Colette Brull-Ulmann

Colette Brull-Ulmann, März 2018

Colette Brull-Ulmann, geborene Colette Jacqueline Raymonde Brull (geboren 18. April 1920 im 17. Arrondissement, Paris; gestorben 21. Mai 2021 in Bry-sur-Marne, Département Val-de-Marne) war eine französische Kinderärztin und Widerstandskämpferin. Sie arbeitete während des Zweiten Weltkriegs im Hôpital Rothschild in Paris und war an der Rettung zahlreicher jüdischer Kinder beteiligt.

Leben

Brull-Ulmann war das zweite von vier Kindern einer nichtpraktizierenden jüdischen Familie in Paris. Sie stammte väterlicherseits aus einer bürgerlichen Familie rumänischer jüdischer Einwanderer und mütterlicherseits aus einer Familie jüdischer „Pieds-Noirs“.

Brull-Ulmann begann ein Medizinstudium mit dem Ziel Kinderärztin zu werden. Bei Kriegsausbruch und Einmarsch der Deutschen 1940 war sie mit dem Studium noch nicht fertig. Da ihr Vater Kriegsveteran war, konnte sie trotz der antisemitischen Gesetze des Vichy-Regimes mit einer Ausnahmegenehmigung ihr Studium fortsetzen, jedoch keine Assistenzärztin werden. Das einzige Pariser Krankenhaus, in dem jüdische Ärzte ihren Beruf ausüben durften, war das Hôpital Rothschild im 12. Arrondissement, wo sie 1941 eine Tätigkeit als Interne en médecine („Medizinstudentin im Praktikum“) aufnahm.

Das im Besitz der Familie Rothschild befindliche Hôpital Rothschild war unter Zwangsverwaltung gestellt worden. Ab Dezember 1941 wurden Patienten aus dem Sammellager Drancy betreut. Im Laufe der Zeit drängte die Polizei auf schnellstmögliche Rückführung in das Lager. Ein Teil des Krankenhauses wurde in ein Gefängnis für festgenommene Juden verwandelt, um Fluchtversuche zu unterbinden. Das Personal wurde überwacht und selbst mit Deportation bedroht. Trotzdem entstand unter den nicht mit den Deutschen kollaborierenden Mitarbeitern ein Rettungsnetzwerk, das mit allen Mitteln versuchte, insbesondere für Kinder die Rückkehr nach Drancy zu verzögern oder sie sogar aus dem Krankenhaus zu schmuggeln. Zentrale Figur des Netzwerks war Claire Heyman, Sozialarbeiterin des Krankenhauses, mit Maria Errazuriz als Stellvertreterin. Ab Juli 1942 beteiligte sich Brull-Ulmann aktiv im Widerstandsnetzwerk und bei der Rettung jüdischer Kinder.

Brull-Ulmann war bis Ende 1943 im Hôpital Rothschild tätig. Dann wurde sie von einem deutschen Soldaten entlarvt und tauchte unter. Sie wurde von ihrem eigenen Vater in die Résistance rekrutiert, dessen Netzwerk dem Bureau central de renseignement et d’action („Zentralbüro für Aufklärung“) unterstand. Unter dem Decknamen „Mademoiselle Lecomte“ durchstreifte sie Paris und erfasste Standorte der deutschen Flugabwehrbatterien. Später wurde sie in den Sanitätsdienst aufgenommen. Formal zum Leutnant befördert, versorgte sie aus Deutschland zurückkehrende Arbeiter des Service du travail obligatoire und Kriegsgefangene.

Für ihren Einsatz im Widerstand wurde ihr von Charles de Gaulle bereits 1945 das Croix de guerre verliehen. Nach dem Tod ihres Vaters im September 1945 wurde Brull-Ulmann, die nun für den Unterhalt ihrer Familie sorgen muss, in der Krankenstation von Bezons angestellt.

Sie heiratete Jacques-André Ulmann (1917–2011), einen Allgemeinmediziner und Widerstandskämpfer. Er ist der Sohn eines Kunstmalers und der Enkel von Emmanuel Hannaux. Das Ehepaar sammelte seit den 1950er Jahren grafische Werke und schenkte in den 1990er Jahren einige wertvolle Werke verschiedenen Museen, darunter dem Louvre.

