Cilly Levitus-Peiser (geboren am 19. Oktober 1925 in Frankfurt am Main als Cäcilie Levitus; gestorben am 3. November 2010 in Langen) war eine tschechoslowakisch-israelisch-deutsche Sozialpädagogin und Holocaustüberlebende. Von 1932 bis zu ihrer Emigration lebte sie in der Israelitischen Waisenanstalt Frankfurt. Mit einem der ersten Kindertransporte gelangte sie im November 1938 in die Niederlande und lebte dort während der deutschen Besatzung im Versteck. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte sie illegal nach Palästina einreisen, wo sie bis 1957 blieb. Mit Mann und zwei Kindern kehrte sie dann nach Frankfurt zurück und lebte ab 1961 in Langen. Sie arbeitete als Sozialpädagogin an Schulen, engagierte sich als Zeitzeugin und war Mitbegründerin der Child Survivors Deutschland, einer Selbsthilfeorganisation von Menschen, die als Kinder die Shoah überlebt hatten.
Cilly Levitus war das zweite von vier Kindern der Eheleute Ignatz (* 20. August 1895 in Dunajská Streda; † 29. April 1931 in Frankfurt) und Regina Levitus (geborene Lesegeld; * 18. Juni 1902 in Karlsbad; 1942 deportiert, Todesdatum und Todesort unklar), die seit 1918 die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit besaßen und diese auch beibehielten, als sie 1922 nach Frankfurt zogen. Für ihre Kinder hatte das zur Folge, dass diese ebenfalls zu tschechoslowakischen Staatsangehörigen wurden – unabhängig von ihrem deutschen beziehungsweise französischen Geburtsort.
Bevor Ignatz und Regina Levitus nach Frankfurt zogen, betrieben sie in Karlsbad ein kleines koscheres Hotel. In Frankfurt, wo ein eigenes Haus erworben wurde, startete Ignatz Levitus ein Kinounternehmen, in dem auch seine Frau Regina mitarbeitete. Am 6. Oktober 1924 wurde Tochter Hanna (später verheiratete Cohen) geboren, und ein Jahr später folgte Cäcilie (Cilly).
Warum die von Cilly als wohlhabend beschriebene Familie 1928 nach Straßburg zog, um abermals eine koschere Pension zu eröffnen, ist nicht bekannt. Dort kam jedoch nicht nur als drittes Kind Tochter Jutta (* 30. Juli 1928; später verheiratete Rosen) zur Welt, sondern die Familie verlor in der Folge des Börsencrashs im Oktober 1929 ihr gesamtes Vermögen und kehrte 1930 ziemlich mittellos nach Frankfurt zurück. Hier wurde am 23. Februar 1930 das vierte Kind der Familie Levitus geboren, der Sohn Josef, genannt Jossel. Während dieser Zeit der letzten Schwangerschaft ihrer Mutter lebte Cilly bei „den Großeltern, die im ungarisch sprechenden Teil der Tschechoslowakei lebten“.
Spätestens seit 1930 war Ignatz Levitus erkrankt, litt an Husten und Atemnot und musste sich mehrfach im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde behandeln lassen. Am 29. April 1931 starb er an Lungenkrebs „und ließ Mutter mit uns vier Kindern und den Schulden zurück“. In der Folge arbeitete Regina Levitus, die „nie einen richtigen Beruf gelernt“ hatte, als Wirtschafterin in einem Privathaushalt und als Schulschwester der Israelitischen Volksschule. Ihre beiden jüngsten Kinder, Jutta und Jossel, lebten weiterhin bei ihr, während Hanna und Cilly von Herbst 1932 bis zu ihrer Emigration 1938 beziehungsweise 1940 in der Waisenanstalt lebten. 1934 bekam Regina Levitus die Stelle als Köchin in der Waisenanstalt, und in der Folge zogen dort auch Jossel, der zwischenzeitlich im Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge untergebracht war, und Jutta ein. Regina Levitus war für die „milchige Küche“ zuständig und für die Ausbildung der jungen Frauen, die sich in der Waisenanstalt auf ihr Leben in Palästina vorbereiteten (Hachschara).
Cilly wuchs in der Welt des orthodoxen Judentums auf, das in Frankfurt durch die Israelitische Religionsgesellschaft repräsentiert und geprägt wurde. Diese jüdische Glaubensrichtung betrieb in Frankfurt eine Vielzahl von Einrichtungen, darunter auch die Waisenanstalt, die von 1932 an zu Cillys Lebensmittelpunkt wurde, sowie die der Waisenanstalt benachbarte Israelitische Volksschule, in der sie eingeschult wurde, und schließlich die Samson-Raphael-Hirsch-Schule, die sie ab dem fünften Schuljahr besuchte. Eingeengt fühlte sie sich durch das orthodoxe Umfeld und die praktizierten Rituale nicht: „Es war einfach normal, weil es alle um mich herum so machten“.
