Geboren als Judith Cohen, wuchs sie in Chicago in einer Familie mit stark jüdisch-amerikanischer Tradition auf, wurde von ihren gewerkschaftlich engagierten Eltern jedoch weltlich erzogen. Ihre Abschlüsse als Bachelor of Arts und Master of Arts machte sie an der University of California in Los Angeles in den Fächern Malerei und Skulptur. Ab 1970 nahm sie ihr Pseudonym Chicago an. Momentan ist sie als künstlerische Leiterin der Flower tätig, einer Non-Profit-Kunstorganisation, die sie 1978 in Zusammenhang mit ihrer künstlerischen Arbeit gründete.
1971 gründete Judy Chicago gemeinsam mit Miriam Schapiro das Feminist Art Program für das California Institute of the Arts (CalArts). Sie waren die Organisatorinnen einer der ersten feministischen Kunstausstellungen, Womanhouse, vom 30. Januar bis 28. Februar 1972, konzipiert von Paula Harper. Im Zentrum der Ausstellung stand, als Parodie der gesellschaftlichen Stereotype, die Hausarbeit von Frauen. Die Einnahmen aus dem Verkauf diverser Kunstwerke flossen in ein feministisches Kunstprogramm. Die Ausstellung bestand aus Installationen und einer Performance in einem 17-räumigen verlassenen Haus in Hollywood. Im Prozess des Kunst-Schaffens wurden Schlüsselkonzepte des Feminismus wie Zusammenarbeit und Bewusstmachung umgesetzt. Ziel der Ausstellerinnen war es, aktiv Kunst zu fördern, die weibliche Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt.
International bekannt wurde Judy Chicago mit ihrer Arbeit The Dinner Party, an der hunderte Freiwillige beteiligt waren. Das in Büchern gut dokumentierte Werk ist seit 2007 im Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art im Brooklyn Museum in New York untergebracht. Der Hauptteil, eine Hommage an die Geschichte der Frauen, besteht aus 39 Tellern auf einem dreieckigen Tisch. Jeder Teller ist, in Anlehnung an die vielfältigen anatomischen Variationen einer Vulva und ihrer poetischen Umschreibung als Blume, passend zum charakteristischen kulturellen Beitrag oder Erkennungszeichen der Eingeladenen gestaltet. Die 39 Sitzplätze an diesem fiktiven Dinner der mythischen und der geschichtlich realen Frauen sind den drei Seiten thematisch zugeordnet:
Die 1. Seite mit einer Reihe der Göttinnen der Prähistorie, bis zu Hypatia in der Zeit des römischen Imperiums, veranschaulicht die Vorläufer und das Aufscheinen der Antike bis zu ihrer Auflösung.
Die 2. Seite mit der Reihe von Marcella (325–410), einer Heiligen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche, bis zu Anna Maria von Schürmann (1607–1678), veranschaulicht den Einfluss des Christentums bis zur Reformation.
Das Birth Project 1980–1985 führte über die ganze USA ein Netzwerk von ausgebildeten Textilarbeiterinnen zusammen. Sie schuf als Teil des Projektes das Cover-Artwork für die SingleWhat Lies Ahead des Albumso\i von Peter Gabriel. Birth Tear / Tear zeigt die Schmerzen der Geburt. Gabriels Ansicht nach wird kein Mann jemals wirklich verstehen können, was das bedeutet. Die Geburt einer Idee hätte jedoch viele jedoch weniger schmerzhafte Parallelen. Er freut sich, dass Chicago der Verwendung ihres Werks gestattet hat. Judy Chicago beschäftigte von 1980 bis 1985 über 150 Mitarbeiter, die an ihren Entwürfen arbeiteten, die sich alle mit dem Thema Geburt befassten, da sie der Meinung war, dass die westliche Kultur die Geburt nicht wirklich als eigenständiges Thema behandelt hatte. Das hier verwendete besondere Design wurde von Jane Thompson in Houston, Texas, gestickt und laut Gabriel ein wirklich beeindruckendes Werk. Es gäbe ein wunderbares Zitat von Judy Chicago, in dem sie sagt, dass „truth can be found in the ignored, the forgotten, and the left out“ (= „die Wahrheit in dem zu finden ist, was ignoriert, vergessen und ausgelassen wird“). Das erinnerte Gabriel ein wenig an ein Zitat von Gaetano Pesce: „that beauty in the future will lie in the imperfection“ (= „Die Schönheit der Zukunft wird in der Unvollkommenheit liegen“). Gabriel bezieht das insbesondere auf die Welt der künstlichen Intelligenz und Robotik, in die wir gerade eintreten. Ihm scheint es, als würde sich unsere Gesellschaft von offenem Denken entfernen. Auch die kreativen Künste und Universitäten waren bisher Orte, an denen Ideen erforscht und Debatten geführt wurden. Gabriel hasst die Bestrebungen, all das zu unterbinden.