Das Ehepaar ließ sich 1948 zunächst in Noisy-le-Sec im Département Seine-Saint-Denis nieder und hatte dort eine Praxis. Erst 1970 bekommt Brull-Ulmann die formale Zulassung als Kinderärztin. 1985 ließ sie sich als Kinderärztin in Nogent-sur-Marne im Département Val-de-Marne nieder.

Ihre Kriegserlebnisse behielt Brull-Ulmann lange für sich, auch gegenüber ihren Kindern und Enkelkindern. Erst nach dem Tod von Heyman ging Brull-Ulmann in hohem Alter als „letzte Überlebende“ in die Öffentlichkeit. Sie beteiligte sich an Ausstellungen und Vorträgen.

2011 wurde durch die Fondation Rothschild am Eingang des Hospizes in der Nähe des Hôpital Rothschild eine Gedenktafel angebracht mit den Namen der Ärzte sowie des Pflege- und Verwaltungspersonals der Einrichtung, die sich im Widerstand engagierten.

Im Jahr 2017 veröffentlichte sie gemeinsam mit Jean-Christophe Portes das Buch Les Enfants du dernier salut, in dem sie von ihrer Zeit im Hôpital Rothschild berichtet.

Im Jahr 2019, fast 75 Jahre nach den Ereignissen, erhielt sie durch Emmanuel Macron den Orden der Ehrenlegion im Rang eines Offiziers unter dem Titel résistante, ancienne pédiatre; 77 ans de services. Sie äußerte: „Ich habe diese Auszeichnung im Namen so vieler anderer angenommen, die sie nicht erhalten haben, es aber zweifellos mehr verdient hätten.“

Brull-Ulmann starb 2021 in Bry-sur-Marne (Département Val-de-Marne) im Alter von 101 Jahren.

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Einzelnachweise

  1. ↑ Eintrag zu Colette Jacqueline Raymonde Brull in Fichier des personnes décédées (französisch).
  2. 1 2 3 Frits Lugt: Ulmann, Jacques-André et Colette. In: Numéro L.3533 Intitulé de la collection. Les Marques de collections de dessins & d’estampes, Dezember 2021, abgerufen am 25. August 2026.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 Aveline Marques: „Pendant des années, le souvenir de cette rafle m’a hantée“: comment une jeune interne a sauvé des enfants juifs de la déportation. In: Egora Histoire. Les Généralistes, CSMF, 27. August 2021, abgerufen am 25. August 2026.
  4. ↑ Isabelle Vaha: Heyman Claire (1902–1997). Groupe de Recherche en Histoire du Service Social (GREHSS), 9. März 2023, abgerufen am 22. August 2026.
  5. ↑ Paul R. Batrop: Resisting the Holocaust: Upstanders, Partisans, and Survivors. ABC-CLIO, Santa Barbara, CA 2016, ISBN 978-1-61069-879-5, S. 67.
  6. 1 2 David Pouvil: A la télé ce soir: Les Justes de l'hôpital Rothschild. Actualités Juives, 19. Februar 2017, archiviert vom Original am 14. April 2017; abgerufen am 25. August 2026.
  7. ↑ Christine Rousseau: Soignés et sauvés. Le Monde, 4. April 2015, abgerufen am 25. August 2026.
  8. ↑ L’édifiant documentaire, «les enfants juifs sauvés de l’hôpital Rotschild». Times of Israel, 21. Februar 2017, abgerufen am 25. August 2026.
  9. 1 2 Benoît Hopquin: La résistante Colette Brull-Ulmann est morte. Le Monde, 4. April 2015, abgerufen am 25. August 2026.
  10. ↑ Through the Morgue Door, One Woman’s Story of Survival and Saving Children in German-Occupied Paris. University of Pennsylvania Press, abgerufen am 25. August 2026.
  11. ↑ Yves Vergez: Le cimetière de Nogent-sur-Marne. Private Website, abgerufen am 25. August 2026.
  12. ↑ Une Juste du bout du monde. In: Yad Vashem, Le Lien Francophone. Nr. 38, September 2011, S. 9 (yadvashem.org [PDF]).
  13. ↑ Colette Brull-Ulmann und Jean-Christophe Portes: Les Enfants du dernier salut, Témoignage. City Editions, Bernay 2017, ISBN 978-2-253-07847-0.
  14. ↑ Décret du 13 juillet 2019 portant nomination. In: Journal officiel. Légifrance, abgerufen am 25. August 2026.