Windmühlen ist der Titel einer 1960 erschienenen Erzählung von Arno Schmidt, die von der Begegnung mit einem Bademeister in einem Niedersachsendorf handelt.
Ort der Handlung ist das fiktive Niedersachsendorf Frimmersen und v. a. das dortige Schwimmbad. Zwei Männer, der Erzähler und sein Freund Richard, unterbrechen ihre Autofahrt, um dem dortigen Bademeister, Fritz Bartels, einen Brief zu überbringen. Der beobachtet vom erhöhten Bademeisterhaus her das besonnte erotische Gewimmel im Schwimmbad, neben ihm steht mit seinem Fernglas Eugen, der „Gestreifte“, ein Homosexueller, wie seine Anspielungen vermuten lassen. Während des nachlässig-entspannten Geplauders der vier Männer erzählt der „Gestreifte“ von seinen jüngsten Italien-Erlebnissen, dann, nachdem der Bademeister den Brief gelesen hat, berichtet dieser verzweifelt, dass er für vier Wochen nach Urningsleben abgeordnet sei, um den dortigen Bademeister zu vertreten. Er schildert seine Erlebnisse dort im vorigen Jahr, wo Einsamkeit, schlechte Unterkunft, skurrile Wirtshausgäste und vor allem sechs auf hohen Pfählen stehende, in ständiger Bewegung begriffene Windmühlenmodelle ihn derart aufgeregt hätten, dass er sie mit Hilfe zweier junger Paddler in den Badeteich geworfen, sie anschließend jedoch reuig wieder herausgeholt und an ihrem alten Standort festgenagelt habe. Nach diesem Bericht verlassen die zwei Besucher das Schwimmbad und setzen ihre Fahrt fort.
Längere Zeit wurde die Erzählung als eine realistische Wirklichkeitsschilderung aufgefasst. Heinrich Vormweg schrieb noch 1989 von der „Alltagswirklichkeit“, „die in Schmidts Nachzeichnung fast erschreckend plastisch wird. Und in ihrer realen Isoliertheit wird sie zum Exempel gleichsam orientierungslosen, um so unmittelbarer sich aufdrängenden Lebens.“ Hans Wollschläger hat die Erzählung 1962 als „einziges Stück von Rang, von großer Souveränität über die kleine Form“ innerhalb einer Prosasammlung bezeichnet. Alfred Andersch nennt sie „ein absolutes Meister- und Artistenstück“.
In einem Aufsatz von Ulrich Goerdten wurde die Mehrschichtigkeit und Bedeutungsvielfalt der Erzählung erstmals beschrieben. Im Untertitel dieses Aufsatzes wurde auf die Verwendung von Traumstrukturen in der Erzählung hingewiesen: Arno Schmidts Erzählung Windmühlen als Traumtext gelesen. In dem 2011 erschienenen Goerdtenschen Sammelband (siehe Literaturnachweise) erhält diese, damals nur vermutete, Traumstruktur eine Bestätigung durch die Mitteilung aus einem Brief Hans Wollschlägers an Goerdten, in dem bestätigt wird, dass die Urningsleben-Episode in Windmühlen ein echter Traum Arno Schmidts gewesen ist. Ralf Georg Czapla hat diese Interpretation um mythologische und historische Aspekte erweitert, indem er den Barbarossa- und Kyffhäuser-Mythos als Bezugshintergrund der Erzählung dargestellt hat. Thomas Baukes betrachtet eingehend das Augen-Motiv und seine Erscheinungen in der Erzählung und stellt eine Verbindung her zwischen Schmidts Text und Edgar Allan Poes Erzählung The Tell-Tale Heart. Gregor Strick folgt in seiner Interpretation einer Bemerkung Helmut Heißenbüttels, der in Windmühlen keine herkömmliche erzählerische, sondern eine sprachassoziative Dynamik wahrnimmt. Windmühlen sei ein fiktionaler Text über das Wahrnehmen, das Signalisieren und das Verstehen, ein Experiment, das elementare literarische Bedingtheiten reflektiere.
Ralf Georg Czapla, dessen Interpretation sich den Nachweis historischer und mythologischer Strukturen und Motive zum Ziel gesetzt hat, sieht in der Erzählung eine literarische Umsetzung des Barbarossa- und Kyffhäuser-Mythos: „Bei Schmidt wird der Kyffhäuser-Mythos durch die Konfrontation mit der Psychoanalyse insofern umgedeutet, als sich die mythischen Elemente mit denen des Traumes verbinden und Teil einer Sexualanthropologie werden, in die Literatur und Historie gleichermaßen miteinbezogen werden.“
Hauptthema der Erzählung ist männliche Homosexualität. Das wurde zwei Jahrzehnte lang nicht erkannt, weil Schmidt den zu seiner Zeit noch heiklen Gegenstand mit den Mitteln der Traumarbeit verhüllt und verharmlost hatte. Klar erkennbar erscheint das Thema in dem Ortsnamen „Urningsleben“, den man ins geläufige Deutsch mit „Schwulenhausen“ übersetzen kann. Personifiziert erscheint die Homosexualität in der Figur des Badegastes Eugen, der eine brokatene Badehose und einen fußlangen schwarz-gelb gestreiften Bademantel mit Drachenmotiv trägt. Ein weiteres Thema, zum Ort der Handlung, dem Schwimmbad, passend, ist der Voyeurismus, ein Verhalten, das durch den homosexuellen Badegast „Eugen“ besonders deutlich dargestellt wird. Er betrachtet die fleischlichen Angebote des Schwimmbads durch ein Fernglas, das auch der Erzähler sich ausleiht. „Eugen“ mit seiner klanglichen Nähe zu „Augen“ und „äugen“ ist ein Element des Augen-Themas, dessen vielfältige Erscheinungen Thomas Baukes im Text der Erzählung nachgewiesen hat. Die gesamte Szenerie in „Urningsleben“ erweist sich, wie Goerdten nachgewiesen hat, als Genitallandschaft, in der die phallischen Windmühlen das zentrale Motiv bilden. Des Bademeisters Verwirrung, in die er durch die ständig sich drehenden Flügel von sechs Windmühlenmodellen getrieben wird, ist Ausdruck der in ihm wirksamen unbewussten und verdrängten gleichgeschlechtlichen Anteile, die durch den stimulierenden Anblick aus ihrer Latenz erweckt werden und Widerstand und Abwehr mobilisieren. Seine innere Bedrängnis gipfelt in einem Traum von „Jabos“ (Jagdbombern), die im Kreise fliegen und auf ihn schießen.
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