Cillys Erinnerungen an ihre Schulzeit und ihrem Leben in der Waisenanstalt pendeln zwischen Erfahrungen der Strenge und Geborgenheit, letztere vor allem vermittelt durch Isidor und Rosa Marx, die die Waisenanstalt leiteten. Und was diese Frankfurter Waisenanstalt für Cilly bedeutete, wird besonders deutlich, wenn sie diese mit dem Amsterdamer Waisenhaus vergleicht, in dem sie und ihre Schwester nach ihrer Emigration aus Deutschland untergebracht wurden.
„Jutta und ich kamen dann nach Amsterdam in ein Mädchenwaisenhaus. Und dieses Mädchenwaisenhaus war viel strenger, und wir sehnten uns zurück nach den Ohrfeigen von Tante Ella. Dort, in Holland, durfte man uns nicht schlagen, aber man liebte uns nicht. Und wir spürten das. Der Unterschied zu Frankfurt war, im Frankfurter Waisenhaus war das Personal für uns da, und wir wurden verwöhnt, wir waren wirklich die Kinder, um die man sich gekümmert hat. In Holland waren wir sozusagen fürs Personal da. Es war sehr lieblos im Waisenhaus in Holland.“
Waisenanstalt und Schule bildeten zusammen eine nach außen weitgehend abgeschirmte Welt für sich. Kontakte zu nicht-jüdischen Menschen, auch zu Gleichaltrigen, gab es so gut wie nicht.
„Also nicht-jüdische Schüler. Unsere Bekanntschaft mit denen war immer unangenehm. Und zwar auf der Straße. Die einzige Begegnung mit Nicht-Juden war unser Personal. Wir hatten ungefähr 20 Leute, das waren Frauen, die kamen, oder junge Mädchen aus der Umgebung, aus den Dörfern, und mit denen hatten wir guten Kontakt.“

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurden die Begegnungen mit der nicht-jüdischen Bevölkerung noch unangenehmer, auf dem Weg zur Schule gehörte die Erfahrung der zunehmenden gesellschaftlichen Diskriminierung zum Alltag. In der Waisenanstalt begann man, die Kinder auf eine Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Der Englischunterricht wurde ergänzt durch das Erlernen von Ivrit.
Ende Oktober 1938 erlebte Cilly wie während der Polenaktion die polnischen Kinder aus der Waisenanstalt abgeholt wurden. Sie und ihre Geschwister blieben aber trotz ihrer nicht-deutschen Staatsangehörigkeit verschont, und Isidor Marx gelang es, zusammen mit seiner Tochter die polnischen Kinder aus der Waisenanstalt am Bahnhof vor dem Abtransport zu bewahren und in die Anstalt zurückzuholen. Wenige Tage später aber trafen die Übergriffe in der Folge der Reichspogromnacht alle Bewohner der Waisenanstalt, und für die dort lebenden Kinder wurde es immer drängender, Deutschland zu verlassen.
Es ist eine bis heute nicht restlos geklärte Geschichte, wie es dazu kam, dass nur wenige Tage nach der Pogromnacht einer der ersten Kindertransporte nach Holland erfolgen konnte. Es soll Königin Wilhelmina gewesen sein, die 300 bedrohte jüdische Kinder aus Deutschland nach Holland eingeladen habe, darunter 24 aus Frankfurt. Nach welchen Kriterien die Kinder ausgewählt wurden, die dieser Einladung folgen durften, ist nicht bekannt, aber in Frankfurt gehörten Cilly und ihre jüngere Schwester Jutta dazu. Am 22. November 1938 erfolgte die Abreise vom Frankfurter Hauptbahnhof; hier sahen sie ihre Mutter und die übrigen Erwachsenen aus der Waisenanstalt zum letzten Mal.
Das Ziel des Kindertransports war Utrecht, von wo aus die Kinder auf verschiedene Orte verteilt wurden.
Cilly, Jutta und ein weiteres Mädchen, Hannelore, kamen nach Amsterdam und verbrachten ihre erste Woche in einem als Quarantänestation genutzten Haus in der Rapenburgerstraat. Nach einer Woche übersiedelten sie in das benachbarte Nederlands-Israëlitisch Meisjesweeshuis in der Rapenburgerstraat 171, ein jüdisch-orthodox geführtes Waisenhaus für Mädchen unter der Leitung von Rebekka Frank (1876–1943).
Während die jüngere Jutta sich leichter in das neue Milieu einlebte, bedeutete das Meisjesweeshuis für Cilly eine Art Kulturschock. Die Atmosphäre war für sie geprägt von schlechter Ernährung, stetigen Kontrollen durch die Erzieherinnen und der Pflicht zum Tragen einer Anstaltsuniform. Erleichterungen verschafften ihr nur die Samstage, an denen sie ganztägig das Waisenhaus verlassen durften und sie und Jutta oft Tante Meta besuchen konnten, Meta Jawetz-Oppenheimer (* 11. Juli 1882 in Frankfurt – † 12. Februar 1943 in Auschwitz), eine ihnen zugewandte, aber in ärmlichen Verhältnissen lebende Freundin ihrer Mutter.
