Delir, nicht durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingt, Delirium nicht Demenz überlagernd. Inkl. exogener Reaktionstyp, hirnorganisches Syndrom, psychoorganisches Syndrom, Psychose bei Infektionskrankheit, Verwirrtheitszustand (nicht alkoholbedingt)
F05.1
Delir bei Demenz
F05.8
Sonstige Formen des Delirs: Delir mit gemischter Ätiologie, postoperatives Delir
F05.9
Delir, nicht näher bezeichnet
F10.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Entzugssyndrom mit Delir
F11.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide: Entzugssyndrom mit Delir
F12.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide: Entzugssyndrom mit Delir
F13.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika: Entzugssyndrom mit Delir
F14.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain: Entzugssyndrom mit Delir
F15.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch andere Stimulanzien, einschließlich Koffein: Entzugssyndrom mit Delir
F16.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch Halluzinogene: Entzugssyndrom mit Delir
F17.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch Tabak: Entzugssyndrom mit Delir
F18.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch flüchtige Lösungsmittel: Entzugssyndrom mit Delir
F19.4
Psychische und Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen: Entzugssyndrom mit Delir
Das Delir oder Delirium (Plural: Delirien bzw. Deliria; veraltet Irresein; lateinischdelirium, zu delirare ‚aus der Furche geraten‘, ‚von der geraden Linie abweichen‘, ‚verrückt sein‘, von lira ‚Furche im Ackerbeet‘) ist ein akuter Verwirrtheitszustand und bezeichnet ein ätiologisch unspezifisches hirnorganisches Psychosyndrom, das einen lebensbedrohlichen Zustand darstellen kann. Beim Delir handelt es sich gemäß Schüttler um eine akute, körperlich begründbare Psychose.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bezeichnete Georg Ernst Stahl mit Delirien die eigentlichen („idiopathischen“) Geisteskrankheiten und mit „sympathetischen Delirien“ solche, die in Begleitung anderer körperlicher Krankheiten auftreten. Er unterteilte zudem in libidinöse (zum Beispiel Hypersexualität, Nymphomanie und Hysterie), melancholische und fieberhafte Delirien.
Klassifikation
ICD-10
Die Kriterien in der ICD-10 für das Vorliegen eines Deliriums lauten:
In der seit 2022 gültigen ICD-11 wird der Delir den Neurokognitive Störungen zugeordnet. Folgende Mindestkriterien müssen erfüllt sein:
Eine Störung der Aufmerksamkeit, Orientierung und des Bewusstseins, die sich innerhalb kurzer Zeit (z. B. innerhalb von Stunden oder Tagen) entwickelt und sich typischerweise als erhebliche Verwirrung oder allgemeine neurokognitive Beeinträchtigung mit vorübergehenden Symptomen äußert, die je nach zugrunde liegender Ursache oder Ätiologie schwanken können.
Die Störung stellt eine Abweichung von der Grundfunktionsfähigkeit der betroffenen Person dar.
Ein Delir kann durch die direkten physiologischen Auswirkungen einer medizinischen Erkrankung verursacht werden, durch die direkten physiologischen Auswirkungen einer Substanz oder eines Medikaments, einschließlich Entzugserscheinungen, oder durch mehrere oder unbekannte ätiologische Faktoren.
Die Symptome lassen sich nicht besser durch eine bereits bestehende oder sich entwickelnde neurokognitive Störung (z. B. amnestische Störung, leichte neurokognitive Störung oder Demenz) oder durch eine andere psychische Störung (z. B. Schizophrenie oder sonstige primäre psychotische Störung, eine Stimmungsstörung, posttraumatische Belastungsstörung, dissoziative Störung) erklären.
Die Symptome lassen sich nicht besser durch ein typisches Syndrom einer Substanzintoxikation oder eines Substanzentzugs für eine Substanz oder ein Medikament erklären, von deren Vorhandensein bekannt ist, obwohl ein Delirium als Komplikation von Intoxikations- oder Entzugszuständen auftreten kann.
DSM-5
Im 2013 veröffentlichten DSM-5 sind folgende Kriterien enthalten:
Störung der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins
Das Störungsbild entwickelt sich innerhalb eines kurzen Zeitraums, wobei der ursprüngliche Zustand verändert ist und der Schweregrad im Tagesverlauf fluktuiert.
Kognitive Funktionen sind zusätzlich beeinträchtigt.
