Zunge zeigen

Zunge zeigen ist ein dreiteiliges Buchkunstwerk von Günter Grass, das den etwa halbjährigen Aufenthalt in Calcutta reflektiert, den er mit seiner Frau Ute 1986/87 hauptsächlich in der westbengalischen Metropole verbracht hat.

Entstehungszusammenhänge

Bereits während seiner Indienreise 1975 hatte Grass kurzzeitig auch in Calcutta geweilt und erste, nachhaltige Eindrücke vom dortigen Elend mitgenommen, die auch bereits in den Butt und in Die Rättin eingeflossen waren. Angesichts des vorwiegend negativen Medienwirbels um diesen mit Untergangsvisionen verbundenen Roman, der ihm nach eigenem Bekunden zusetzte, sahen viele Grass‘ überraschende Abreise als Flucht. Für Günther Rüther dagegen ergriff Grass damit eher den Stier bei den Hörnern, „um seiner Welt der Düsternis ein weiteres Kapitel anzufügen.“

Je mehr sich Grass mit den Problemen zwischen Erster und Dritter Welt beschäftigte, so Volker Neuhaus, desto mehr wurde ihm Calcutta zur „Welthauptstadt“, wo die weltweiten Gegensätze aufeinander stießen: „Hütten vor Palästen, Slums vor der Tür“. Grass selbst äußerte sich dazu in einem Newsweek-Interview: „Was hatten wir in Calcutta zu suchen? Was zog mich dahin? Die Rättin und den Überdruß an deutschen Schlachtfesten im Rücken, zeichnete ich Müllberge, Straßenschläfer, die Göttin Kali, wie sie aus Scham die Zunge zeigt, sah Krähen auf gehäuften Kokosschalen, den Abglanz des Empire in grün überwucherten Ruinen und fand, so namentlich alles zum Himmel stank, vorerst keine Worte.“

Gestaltungsmerkmale

Der erste der drei Teile des Gesamtwerks unter der Überschrift „Im Norden Calcuttas“ besteht aus tagebuchartigen Aufzeichnungen in loser Folge und jeweils ohne Datumsangabe. Die annähernd 100 Seiten sind nicht untergliedert; der Darstellungsfluss des Prosatextes enthält lediglich Absätze.

Beim zweiten Teil des Werkes unter dem Titel „Kali Pujah ist angesagt“ handelt es sich um fünfzehn mit Tintenfischtinte angefertigte Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Rüther führt dazu aus: „Vier Doppelseiten führen in das Thema ein, drei schließen es ab. Im Mittelteil trennen sie das Tagebuch von dem zwölfteiligen Gedichtzyklus Zunge zeigen, der dem Buch den Namen gibt. Die Darstellungen zeigen Menschen in bitterer Not, in Schrecken und Angst. Sie erinnern zum Teil an den Holocaust. Sie werden mit Texten überschrieben, kommentiert, teilweise dominieren sie das Bild. Die Handschrift ist nur fragmentarisch lesbar.“

Der dritte Teil besteht aus besagtem Langgedicht Zunge zeigen. Laut Volker Neuhaus werden darin Teile des Prosatextes verknappt und verdichtet. Dergestalt setzt Grass sein Vorhaben um, „eine ganz neue, alle meine Möglichkeiten versammelnde Form“ zu erproben.

Inhaltliche Akzente

Zu den häufiger thematisierten Aspekten des Calcutta-Aufenthalts von Grass und seiner Frau Ute gehören nicht nur die vielfältige Wahrnehmung und zeichnerische Erfassung menschlichen Elends, sondern auch zwischenmenschliche Begegnungen und die Auseinandersetzung mit religiösen und kulturellen Erscheinungsformen im Alltag der Metropole. Zudem geht Grass häufiger auch auf das eigene Erleben und das seiner Frau in diesem ungewohnten Milieu ein.

