Der Wegwerfer

Heinrich Böll

Der Wegwerfer ist der Titel einer 1957 veröffentlichten satirischen Erzählung von Heinrich Böll. Sie handelt von einem Theoretiker der „reinen Ökonomie“, der durch seine Strategie viele Arbeitsprozesse und Berufe wegrationalisiert, dadurch zum Außenseiter der Gesellschaft wird und sich mit schlechtem Gewissen vor den Menschen versteckt.

Inhalt

Der Erzähler schildert in seinem „Bekenntnis“ seine ihn psychisch belastende Karriere zum Beruf des „Wegwerfers“.

Die theoretischen Erkenntnisse zur „reinen Ökonomie“ reichen in seine Kindheit zurück: Bereits als Elfjähriger sammelt er die von seinem Vater in den Briefkorb geworfenen Kaufangebote und Reiseprospekte und berechnet in seiner Freizeit, nachdem er mit der mittleren Reife die Laufbahn im Verwaltungsdienst beginnt, „wieviel Zeit es erfordert[-], eine Drucksache kleineren, mittleren, großen Umfangs […] zu öffnen, flüchtig zu betrachten, sich von seiner Nutzlosigkeit zu überzeugen, sie dann in den Papierkorb zu werfen“. Er überschlägt die Herstellungs- und Transportkosten, verbessert im Laufe der nächsten Jahre seine Studien, bezieht auch die Entleerungskosten der Briefkörbe und die Entsorgung mit ein und bietet seine Erkenntnisse, einem „Drang zur Loyalität folgend“ seiner Behörde an, worauf er „der Nachlässigkeit im Dienst bezichtigt, des Nihilismus verdächtigt, für geisteskrank erklärt und entlassen“ wird.

Hier beginnt seine „asoziale“ Lebensphase als „Erfinder, Privatgelehrter, im Notfall Student, im Pathos der beginnenden Trunkenheit: verkanntes Genie“: Er verfeinert seine Recherchen auf der Spekulationsebene der Wissenschaft, trinkt den „Honigseim der Bohème: mit der Gesellschaft nicht konform zu sein“ und genießt „die Demütigung des vergeblichen Hausierens mit [s]einer Erfindung“, bis er nach vier Jahren vom Direktor der „Ubia“ eingestellt wird, seine Theorie bei der Postkontrolle im Keller der Firma zu realisieren.

Für seine neue Tätigkeit setzt er eine „Maske“ auf: Er tarnt sich mit bürgerlicher Kleidung, so dass man ihn für einen „gebildete[n] Herr[n]“ hält, der „Handel mit Dingen treibt, die wohlverpackt und wohlriechend sind“ und der jeden Morgen gegen 7.30 mit der Straßenbahn zu einem „angenehm altmodischen Kontor“ fährt. Denn der Erfinder hat ein schlechtes Gewissen den Menschen gegenüber, „die am Vortag eine Arbeit geleistet haben“, die er „rücksichtslos“ vernichtet: „Drucker, Setzer, Zeichner, Schriftsteller, die sich als Werbetexter betätigen, Graphiker, Einlegerinnen, Packerinnen, Lehrlinge der verschiedensten Branchen“:

„Ich vernichte innerhalb einer Stunde das Ergebnis von zweihundert Arbeitsstunden, erspare der ›Ubia‹ weitere hundert Stunden, so dass ich insgesamt […] ein Konzentrat von 1:300 erreiche.“

Vom Inhalt dreier Postsäcke bleibt nur ein Blechkorb voller Briefe übrig. Aber er triumphiert nicht: „Recht behalten zu haben, ist durchaus nicht immer ein Grund, glücklich zu sein“. „Ihn erfüllt jene Trauer, wie sie einen General erfüllen mag, der aus den Höhen der Strategie in die Niederungen der Taktik hinabsteigen muss“.

Der Wegwerfer denkt darüber nach, wie er „der Taktik entfliehen und in die Strategie zurückkehren könnte“. Was ihn „als Formel berauschte“, enttäuscht ihn in der Praxis, „da es sich als so leicht ausführbar erweist“. Alle Probleme bedürfen noch „des gründlichen Studiums“: Denkbar sind „Wegwerferschulen“, Wegwerfer könnten bereits in den Druckereien oder Postämtern eingesetzt werden oder die Prospekte könnten zwar noch erdacht, gezeichnet, aufgesetzt, aber nicht mehr gedruckt werden. Er beschäftigt sich auch mit den Verpackungen: „Täglich werden Milliarden Wegwerfbewegungen gemacht, werden Energien verschwendet, die, könnte man sie nutzen, ausreichen würden, das Antlitz der Erde zu verändern.“.

