
Eduard Weniaminowitsch Limonow (russisch Эдуард Вениаминович Лимонов, eigentlich Eduard Weniaminowitsch Sawenko, russ. Эдуард Вениаминович Савенко; * 22. Februar 1943 in Dserschinsk, Oblast Gorki; † 17. März 2020 in Moskau) war ein russischer Schriftsteller und Politiker.
Limonov lebte als sowjetischer Dissident in den 1970ern in New York City und später in Paris. Erste Erfolge und einen Ruf als Skandalautor erreichte er mit seinen erfolgreichen semi-autobiografischen Romanen It's Me, Eddie und Memoiren eines russischen Punks. Nach dem Fall der Sowjetunion kehrte er nach Russland zurück und betätigte sich dort politisch. Er gründete 1993 die provokative und extremistische Nationalbolschewistische Partei Russlands (NBP) in Gegnerschaft zur Präsidentschaft von Boris Jelzin. Nach einem Gefängnisaufenthalt um die Jahrtausendwende wurde er Teil der Opposition gegen Wladimir Putin und wurde mit Garry Kasparow zu einem führenden Kopf der Koalition Das andere Russland. Nach dem Verbot der NBP gründete er 2010 die gleichnamige Partei Das andere Russland.
Limonow galt durch seine provokativen, radikalen Aussagen und Skandalumwittertheit als Enfant terrible der russischen Literatur.
Der gebürtige Russe Eduard Sawenko wuchs in Charkiw, damals in der ukrainischen Sowjetrepublik gelegen, auf. Sein Vater war Mitarbeiter des NKWD. Als Jugendlicher war er Hooligan und begang mehrere Bagatelldelikte. Mitte der 1960er-Jahre siedelte er nach Moskau über, wo er zunächst als Hosenschneider für die russische Intelligenzija wie Ernst Neiswestny tätig war. Dort machte er Bekanntschaft mit dem literarischen Untergrund und betätigte sich als Avantgarde-Lyriker und Dissident. Zu seinem Freundeskreis im Moskauer Untergrund gehörte der Maler Vitali Stesin, der nach Israel emigrierte. Er legte sich bereits in Jugendjahren den Künstlernamen Limonow (dt: Zitrone) zu.
1974 wurden Limonow und seine Ehefrau Elena Schapowa aus der Sowjetunion ausgewiesen, KGB-Chef Juri Andropow bezeichnete Limonow als „streng antisowjetisch“. Er zog nach New York City, ließ sich von Schapowa scheiden und lebte dort von Sozialhilfe, hielt sich phasenweise als Butler über Wasser und verkehrte in der dort ansässigen Punk-Szene rund um das CBGB und Studio 54, trotzkistischen Gruppen sowie unter Außenseitern und Obdachlosen. Dadurch gelang er ins Visier des FBI, das ihn beschattete. Limonow war auch unter der russischen Exilbevölkerung in den USA ein Dissident, quasi ein Dissident unter Dissidenten, da er auch dort gegen Machtstrukturen protestierte und weiterhin kommunistische Ansichten vertrat. Er warf den USA vor, ein ähnliches System wie in der Sowjetunion zu besitzen; nur sei das US-amerikanische wesentlich weiter entwickelt und hätte eine weiter entwickelte Propaganda. Echter Dissens sei auch in den USA unerwünscht. Aus diesem Grund fand er auch keinen Verlag, der seine skandalösen und radikalen Schriften, darunter sein Erstlingswerk It's Me, Eddie (Titel der deutschen Ausgabe: Fuck Off, Amerika), veröffentlichen wollte. Limonow konnte It's Me, Eddie erst 1979 durch einen französischen Verlag veröffentlichen. Das Werk wurde ein Erfolg in Frankreich und auch innerhalb des Feulliton in Paris positiv aufgenommen.