Elendsbeobachtungen

Für die eigene Annäherung an den Elendsalltag in Calcutta gab sich Grass diesen Auftrag: „Dicht herangehen an die Slumhütten. Wie Fremdes vertraut wird und fremd bleibt. Das Kunstgeschwätz vergessen. Mit breitem Pinsel, mit dünn auszeichnender Feder, mit bröckelnder Kohle Verfall verdichten.“ Im Westen der Stadt suchen Grass und seine Frau, von einem Milieukenner geführt, den Slum Behala Manton auf. „Auf engem Raum – es mögen sechzig mal zweihundert Meter sein – leben dort mehr als sechstausend Menschen, darunter, hören wir, viertausend Kinder; und in den Stallungen, die mehr Raum als die Hütten, Buden, Verschläge bieten, stehen rund hundert schwarze Milchkühe, von Fliegenschwärmen bewohnt. Das Slumgelände und die Kühe gehören einem Mann, der außerhalb Calcuttas lebt und zwischen fünfzig und hundert Rupien Monatsmiete pro Raum eintreibt, wobei die meisten Räume kaum zehn Quadratmeter messen. Die Durchlässe zwischen den Hüttenzeilen sind knapp einen halben Meter breit und führen offene Abflußrinnen, die an der rechten Längsseite des Slums in einen Kanal münden, den träge fließender Kloakensud füllt. Nur eine Wasserpumpe sehe ich; doch soll es bei den Kühen noch eine zweite geben.“ Die Besucher werden freundlich hereingebeten und treffen in jedem Verschlag sechs oder sieben Personen an. Das Bett für alle steht wegen der Überschwemmungsgefahr zur Monsunzeit erhöht auf Ziegelsteinen. „Alles ist betont sauber, der gestampfte Lehmboden gefegt, die Kopfkissen auf dem Familienbett, fünf oder sieben an der Zahl, liegen nebeneinander. Und immer sind Gottheiten in bunten Bildchen anwesend. Ich will behaupten, daß diese armseligen Zufluchten, Calcuttas Millionen Slumhütten, reinlicher sind als der chaotisch gewürfelte Rest der Stadt: von verzweifelter, dem Elend abgetrotzter Reinlichkeit.“ (S. 42 f.)

Neben einer Fleischhalle anderwärts in Calcutta gerät Grass in einen offenen Durchgang, „in dem geschissen, gepißt wird. Männer nach, vor dem Einkauf. Dieses geübte Hocken. Ich halte (vergeblich) den Atem an, bis ich durch und vorbei bin.“ (S. 14) Nach einer gastfreundlich erlebten Einladung, zu der sie sich per Rikscha haben bringen lassen, verlassen die Eheleute Grass das Haus mit Mini-Vorgarten durch eine sicherheitshalber mehrfach verriegelte Tür: „da liegen sie, Mann, Frau, Kinder, gereiht und schlafen. Weitere Schläfer dahinter, daneben, die Beine gestreckt, aufgestellt oder in seitlicher Rundlage angezogen. Ihre Fußsohlen wie Ausweise gezeigt.“ (S. 15; dazu als Illustration die sechste der Zeichnungen im Band) Unterwegs im Stadtgebiet kommt auch das vor: „Elend, Krüppel, die sich auf Stümpfen in Lederkappen übers geborstene Pflaster schleppen. Räudige Hunde. Der querliegende Schläfer. Steig drüber weg!“ (S 11)

Bei einer Besichtigungsreise per Schlafwagen nach Puri halten sich Ute und Günter Grass in einem Hotel am Meeresstrand auf, den ein Kanal für Abwässer teilt. Die Kloake schwillt bei Flut an, wird bei Ebbe mit starker Strömung ins Meer getrieben. Grass beobachtet Männer, die mit zwei Netzen in der Kloake fischen, um zu einer Mahlzeit zu kommen. „Vor ihnen hinterm Strandbuckel brandet das Meer. Aber sie dürfen im Meer nicht ihr Netz spannen, dürfen nicht, wie die Burschen seitab vom Dorf, die Brandung abfischen; sie sind Unberührbare, gehören der Kloake an, sind Kloake lebenslänglich.“ (S. 35)