Er greift hier auf seine eigene Erfahrung zurück: Wie er mit der Stoppuhr gemessen hat, ist sein Nervenverschleiß beim Auspacken des Beruhigungsmittels größer als die Wirkung der Pillen. Aber er benötigt die Arznei für seine anstrengende Forschungsarbeit und seine Tarnung, denn er fürchtet, dass irgendein Verwaltungsbeamter in der Kartei auf seiner Lochkarte die Merkmale für „geisteskrank“ und „asozial“ entdeckt.

Rezeption und Interpretation

In der Rezeptionsgeschichte hat sich die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert. Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“, werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.

Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte. Der Autor hat sie in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet und 1965 den Wegwerfer aus seinem Kurzgeschichten-Œuvre herausgehoben als „die beste Geschichte, die ich je geschrieben habe“. Die 1957 veröffentliche Erzählung wurde in viele Erzählsammlungen, Sammelbände und Buchgemeinschaften-Sonderausgaben aufgenommen.

In der Rezeption werden die inhaltlichen und stilistischen Elemente der Erzählung - Übersteigerung ins satirisch Groteske, Ironie, schwarzer Humor – meist im Zusammenhang mit anderen Satiren und Grotesken analysiert und interpretiert.

Für die gesellschaftliche Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand wird die „satirische Groteske“ als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“. Böll vertrete im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.

Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, Ver-rückte. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder weniger ver-rückt erscheinen“. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.

Kilchemann zählt Bölls satirische Erzählungen zu den besten in der zeitgenössischen Literatur. Hier verwirkliche Böll seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“

Nach Rasch erzeugen Bölls Erzählungen „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen suchen […] Man spürt, dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis. […] Wenn Bölls Menschen nicht wissen, woran es ihnen eigentlich mangelt, so wissen sie wenigstens, dass ihnen etwas fehlt, etwas Wesentliches, dass ihnen ein menschlich erfülltes Dasein vorenthalten bleibt […] Jede Erzählung Bölls setzt uns in Misstrauen gegenüber unserer Wirklichkeit, unseren Lebensverhältnissen. […] Bölls Dichtung entfaltet sich am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität, aus dem Spannungsverhältnis zu ihr entspringt der Funke erzählerischer Inspiration. Er erfindet Geschichten, einfache klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest – aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“.

Illustration

Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ Vorabdruck unter dem Titel Bekenntnis eines Wegwerfers, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Weihnachten 1957, und als Buchausgabe in Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren. Kiepenheuer & Witsch Köln, 1958. s. Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 122, 157.
  2. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 133.
  3. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 128.
  4. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 129.
  5. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 123.
  6. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 129.
  7. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 124.
  8. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 126.
  9. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 125.
  10. ↑ Heinrich Böll: Der Wegwerfer. In: Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 130, 131.
  11. ↑ Reinhold Neven DuMont, 10. Juni 2009, WDR-Interview.
  12. ↑ Uwe Wittstock: „Bölls Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.“ In: Die Welt, 15. Juli 2010, Interview mit Marcel Reich-Ranicki.
  13. ↑ Ulrich Greiner: Der Schriftsteller des Mitleids. Wir sollten ihn wieder lesen: Heinrich Böll. Der Abschluss der 27-bändigen Kölner Ausgabe ist ein guter Anlass. In: Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2011.
  14. ↑ Hans Schwab-Felisch: Der Böll der frühen Jahre. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 168, 169.
  15. ↑ in: Heinrich Böll: Aufsätze – Kritiken – Reden II. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 225.
  16. ↑ z. B., Doktor Murke und andere Erzählungen (Insel-Verlag Leipzig, 1963), Die Erzählungen (Insel Verlag Leipzig, 1966), Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren (Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1966), Romane und Erzählungen (Verlag des Borromäusvereins Bonn, 1968), Geschichten aus zwölf Jahren (Suhrkamp Frankfurt am Main, 1969)
  17. ↑ u. a. Deutsche Prosa. Erzählungen seit 1945. Deutscher Taschenbuch Verlag, 1968
  18. ↑ u. a. Meistererzählungen. Bertelsmann Gütersloh, 1971.
  19. ↑ Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, v. a. mit Doktor Murkes gesammeltes Schweigen (1958), S. 306 ff., Die Erzählungen (1966), S. 327.
  20. ↑ Benno von Wiese: Einleitung zu Deutschland erzählt. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1963, S. 11.
  21. ↑ Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch: Grundlagen, Stile, gestalten der deutschen Literatur. Hirschgraben-Verlag Frankfurt am Main, 1975, S. 350.
  22. ↑ Karl Korn: Das Salz der Satire. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 65.66.
  23. ↑ Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165.
  24. ↑ Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165.
  25. ↑ Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 10, 11.