen ein gesprenkeltes Aussehen verleihen. Die abgeblühten, welken Zungenblüten aus den zusammengefallenen Hüllblättern ragen wie ein „Ziegenbart“ aus der ehemaligen Blüte. Dies gab der Pflanze ihren Namen.

Die (inklusive Schnabel) 15 bis 25 mm langen, randlich glatten Achänen des Wiesen-Bocksbarts sind lang geschnäbelt. Der fedrige Pappus daran dient als Flugorgan und verleiht der aussamenden Pflanze das für viele Korbblütler typische „Pusteblumen“-Aussehen.

Die Chromosomenzahl beträgt für drei in Mitteleuropa vorkommenden Unterarten (Tragopogon pratensis subsp. pratensis, subsp. minor und subsp. orientalis) 2n = 12.

Ökologie

Der Wiesen-Bocksbart ist eine hapaxanthe Halbrosettenpflanze, eine meist zweijährige, seltener einjährig überwinternd oder ausdauernd (dann eventuell als Rhizom-Geophyt). Er besitzt eine tiefreichende Pfahlwurzel und trägt Milchsaft.

Seine Blüten sind „Körbchenblumen vom Leontodon-Typ“. Sie sind nur vormittags und nur bei schönem Wetter geöffnet. Beim Östlichen Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis subsp. orientalis) sind die Blüten bis 11 Uhr geöffnet, beim Gewöhnlichen Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis subsp. pratensis) bis 14 Uhr. Sie werden vor allem von Käfern und Fliegen bestäubt.

Je Körbchen sind 20 bis 50 Einzelblüten vorhanden. Die Kronröhre der randständigen Blüten ist 6 bis 7 mm lang, die der mittleren 5 mm lang. Als Bestäuber kommen Bienen, Schmetterlinge und Hummelschweber in Frage. Spontane Selbstbestäubung wird dadurch möglich, dass sich die beiden Narbenäste zuletzt spiralig umkrümmen und dabei die Fegehaare berühren, an denen noch Pollen haften können. Die Früchte sind Achänen mit bis zu 4 cm breiten „Fallschirmen“. Sie verbreiten sich als Schirmchenflieger. Der Schirm ist oben durch Verwebung der Pappushaare besonders dicht. Auch eine Ausbreitung als Wasserhafter und als Kletthafter ist möglich, da die fünf Haupt-Pappusstrahlen rau sind. Da der Schirm leicht abbricht, ist auch eine Zufallsverbreitung möglich.

Gallbildungen werden durch Aulax tragopogonis und eine Diplosinarum-Art hervorgerufen.

Vorkommen

Namensgebendes Aussehen im abgeblühten Zustand
Fruchtstand
Fruchtstand

Die auch kurz Bocksbart (von mittelhochdeutsch bockes bart und lateinisch Barba hircina) genannte Art ist in Europa heimisch, kommt bis in den Ural vor, fehlt jedoch in Nordeuropa weitgehend. Ihre ursprünglichen Vorkommen in Asien liegen in der Türkei, in Kasachstan, in Sibirien und in der Mongolei. In Nordamerika, in Neuseeland, in Argentinien und auf Hispaniola ist der Wiesen-Bocksbart ein Neophyt.

Man findet den Wiesen-Bocksbart verbreitet in Fettwiesen, seltener auch in wegbegleitenden Unkrautfluren und Brachen. Er gedeiht meist auf frischen, nährstoff- und basenreichen, mittel- bis tiefgründigen Böden. „Staunässe meidet er, liebt aber Sommerwärme“. Nach Ellenberg ist er eine Halblichtpflanze, ein Schwachsäure- bis Schwachbasenzeiger und eine Verbandscharakterart der Glatthaferwiesen aus dem Verband Arrhenatherion. Die Unterart Tragopogon pratensis subsp. orientalis steigt in den Allgäuer Alpen im Tiroler Teil an der Rotwand bis zu einer Höhenlage von 2000 Metern auf. Tragopogon pratensis erreicht im Oberengadin 2200 Meter und kam im Berninagebiet bis 2309 Meter vor.

Östlicher Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis subsp. orientalis)

Systematik

Die Erstveröffentlichung von Tragopogon pratense erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus II, Seite 789. Das Artepitheton prtensis, das "auf Wiesen" bedeutet hatte Linné von Caspar Bauhins Pinax (1623) übernommen.

Zu Tragopogon pratense gehören mehrere Sippen. Diese werden je nach Autor als Unterarten oder als eigene Kleinarten aufgefasst.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz für diese Unterart: Feuchtezahl F = 2+w (frisch aber mäßig wechselnd), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3+ (unter-montan und ober-kollin), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).

Verwendung

Der Wiesen-Bocksbart ist in allen Teilen essbar. Der grüne Teil der jungen Pflanze liefert ein Gemüse, das an Spargel erinnert. Die Wurzel kann ähnlich wie Schwarzwurzel zubereitet werden. Die Blätter lassen sich roh oder gekocht verwenden. In der Türkei ist er als Yemlik bekannt, er wird dort gerne im Frühjahr gesammelt und entweder roh in Salz getunkt, als Salat oder gekocht gegessen.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Tragopogon pratensis L., s. str. (Wiesen-Bocksbart (i. e. S.)) auf FloraWeb.de
  2. 1 2 3 4 5 Gunter Steinbach (Hrsg.), Bruno P. Kremer et al.: Wildblumen. Erkennen & bestimmen. Mosaik, München 2001, ISBN 3-576-11456-4, S. 70.
  3. 1 2 Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. Unter Mitarbeit von Angelika Schwabe und Theo Müller. 8., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2001, ISBN 3-8001-3131-5, S. 983–984.
  4. 1 2 3 4 Gerhard Wagenitz et al.: Familie Compositae II. In Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. 2. Auflage Band VI, Teil 3, Seite 1048–1053. Verlag Paul Parey, Berlin, Hamburg 1987, ISBN 3-489-86020-9.
  5. ↑ Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 161.
  6. 1 2 Tragopogon im Germplasm Resources Information Network (GRIN), USDA, ARS, National Genetic Resources Program. National Germplasm Resources Laboratory, Beltsville, Maryland. Abgerufen am 15. April 2018.
  7. ↑ Erhard Dörr, Wolfgang Lippert: Flora des Allgäus und seiner Umgebung. Band 2, IHW, Eching 2004, ISBN 3-930167-61-1, S. 666.
  8. ↑ Schmeil-Fitschen, FloraWeb
  9. ↑ Manfred A. Fischer, Wolfgang Adler, Karl Oswald: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 2., verbesserte und erweiterte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2005, ISBN 3-85474-140-5.
  10. 1 2 3 4 5 6 Werner Greuter (2006+): Compositae (pro parte majore). In: W. Greuter, E. von Raab-Straube (Hrsg.): Compositae. Datenblatt Tragopogon pratensis In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity.
  11. 1 2 Eckhard von Raab-Straube: Asteraceae. In: Schmeil-Fitschen: Die Flora Deutschlands und angrenzender Länder. 98. Auflage. Verlag Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2024. ISBN 978-3-494-01943-7. S. 830.
  12. 1 2 3 Tragopogon pratensis L. In: Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora. Abgerufen am 29. Juli 2026.
  13. ↑ Wolfgang Bomble: Tragopogon – Bocksbart (Asteraceae) in Nordrhein-Westfalen. Jahrbuch des Bochumer Botanischen Vereins. Bd. 4, 2013, S. 262–269 (PDF 1,6 MB)
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