Um die Jahreswende 1938/39 ergab sich für Cilly eine positive Wende. Zwar wurde ihr von Rebekka Frank eröffnet, dass sie mit ihren 13 Jahren – anders als ihre jüngere Schwester Jutta – für den Besuch der Volksschule zu alt sei und andererseits ihre Holländischkenntnisse für den Besuch einer höheren Schule nicht ausreichten, doch ihr wurde die Möglichkeit eröffnet, eine Haushaltungsschule zu besuchen. Cilly fühlte sich dort schnell sehr wohl, und das Beste für sie war, „dass es hier Lehrerinnen gab, die selbst Freude am Leben hatten und sie uns ebenfalls gönnten.“ Bei dieser Haushaltungsschule handelte es sich um die E. J. van Detschool, und hier lernte Cilly zwei Lehrerinnen kennen, Juffrouw Quweleen (Cornelia Wilhelmina Ouweleen) und Juffrouw Hoefsmit (Maria Louise Hoefsmit), die ihr wenige Jahre später bei ihrem Leben im Untergrund wertvolle Hilfe leisteten. Vorerst aber blieb für sie und ihre Schwester das Waisenhaus ihre Wohnstätte.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 wurde von Cilly zunächst nicht als Bedrohung empfunden. Ihre Angst wuchs jedoch mit dem am 10. Mai 1940 gestarteten deutschen Überfall auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg und der nachfolgenden Kapitulation der Niederlande sowie der beginnenden Besatzungszeit der Jahre 1940 bis 1945. Auch dauerte es noch einige Zeit, bis endlich wieder Post aus Deutschland eintraf und Cilly und Jutta davon erfuhren, dass ihre Schwester Hanna inzwischen nach Palästina ausreisen konnte. Ihrer Mutter und dem Bruder Jossel blieb diese Möglichkeit verwehrt, und ebenso ihnen selber.

Das Jahr 1941 begann mit Repressalien der Deutschen, die sich vor allem gegen die in Holland lebenden Juden richteten. Eine Registrierungspflicht wurde erlassen, und erste Razzien sorgten für Verunsicherungen. Cilly bestand die Abschlussprüfung an der Haushaltungsschule und erhielt die Möglichkeit, eine zweijährige Ausbildung zur Säuglings- und Kinderpflegerin zu beginnen. Ihr Ausbildungsort war die von Henriëtte Pimentel geleitete Kindertagesstätte in der Plantage Middenlaan 31. Diese allgemein als Crèche bezeichnete Einrichtung lag gegenüber der Hollandsche Schouwburg, die ab 1942 als Sammelstelle für Juden missbraucht wurde, denen die Deportation in die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager bevorstand. Die Schouwburg ist heute eine wichtige Gedenkstätte für alle Opfer des Holocaust.
Vom 2. Mai 1942 an mussten alle in den Niederlanden lebende Juden, die sechs Jahre und älter waren, den Gelben Stern tragen, und ab dem Juli 1942 begannen die Deportationen. Dass davon auch bereits ihre in Frankfurt lebende Mutter und ihr Bruder Jossel betroffen waren, erfuhren Cilly und Jutta um diese Zeit von Tante Meta, die eine Karte aus Deutschland erhalten hatte. Bedrohlich wurde es auch für Cilly, da ab Anfang Juli 1942 Aufrufe an alle sechzehn- bis achtzehnjährige Mädchen ergingen, sich zum Arbeitseinsatz in Deutschland zu melden. Die stellvertretende Leiterin des Waisenhauses, Betsy Vromen-Snapper (1892-1984), hielt Cilly davon ab, sich zu melden, und zeitgleich erkrankte ein kleines Mädchen im Waisenhaus an Scharlach. Das hatte zur Folge, dass auf Wochen das gesamte Haus unter Quarantäne gestellt wurde und niemand von dort auf Transport gehen durfte.
In der Zwischenzeit war die Schouwburg bereits zur Sammelstelle umfunktioniert worden, und die Crèche durfte nicht mehr als normale Kinderkrippe arbeiten. Sie wurde nun zur Betreuung der Kinder benutzt, deren Eltern in der Schouwburg gefangengehalten wurden. Wenn diese dann auf Transport gingen, musste das Personal der Crèche die Kinder rüberbringen und den Müttern aushändigen. Derweil saßen Cilly und drei ihrer Freundinnen noch im Waisenhaus fest, und draußen verschärften sich die Deportationsaufforderungen der Deutschen. Als dann die Quarantäne aufgehoben werden musste, weil es keine neu Verdachtsfälle auf Scharlach mehr gab, half ihnen ein neuer Plan von Frau Vromen und Henriëtte Pimentel weiter.
„Alle älteren Mädchen, die im Waisenhaus oder in der Crèche bei den täglichen Arbeiten mithalfen, sollten über den Jüdischen Rat einen inzwischen eingeführten Stempel bekommen, der bezeugte, dass sie hier eine den Deutschen besonders nützliche Arbeit leisteten und deshalb ›bis auf weiteres vom Arbeitseinsatz freigestellt‹ wurden.“
Der Plan gelang, und Cilly und ihre Freundinnen konnten vorerst ihre Arbeit in der Crèche fortsetzen. Ohne selbst darin involviert zu sein, bekamen sie nun auch mit, dass Henriëtte Pimentel und Walter Süskind damit begonnen hatten, die Schouwburg-Kinder vor dem Zugriff der Nazis zu retten und sie in sicheren Verstecken unterzubringen.
