Ambrose Bierce

Ambrose Bierce (1892)

Ambrose Gwinnett Bierce (* 24. Juni 1842 im Meigs County, Ohio; † vermutlich 1914 in Chihuahua, Mexiko) war ein amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Der Amerikanische Bürgerkrieg war das prägendste Ereignis seines Lebens und blieb bis zu seinem rätselhaften Verschwinden in den Wirren der Mexikanischen Revolution auch das zentrale Thema seines schriftstellerischen und journalistischen Werkes.

Obwohl nur ein kleiner Teil seines Œuvre gründlich rezipiert wurde, gilt er mit dem sarkastischen, schwarzhumorigen, häufig zynischen Erzählton seiner knappen Prosa neben Edgar Allan Poe als Meister der unheimlichen Kurzgeschichte, der Autoren wie Ernest Hemingway beeinflusste.

Leben

Ambrose Bierce wurde als zehntes von insgesamt dreizehn Kindern des Farmers Marcus Aurelius Bierce (1799–1876) und dessen Ehefrau Laura Sherwood Bierce, einer Nachfahrin des Pilgervaters William Bradford, in der Siedlung Horse Cave Creek in Meigs County geboren. Mit 15 Jahren verließ er seine Eltern, zog nach Warsaw und arbeitete dort als Setzerlehrling für die abolitionistische Zeitung Northern Indiana.

Geprägt von der abolitionistischen Einstellung seines Onkels Lucius Verus Bierce (1801–1876), bei dem er seit Anfang 1859 lebte, folgte er in Elkhart County dem Waffenruf Abraham Lincolns und meldete sich im April 1861 als Freiwilliger bei der Unionsarmee, wo er als Scout tätig war.

Bierce als Leutnant

Für seine Tapferkeit wurde er ausgezeichnet und schließlich bis zum Titular-Major befördert; er geriet in Gefangenschaft und wurde zweimal verwundet. In der Schlacht am Kennesaw Mountain (27. Juni 1864) während des Atlanta-Feldzugs traf ihn als Anführer einer Gruppe von Plänklern am 23. Juni 1864 die Kugel eines Scharfschützen an der linken Schläfe, verletzte das Schläfenbein und blieb hinter dem linken Ohr stecken. Wie durch ein Wunder überlebte er die Verletzung, die von Generalmajor William Babcock Hazen als „gefährlich und kompliziert“ beschrieben wurde und von der er sich lange nicht erholen konnte. So erlebte er wie kein anderer amerikanischer Schriftsteller den Bürgerkrieg mit all seinen blutigen Facetten und tiefgreifenden Umwälzungen für die Gesellschaft.

An einer Expedition durch das Indianerterritorium nahm er 1866 als Landvermesser teil. Danach wurde er Journalist beim San Francisco Examiner und stieg im Hearst-Pressekonzern bald zum national einflussreichen Hauptstadt-Korrespondenten zunächst in London, dann in Washington, D.C. auf. Bierce heiratete am 25. Dezember 1871 die begüterte Mary Ellen „Mollie“ Day (1850–1905). Sie hatten drei Kinder: die Söhne Day (1872–1889) und Leigh (1874–1901) sowie die Tochter Helen (1875–1940). Nachdem er kompromittierende Briefe eines Verehrers an seine Frau entdeckt hatte, trennte sich Bierce 1888 von ihr, und sie ließen sich 1904 scheiden. Als Siebzigjähriger reiste Bierce in das von der Revolution aufgewühlte Mexiko, wo sich seine Spur im Gefolge des Revolutionärs Pancho Villa um die Jahreswende 1913/14 verlor. Sein letzter erhaltener Brief lässt vermuten, dass Bierce mit seiner standrechtlichen Erschießung rechnete.

Als Mensch war Bierce umstritten. Manche Zeitgenossen scholten ihn einen Menschenfeind („the wickedest man of San Francisco“), andere rühmten seine Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft. Sein privates Leben im reifen Alter war überschattet von schwerem Asthma, dem Tod beider Söhne, einer gescheiterten Ehe und Alkoholproblemen.

Werk und Rezeption

Allgemeines

Bierce mit Totenschädel – Gemälde von J. H. E. Partington († 1899)

Die Kriegserlebnisse als unmittelbar beteiligter Soldat standen nicht nur im Zentrum seiner journalistischen Tätigkeit, sondern waren auch die wichtigste Quelle seiner Dichtung.

Auch wenn Bierce neben Edgar Allan Poe heute als Wegbereiter der makabren Kurzgeschichte gilt und sich einige Erzählungen in Anthologien finden, ist ein Großteil seines Œuvres nur äußerst selektiv rezipiert worden. Neben seiner recht populären, sarkastisch-schwarzhumorigen Aphorismensammlung Des Teufels Wörterbuch beruht die Anerkennung vor allem auf zwei Sammelbänden: Tales of Soldiers and Civilians mit 26, sowie Can Such Things Be? mit zunächst 25 Kurzgeschichten.

