Charles McColl Portis (* 28. Dezember 1933 in El Dorado, Arkansas; † 17. Februar 2020 in Little Rock, Arkansas) war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Bekannt wurde er insbesondere durch seine Romane Norwood (1966) und True Grit (1968), die beide verfilmt wurden. Er galt als Meister von komisch-satirischen, sprachlich ausgefeilten Romanen, die ihm eine treue Leserschaft einbrachten. Die The New York Times beschrieb ihn in ihrem Nachruf als „Amerikas unbekanntesten großen Schriftsteller“.
Charles Portis wuchs als Sohn des Lehrers und Schulamtsdirektors Samuel Palmer Portis und dessen Frau Alice (geb. Waddell) in Arkansas auf. Während des Koreakrieges kam er zum United States Marine Corps und wurde dort zum Feldwebel befördert. Ab 1955 besuchte er die University of Arkansas; er begann seine Karriere dort, indem er für die Studentenzeitung schrieb. Nach seinem Studienabschluss in Journalistik 1958 schrieb er für verschiedene Tageszeitungen wie die Memphis Commercial Appeal oder die Arkansas Gazette, für letztere verfasste er fast zwei Jahre die „Our Town“-Kolumne. Anfang der 1960er-Jahre zog er nach New York, wo er vor allem für die New York Herald Tribune schrie. Er reiste in dieser Zeit mehrfach in die Südstaaten, um über die Bürgerrechtsbewegung zu schreiben. Er verbrachte rund ein Jahr in London als Leiter des dortigen Büros der Herald Tribune.
1964 gab Portis den Journalismus auf, um Zeit für das Schreiben von Literatur zu finden. Er zog nach Arkansas zurück und veröffentlichte zunächst einige Kurzgeschichten. Sein erster Roman, Norwood aus dem Jahr 1966, wurde in Teilabschnitten in der zweiwöchentlich erscheinenden Zeitung Saturday Evening Post abgedruckt. Der satirische Roman über die Reise eines jungen Matrosen von einem Provinzort in Texas nach New York City und zurück wurde ein großer Erfolg. 1968 erschien sein zweiter Roman True Grit als Fortsetzungsgeschichte in der Saturday Evening Post. Der kommerzielle Erfolg war noch größer als der von Norwood; nicht zuletzt dank zweier erfolgreicher Hollywood-Verfilmungen (1969 und 2010) ist es Portis’ bekanntestes Werk, mit dem sein Name am naheliegendsten verbunden ist.
Portis schrieb noch drei andere Bücher, die aber kommerziell nicht an den Erfolg der vorherigen Bücher anknüpfen konnten. The Dog of the South (1979) erzählt von einem Mann aus Arkansas, der von seiner Frau verlassen wurde und ihr nach Mexiko hinterherreist – insbesondere, um das von ihr mitgenommene Auto wiederzubekommen. Sein historischer Roman Masters of Atlantis (1985) ist eine Satire auf moderne Esoterik und neureligiöse Bewegungen. Portis’ letzter Roman Gringos (1991) spielt in Mexiko und folgt einem dort lebenden Amerikaner, der einer Stalkerin, grabraubenden Archäologen, UFO-Jägern und einer Gruppe von Hippies begegnet. Daneben veröffentlichte er immer wieder Kurzgeschichten in Magazinen. Zuletzt erschien 2012 mit Escape Velocity: A Charles Portis Miscellany eine Zusammenstellung von bisher nicht in Buchform veröffentlichten Essays und Artikeln, Kurzgeschichten und einem Theaterstück (Delray's New Moon).
Portis lebte viele Jahre in einem Appartement in Riverdale, einem Stadtteil von Little Rock. Nachdem er an Alzheimer erkrankt war, zog er in eine Senioreneinrichtung und starb 2020 im Alter von 86 Jahren. In seiner New Yorker Zeit hatte er kurz Nora Ephron gedatet, heiratete aber nie. Er galt als ein außerhalb seines Freundes- und Familienkreises eher schüchterner Mann, dem laut seinem Bruder Jonathan die zeitweilige Popularität durch True Grit eher unangenehm war. Presseinterviews, Werbeauftritte für seine Bücher oder Einladungen zu Literaturveranstaltungen lehnte er fast immer ab. Ihm wurde daher von Medien mitunter zugeschrieben, ein „Einsiedler“ (recluse) zu sein, was er aber ungern hörte und darauf verwies, dass seine Nummer im Telefonbuch von Little Rock zu finden sei.