Tante Meta, Meta Jawetz-Oppenheimer, wurde deportiert, und am 10. Februar 1943, während Cilly in der Crèche ihrer Arbeit nachging, wurden alle Amsterdamer Waisenhäuser geräumt, auch das Mädchen-Waisenhaus in der Rapenburgerstraat. Die Bewohnerinnen und Bewohner, darunter Cillys Freundinnen und ihre Schwester Jutta, wurden unter Umgehung der Schouwburg diesmal direkt zu einem Bahnhof gebracht, um sie von dort nach Westerbork zu bringen. Ein Mitarbeiter des Jüdischen Rates half, Jutta vor dem Abtransport zu bewahren und in die Crèche zu bringen. Für die beiden Schwestern begann nun, meist getrennt voneinander, das Leben unter wechselnden Adressen bei unterschiedlichen Familien.
Für Cilly war die Wohnung der Familie Granaat ihre erste Unterkunft nach dem Waisenhaus. Es war eine jüdische Familie, die in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Rat noch drei weitere Kinder beherbergte, darunter auch Heinz Landwirth, der später unter dem Namen Jakov Lind ein bekannter Schriftsteller wurde. Zwischen den beiden entwickelte sich eine zarte Liebesgeschichte, die beide auf ihre Weise beschrieben haben: Cilly eher aus einer schwärmerischen Verliebtheit heraus, der zwei Jahre jüngere Landwirth (damals 15) mit stärker ausgeprägten erotischen Interessen.
Cilly konnte die ihr nicht besonders sympathische Familie Granaat bald wieder verlassen, denn Henriëtte Pimentel (die „Directrice“) organisierte ihr ein eigenes Zimmerchen im Nebenhaus der Crèche. Die Verbindung zu Heinz Landwirth blieb aber bestehen, und von ihm erfuhr sie im Mai 1943 auch, dass ihre Schwester Jutta samt der Familie, bei der sie lebte, in der Nacht zuvor abgeholt und in die Schouwburg gebracht worden war. Dank der Vermittlung von Walter Süskind, der geheime Kontakte zu dem SS-Mann Alfons Zündler unterhielt, konnte sie Zündler dazu bewegen, Jutta freizulassen und so vor der Deportation zu bewahren.
Jutta kam bei einer Freundin unter, und Cilly ließ sich allmählich von Heinz Landwirth überzeugen, unterzutauchen. Er besorgte ihr einen gefälschten Pass, und so war sie ab sofort die nicht-jüdische Lambertha (Berthy) Kroon, geboren 1926 in Utrecht. Sie verließ die Crèche wenige Wochen bevor diese am 23. Juli 1943 von den Nazis geräumt und die verbliebenen Kinder und ihre Betreuerinnen, darunter auch Henriëtte Pimentel, deportiert wurden. Unterschlupf fand sie zunächst bei ihren beiden Lehrerinnen aus der Haushaltungsschule, Cornelia Ouweleen (* 17. November 1911 in Amsterdam; Tarnname: Tante Cok) und Maria Hoefsmit (* 27. Mai 1897 in Haarlem – † 1973; Tarnname: Tante Mies), die zu dem Zeitpunkt bereits vier Kindern Unterschlupf gewährten – darunter auch, was Cilly nicht wusste, ihre Schwester Jutta. Für ihre Hilfe beim Verstecken von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen während Nazi-Herrschaft in den Niederlanden wurden die beiden Frauen 1968 von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.
Cilly blieb nur eine Nacht in der Wohnung der beiden Frauen und wurde am nächsten Tag ohne ihre Schwester und ohne eine Möglichkeit, sich noch von Heinz Landwirth verabschieden zu können, von Tante Cok zu einer Familie in Haren gebracht (Lage), zu Onkel Wim, einem Zimmermann und dessen Frau Berta – Wilhelm und Berta Arts. Im Dorf galt sie als Erholungssuchende aus Rotterdam und wurde freundlich aufgenommen. Im Herbst 1943 verbreitete sich jedoch das Gerücht, dass sie eine Jüdin sei, weshalb Onkel Wim Mitte Oktober ihren Umzug nach Dieden (Lage) arrangierte.
Bei ihrer neuen Gastfamilie, Frans und Mien Wijnakker trifft sie zu ihrer Überraschung auf ihre Freundin Suzy, jetzt Agnes, mit der sie gemeinsam die Haushaltungsschule besucht hatte, und hier erlebte sie auch am 19. Oktober ihren achtzehnten Geburtstag. Von Heinz Landwirth, jetzt Jan Gerrit Overbeck und als Schiffer zwischen Holland, Belgien und Deutschland unterwegs, kam ein Brief und als Geschenk Hermann Hesses Buch Narziß und Goldmund. Bald darauf erhielt sie von Tante Cok die Nachricht, dass in Ravenstein (Lage) die Stelle einer Magd freigeworden wäre, auf die sie zum Jahreswechsel nachrücken könne. Cilly war froh über diese Möglichkeit. Bei ihrer neuen Gastfamilie handelte es sich um das noch junge Ehepaar Viktor und Dorothea van Aar, bei Lutz van Dijk stets nur Vic und Door genannt. Viktor van Aar betrieb einen Lebensmittelladen und sympathisierte offen mit dem Widerstand. Dass der Aufenthalt dort aus Cillys Sicht dennoch zu ihrer schwersten Zeit in der Illegalität wurde, lag an Dorothea van Aar, die „zuallererst an einer kostenlosen Arbeitskraft interessiert“ war und Cilly den Alltag schwer machte.
