Claude Calame

Claude Calame (2015)

Claude Calame (* 1943 in Lausanne) ist ein Schweizer Gräzist, Semiotiker und Kulturanthropologe.

Leben

Claude Calame hat an der Universität Lausanne Klassische Philologie studiert und 1966 die licence erworben. Es folgten Postgraduiertenaufenthalte an der École des hautes études en sciences sociales, Paris, und dem University College London. 1968 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lexikon des frühgriechischen Epos in Hamburg, von 1970 bis 1974 Lehrbeauftragter für Gräzistik an der Universität Urbino in Italien. Von 1975 bis 1984 unterrichtete er alte Sprachen am Collège de Béthusy in Lausanne. Von 1976 bis 1981 war er Präsident der Association Suisse de Sémiotique. 1977 wurde er an der Universität Lausanne mit einer Arbeit zum frühgriechischen Lyriker Alkman und seinen Mädchenchören zum Docteur ès Lettres promoviert. Im Winter 1981/82 führte er im Rahmen von anthropologischen Untersuchungen Feldforschung in der Region des Sepik in Papua-Neuguinea durch.

Von 1984 bis 2003 war er Professor für griechische Sprache und Literatur an der Universität Lausanne, nahm aber auch verschiedene Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte im Ausland wahr (Harvard 1992, Lille 1993/1994, Yale 1998). 1997 war er Mitglied des Institute for Advanced Study. Von 1994 bis 1997 war er Präsident des Département Interfacultaire d’Histoire et de Sciences des Religions an der Universität Lausanne und gehörte bei der Gründung 1999 dem wissenschaftlichen Beirat des Observatoire des religions en Suisse an.

Im Winter 1991/92 wurde er als Directeur d’études an die École des hautes études en sciences sociales (Section des Sciences Religieuses) in Paris eingeladen, im Winter 1998/99 erneut ernannt und 2001 fest angestellt. Seitdem ist er zugleich mit dem Centre Louis-Gernet de recherches comparées sur les sociétés anciennes verbunden, das im Centre Anthropologie et Histoire des Mondes Antiques (AnHiMA) aufgegangen ist. Inzwischen ist er emeritiert.

Calame engagiert sich über die Fachgrenzen hinaus in gesellschaftlichen und politischen Fragen in veröffentlichten Stellungnahmen (Kritik des Neoliberalismus und der Schweizer Asylpolitik) und in öffentlichen Debatten, insbesondere im Rahmen der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation ATTAC.

Forschungsschwerpunkte

Schwerpunkt von Calames Arbeiten ist die semiotisch, anthropologisch und pragmatisch angelegte Untersuchung von Gesellschaft und Mythologie des antiken Griechenlands. Im Gegensatz zum Strukturalismus von Claude Lévi-Strauss legt Calame großen Wert auf die jeweiligen Kontexte der énonciation („Äußerung“) von Mythenerzählungen, den jeweiligen Sitz im Leben, den er mit philologischer Genauigkeit eruiert. Der Ausdifferenzierung seiner Methodik widmet Calame dabei regelmäßig große Aufmerksamkeit. Seine Interpretation der edukativen und initiatorischen Funktion der Partheneia (Mädchenchöre) des spartanischen Lyrikers Alkman aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. stellte in dieser Hinsicht einen Paradigmenwechsel in der Interpretation der frühgriechischen Lyrik dar. In den rites de passage erkannte Calame Elemente archaischer Stammesinitiationen. Weitere Arbeiten zum Athener Nationalhelden Theseus und zur griechischen Stadt Kyrene in Nordafrika sind der pragmatischen Verbindung von Mythos und historischem Kult gewidmet. Was Theseus betrifft, konnte er zeigen, dass im 6. und 5. Jahrhundert in Athen traditionelles mythisches Material der Archaik in rituellem und institutionellem Kontext zu einer nationalen Mythologie des Helden uminterpretiert wurde. Anhand weiterer Beispiele entwickelt Calame in diesem Sinne eine pragmatische und anthropologische Poetik der altgriechischen Mythen. In seiner Studie zum Eros der Griechen arbeitet Calame eine Physiologie der Liebe, die Funktion des Eros in Dichtung und bildlicher Darstellung, die Institutionen, welche er unterstützt, den Raum, in dem er seine Macht ausübt, und seine initiatorische Funktion bei den Philosophen und den Orphikern heraus. Zuletzt widmete er den miteinander verbundenen Kategorien von Raum und Zeit in der frühgriechischen Dichtung (Hesiod, Bakchylides), der Begründung von Raum und Zeit in der Gründung der Kolonie Kyrene und der zeitlichen Ausrichtung der Sprache in dem orphischen Goldblättchen aus Hipponion eine umfangreiche Arbeit.

Schriften (Auswahl)

Monographien

Textedition

Herausgeberschaften

Gesellschaftskritik

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Centre de recherche et de documentation sur les changements religieux, l’Observatoire des religions en Suisse a été inauguré à l’UNIL le 14 décembre 1999 (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis..
  2. ↑ Colloque interdisciplinaire à l’École des hautes études en sciences sociales (Paris) organisé par Claude Calame avec le soutien du groupe « Individualisme contemporain » du Conseil scientifique d’ATTAC: L'individu et ses identités – Perspectives sociologiques, anthropologiques et discursives (PDF), 8 février 2007.