Limonow beschloss 1980 mit seiner Partnerin, der Sängerin Natalija Medwedewa, nach Paris zu ziehen. Limonow erlangte eine gewisse Bekanntheit in den französischen Literaturkreisen. Hier veröffentlichte er einige Bücher, namentlich die Memoiren eines russischen Punks (die epische Erzählung des Wochenendes eines russischen Teenagers im poststalinistischen Charkow). Das Cosmopolitan-Magazin zählte ihn 1987 zu den 40 wichtigsten Intellektuellen Frankreichs; im selben Jahr erhielt er nach 13 Jahren Staatenlosigkeit die französische Staatsbürgerschaft. Politisch vertrat der überzeugte Kommunist unter anderem in einem Skandalinterview im Jahr 1989, das er in einer Uniform der Roten Armee tätigte, Sowjetnostalgie und linksnationalistische Thesen. Teils drückte er auch Bewunderung für paramilitaristische, hypermaskuline und faschistische Ästhetik aus. Deshalb wurde er damals schon den Akteuren einer Querfront-Strategie zugerechnet.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrte Limonow nach Russland zurück – Michail Gorbatschow gab ihm 1991 die sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. It's Me, Eddie wurde in Russland veröffentlicht und verkaufte sich 1,5 Millionen Mal. Im Roman schilderte Limonow zahlreiche, für den russischen Leser schockierende Themen. So beschrieb er unter anderem grafisch den Oralsex mit einem schwarzen Mann. Limonow wurde durch seine Kleidung (Springerstiefel, Lederjacke, getönte Sonnenbrillen) und sein rebellisches Image zu einer Art Kultfigur unter russischen Jugendlichen.
Um den Status eines Kriegsdichter zu erlangen nahm Limonow als Korrespondent am Bosnienkrieg auf Seite der Serben teil. Im kontroversen Dokumentarfilm Serbian Epics vom polnischen Filmmacher Paweł Pawlikowski aus dem Jahr 1992 werden die Interaktionen Limonows mit dem Serbenführer und Kriegsverbrecher Radovan Karadžić bei der Belagerung Sarajevos gezeigt. Für Aufruhr sorgte eine Szene, in der Limonow augenscheinlich mit einem Maschinengewehr auf Sarajevo feuerte. Limonow warf Pawlikowski vor, die Szene manipulativ geschnitten zu haben, da sich Limonow auf einem Schießstand befunden habe. Der Vorfall machte Limonow zu einer persona non grata in westlichen Literaturkreisen. Limonow besuchte ebenfalls die Separatisten in Transnistrien sowie die abchasischen Separatisten während des Kriegs in Georgien. Nach seiner Rückkehr nach Russland knüpfte Limonow kurze Zeit Kontakt mit dem ultranationalistischen Skandalpolitiker Wladimir Schirinowski der LDPR und war als Minister für Kultur Teil dessen Schattenkabinetts.
1993 gründete er zusammen mit dem Intellektuellen Alexander Dugin die Nationalbolschewistische Partei Russlands. Auf Limonows Anlass wurde der berühmte russische Punkmusiker Jegor Letow in die Partei aufgenommen, welcher der Partei großen Zulauf aus dem Punk-Milleu und dem russischem Untergrund einbrachte. Limonow Ziel war es, eine Partei bestehend aus Künstlern, Verstoßenen und Außenseitern aufzubauen und damit die Avantgarde der russischen Gegenkultur zu werden.
Limonow gründete die Parteizeitung Limonka, die in Form eines Punkzines zu einer zentralen Publikation des russischen Untergrunds und Sammelbecken verschiedenster gegenkultureller Figuren wurde. 1996 urteilten russische Gerichte, dass Limonka illegale und unmoralische Inhalte veröffentlicht hatte und verwarnten Limonow. Aufgrund dessen wurde gegen Limonow wegen Anstiftung zu Rassenhass ermittelt, die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt. Limonow pflegte ebenfalls eine enge Beziehung zum Provokateur und Schwulenrechtsaktivisten Slava Mogutin, der jedoch Mitte der 90er wegen politischer Repression in die USA floh. Beide publizierten gemeinsam in der Skandalzeitung Novy Vzglyad.
1993 organisierten Limonow und Letow Proteste gegen Jelzin und waren bei den Straßenschlachten während der russischen Verfassungskrise als Unterstützer von Gegenpräsident Ruzkoi anwesend. Limonow befand sich bei der Stürmung des RGW-Gebäudes auf dem Platz davor. Letow verließ die Partei um 1996.
Nach einem Richtungsstreit mit Dugin verließ dieser die Partei 1998. Dugin wollte die Partei zu einer ernsthaften politischen Kraft mit kohärenter Parteilinie umformieren, die Zugang zu den russischen Eliten suchen und echten politischen Einfluss nehmen sollte. Limonow bevorzugte jedoch weiterhin die Partei als aktivistisches Kollektiv verschiedenster, aussätziger Gruppen.