Es steht außer Frage, dass die niederländischen Familien, die Cilly Levitus in dem von den Deutschen besetzten Land Unterschlupf gewährten, ein hohes Risiko eingingen. Über deren Motive lässt sich nur spekulieren, wobei materielle Gründe kaum ausschlaggebend gewesen sein dürften. In dem Video für die USC Shoah Foundation erzählt Cilly, dass die Familie Arts lediglich Lebensmittelkarten erhalten habe, die Familie Wijnakker etwas Geld aus einer nicht näher benannten Quelle. Frans Wijnakker war zudem für die Organisation der Verstecke in der Region verantwortlich, und Viktor van Aar, der mit seiner Familie den dritten Unterschlupf stellte, bekannte sich, wie schon erwähnt, zum Widerstand. Auf den ersten Blick spricht also nichts dagegen, dass alle drei Gastfamilien von Cilly von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet wurden (siehe Weblinks).
Aber es gibt noch eine andere Seite des stillen Heldentums, die Cilly Peiser in ihren Interviews nie thematisiert hatte und erst in dem gemeinsam mit Lutz van Dijk verfassten Buch offen ansprach. Barbara Schieb, die 2023 verstorbene Historikerin an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, beschreibt das so:
„Man war immer abhängig von dem guten Willen anderer Leute und man wusste, man musste etwas bezahlen. Bei Frauen war das eben öfter mal die sexuelle Gegenleistung und das war den meisten Frauen auch völlig klar, dass das so ist. Sie haben sich über alle gefreut, die diese Gegenleistung nicht gefordert haben. Aber sie hielten es für durchaus auch völlig selbstverständlich, dass es so gefordert wurde.“
„Frauen wollten billige Dienstmädchen und Männer wollten mit einem schlafen“, wird Ilse Stillmann (1911–1988) ebenfalls von Dippel zitiert. Und Cilly Peiser ist beides widerfahren: Die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch Dorothea van Aar, und die sexuellen Übergriffe sowohl durch Onkel Wim (Wilhelm Arts), als auch durch Frans Wijnakker. Was blieb, war die „schreckliche Erfahrung“ und eine „unselige Scham“, worüber sie bis zu dem Buchprojekt mit Lutz van Dijk fast 60 Jahre schwieg. Sie beschreibt das Warum und nimmt doch zugleich auch Onkel Wim noch ein Stück weit in Schutz.
„Vielleicht, weil ich mich geschämt habe zuzugeben, dass ich mich nicht wirklich gewehrt habe. Dass ich es manchmal sogar ein wenig genoss. Diese Aufmerksamkeit, diese Zärtlichkeit. Onkel Wim war kein schlechter Mensch. Er war einer von denen, die damals mein Leben gerettet haben. Aber er hat die Situation eines siebzehnjährigen Mädchens, dessen Leben von ihm abhing, ausgenutzt.“
Dass Cilly Peiser vor diesem Hintergrund ihre Zeit mit Dorothea van Aar als ihre „schwerste Zeit insgesamt“ bezeichnet, und nicht die Zeit der Missbräuche durch die beiden Männer, erklärt die Berliner Kinderärztin und Psychotherapeutin Marguerite Marcus so:
„Das Thema [sexuelle Gewalt] spielt keine Rolle, das ist so schambesetzt. Keiner redet darüber, dass er auch schwach war. Die Überlebenden reden gerne über die Stellen in ihrem Leben, wo sie stark waren und was ihnen geholfen hat zu überleben und sie waren ja so mutig. Das wichtigste war, überlebt zu haben. Die haben weite Teile auch verdrängt, weil sie auch in so depressiven Phasen waren, oft den Lebensmut verloren haben und alles haben über sich ergehen lassen. Manchmal war eben die sexuelle Gewalt gar nicht das Schlimmste. Manchmal war die mentale Gewalt von einer Frau, die einen als Aschenputtel in seinem Haus schrubben ließ auch nicht besser als der Mann, der dann wenigstens zärtlich war und der einen als Mensch begegnet hat.“
Cilly Peiser hat das Schweigen über das Thema der sexuellen Gewalt gegenüber versteckten Jüdinnen in der NS-Zeit durchbrochen. Aber das Thema ist in der Forschung noch immer kaum beachtet, und Carsten Dippels Beitrag für den Deutschlandfunk – 18 Jahre nach dem ersten Erscheinen des Buches von Lutz van Dijk/Cilly Peiser – hat bislang kaum für mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema gesorgt.