Vier der fünf Romane von Portis sind durch eine Suche oder Verfolgungsjagd abgesteckt. Als Reiseerzählung folgen sie ihren Figuren quer durch den amerikanischen Süden oder Mexiko. Das Ziel der Suche tritt dabei regelmäßig hinter die Begegnungen auf dem Weg zurück. Erzählt wird meist in der ersten Person und in einem trockenen, unaufgeregten Ton, der komische Wirkung weniger aus Pointen, sondern mehr aus der Diskrepanz zwischen dem Berichteten und der Selbstwahrnehmung des Erzählers bezieht.
Ein weiteres Motiv ist der Umgang mit selbstgebauten Weltdeutungen. Portis’ Figuren sind Autodidakten und Besserwisser, die sich mit großer Ernsthaftigkeit an Details klammern – an Motorenkunde, Landkarten oder Vertragsklauseln –, und sie treffen auf Hochstapler und Gelegenheitsbetrüger, die eher armselig als bedrohlich wirken. In Masters of Atlantis wird daraus das Hauptthema: Der Roman verfolgt über Jahrzehnte die Geschichte einer erfundenen Geheimgesellschaft und beschreibt, wie Anhänger an einer Lehre festhalten, deren Vorhersagen sich nie erfüllen. Gringos führt dieselbe Konstellation mit Amateurarchäologen, Ufologen und Sektenmitgliedern in Mexiko fort.
Viele Protagonisten der Werke von Portis sind Mittelklasse-Amerikaner aus der Provinz, die ihrem Leben entfliehen möchten, und oft – wie Rooster Cogburn in True Grit – trotz fortgeschrittenen Alters moralisch wie Kinder sind, selbst wenn dies zu Selbstzerstörung und Schaden führt: „Der Glaube daran, dass man in der nächsten Stadt oder im nächsten Bundesstaat, auf der anderen Erdhalbkugel, in der nächsten Ehe oder mit dem nächsten Geschäftsplan jederzeit von vorn anfangen kann, ist so amerikanisch wie Apple Pie. (...) Portis erkennt, dass Unschuld, die über ihr Verfallsdatum hinaus bewahrt wird, genauso verdirbt wie Fleisch – und ungefähr genauso übel stinkt“, schreibt Justin Taylor 2023 in The Point. Trotz ihrer vielen Schwächen sind die Protagonisten aber oft sympathisch und nicht jenseits aller Hoffnung auf Besserung.
Portis’ Werke zeichnen sich oft durch einen dunklen, lakonischen Humor aus, der amerikanische Gefühls- und Lebenswelten offenlegt. Nach dem Abklingen des großen kommerziellen Erfolges aus den 1960er-Jahren hatte er in erster Linie eine kleinere, aber treue und begeisterte Leserschaft. Seine weitgehende Zurückgezogenheit von Literaturbetrieb und Medien sowie sein Arbeiten abseits der großen amerikanischen Literaturzentren mögen dazu beigetragen haben, dass er danach lange nur wenig Beachtung fand und kaum Auszeichnungen erhielt, obgleich viele Kritiker und Kollegen sein Werk schätzten. Wiederholt wurde er als der bekannteste unbekannte Autor der Vereinigten Staaten beschrieben.
