Carl Djerassi

Carl Djerassi (2004)

Carl Djerassi (* 29. Oktober 1923 in Wien, Österreich; † 30. Januar 2015 in San Francisco, Kalifornien, Vereinigte Staaten) war ein bulgarisch-österreichisch-US-amerikanischer Chemiker und Schriftsteller. Djerassi wurde für die Entwicklung der ersten Verhütungspille bekannt. Er wurde „Vater der Pille“ genannt, aber ebenso oft „Mutter der Pille“, da er diesen Beinamen passender fand und ihn auch als Titel einer Autobiografie wählte.

Leben

Djerassi war der Sohn eines Ärzte-Ehepaares. Seine Mutter Alice Friedmann war eine aschkenasische Jüdin aus Wien, sein Vater Samuel Djerassi ein sephardischer Jude aus Bulgarien. Beide Familien, väterlich- und mütterlicherseits, waren säkular. Durch ihre Heirat wurde seine Mutter bulgarische Staatsbürgerin. Carl Djerassi war von Geburt an ebenfalls bulgarischer Staatsbürger. Seine ersten Jahre verbrachte er in Sofia in Bulgarien. Als er fünf Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden und er kehrte mit der Mutter in seine Geburtsstadt Wien zurück. Dort erhielt sie ihre österreichische Staatsbürgerschaft zurück. Seine Mutter beantragte die österreichische Staatsbürgerschaft auch für ihren Sohn. Sie wurde Carl Djerassi jedoch nicht zugestanden, sodass er bulgarischer Staatsbürger blieb.

Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich heiratete sein Vater seine Mutter ein zweites Mal, um Mutter und Kind die Ausreise zu ermöglichen. Djerassi und seine Mutter reisten 1938 zunächst zum Vater nach Bulgarien und wanderten 1939 von dort in die USA aus. Auf Djerassis Bitte stiftete ihm Eleanor Roosevelt ein Collegestipendium. Er studierte Chemie an der University of Wisconsin und promovierte 1945 in diesem Fach bei Alfred L. Wilds mit dem Thema The partial aromatization of steroids and the dienone-phenone rearrangement. Im gleichen Jahr erhielt er die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten.

Luis E. Miramontes und Djerassi gelang es Anfang der 1950er Jahre als Forscher für Syntex S.A. in Mexiko-Stadt, das Sexualhormon Norethisteron, ein Gestagen, künstlich herzustellen. Mit Gregory Pincus und John Rock entwickelten sie damit 1951 die erste Verhütungspille. Djerassi lehnte die Bezeichnung Antibabypille ab, da die Pille kein Mittel gegen Babys sei, sondern ein Mittel für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Frau. Ab 1959 lehrte Djerassi an der Stanford University. Als Wissenschaftler brachte er es auf rund 1200 Veröffentlichungen. In seinen späteren Jahren wurde ihm sein Beiname „Mutter der Pille“ lästig, weil er sich nicht auf eine einzelne Leistung reduziert sehen wollte.

Djerassi war dreimal verheiratet. Seine erste Ehe wurde 1950 geschieden. Aus seiner im selben Jahr geschlossenen zweiten Ehe, die 1976 ebenfalls in Scheidung endete, gingen ein Sohn und eine Tochter hervor. Letztere beging 1978 Suizid. In dritter Ehe war Djerassi ab 1985 mit der 2007 verstorbenen Diane Middlebrook verheiratet, einer bekannten Biographin und Professorin der Stanford University.

Erst 2004 erhielt Djerassi die österreichische Staatsbürgerschaft, weil dies „im Republiksinteresse“ lag und unterhielt später einen Wohnsitz in Wien. Er durfte die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten behalten.

Djerassi besaß eine umfangreiche Sammlung von Werken Paul Klees, die in einer Dauerausstellung im San Francisco Museum of Modern Art zu sehen ist und nach seinem Tod zur Hälfte in das Eigentum dieses Museums überging. Die andere Hälfte erhielt die Albertina in Wien.

Carl Djerassi starb am 30. Januar 2015 in seinem Zuhause in San Francisco im Alter von 91 Jahren an den Folgen von Leber- und Knochenkrebs.