1995 trennten sich Medwedewa und Limonow, die offizielle Scheidung erfolgte allerdings erst mit Medwedewas Tod im Jahr 2003. Von 1995 bis 1998 war Limonow mit der 30 Jahre jüngeren Elisabeth Bleze zusammen, danach folgte eine Beziehung zum damals 16-jährigen NBP-Mitglied Anastasia Lisogor, die bis 2005 anhielt.
Im April 2001 wurden Limonow und zahlreiche weitere Parteigänger in einem Grenzdorf in Altai verhaftet und auf Basis von Terrorvorwürfen zu Haftstrafen verurteilt. Ihnen wurde vorgeworfen, illegale Waffen erworben zu haben und einen Volksaufstand der russischen Minderheit in Ostkasachstan geplant zu haben. Politiker wie Schirinowski forderten seine Freilassung. Nach einem Jahr Untersuchungshaft wurde Limonow wegen des illegalen Waffenbesitzes zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt, die anderen Anklagepunkte wurden fallen gelassen. Die nächsten zwei Jahre saß Limonow im Lefortowo-Gefängnis des FSB bei Moskau in Haft, wurde dann aber wegen guter Führung frühzeitlich entlassen. Im Gefängnis schrieb Limonow acht Werke, darunter Das andere Russland. Amnesty International kategorisierte Limonow als politischen Gefangenen.
Limonow und die NBP nahmen nun anti-putinistische Positionen ein und verbündeten sich mit oppositionellen Bewegungen. Limonow näherte sich den Oppositionellen Garri Kasparow und Michail Kassjanow an. Das Bündnis aus Kasparows Partei, Kassjanows Partei, der NBP und kleinerer Gruppen wurde 2006 gegründet nach einem Werk Limonows benannt: Das andere Russland. Gemeinsam organisierten sie den Marsch der Unzufriedenen. Die Koalition hatte allerdings nicht den gewünschten Erfolg und Kasparow nahm nicht an der Präsidentschaftswahl 2008 teil. Das Bündnis zerbrach 2009.
Limonow und die NBP sahen sich zunehmend Druck durch russische Behörden, Gerichte sowie kremlnahe Organisationen wie Naschi und dem Moskauer Büro für Menschenrechte ausgesetzt. Die Nationalbolschewistische Partei wurde 2007 wegen extremistischer Aktivitäten verboten. Das Parteiverbot wurde von Oppositionellen sowie Menschenrechtsorganisationen kritisiert.
2006 heiratete Limonow die Schauspielerin Jekaterina Wolkowa. Limonow wurde Vater eines Sohnes, Bogdan, und einer Tochter, Alexandra. Das Paar trennte sich 2008.
Am 31. Juli 2009 gründete Limonow Strategie 31, einen institutionalisierten friedlichen Straßenprotest zur Erinnerung an den Paragrafen 31 der russischen Verfassung, der die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit gewährt. Der Protestzug findet seither alle zwei Monate jeweils am 31. des Monats in Moskau auf dem Triumfalnaja ploschtschad (Triumph-Platz) statt. Nach der Kundgebung vom 31. Dezember 2010, unmittelbar nach der zweiten Verurteilung des früheren Oligarchen Michail Chodorkowski, wurden Limonow und zahlreiche andere Demonstranten, darunter Boris Nemzow, festgenommen. Limonow wurde im Eilverfahren zu 15 Tagen Haft verurteilt.
Am 10. Juli 2010 fand der Gründungskongress der Partei Das andere Russland in Moskau statt. Auf diesem wurde Eduard Limonow zum Parteivorsitzenden gewählt. Das andere Russland gilt als Nachfolgeorganisation der verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands.
2010 waren Limonow und zahlreiche andere Oppositionspolitiker in einen Kompromat-Skandal verwickelt.
Seit September 2012 schrieb Eduard Limonow gelegentlich politische Kolumnen für die Zeitung Komsomolskaja Prawda.
Ab 2014 unterstützte Limonow die Annexion der Krim und die Anerkennung der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Er unterstützte die Teilnahme russischer Freiwilliger beim Krieg im Donbass und forderte die schnellstmögliche Annexion von so viel ukrainischem Territorium (Neurussland) wie möglich, bevor die Ukraine der NATO beitritt. Sein Auftrittsverbot im russischen Staatsfernsehen wurde gelockert und er trat in Sendungen auf, in denen er Putins imperiale Außenpolitik verteidigte. Limonow besuchte 2014 das Kriegsgebiet in Luhansk.