Störungsbilder können nicht besser durch eine andere, vorbestehende, gesicherte oder sich entwickelnde neurokognitive Störung (Demenz) erklärt werden, auch nicht im Kontext von stark reduzierter Wachheit oder Koma.
Es gibt einen Zusammenhang zu einem medizinischen Krankheitsfaktor, einer Substanzintoxikation, einem Substanzentzug oder zu einer Exposition gegenüber einem Toxin.
Symptome
Ein Delir beginnt meist akut innerhalb von Stunden bis Tagen und ist durch Störungen von Kognition und Bewusstsein gekennzeichnet. Typisch sind eine gestörte Aufmerksamkeit, Desorientierung, Gedächtnis- und Auffassungsstörungen sowie veränderte Wahrnehmungen wie Realitätsverkennungen oder Halluzinationen. Häufig treten auch inhaltliche Denkstörungen mit paranoiden Zügen auf. Psychomotorisch zeigt sich entweder Unruhe oder Antriebsarmut, oft auch ein Wechsel beider Zustände. Begleitend können gesteigerte Schreckhaftigkeit und eine tageszeitliche Schwankung der Symptome auftreten, wobei insbesondere nachts eine Akzentuierung beobachtet wird, ohne dass sich jedoch eine eindeutige tageszeitliche Präferenz feststellen lässt.
Anhand der Symptomatik wird klinisch zwischen zwei Prägnanztypen unterschieden, dem hyperaktiven und hypoaktiven Delir. Letzteres ist aufgrund der weniger kennzeichnenden Symptomatik schwieriger zu diagnostizieren und zugleich auch mit einer höheren Mortalität assoziiert. Es bestehen Mischformen mit Anteilen von beiden Typen.
Testverfahren
Flowchart CAM-ICU
Es gibt folgende validierte Testverfahren zur Detektion eines Delirs:
CAM-ICU
ICDSC
Nu-DESC
3D-CAM
CAM-S
Die Confusion Assessment Method for the ICU (CAM-ICU) wurde speziell für die Anwendung auf einer Intensivstation entwickelt. Anhand von Testfragen wird das Vorliegen von Aufmerksamkeits-, Bewusstseins- und Denkstörung untersucht. Der CAM-ICU gilt als der zuverlässigste Score, um ein Delir beim Intensivpatienten zu entdecken. Er hat eine Sensitivität von 0,79 und eine Spezifität von 0,97. Beim Intensive Care Delirium Screening Checklist werden Bewusstseinslage, Aufmerksamkeit, Orientierung, Halluzination, Agitation, Sprache, Schlaf und Symptomatik untersucht. Für jedes vorhandene Symptom gibt es einen Punkt. Die Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC) untersucht Orientierung, Verhalten, Kommunikation, Halluzination und psychomotorische Retardierung. Je nach Ausprägung gibt es 0 bis 2 Punkte. Das Verfahren kann auch von ausgebildeten Pflegekräften eingesetzt werden. Das 3-Minute Diagnostic Interview for CAM-defined delirium (3D-CAM) ist auf eine rasche Einschätzung eines deliranten Zustandes ausgelegt. Anhand von Testfragen werden Aufmerksamkeits-, Bewusstseins- und Denkstörung ermittelt. Bei der Confusion Assessment Method – Severity (CAM-S) wird der Schweregrad eines Delirs durch Erfassung des Verlaufs, der Aufmerksamkeit, des Denkens, der Bewusstseinslage, der Orientierung, des Gedächtnisses, der psychomotorischen Agitation, von Retardierung und Schlaf bestimmt. Den einzelnen Kategorien werden Punktwerte von 0-2 zugeordnet und anschließend die Summe gebildet.
Ätiologie
Prädisponierende Faktoren
Zu den prädisponierenden Faktoren eines Delirs zählen Hirnerkrankungen wie Demenz, Schlaganfall oder Morbus Parkinson, höheres Lebensalter, sensorische Einschränkungen (z. B. Seh- oder Hörstörungen), Alkoholintoxikation sowie multiple Begleiterkrankungen.
Ursachen
Delirien können durch eine Vielzahl organischer und nicht-organischer Faktoren ausgelöst werden. Zu den wichtigsten Ursachen zählen:
Die häufigste Ursache des Deliriums bei Alkoholismus ist der Alkoholentzug. Man spricht dann von einem Alkoholentzugsdelir: Delirium tremens.