Ein Essay von Ron Rosenbaum von 1998 trug dazu bei, dass Portis seither zusehends als bedeutender Schriftsteller der amerikanischen Literatur wahrgenommen wird. Rosenbaum urteilte über Portis:
Zu diesem Zeitpunkt waren seine Romane überwiegend vergriffen und wurden nicht neu aufgelegt. Die Overlook Press erwarb jedoch schließlich die Rechte an seinem Gesamtwerk und legte es neu auf. Zu den Autoren, die Werk oder Werke von Portis lobten, zählen etwa Tom Wolfe, Larry McMurtry, Stephen King, Roald Dahl, Nora Ephron, Truman Capote, Garrison Keillor und George Pelecanos. Der Schriftsteller und Kritiker Ray Blount Jr. befand in einer häufig zitierten Äußerung, dass „Portis Cormac McCarthy hätte sein können, wenn er es gewollt hätte, aber er wollte lieber komisch sein“. Besonders stark setzt sich Donna Tartt für das Werk von Portis ein. Sie verfasste das Nachwort zur Neuausgabe von True Grit bei Overlook Press und sprach den Roman als Hörbuch ein. Nach Portis’ Tod würdigte sie ihn 2020 in einem Essay in der New York Times Book Review, in dem sie seine Sprache als präzise und zugleich anarchisch beschrieb und ihn in dieser Hinsicht mit Barbara Pym und P. G. Wodehouse verglich. Nach Tartts Meinung fing kein Gegenwartsautor die sprachlichen Eigenheiten des amerikanischen Südens so kunstvoll wie Portis ein.
Eine zweite Anhängerschaft entstand unter US-amerikanischen Komikern und Fernsehautoren, insbesondere im Zusammenhang mit dem Roman Masters of Atlantis (1985). Greg Daniels, Entwickler der Sitcom The Office, entdeckte das Buch in einem Antiquariat und empfahl es seinem Mitautor und Mitproduzenten Michael Schur. Daniels bezeichnete Portis’ Art, törichte Figuren bei der unbeirrten Verfolgung ihrer Fehlentscheidungen zu begleiten, als wichtige Inspiration für die Komik von The Office. Weitere Bewunderer von Portis aus der amerikanischen Comedy-Szene sind Conan O’Brien, David Cross, Bill Hader, der zeitweise die Filmrechte an The Dog of the South hielt, und Michael Cera, der die Adaptionsrechte an Masters of Atlantis erwarb.
Nach Portis’ Tod 2020 widmeten sich viele der größeren amerikanischen Zeitungen sowie Literatur- und Kulturmagazine in ausführlichen Artikeln und Retrospektiven dem Werk von Portis. Als Zeichen dieser zunehmenden Anerkennung veröffentlichte die Library of America 2023 seine Collected Works, seine gesammelten Werke – was sie im Regelfall nur bei als bedeutend geltenden amerikanischen Autoren macht. In der Einleitung des Bandes schrieb der Herausgeber Jay Jennings fest: „Charles Portis wird heute als ein einzigartiges amerikanisches Genie anerkannt – als ein Schriftsteller, dessen lakonischer Stil, pikareske Handlungen und unvergessliche Figuren ihm unter Lesern und Schriftstellern eine leidenschaftliche Anhängerschaft eingebracht haben“ (Charles Portis is now recognized as a singular American genius, a writer whose deadpan style, picaresque plots, and unforgettable characters have drawn a passionate following among readers and writers).
Sein Nachlass wird in den Wittliff Collections der Texas State University aufbewahrt. Im deutschsprachigen Raum ist bislang lediglich True Grit übersetzt worden.
1969 wurde True Grit zum ersten Male als Der Marshal (Originaltitel True Grit) unter Regie von Henry Hathaway verfilmt, John Wayne erhielt für seine Verkörperung der Hauptfigur einen Oscar. Wie ein Jahr später bei der Verfilmung von Norwood wirkten die gebürtig aus Portis’ Heimat-Bundesstaat Arkansas stammenden Schauspieler Glen Campbell und Kim Darby in tragenden Rollen mit.
1970 entstand die gleichnamige Verfilmung von Norwood unter Regie von Jack Haley Jr. mit Glen Campbell in der Titelrolle des Norwood.
2010 produzierten Ethan und Joel Coen eine erneute Verfilmung von True Grit mit Jeff Bridges, Matt Damon und Hailee Steinfeld, die gleichfalls Erfolg fand und für zehn Oscars nominiert wurde.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Portis, Charles |
| ALTERNATIVNAMEN | Portis, Charles Mc Coll |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 28. Dezember 1933 |
| GEBURTSORT | El Dorado, Arkansas |
| STERBEDATUM | 17. Februar 2020 |
| STERBEORT | Little Rock, Arkansas |