Der letzte Blick auf Calcutta bei der Abreise veranschaulicht eine dichte Abfolge frappierender Gegensätze. „Über die Eisenbahnbrücke: links rechts rainen Slums an, heute in sonntäglicher Stimmung. Wäsche über den Hütten, öffentliches Zähneputzen, Geplauder der Hocker auf Rohrleitungen, die über die Brücke führen. Auf Kleinstflächen ausgebreitet trockene Kokosfasern. Dann Geruch bis Gestank, das unvergeßliche Dreieck: links, im eingemauerten Chinesenviertel, Lederfabriken, rechts ‚Calcutta Boating Resort‘, ein Erholungszentrum mit Tretboten auf dem Teich und einladender Holzterrasse, darauf bunte Sonnenschirme, Wimpel, Werbung für Campa Cola. Und an denselben Teich grenzend: zwölf Feuerstellen der Großwäscherei, darauf Kübel, in denen Lumpen ausgekocht werden, jeder Stoffetzen, den der Müll freigibt. Und gleich hinterm Teich beginnt Dhapa: anfangs flache, weil eingeebnete, dann frisch aufgeschüttete Müllberge, hier gerundet, dort schroff abfallend, von Schluchten gekerbt, Geier, Krähen darüber, und Menschen im Müll, die keinen Sonntag kennen.“ (S. 100)

Begegnungen

Das Angebot, Grass mit den dunkelsten Winkeln von Calcutta bekanntzumachen, kommt von einem jungen Lyriker und Journalisten aus Bangladesch mit prekärem Aufenthaltsstatus, der sich diesbezüglich Grass‘ Beistand erhofft, Daud Haider. Er führt Grass und seine Frau u. a. zur ältesten Feuerbestattungsstelle Calcuttas. „Wie viele Bengalen keine Scheu haben, alles sehn, anfassen wollen und Berührungsangst nur innerhalb ihres Kastensystems kennen, so lassen sie sich beim Baden, bei der Massage, beim Verbrennen ihrer Leichen zuschauen. Doch ohne Daud hätten wir uns nicht in den Tempel, zwischen die Badenden, bis dicht an die Leichenfeuer gewagt.“ (S. 38 f.)

Ein andermal führt Daud in eine Palastruine aus der Kolonialzeit am South End Park. „Alles in indisch-viktorianischem Stil. Doch Wäsche zwischen den Säulen, auf den Terrassen: der Palast ist bewohnt.“ Fünfundvierzig Familien hausen von den Stallungen bis zu den Turmzimmern in der Ruine. „Wie in allen Slums ist es auch hier eine Frau, die auf Fragen antwortet.“ Wie sich herausstellt, handelt es sich um Landsleute Dauds aus Bangladesch, die einstweilen auch der Aufforderung eines Polizeioffiziers, den Palast zu räumen, widerstehen. (S. 80–82)

Im Laufe des Calcutta-Aufenthalts wurde laut Rüther deutlich, dass Grass als ein auch in Indien bekannter Schriftsteller sich dem öffentlichen Interesse nicht habe entziehen können. Er sei nolens volens in der regen Kulturszene der Metropole unter Mitwirkung des Goethe-Instituts gleichsam herumgereicht worden. In Nordcalcutta besuchten die Eheleute den Maler Shuvaprasanna und die von ihm geleitete private Kunstschule. „Hier eine Puppe neben einer Voltaire-Büste aus Gips, dort ein Krug mit Früchten vor drapiertem Tuch.“ Man bittet Grass, zu Beginn des darauffolgenden Jahres eine Künstlerkolonie einzuweihen. (S. 11) Ein andermal besuchen sie die Organisatoren eines „Calcutta Social Project“, die eine Schule für Kinder betreiben, die auf Müllbergen ihre Existenz fristen, viele aus Bauernfamilien, „die auf älterem Müll, der nach drei Monsunzeiten zu Humus wird, Gemüse anbauen, auffallend viel Blumenkohl.“ Man bietet den Gästen Einblicke in den Unterricht („In allen Klassenräumen wird gelernt, als könne Wissen Berge versetzen…“) und eine Tanzvorführung zu bäuerlichen Tätigkeitsbereichen. „Schon sind uns die Fliegen, der Gestank, die kreisenden Geier über der Schule inmitten der Müllberge gewohnt und natürlich.“ (S. 25)