Rein A. Zondergeld zählt einige seiner Erzählungen zu den herausragenden der englischsprachigen Literatur. In der Bibliothek des Hauses Usher erschien 1969 eine Sammlung unheimlicher Kurzgeschichten unter dem Titel „Das Spukhaus“. Auf sämtlichen Schutzumschlägen der bibliophilen Buchreihe findet sich unter dem Bild des zerbrechenden Hauses Usher die Frage „Can such things be?“ Der mit dieser Frage angedeutete Zweifel charakterisiert das Wesen seiner Erzählungen, die mit ihrer konzentrierten Sprache recht modern wirken. Bierce beschwört in ihnen weniger das Übernatürliche als vielmehr einen Grenzbereich, der für unterschiedliche Erklärungen offen ist. Während sich in den unheimlichen Geschichten Edgar Allan Poes, mit dem er zu seinem Leidwesen häufig verglichen wurde, symbolische Deutungen anbieten, entziehen sich seine Texte meist einer derartigen Herangehensweise.

Als Kenner des politischen Tagesgeschäfts hatte Bierce eine denkbar schlechte Meinung vom Berufsstand des Politikers und wurde zu einem pointiert-geistreichen Zyniker und Beobachter. Zu Lebzeiten blieb er als Schriftsteller allerdings weitgehend unbeachtet. Das änderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute dienen einige seiner mustergültigen Kurzgeschichten als Schulbuchlektüre.

Wie Edgar Allan Poe und später H. P. Lovecraft prägte Bierce mit seinen häufig drastischen und makabren Geschichten die moderne Horrorliteratur.

Thema in Film, Theater oder Musik

Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes schrieb ein Buch über ihn, „Gringo Viejo“ (als „Der alte Gringo“ deutsche Übersetzung von Maria Bamberg), eine romanhafte Schilderung seines spurlosen Verschwindens. Dieses wurde später mit Gregory Peck in der Titelrolle verfilmt (Old Gringo, 1989). Die Rolle des Schriftstellers im dritten Teil von From Dusk Till Dawn ist ebenfalls Bierce nachempfunden.

Die Kurzgeschichte Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke scheint Filme wie Tanz der toten Seelen (Carnival of Souls) (1962), Jacob’s Ladder (1990), The Sixth Sense (1999) und Yella (2007) inspiriert zu haben. Die Kurzgeschichte ist ein Beispiel für das Auseinanderklaffen von erzählter Zeit und Erzählzeit, da sie die wenigen Augenblicke abdeckt, die zwischen dem Fall eines Erhängten und dem Genickbruch liegen.

In Ray Bradburys Kurzgeschichte Die Verbannten hat Bierce zusammen mit Edgar Allan Poe einen Auftritt als Verbannter auf dem Mars.

Werke

Einzelwerke zu Lebzeiten
Werkausgaben

Deutsche Werkausgaben:

Briefe
Sammlungen von Übersetzungen

Literatur

Hörspiel

Wikisource: Ambrose Bierce – Quellen und Volltexte (englisch)
Commons: Ambrose Bierce – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Roy Morris: Ambrose Bierce. Allein in schlechter Gesellschaft. Haffmans Verlag, Zürich 1999, S. 30.
  2. ↑ Roy Morris: Ambrose Bierce. Allein in schlechter Gesellschaft. Haffmans Verlag, Zürich 1999, S. 35.
  3. ↑ Roy Morris: Ambrose Bierce. Allein in schlechter Gesellschaft. Haffmans Verlag, Zürich 1999, S. 143.
  4. ↑ Arno Heller: Ambrose Bierce: „Parker Adderson, Philosopher“ – Eine Erzählung vom falschen und richtigen Sterben. In: Hrsg.: Klaus Lubbers, Die englische und amerikanische Kurzgeschichte, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990, S. 89.
  5. ↑ Zeittafel. In: Ambrose Bierce: Gesammelete Werke. Anaconda-Verlag, München 2021, S. 613.
  6. ↑ Rainer Schöwerling: Ambrose Bierce · An Occurrence at Owl Creek Bridge. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1981, S. 149.
  7. ↑ Arno Heller: Ambrose Bierce: „Parker Adderson, Philosopher“ – Eine Erzählung vom falschen und richtigen Sterben. In: Hrsg.: Klaus Lubbers Die englische und amerikanische Kurzgeschichte, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990, S. 89.
  8. ↑ Rein A. Zondergeld: Lexikon der phantastischen Literatur, Ambrose Bierce, Suhrkamp, Phantastische Bibliothek, Frankfurt 1983, S. 35.
  9. ↑ Rein A. Zondergeld: Lexikon der phantastischen Literatur, Ambrose Bierce, Suhrkamp, Phantastische Bibliothek, Frankfurt 1983, S. 36.
  10. ↑ Jerôme von Gebsattel, In: Kindlers Neues Literatur Lexikon. Band 2, Ambrose Gwinnett Bierce, A resumed identity. München 1989, S. 671.
  11. ↑ Deutschlandfunk Kultur: Die Lange Nacht über Ambrose Bierce. Abgerufen am 11. November 2024.