Zerocalcare (,null Kalk‘, Anspielung auf eine Entkalker-Werbung, Künstlername von Michele Rech; * 12. Dezember 1983 in Cortona, Italien) ist ein italienischer Comiczeichner, Comicautor und Blogger.
Zerocalcare ist 2018 einer der bekanntesten und bestverkauften zeitgenössische Comiczeichner Italiens und wurde seit 2011 breiten Kreisen durch seine autobiografischen Alltagsgeschichten bekannt.
1983 in Cortona geboren, lebte Zerocalcare zunächst in Frankreich, dem Herkunftsland seiner Mutter. Auf dem Pass französischer Staatsbürger, zog er als Kind nach Rom. Er lebt seither am nordöstlichen Rand von Rom im Stadtteil Rebibbia, dessen großes Gefängnis sowie Mammutfunde aus den 80er Jahren Zerocalcare in mehreren Werken literarisch und zeichnerisch aufgenommen hat.
Zerocalcare besuchte in Rom die französische Schule Lycée Chateaubriand di Roma und machte dort die Matura. Ein Sprachstudium brach er nach vier Monaten ab, eine 1 ½ Jahre besuchte Comicschule sieht er kritisch. Zerocalcare erzielte sein Einkommen mit befristeten Hilfsjobs, insbesondere dem Erteilen von Nachhilfe und französisch-italienischen Übersetzungsarbeiten im Bereich Jagd und Fischerei. Seit Februar 2015 lebt er ausschließlich vom Zeichnen.
Mit Comics aller Art befasst sich Zerocalcare seit seiner Kindheit intensiv.
Witzig, ironisch oder sarkastisch erzählt Zerocalcare in Blog und Büchern sein eigenes Leben zwischen Medienkonsum und Widerstand gegen die Globalisierung, unsicheren Arbeits-, Lebens- und Zukunftsverhältnissen und Solidarität und kreativem Erfolg.
Während er von den Medien immer wieder als typischer Vertreter der 80er und 90er Jahre bezeichnet wird, distanziert er sich davon und erklärt sich den Erfolg seiner Geschichten so:
„Ich erzähle meine Schwächen: Es macht mir Spaß, sie zu zeichnen, und ich denke, den Leuten macht es Spaß, sie zu lesen. Vielleicht sind diese Schwächen ein bisschen die Schwächen von allen, die Leute erkennen sich darin wieder.“ Er sei der erste, der in Italien autobiografisch seinen unglamurösen Alltag in Comicform erzähle, mit dieser Menschlichkeit und dem darin ausgedrückten Gefühl der Unsicherheit würden sich Leserinnen und Leser seiner Generation identifizieren.
Auf Deutsch sind von Zerocalcare Kobane Calling, eine politische Comic-Reportage über die zu diesem Zeitpunkt vom IS bedrohten kurdischen Gebiete an der türkisch-syrischen Grenze, sowie Vergiss meinen Namen über das Erwachsenwerden erhältlich. Teile seines Werkes wurden auch ins Französische, Spanische und Englische übersetzt.
Zerocalcares bisherige Comics aus der Zeit 2003 bis 2018 lassen sich in drei Bereiche einteilen:
Zwischen 2011 und 2014 veröffentlichte Zerocalcare regelmäßig, ab 2015 gelegentlich autobiografische Comic-Kurzgeschichten auf seinem Blog. Leicht erweitert erschienen diese gezeichneten Kurzgeschichten später auch in Buchform:
Zerocalcare bringt in seinen Comics zwar die italienische, häufig bittere Realität der jungen, auch gut ausgebildeten Generation ohne sichere Arbeit zu Papier. Aufgrund seiner zutiefst menschlichen Erzählweise lassen sich die Comics aber auch ohne Kenntnis der italienischen Zusammenhänge lachend und mit großem Genuss lesen.