Während eines Besuchs der Visva-Bharati University in Shantiniketan kommt es im Gästehaus zu einer Begegnung mit zwei russischen Gastdozenten, sie Sprachlehrerin aus Riga, er technischer Wissenschaftler. „Fern dem heimischen Kontinent sprechen wir nicht als Bundesdeutsche und Sowjetbürger miteinander, vielmehr als Europäer, gleichermaßen verstört von indischen Wirklichkeiten.“ Man trinkt auf das Wohl Gorbatschows und seiner Reformpolitik, die nicht scheitern und zu bloßen „Erinnerungsruinen“ werden möge, also anders als die Ideen Gandhis und Tagores Reforminitiativen. (S. 59) Ähnliche Befindlichkeiten zeigen sich nach gemeinsamen Tempelbesichtigungen mit einem jungen italienischen Paar aus Bergamo, das im selben Hotel in Puri Quartier genommen hat, sie Kunsterzieherin, er Agronom. „Pia und Emilio reisen ab, mit ihnen ein Stück Rückhalt: Europa.“ (S. 36 f.)

Im Süden Calcuttas, wo Grass‘ Stück Die Plebejer proben den Aufstand nach noch unfertiger Übersetzung einstudiert wird, wohnt Grass mehreren Proben bei und gibt Anregungen für die szenische Umsetzung. Nach der Erstaufführung im Akademie-Theater sind Ute und Günter Grass mit mehreren Schauspielern beim Regisseur Amitava Ray eingeladen. Grass erwägt, ein die Verhältnisse vor Ort betreffendes Stück zu schreiben. „Ort könnte jener Slum sein, der um seine Denkmalsbüste kreisrunden Abstand hält.“ (S. 97 f.; dazu die 8. Zeichnung: „Um eine Denkmalsbüste geschart…“)

Kultur und Religion

Ortstypischen Eigenheiten indischer Kultur und Mentalität begegnen die Eheleute Grass nicht zuletzt im Alltag Calcuttas, so in den Pendelzügen, die sie für längere Strecken mit den Einheimischen nutzen. „Jeder Waggon ist Ruine. Sitze fehlen, geblieben sind verbogene Halterungen, sperrige Eisenrohre. Mit restlichen Glühbirnen im Drahtschutz hängen an ihrem Gedärm wildschlingernde Lampen.“ Auf dem Boden klebt der ausgespiene Betelsud (als Überbleibsel des aus der Betelnusspalme herrührenden Betelnusskonsums). „In diesen Pendelzügen ist die indische Gesellschaft (solange die Fahrt dauert) kastenlos. Auch in für Frauen reservierten Waggons sitzen, stehen gepfercht, reiben sich, sind an den Haltegriffen vielfingrig miteinander gemein: ausgemergelte Bäuerinnen und feiste Matronen, in blühenden Saris höhere Töchter mit ihren Collegetaschen und Zottelweiber, die unter Fetzen was Lebendiges halten, zerlumpte und herausgeputzte Kinder. Keiner kann ausweichen. Triefäugige Bettler zwischen Advokaten und mittleren Beamten. Oberschüler mit gebündelten Schulheften verrührt mit Burschen gleichen Alters, denen Schule noch nie widerfahren ist. Jeder hält sich an jeden. Nicht nur der Schatten der Unberührbaren fällt auf Brahmanen, kenntlich durch weiße Schnur: unreinem Atem, Schweiß, andauernder Berührung bleiben sie ausgesetzt. Sieben Stationen lang ist eine Gesellschaftsordnung, die sich für unabänderlich hält, aufgehoben, sind ihre Regeln außer Betrieb.“ (S. 8)