In dem Holocaust Project 1993 wurde der deutsche Völkermord an den Juden mit der universalen Erfahrung der Verletzlichkeit menschlicher Wesen in Verbindung gebracht. Resolutions von 1994 kehrte thematisch zum Feminismus zurück.
Nach 1998 gestaltete die Künstlerin unter dem Titel Voices from the Song of Songs sechs Illustrationen zur Erotik im Hohenlied der Bibel. Symmetrie und Ausgewogenheit in den Darstellungen stehen für die Ausgewogenheit der sexuellen Lust von Frau und Mann.
Bücher
Through the Flower: My Struggle as a Woman Artist (1975)
The Dinner Party: A Symbol of Our Heritage (1979)
Embroidering Our Heritage: The Dinner Party Needlework (1980)
The Birth Project (1985)
Holocaust Project: From Darkness into Light (1993)
The Dinner Party (1996)
Beyond the Flower: The Autobiography of a Feminist Artist (1996)
Fragments from the Delta of Venus (2004)
Kitty City: A Feline Book of Hours (2005)
Rezeption
2017 führte die deutsche ChoreografinSasha Waltz im Rahmen des Festivals Tanz im August ihr Tanzstück Women in der Elisabethkirche in Berlin auf. Waltz berief sich mit diesem Werk auf die Installation The Dinner Party. Von der Kritik wurde das Tanzstück als sehr blutig empfunden, während The Dinner Party „eine exquisit eingedeckte Tafelrunde für die historische Prominenz von Sappho bis Virginia Woolf“ sei, „unbelebt“ und deshalb Nahrung „für die Fantasie der Betrachterin“.
Die erste Überblicksausstellung von Judy Chicago in Deutschland fand 2025 unter dem Titel Judy Chicago: Revelations in der Kunsthalle Recklinghausen statt. Das Ausstellungsprojekt war eine Kooperation der Kunsthalle mit der Londoner Serpentine Gallery, wo die mehr als 160 Werke im Jahr zuvor zu sehen waren.
Judy Chicago. Treffen in London mit der Künstlerin. In: Wolfgang Mielke (Hrsg.): Perinique. Magazin Weltkulturerbe. Nr.16. Perinique, Mai 2013, ISSN1869-9952, DNB1000901297, ZDB-ID2544795-6 (78-seitiges Schwerpunktheft).
↑Theresa Dann:Judy Chicago. In: Gabriele Schor (Hrsg.): Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er-Jahre. Prestel, München / London / New York 2016, S.494.
↑Thomas Schrage:Peter Gabriel – o\i: Intro.Nach nur drei Jahren veröffentlicht Peter Gabriel wieder ein neues Album. o\i wird ebenfalls über 12 Vollmonde hinweg erscheinen. Wir begleiten den Reigen erneut.Deutscher Genesis Fanclub 'it' / Genesis News Com - Christian Gerhardts,2.Januar 2026,abgerufen am 3.März 2026(deutsch).
↑Real World Holdings Ltd.:Peter Gabriel - What Lies Ahead.New song released for the full moon.In:mailchi.mp.Mailchimp,2.März 2026,abgerufen am 3.März 2026(britisches Englisch,Newsletter vom 2. März 2026).
12Dorion Weickmann: Eine Frauensache. Geschichtsbewusste Choreografinnen dominieren die zweite Hälfte des Berliner Festivals Tanz im August. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 201, 21. September 2017, S. 13.
↑Ulrike Knöfel:(S+) Künstlerin Judy Chicago: Durchbruch der Feuerwerks-Feministin in Deutschland. In: Der Spiegel. 5.Mai 2025, ISSN2195-1349 (spiegel.de[abgerufen am 11.August 2025]).