Aus banalsten, bestens bekannten Alltagssituationen entwickelt er großartige, fantastische Geschichten: beispielsweise aus dem Problem, aus dem warmen Bett durch den kalten Korridor in die Dusche zu kommen, oder wie er durch eine belanglose Erzählung am Nachbartisch so abgelenkt wird, dass er die wichtigste Mitteilung seines besten Freundes verpasst. Zerocalcare tritt in den Comics als Erzähler auf, sich zur Seite stellt er personifiziert sein Gewissen, gezeichnet als Gürteltier, auf Italienisch Armadillo genannt. Auf diese Art stellt er den inneren Dialog mit sich selbst witzig und abwechslungsreich bildnerisch und textlich dar. Auch andere Gemüts- und Gefühlszustände treten als gezeichnete Figuren auf. Die anderen Personen, häufig Freunde und Familie, zeichnet er anonymisiert und mit viel Humor als bekannte Personen aus Filmen oder Comics.
Ab 2019 verfasst Zerocalcare erste Alltagsgeschichten in Form von animierten Kurzfilmen, in denen die schon bekannten, aber auch neue Figuren in rasantem Römer Dialekt sprechen. Während der COVID-19-Pandemie 2020 sendet der italienische Privatsender La7 die Fortsetzungen in der populären Sendung Propaganda Live.
Der Durchbruch in weiteren Kreisen erfolgte 2011 mit seinem ersten gedruckten Buch, La profezia dell'armadillo, in Eigenproduktion erschienen vom Comiczeichner Makkox. Die weiteren Bücher verlegte der italienische Verlag Bao Publishing.
Die drei Bücher La profezia dell'armadillo, Un polpo alla gola und Dimentica il mio nome können heute als autobiografischer Zyklus gelten, in dem Zerocalcare sein Leben und das seiner Familie mit einer Mischung aus autobiografischen Erlebnissen und Fiktion darstellt.
Zerocalcare sieht seine politischen Werke immer als Ergebnis eines Kollektivs. Nach gemeinsamen Ueberlegungen und Entscheidungen in der Gruppe bringe er dann als letztes Glied in der Kette das Ergebnis aufs Papier.
„Politische Werke müssen meiner Meinung nach gemeinsam angegangen und erzählt werden, sie müssen das Ergebnis eines Kollektives sein. Ich denke nicht, dass ein einzelner eines Morgens erwachen und sich zum Sprecher des Volkes machen kann. Wenn dahinter eine Gemeinschaft, eine Versammlung ist, die entscheidet (…) bin ich gerne das letzte Glied in der Kette. So verstanden ist die Erzählung von Kobane „meine“. So fühle ich mich dazu legitimiert, davon zu sprechen. (…) Ich bin mit einer Gruppe von Personen vor Ort gegangen, mit dieser Gruppe habe ich mich auseinandergesetzt, wir haben es gemeinsam durchdacht und geschrieben. So ist es zwar einerseits meine persönliche Erfahrung, andererseits eine gemeinsame Reflexion.“
Als Teenager begann Zerocalcare, autonome Zentren (auf Italienisch Centri sociali) zu besuchen und bezeichnet sie noch als 30-Jähriger als seine Familie. 16- bzw. 17-jährig zeichnete er erste Plakate für Hardcore-Punk-Konzerte in den autonomen Zentren. Als „straight edge“-Punk trinke er keinen Alkohol, rauche nicht und nehme keine Drogen. Seine Kunst bezeichnete Zerocalcare 2008 als Punk-„do-it-yourself“- Kunst: Da er nicht habe Musik machen können, mache er Zeichnungen für Konzert-Plakate, CD-Hüllen und Zeitschriften (sog. Fanzine). Er publizierte Zeichnungen in autonomen oder sich dem Underground widmenden Zeitschriften, auf Kulturseiten und im Web.
Die Ereignisse des G8-Gipfels in Genua im Juli 2001 mit den schweren Auseinandersetzungen zwischen Globalisierungskritikern und den italienischen Ordnungskräften waren für den damals 17-Jährigen prägend.