In dem den Band abschließenden Langgedicht zielt Grass auf einen Mentalitätsaspekt: „Geduld, der Armut Mehrwert / und Überfluß. / In Reisfeldern Rücken / auf ewig gebeugt. / Nicht nur die Ochsen gehen / unterm Joch. Erstaunlich, / welche Lasten der Mensch. / Und lächelt im Elend noch; / das ist das Geheimnis, / sagen die Indologen.“ (S. 139)

Die zur Besichtigung angefahrenen Tempelanlagen bei Bishnupur werden in vernachlässigter Umgebung angetroffen, neben Resten von Erdwällen, zerfallenen Hütten und Ziegen auf überwachsenen Trümmern. An der Eingangspforte zum Tempel sind aber Drehkreuze für den gesonderten Personeneinlass angebracht, als rechnete man mit einem künftigen Touristenansturm. Beeindruckt ist Grass besonders von den beiden Terrakotta-Tempeln, von ihrer geschlossenen Form und von der Vielfalt der figürlichen und ornamentalen Ziegel. „Kein Ziegel ungestaltet, selbst die von Witterungsschäden zerfressenen leben noch, ein jeder für sich. Heiterer Krishna-Kult spielt sich von Ziegel zu Ziegel ab. Immer wieder er mit Flöte, Tieren und Frauen. Die Tiere in einfacher, doch nicht primitiver Gestaltung. Fern aller mystifizierenden Spekulation ist in erzählten Legenden eine sinnliche Religion abgebildet.“ (S. 29)

Der Buch- und Gedichttitel „Zunge zeigen“ bezieht sich auf die indische Göttin Kali, die Grass bereits im Butt hat vorkommen lassen und deren zeichnerische Porträts er sowohl auf dem Buchumschlag als auch im Bildteil des Bandes zur Geltung bringt. „Zumeist von schwarzem Lack, seltener von stumpfem Blau überzogen, glänzt Kali. Zunge und Handflächen rot, die starren Augen umrandet.“ (S. 48). Für Betende ist sie diejenige, die nimmt und gibt, die gibt und nimmt. Als alles vernichtende Gottheit, die zu Festanlässen um die Hüfte eine mit Männerköpfen bespickte Kette trägt, zeigt sie ihre Zunge als Zeichen der Scham, weil sie in todbringender Raserei mit ihrer Sichel beinahe ihren Gatten Shiva geköpft hätte.

Das der Göttin gewidmete alljährliche Fest Kali Pujah ist speziell in Calcutta ein Riesenereignis, dem das Ehepaar Grass in Vorbereitung und Verlauf beiwohnt. Es sei der volksfestartig zelebrierte Religionskult, so Zimmermann, „in dem für Grass die inbrünstige und bedrückende Duldsamkeit der Inder kulminiert, doch in ihr schwelt auch eine verborgene Unruhe, in kryptischer Nähe zur endzeitlichen Anarchie. Für Momente stellt sich der Poet vor, das Glaubensfaszinosum der schwarzen Göttin, die tiefreichende und bildwuchernde Spiritualität Indiens, könnte tatsächlich in einen alles aufhebenden Zerstörungsprozess umschlagen.“ Eine Revolution in Indien sei weder mit Marx oder Mao denkbar, sondern allenfalls mit Kali und ihrer Sichel. Mit diesem Fest endet auch Grass‘ Gedichtzyklus „Zunge zeigen“: „Kali Pujah war angesagt. Ich sah / Calcutta über uns kommen. Dreitausend Slums, / sonst in sich gekehrt, hinter Mauern geduckt / oder ans Faulwasser der Kanäle gedrängt, / liefen aus, griffen um sich, hatten bei Neumond / die Nacht und die Göttin / auf ihrer Seite. / In Mundhöhlen ungezählt sah ich / der schwarzen Kali lackierte Zunge / rot flattern. Hörte sie schmatzen: Ich / ungezählt ich, aus allen Gullys / und abgesoffenen Kellern, über / die Gleise: freigesetzt, sichelscharf ich. / Zunge zeigen: ich bin. / Ich trete über die Ufer. / Ich hebe die Grenze auf. / Ich mache / ein Ende.“ (S. 157)