Unter dem Titel „Das, was du mir antust...“ fand am 15. November 2025 im Werkraum in Hanau die Vernissage zur Ausstellung von Gemälden der Künstlerin Rina Nentwig (* 4. Oktober 1946 als Rina Gertzovsky) statt. Sie ist die in Palästina geborene Tochter von Cilly Peiser, und ihre Ausstellung war ein Beitrag zum Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen. Rina Nentwig „thematisierte in ihren Werken zum einen das Leid der Frauen, das ihnen oft durch Männer angetan wird. Zum anderen das Aufbegehren der Frauen gegen den Mann, der ihnen weh tut.“
Am 17. September 1944 starteten die Alliierten die Operation Market Garden, in deren Verlauf die Provinz Noord-Brabant von den Deutschen befreit wurde. In Ravenstein trafen am 19. September polnische Soldaten ein, die in der Britischen Armee kämpften, weitere britische Soldaten folgten. Ende Dezember erhielt Cilly erstmals wieder Post von ihrer Schwester Jutta, die sich in der Provinz Limburg befand, und Anfang Januar 1945 fanden sie endlich wieder zusammen.
Cilly fand Arbeit in einem Notkrankenhaus in Eindhoven und konnte für sich und ihre Schwester eine kleine Wohnung mieten. Die Krankenhausarbeit war herausfordernd.
„In dem Notkrankenhaus waren anfangs vor allem ehemalige niederländische Zwangsarbeiter. Dann wurden schwer kranke Menschen eingeflogen, die aus den Konzentrationslagern befreit worden waren. Viele waren so am Ende, dass sie trotz unserer Pflege nach wenigen Tagen starben. Es tat so weh, ihnen nicht helfen zu können: Manche waren nicht viel älter als ich und wussten nicht, ob andere Familienmitglieder überlebt hatten, und besaßen doch keinerlei Kraft zum Leben mehr. Die Quälereien in den KZs hatten sie seelisch gebrochen und ihre Körper zerstört.“
Auch Heinz Landwirth tauchte in Eindhoven auf, aber die lange Zeit der Trennung, die hinter ihnen lag, verhinderte, dass sich die alte Intensität ihrer Beziehung noch einmal einstellen konnte, zumal Cilly zum Zeitpunkt seines Eintreffens bereits mit einem englischen Soldaten liiert war.
Als in Eindhoven Soldaten der Jüdischen Brigade eintrafen, weckte das die Hoffnungen der Schwestern, über diese in Kontakt zu ihrer in Palästina lebenden Schwester Hanna zu kommen und an Informationen über ihre in Deutschland verbliebene Mutter und den Bruder Jossel. Ein besonderes Vertrauensverhältnis ergab sich bald zu dem Soldaten Nachum Gertzovsky, der Cilly einen Heiratsantrag machte und vorschlug, gemeinsam mit ihr und Jutta nach Palästina zu gehen. Cilly willigte schließlich ein, nicht zuletzt auch aufgrund des guten Zuredens ihrer alten Schutzpatroninnen Tante Mies und Tante Cok.
Die Heirat erwies sich als ein schwieriges Unterfangen. Cilly besaß nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, war Tschechin, aber in Deutschland geboren, und damit nach englischem Recht Deutsche. Englischen Soldaten wiederum war es verboten, eine Deutsche zu heiraten. Es folgte zunächst eine Eheschließung nach jüdischem Ritual und im März 1946, Cilly war inzwischen schwanger, die Trauung vor einem niederländischen Standesamt. Die Engländer erkannten dies allerdings nicht an und weigerten sich, sie als Nachums Ehefrau nach Palästina einreisen zu lassen.
Nachum brachte Cilly und Jutta illegal über die belgische Grenze und von dort nach Marseille. Er konnte von dort aus legal nach Palästina zurückkehren, und Jutta konnte sich in Marseille einer Gruppe von KZ-Überlebenden für die Überfahrt anschließen. Für die im sechsten Monat schwangere Cilly wurde das als zu schwierig erachtet, aber es gelang, sie als blinde Passagierin auf das Schiff André Lebon zu schmuggeln, das sie nach zehn Tagen Überfahrt nach Haifa brachte.
Ohne gültige Einreisepapiere durfte Cilly zwar das Schiff verlassen, wurde aber umgehend in das nahe Haifa gelegene Internierungslager Atlit gebracht. Hier und in einem weiteren Lager blieb sie etwa einen Monat bis zum 15. Juli 1946 interniert. Sie erhielt eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis, fand Unterkunft bei Verwandten in Haifa, wo sie auf ihre Schwester Hanna traf, und erfuhr, dass auch Jutta inzwischen in Palästina angekommen war. Anschließend zog sie zu Nachum und dessen Familie. Im Oktober 1946 wurde Tochter Rina geboren.