Limonow starb am 17. März 2020 in Moskau an einer Krebserkrankung. Kirill Serebrennikow stellte vier Jahre nach dessen Tod einen Film über Limonow fertig: „Limonow mochte es gegen alle zu sein und jetzt scheinen wir in Limonows Welt zu leben“. Der Film Limonov: The Ballad, der auf dem Roman Limonow von Emmanuel Carrère basierte, feierte seine Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2024.
Limonov vertrat nationalkommunistische bzw. linksnationalistische Positionen. Er und die NBP gaben sich antiamerikanisch, antidemokratisch sowie antikapitalistisch und propagierte russische Großmachtphantasien und Imperialismus. Sein Ziel war die Wiedervereinigung der Sowjetunion. Limonow hielt Lenin und Stalin für von der Nachwelt missverstandene Männer und äußerte sich auch zu Mussolini, Hitler und den Deutschen provozierend. Allerdings ist unklar, inwiefern Limonows Position zum Faschismus tatsächlich ehrlich oder nur Produkt von Provokation und radikaler Opposition zu Jelzins Liberalismus waren. Limonow und die Partei distanzierten sich im Laufe der Zeit von jeglichem ideologischem Faschismus, Antisemitismus, Rassismus oder Xenophobie. Für Limonov sollte der ideale Staat einen inklusiven Nationalismus verfolgen. Im Gegenzug warf er dem russischen Staat faschistische Methoden vor.
Im Januar 1995 begrüßte Limonow, trotz seiner radikalen Opposition zu Jelzin, den Einmarsch russischer Truppen in Tschetschenien. Im Artikel „Schwarze Liste der Nationen“, der im gleichen Jahr in Limonka erschienen war, sprach Limonow von der Existenz der „schlechten Nationen“ und ihrer „Kollektivschuld vor Russland“. Zu dieser Kategorie zählen aus seiner Sicht Kroatien, Lettland, Tschechien, die Slowakei, aber auch Tschetschenien und Inguschetien. Er bedauerte sehr, dass Stalin die Deportation der Kaukasusvölker nicht bis zum Ende durchgeführt hatte.
Ab den 2000ern setzte sich Limonow offen für Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten ein und distanzierte sich, vor allem unter dem Eindruck seines Gefängnisaufenthalts, nachdrücklich von jedem Totalitarismus. Limonow behielt allerdings seine nationalistischen Positionen in der Außenpolitik bei. Dazu zählte eine strenge Opposition zur NATO und den USA sowie Unterstützung für die russischen Separatisten im Donbass.
Limonow wurde von Daniil Charms, Wladimir Majakowski und Yukio Mishima beeinflusst. Aus der internationalen Literatur hat ihn vor allem die Avantgarde und Postmoderne der 1960er- und 1970er-Jahre bewegt. Nach eigenen Angaben waren Texte von Lou Reed die ersten, die er übersetzt hat. Seine Begeisterung für die Punkkultur geht auf die Sex Pistols und The Clash zurück. Limonow bezeichnete sich selbst als Johnny Rotten der Literatur und verglich sich mit Travis Bickle aus dem Scorsese-Film Taxi Driver. Einige Werke schrieb Limonow in Untersuchungshaft und im Gefängnis, darunter „Das Buch des Wassers“. Für diesen Roman erhielt Limonow 2002 den Andrei-Bely-Preis.
2023 wurden russische Buchhandlungen und Bibliotheken angewiesen, die Werke Limonows aufgrund angeblicher LGBT-Propaganda aus dem Angebot zu nehmen. Das Kulturministerium in Moskau dementierte allerdings, dass es Listen mit „verbotenen Büchern“ gebe.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Limonow, Eduard Weniaminowitsch |
| ALTERNATIVNAMEN | Sawenko, Eduard Weniaminowitsch (wirklicher Name); Лимонов, Эдуард Вениаминович (russisch); Савенко, Эдуард Вениаминович (wirklicher Name, russisch) |
| KURZBESCHREIBUNG | russischer Autor und Politiker |
| GEBURTSDATUM | 22. Februar 1943 |
| GEBURTSORT | Dserschinsk, Oblast Gorki |
| STERBEDATUM | 17. März 2020 |
| STERBEORT | Moskau |