Komplikationen
Das Delir ist die häufigste akute Hirnfunktionsstörung während einer Intensivbehandlung. Die Trübung des Bewusstseins stellt eine wichtige Komplikation dar und kann von Somnolenz über Sopor bis hin zum Koma reichen. Der Verlauf der Bewusstseinsstörung ist beim Delir kaum vorherzusagen. Somit ist jedes delirante Syndrom ein psychiatrischer Notfall, der nur in einer Klinik behandelt werden kann, da im schlimmsten Fall Herzversagen, Atemstillstand oder Stoffwechselstörungen drohen. Patienten, die auf einer Intensivstation ein Delir entwickeln, haben ein höheres Sterberisiko, werden länger beatmet und haben ein höheres Risiko einer langfristigen kognitiven Verschlechterung als Intensivpatienten ohne Delir.
Nach den Ergebnissen verschiedener Studien entwickeln 30 – 80% aller Intensiv-Patienten ein Delir, bei chirurgischen Patienten sind es je nach Eingriff zwischen 5,1% und 52,2%. Diese Patienten haben im Vergleich zu anderen Patienten der Intensivstation eine höhere Sterberate während ihres Aufenthalts dort, benötigen einen im Durchschnitt längeren Aufenthalt und haben häufiger kognitive Beeinträchtigungen nach der Entlassung.
Ohne Behandlung des Delirs beträgt die Sterblichkeitsrate bei einer Person, die an einem Delir leidet, ungefähr 30%, während sie bei einer Behandlung auf etwa 1–2% sinkt.
Behandlung
Ein Delir kann zu einem lebensbedrohlichen, akuten medizinischen Notfall werden. So sind Delirien bei älteren dementen Patienten häufig. Hier sind Exsikkose, Infektionen (Pneumonie, Harnwegsinfekte) und Elektrolytentgleisungen häufige Ursachen. Die Behebung der Ursache (Antibiotikatherapie, Flüssigkeitssubstitution etc.) sowie symptomatische Behandlung mit zentralen Antisympathikotonika wie Clonidin oder Dexmedetomidin, sowie Neuroleptika und Benzodiazepinen können Besserung bringen.
Da das Delir im Rahmen unterschiedlichster Störungen auftreten kann, sind weitere Diagnostik und ursächliche Therapie essentiell. Die Behandlung muss direkt nach Diagnosestellung eines deliranten Syndroms, auch ohne die genaue Ätiologie des Deliriums zu kennen, eingeleitet werden.
Eine Überstimulation des Sympathikus kann symptomatisch mit Clonidin oder Dexmedetomidin therapiert werden. Pathologische Erregungszustände lassen sich symptomatisch mit Benzodiazepinen und Halluzinationen mit Neuroleptika (zum Beispiel Haloperidol) behandeln. Benzodiazepine sind allerdings mit Vorsicht zu verwenden. Sie haben zum Teil langwirksame Metaboliten, die gerade bei älteren Patienten zu länger anhaltenden Verwirrtheitszuständen beitragen können.
Beim Delirium tremens, auch Alkoholdelir (lateinisch Delirium alcoholicum), wird in Kliniken zur Behandlung der meisten o.g. Symptome auch Clomethiazol eingesetzt. Dieses erfordert eine engmaschige Kontrolle der Vitalfunktionen des Patienten, da es atemdepressiv wirkt. Ein Alkoholentzugsdelirium kann lebensbedrohlich und damit überwachungspflichtig werden. Je länger und je mehr Alkohol der Patient konsumiert hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines Delirs.
Nicht-pharmakologische Maßnahmen
Zu den zentralen nicht-pharmakologischen Maßnahmen gehören die Förderung der räumlichen, zeitlichen und situativen Orientierung durch vertraute Umgebungsgestaltung und Orientierungshilfen, die gezielte Stimulation von Gedächtnis- und Denkfunktionen sowie die Verbesserung des Schlafs durch Maßnahmen der Schlafhygiene. Aus diesem Grund und als Orientierungshilfen im Sinne der zeitlichen Orientierung finden sich beispielsweise Uhren in nahezu allen und Kalender in vielen Patientenzimmern. Ebenfalls im Sinne der Förderung der Orientierung sollte ein Entzug von im Alltag benötigten Seh- und Hörhilfen (Brillen, Hörgeräte) unbedingt vermieden werden. Auch Ergotherapie und Physiotherapie können die Dauer des Delirs verringern und sollten daher gefördert werden. Unterstützt wird die Verringerung des Delirs weiterhin durch beruhigende Musik, die Vermeidung von Koffein sowie die Verwendung von Ohrstöpseln und Augenbinden im Schlaf und zur Verbesserung der Schlafqualität.
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