Etwa drei Monate nach der Geburt der Tochter konnte die Familie eine eigene Wohnung beziehen, aber die Ehe kam schnell in die Krise. „Wir lebten uns auseinander, wir hatten keine gemeinsame Sprache.“ Rina kam tagsüber in die Obhut einer Nachbarin, und Cilly pflegte in einem Regierungskrankenhaus Verwundete aus dem Israelischen Unabhängigkeitskriegnund. Diese Tätigkeit übte sie auch über den israelischen Unabhängigkeitstag hinaus noch aus. Bald danach erfolgte die endgültige Trennung von Nachum Gertzovsky, der als Soldat am Unabhängigkeitskrieg teilgenommen hatte, und es bahnte sich eine neue Beziehung an, zu Werner Wolffs, der den hebräischen Nachnamen Seewi annahm. „Ja, dann hab ich mich verliebt in einen Intellektuellen, genau das Gegenteil von Nachum, und das war das, was ich wollte.“
Die neue Ehe erwies sich für Cilly bereits nach einem Jahr als schwierig, dauerte aber noch fünf weitere Jahre fort. Anfangs, als Wolffs/Seewi noch beim Militär war, verdiente sie mit der Betreuung von Kindern den Lebensunterhalt, und später arbeiteten sie gemeinsam in einem Flüchtlingslager für Einwanderer nach Israel als Pädagogen, er als Rektor, sie als Lehrerin. Während ihr Mann weiter als Lehrer arbeitete, eröffnete Cilly in einer von der Histadrut gegründeten Siedlung, in der sie und ihre Familie auch ein kleines Häuschen erwerben konnten, ein Kinderheim, in dem sie im Auftrag der Kinder- und Jugend-Alija verwahrloste Jugendliche betreute, die nicht in Kibbuzim untergebracht werden konnten. Die Jugendlichen blieben so lange bei ihr in der Betreuung, bis sie dann doch noch einer Arbeit oder Ausbildung nachgehen konnten.
Das Angebot einer Freundin, die in Ir Ganim lebte und Cilly anbot, die Tochter Rina zu betreuen, führte zur endgültigen Trennung von Werner Wolffs/Seewi und zur Wiederaufnahme von Cillys Arbeit in verschiedenen Krankenhäusern. In dieser Zeit lernte sie dann 1955/56 Hans Peiser kennen, einen Funkoffizier der israelischen Handelsmarine, der 1935 von Deutschland nach Palästina emigriert war und während des Krieges in der britischen Armee gedient hatte. Das Paar heiratete, lebte zusammen in Peisers Wohnung in Haifa, und dieser versuchte vergebens, in Israel einen Job an Land zu bekommen („Er war nicht in der richtigen Partei. Er war zu links.“) Ein Ausweg eröffnete sich, als Hans Peiser das Angebot erhielt, in Deutschland am Flughafen Frankfurt zu arbeiten und eine Ausbildung bei der Flugsicherung zu absolvieren. Noch vor der Übersiedelung nach Deutschland kam 1957 in Haifa Sohn Benny Peiser zur Welt.
Die Familie Peiser lebte nach ihrer Ankunft in Deutschland in der Raimundstraße 66 in Frankfurt, bekam über ihre Tochter Kontakte zu anderen Familien und gewann den Eindruck, „man kann wieder in Deutschland leben“. 1961 zog die Familie in den seit Dezember 1959 neu entstehenden Stadtteil Oberlinden.
Cilly Peiser war in den ersten Jahren in Deutschland nicht berufstätig. Ihr beruflicher Wiedereinstieg erfolgte erst nach einer schweren Erkrankung ihres Mannes und dessen dadurch bedingter Berufsunfähigkeit. Sie übernahm 1969 in Langen für etwa ein Jahr die Betreuung eines sechsjährigen Mädchens mit Down-Syndrom und schaffte es, dass das Kind innerhalb eines halben Jahres zu lesen und zu schreiben begann. Über die Betreuung dieses Kindes kam Cilly in Kontakt zur örtlichen Sonderschule. Im Februar 1970 wurde sie hier als Betreuerin für eine Gruppe von praktisch bildbaren Kindern eingestellt.
Die Sonderschule wurde wenig später aufgeteilt, und die Betreuung der praktisch bildbaren Kinder erfolgte von nun an in einer noch namenlosen „Sonderschule für Praktisch Bildbare“. Anfang der 1970er Jahre erhielt die Schule auf Initiative von Cilly Peiser den Namen Janusz-Korczak-Schule.
In den Jahren 1973 bis 1976 qualifizierte sich Cilly Peiser berufsbegleitend zur Sonderpädagogin und bestand 1975 im Alter von 50 Jahren an der Fachhochschule Darmstadt, der heutigen Hochschule Darmstadt, die Externenprüfung zur staatlich anerkannten Sozialpädagogin. Aufgrund dieser zusätzlichen Qualifikationen wechselte sie 1976 an die Ludwig-Erk-Schule, um dort für Kinder mit einem besonderen Förderbedarf eine Vorklasse aufzubauen, in der diese individuell auf den Schulanfang vorbereitet werden konnten. Neun Jahre, bis zu ihrer Verrentung übte sie diese Tätigkeit dann aus.
1986 kommt Cilly Peiser der Bitte einer Familie nach, sich um deren Sohn zu kümmern, der Legastheniker war und als verhaltensauffällig galt. Das bedeutete für sie zunächst einmal, sich selber die nötigen Fachkenntnisse über die ihr bis dahin völlig unbekannte Legasthenie anzueignen, was ihr aber so gut gelang, dass das von ihr betreute Kind später ein Studium absolvieren konnte – „und es ist heute Politiker geworden“. Für Cilly Peiser war damit der Einstieg in ein neues Berufsfeld verbunden: Sie gründete eine eigene Praxis und arbeitete als selbständige Therapeutin für Legasthenie.