In Genua wurden unter der Verantwortung des damaligen Regierungschefs Silvio Berlusconi Hunderte von Menschen verletzt, viele Demonstranten von der Polizei misshandelt und der 23-jährige Carlo Giuliani von einem Polizisten erschossen. Während die Ordnungskräfte – auch die leitenden Beamten – aufgrund von Gesetzeslücken trotz nachgewiesener Menschenrechtsverletzungen nur milde verurteilt wurden resp. zahlreiche Verfahren bis 2010 verjähren konnten, wurden 2009 zehn Demonstranten zu teils langen Haftstrafen (wegen Sachbeschädigung und Plünderung) verurteilt. 2015 verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Italien für die missbrauchte Staatsgewalt einstimmig, bezeichnete den Polizeieinsatz im Fall Diaz als Folter und rügte Italien für die Gesetzeslücke, dass Ordnungskräfte wegen Folter nicht belangt werden können. Nach jahrelangem Seilziehen verabschiedete das italienische Parlament 2017 eine Gesetzesänderung, wonach Folter ein Strafdelikt ist. Menschenrechtsgruppierungen kritisieren jedoch, dass das Gesetz die Erwartungen und insbesondere die Anforderungen der UNO nicht erfülle.
Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Rassismus sowie missbrauchende Staatsgewalt thematisiert Zerocalcare immer wieder, zum Beispiel in seinem Comic La nostra storia alla sbarra 2003 über die Ereignisse des G8-Gipfels in Genua 2001 oder in dem er sich 2015 gegen die Vereinnahmung durch den rechten Lega-Politiker Salvini anlässlich der weitreichenden Korruptionsvorfälle „Roma Capitale“ in der Kampagne „MaiconSalvini“ engagierte.
Zerocalcare engagiert sich in der Hausbesetzer-Szene, wo er die Erfahrungen mache, dass sich Gesellschaft, Kultur, Lebensformen und Handel ändern lassen. Seine Identifikation mit der sich teilweise außergesetzlich bewegenden Szene der Autonomen Zentren und Hausbesetzer ist groß. So lehnt Zerocalcare angebotene regelmäßige Zusammenarbeit auch mit linken Tageszeitungen ab, da sich ein gleichzeitig erscheinender Leitartikel gegen seine Überzeugungen richten könnte. Auch linke Parteien dürfen seine Person und seine Zeichnungen nicht für politische Werbung nutzen. Sein großer Erfolg als Comiczeichner nimmt Zerocalcare deshalb auch als Widerspruch zwischen seinen moralischen Ansprüchen und dem Erzielen eines Einkommens wahr.
Große Aufmerksamkeit bekommt Zerocalcare ab 2015 in Italien für sein Engagement für die Kurden. Mit einer Gruppe Römer Linksautonomer besuchte der Comiczeichner die kurdische Region an der türkisch-syrischen Grenze, die drei Reisen in den Jahren 2014 und 2015 führten insbesondere in das kurdische Autonomiegebiet Rojava. Die Gruppe wollte den Fokus nicht nur auf den Krieg legen, sondern vor allem auf den kaum erzählten kurdischen Alltag. „Die tragende Rolle der Frauen, die gerechte Verteilung der Einkommen, das friedliche Zusammenleben zwischen Kultur und Religion: es schien uns, dass diese Revolution (in Rojava) unsere Sprache spricht. Es ist wichtig, sie zu unterstützen, und wir wollten hinzugehen, um etwas von ihnen zu lernen.“ Die Erfahrungen der Gruppe verarbeitet Zerocalcare im Comic Kobane Calling. Die Comicreportage steht in Italien mehrere Wochen lang weit vorne in der Bestsellerliste. Über die deutsche Übersetzung zieht Platthaus, Redaktor bei der konservativen Faz, über den linksautonomen Zerocalcare das Fazit: "Ob man seine politischen Urteile teilt, tut nichts zur Sache. Was er an Detailbeobachtungen aus einem gnadenlosen Krieg und einem jahrzehntelang anhaltenden Freiheitskampf zu bieten hat, ist von erschütternder Intensität."
Ende September 2025/Anfang Oktober 2025 nahm er an der globalen Sumud-Flottille vor Gaza teil.
Zerocalcare hat für seine Werke folgende Preise erhalten:
2015 wurde Zerocalcare mit Dimentica il mio nome für den Literaturpreis Premio Strega nominiert.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Zerocalcare |
| ALTERNATIVNAMEN | Rech, Michele (wirklicher Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Comiczeichner, -autor und Blogger |
| GEBURTSDATUM | 12. Dezember 1983 |
| GEBURTSORT | Cortona, Italien |