Literarische Veröffentlichungen

Mitte der 1980er Jahre begann Djerassi, Lyrik und Kurzgeschichten zu veröffentlichen, und erfand die neue Romangattung „Science-in-fiction“, in der er die vier Bücher Cantors Dilemma, Das Bourbaki Gambit, Menachems Same und NO veröffentlicht hat. Nicht selten wurde er für seine Offenheit im Umgang mit den Schwächen und menschlichen Abgründen in der Wissenschaft auch von Kollegen kritisiert. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte Carl Djerassi im Mai 2008 dazu: „Chemiker sind Machos, die Forschung im Labor betreiben und nicht kapieren, dass Literatur viel schwieriger ist. Da bin ich total alleine. Ich habe da niemanden, aber ich kann auch niemanden brauchen.“ Djerassi war außerdem Autor mehrerer Theaterstücke.

Sachbücher und Autobiografien

Fiktion

Science-in-fiction

Science-in-theatre

Theater

Lyrik-Anthologien

Auszeichnungen und Ehrungen

Bibliografie

Englisch

Deutsch

Literatur

Film

Siehe auch

Commons: Carl Djerassi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 "Mutter der Pille": Carl Djerassi erliegt Krebsleiden. Nachruf auf Vorarlberg Online vom 31. Januar 2015 (abgerufen am 1. Februar 2015).
  2. ↑ Djerassi C: Steroid oral contraceptives. In: Science. 151. Jahrgang, 1966, S. 1055–1061 (englisch).
  3. ↑ Djerassi sah grundsätzlich den Chemiker als die „Mutter“ eines medizinischen Präparats an, da der Chemiker die Substanz bereitstellt, ähnlich wie die Mutter bei der Fortpflanzung die Eizelle bereitstellt. Vgl. Carl Djerassi: Der Mann der produktiven Unsicherheit zeit.de, 10. Januar 2013.
  4. 1 2 Carl Djerassic Mein Leben. Film von Joachim Haupt. BRD 2008.
  5. 1 2 3 4 Robert D. McFadden: Carl Djerassi, 91, a Creator of the Birth Control Pill, Dies. Nachruf in The New York Times vom 31. Januar 2015 (englisch, abgerufen am 31. Jänner 2015).
  6. ↑ Informationen zu und akademischer Stammbaum von Carl Djerassi bei academictree.org, abgerufen am 30. Januar 2018.
  7. ↑ Ellen Foley: Carl Djerassi PhD’45, 2. November 2012.
  8. ↑ Der Miterfinder der "Pille" ist tot welt.de, 31. Januar 2015.
  9. ↑ Erfinder der Antibabypille: Der Mann, der keine Mutter sein will spiegel.de, 7. Februar 2014.
  10. ↑ Carl Djerassi über Science-in-fiction. Abgerufen am 25. April 2013 (englisch).
  11. ↑ Carl Djerassi, Roald Hoffmann: Study Guide for OXYGEN. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2001.
  12. ↑ Eintrag auf der Internetseite der Academia Europaea
  13. ↑ Briefmarke mit dem Porträt von Carl Djerassi.
  14. ↑ Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB).
  15. ↑ Carl Djerassi erhält die Ehrendoktorwürde, in: mundo – das Magazin der Technischen Universität Dortmund, Ausgabe 10/2009, S. 62.
  16. ↑ Carl Djerassi - Ein Leben mit vielen Akzenten.
  17. ↑ Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg auf IDW-online.
  18. ↑ Carl Djerassi erhält Ehrendoktorat
  19. ↑ Ehrenpromotion für Carl Djerassi. Pressemitteilung, Website der Goethe-Universität Frankfurt am Main, 15. Oktober 2013, aufgerufen am 24. Oktober 2013.
  20. ↑ Carl Djerassi erhielt Ehrendoktorat. Website der Universität Innsbruck, aufgerufen am 10. Juni 2014.
  21. ↑ Carl Djerassi erhält Ehrendoktorwürde der Universitätsmedizin Mainz. Website der Universität Mainz, aufgerufen am 17. Juni 2014.
  22. ↑ Djerassiplatz im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
  23. ↑ haymonverlag.at (Memento vom 24. September 2015 im Internet Archive)
  24. ↑ Jüdische Allgemeine: Sexy Pillen-Erfinder
Personendaten
NAME Djerassi, Carl
KURZBESCHREIBUNG bulgarisch-amerikanisch-österreichischer Chemiker und Schriftsteller
GEBURTSDATUM 29. Oktober 1923
GEBURTSORT Wien, Österreich
STERBEDATUM 30. Januar 2015
STERBEORT San Francisco, Kalifornien, Vereinigte Staaten