In vielen Ländern außerhalb Deutschlands gab es bereits Organisationen jüdischer Menschen, die als Kinder den Holocaust und das Naziregime überlebt hatten. Erst am 13. April 2001 aber wurde auch ein deutscher Ableger der World Federation of Jewish Holocaust Survivors & Descendants (WFJHS&D) gegründet, der Verein Child Survivors Deutschland e. V. (CSD). Eine der Initiatorinnen der Vereinsgründung und dann die erste CSD-Vorsitzende war Cilly Peiser.
„Die Initiative dazu ging von Cilly Peiser aus, unserer kürzlich verstorbenen langjährigen Vorsitzenden und zuletzt Ehrenvorsitzenden, zudem Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Sie war es auch, die die Verbindung mit der European Association of Jewish Cild Survivors und der World Federation of Jewish Child Survivors aufgenommen hat; sie hat niemals eine ihrer Konferenzen ausgelassen [..]. Es ist vor allem Cilly Peiser zu verdanken, dass unsere Organisation auch Mitglied beider Dachverbände werden konnte.“
Der Verein verstand sich vor allem als Selbsthilfeeinrichtung. Er sollte einen Rahmen schaffen, innerhalb dessen sich die ehemaligen und inzwischen nicht mehr jungen Überlebenden der Shoah gemeinsam und mit psychologischer Unterstützung mit ihren verfolgungsbedingten Traumata auseinandersetzen konnten. Da es dafür kaum oder nur wenig öffentliche Unterstützung gab, steckte Cilly Peiser einen Großteil ihrer Einnahmen aus ihrer therapeutischen Arbeit in die Vereinsarbeit.
Der Verein Child Survivors Deutschland löste sich zum 31. Dezember 2021 auf. Liquidator war Philipp Sonntag, der selber ein child survivor ist und viele Veröffentlichungen zu dieser Thematik verfasst und betreut hat. Das umfangreiche Archiv des Vereins mit vielen Videobeiträgen ehemaliger verfolgter Kinder, unter anderem auch von Cilly Peiser, ist auf der Webseite der Zeugen der Zeitzeugen e. V. einsehbar.
Im Internet finden sich viele Hinweise auf Cilly Peisers Engagement als Zeitzeugin. Dazu gehören nicht nur die vielen Videos, in denen sie ihre Lebensgeschichte erzählte, sondern vor allem auch ihre Besuche in Schulen oder ihre Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen. Zu dieser Zeitzeugenschaft gehört auch die in der Zusammenarbeit mit Lutz van Dijk erarbeitete autobiografische Erzählung »Zu keinem ein Wort!«, in deren Nachwort sie deutlich macht, was es für sie bedeutete, sich ihrer Geschichte bewusst zu werden und diese mit anderen zu teilen.
„Erst vor ein paar Jahren habe ich begonnen, zu erzählen, mitzuteilen, mich zu öffnen, was ich in mir verschlossen hatte, langsam hinauszulassen, nicht nur gegenüber den eigenen Kindern und Enkelkindern, sondern auch gegenüber der interessierten Öffentlichkeit.“
Ihre Geschichte „langsam hinauszulassen“ war zugleich eine „Art Befreiung“, die ihr zeigte, dass sie gesiegt hatte „über jene, die meine Schwester Jutta, meine Freundinnen Suzy und Rosa, mich und so viele andere damals zwangen, illegal zu leben und beinah unsichtbar zu werden“.

Cilly Peiser bestritt lange Jahre Lesungen mit dem Buch, und nach ihrem Tod tat das dann auch ihre Tochter Rina Nentwig.
Im Jahr 2009 wurde Cilly Peiser „für ihren Einsatz gegen das Vergessen und zum Wohl ihrer Mitmenschen“ mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet und wurde im gleichen Jahr auch noch wegen ihres Einsatzes für Versöhnung zwischen Juden und Christen von Papst Benedikt XVI. empfangen.
Im November 2022 schlug der Magistrat der Stadt Langen vor, eine in einem für rund 3.300 Menschen geplanten Neubaugebiet zu errichtende Grundschule nach Cilly Peiser zu benennen. In der Begründung hieß es: „Sie war ein beeindruckender, starker und einfühlsamer Mensch und eine besondere Pädagogin. Sie konnte Kinder ermutigen und bestärken, ihnen Ängste nehmen und sie Schwächen überwinden lassen.“ Anfang Dezember 2022 stimmte das Langener Stadtparlament diesem Vorschlag einstimmig zu. Die für Sommer 2027 geplante Eröffnung der Schule ist inzwischen aber frühestens zum Schuljahresbeginn 2028/29 möglich.

| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Levitus-Peiser, Cilly |
| ALTERNATIVNAMEN | Peiser, Cilly; Levitus, Cäcilie (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | tschechoslowakisch-israelisch-deutsche Sozialpädagogin und Holocaustüberlebende |
| GEBURTSDATUM | 19. Oktober 1925 |
| GEBURTSORT | Frankfurt am Main |
| STERBEDATUM | 3. November 2010 |
| STERBEORT | Langen (Hessen) |