Selbsterfahrungen

Bereits im Vorfeld des für ein Jahr geplanten Calcutta- bzw. Indien-Aufenthalts zeigen die Eheleute Grass unterschiedliche Herangehensweisen. Während er sich ausführlich mit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Indiens befasst, bleibt Ute bei der gewohnten Lektüre Fontanes, der dann auch in ihrem Reisegepäck reichlich Platz einnimmt. So oft ist sie weiterhin mit ihm beschäftigt, dass Grass im Traum reagiert: „Ute und der alte Fontane unterm Birnbaum in unserem Garten.“ Er spürt, dass sich da seit Jahren etwas tut, sie ein Verhältnis zu Fontane hat, in dem er selbst nicht vorkommt. In seinem Schweiß liegend, erwacht Grass; wegen Stromsperre ist der Ventilator ausgefallen. (S. 9 und 13)

Beiden verschafft die mitgebrachte Lektüre Abstand von den Alltagserfahrungen in Calcutta: „Wir nachts mit Büchern unterm Moskitonetz, als suchten wir Halt an dickleibigen Schmökern. Ute weiß, was ihr zuspricht. Mir müssen Joseph und seine Brüder, eine auf Indien bezogen seltsam gegenwärtige und doch abwegige Legende, späten Schlaf bringen.“ (S. 44)

Das Eingepferchtsein in den Pendelzügen endet mit einem Umzug aus dem südlichen Vorort Barnipur nach Lake Town in Ostcalcutta. Eine Gartenidylle wird eingetauscht gegen eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad. „Lake Town gilt als Mittelschicht-Enklave und ist dennoch von anrainenden Slums durchsuppt. Auch hier: Kühe weiden wachsende Müllberge ab. Die Geräusche in der Nachbarschaft sind zwar mittelständisch gedämpft, aber näher gerückt.“ (S. 45) Grass registriert zwischen ihm selbst und seiner Frau unterschiedliche Verarbeitungsweisen der Lage vor Ort: „Er zeichnet, schreibt auf; sie zählt die Tage lautlos. […] Er lebt sich ein; sie hält durch. Zur Gewichtsabnahme kommt Muskelschwund. Nach drei Monaten beginnt Calcutta zu zehren. Doch lässt das Zeichnen, Aufzeichnen nicht nach, obwohl die Augen von all dem Elend, das offen liegt, müde und trocken werden.“ (S. 52)

Nach sechs über Bengalen erlebten Vollmonden lief die Frist ab, die Ute auszuhalten sich vorgenommen hatte; „und sie hielt aus, lief mit, war dabei, auch während der letzten Tage, im Staub der Trockenzeit, mit triefenden Augen.“ (S. 95) Gegenüber der ursprünglichen Planung verkürzte die nun anstehende Rückreise den Aufenthalt um ein halbes Jahr. Grass im Rückblick: „Er lebte auf, sie wurde weniger und weniger. Es ist das Klima, das Elend, die Gleichgültigkeit, und weil ich nichts machen kann, sagte sie.“ (S. 101)

Rezeptionsaspekte

Grass habe ganz nah bei den Armen auf der Schattenseite des Globus sein wollen, heißt es bei Günther Rüther, habe mitfühlen, berichten, womöglich Not lindern wollen. Er sei als innerlich aufgewühlter, erschütterter, politisch sensibler Schriftsteller gekommen, mit seinen Studien aber doch wohl ein Fremder geblieben. Rüther setzt neben das düstere noch ein anderes Calcutta, eine Metropole der Freude und Ausgelassenheit mit monumentalen Bauwerken, bedeutenden Künstlern, Intellektuellen und Heiligen. „Doch Grass war an dem schillernden Bild der Millionenmetropole nicht gelegen, er wollte nur ihre Schattenseiten beleuchten. Die Lichtseiten ließ er außen vor.“ Nicht nur in Deutschland sei das Medienecho katastrophal gewesen, versehen mit Verdikten wie Oberflächenansichten, Besserwisserei, Egomanie und Kanzleistil. Auch in Indien habe man nicht freundlicher reagiert, als das Werk dort 1989 in englischer Übersetzung erschien. Von einem einseitig-voyeuristischen Blick auf die Stadt, vor allem auf die Slums war die Rede.

Aus der Sicht von Volker Neuhaus steht die Göttin Kali bei Grass sowohl für die in menschengemachten Gründen wie Kastenwesen und ungerechte Weltwirtschaftsordnung angelegte strukturelle und physische Gewalt, die Millionen Menschentäglich zu erdulden hätten, als auch für die Artikulation der Scham angesichts dieser Schande. Grass setze auch diesbezüglich auf Aufklärung.

Grass habe sich an einem eigensinnigen, sozial- und wahrnehmungskritischen Dokumentarwerk versucht, befindet Harro Zimmermann. Doch entzögen sich die indischen Gegebenheiten und Potenziale allen vertrauten Begriffen der westlichen Kulturhemisphäre: „Was im Tagebuch vorkommt und zugegeben wird, ist das Fremdbleiben.“ Bezüglich der seinerzeitigen „kakophonischen Kritikersuada“ gelangt Zimmermann zu dem Ergebnis, dass das dem Werk zugrunde liegende Thema damals nicht zu seinem Recht habe kommen können: „Zu massiv versperrt der Streit um die vermeintliche Fluchtattitüde des Großintellektuellen den Blick auf die Kernproblematik von Zunge zeigen, die Überlebensnöte der Menschheit im Zeichen von Postkolonialismus und Globalisierung.“

Ausgaben

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ „Tausende Kilometer weit weg vom subtilen Flachsinn einst linker, jetzt nur noch smarter Feuilletonisten, und weg, weg von mir als Teil oder Gegenstand dieser Öffentlichkeit.“ (Zitiert nach Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg, Hamburg 2023, S. 702 f.)
  2. ↑ Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 245 f.
  3. ↑ Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 324.
  4. ↑ Zitiert nach Michael Jürgs: Bürger Grass. Eine deutsche Biografie. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe der überarbeiteten Ausgabe von 2007. C. Bertelsmann, München 2015, S. 360 f.
  5. ↑ Gemäß der Seitenzählung in der Ausgabe von 1991 (Sammlung Luchterhand; 970), auf die sich im Folgenden sämtliche Seitenangaben beziehen.
  6. ↑ Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 248 f.
  7. ↑ Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 329.
  8. ↑ Zitiert nach Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg Verlag, Hamburg 2023, S. 653.
  9. ↑ Zitiert nach Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg Verlag, Hamburg 2023, S. 655.
  10. ↑ Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 247.
  11. ↑ Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 329.
  12. ↑ Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg Verlag, Hamburg 2023, S. 658; Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 329.
  13. ↑ Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg Verlag, Hamburg 2023, S. 659.
  14. ↑ Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 246 und 250 f.
  15. ↑ Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 330.
  16. ↑ Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg Verlag, Hamburg 2023, S. 653, 657 und 662.