Eduard Weniaminowitsch Limonow

Eduard Limonow (2018)

Eduard Weniaminowitsch Limonow (russisch Эдуард Вениаминович Лимонов, eigentlich Eduard Weniaminowitsch Sawenko, russ. Эдуард Вениаминович Савенко; * 22. Februar 1943 in Dserschinsk, Oblast Gorki; † 17. März 2020 in Moskau) war ein russischer Schriftsteller und Politiker (NBP/Das andere Russland).

Leben

Der gebürtige Russe Eduard Limonow wuchs in Charkiw, damals in der ukrainischen Sowjetrepublik gelegen, auf. Mitte der 1960er-Jahre siedelte er nach Moskau über, wo er zunächst als Hosenschneider tätig war. Dort machte er Bekanntschaft mit dem literarischen Untergrund und betätigte sich als Avantgarde-Lyriker und Dissident. Zu seinem Freundeskreis im Moskauer Untergrund gehörte der Maler Vitali Stesin, der nach Israel emigrierte. 1974 wurde Limonow aus der Sowjetunion ausgewiesen. In den folgenden Jahren lebte er in den USA und protestierte gegen Machtstrukturen. Er wurde zum Dissidenten innerhalb der Dissidentenszene. Er warf den USA vor, ein ähnliches System wie in der Sowjetunion zu besitzen; nur sei das US-amerikanische wesentlich weiter entwickelt und hätte eine weiter entwickelte Propaganda. Echter Dissens sei auch in den USA unerwünscht.

Limonow hatte Probleme, seine politischen Ansichten in den USA publizieren zu können. Für seinen autobiografischen Roman It's Me, Eddie von 1976 (Titel der deutschen Ausgabe: Fuck Off, Amerika) fand er erst 1979 in Frankreich einen Verlag. Dieses Buch machte Limonow international bekannt. Ab 1982 lebte er in Frankreich. Hier veröffentlichte er einige Bücher, namentlich die Memoiren eines russischen Punks (die epische Erzählung des Wochenendes eines russischen Teenagers im poststalinistischen Charkow). Das Cosmopolitan-Magazin zählte ihn 1987 zu den 40 wichtigsten Intellektuellen Frankreichs; im selben Jahr erhielt er die französische Staatsbürgerschaft. Auch in Frankreich schrieb er in politischen Magazinen: Er begann auf der radikalen Linken, wechselte dann zur radikalen Rechten und wird den Akteuren einer Querfront-Strategie zugerechnet.

Limonow starb am 17. März 2020 in Moskau an einer Krebserkrankung. Kirill Serebrennikow stellte vier Jahre nach dessen Tod einen Film über Limonow fertig: „Limonow mochte es gegen alle zu sein und jetzt scheinen wir in Limonows Welt zu leben“.

Politische Tätigkeit

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrte Limonow nach Russland zurück – Michail Gorbatschow gab ihm 1991 die sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. It’s me, Eddie hatte sich bis dahin 1,5 Millionen Mal verkauft. Er unterstützte die Putschisten gegen Boris Jelzin, war auf der Seite der Abchasen gegen Georgien und kämpfte auf der Seite von Serbien im Jugoslawienkrieg, wobei er sich von Pawel Pawlikowski filmen ließ, wie er mit Radovan Karadžić an der Beschießung Sarajewos mitwirkte. Er saß als designierter Innenminister im Schattenkabinett des Ultranationalisten Wladimir Schirinowski.

1994 gründete Limonow die Nationalbolschewistische Partei Russlands (NBP). Diese gab sich antiamerikanisch, antikapitalistisch und propagierte russische Großmachtphantasien. 2005 wurde sie als verfassungsfeindlich eingestuft und verboten. Das Gleiche gilt für die Hauspostille der Nationalbolschewisten, das regierungskritische Magazin Limonka (russisch für eine Handgranate wegen ihrer Zitronenform). Das Moskauer Büro für Menschenrechte rief 2006 die Rechtsschutzorgane dazu auf, Äußerungen Limonows auf den Tatbestand einer Anstiftung zum Fremdenhass zu überprüfen.

Im Januar 1995 begrüßte Limonow den Einmarsch russischer Truppen in Tschetschenien. Im Artikel „Schwarze Liste der Nationen“, der im gleichen Jahr in Limonka erschienen war, sprach Limonow von der Existenz der „schlechten Nationen“ und ihrer „Kollektivschuld vor Russland“. Zu dieser Kategorie zählen aus seiner Sicht Kroatien, Lettland, Tschechien, die Slowakei, aber auch Tschetschenien und Inguschetien. Er bedauerte sehr, dass Stalin die Deportation der Kaukasusvölker nicht bis zum Ende durchgeführt hatte.

Im April 2001 wurde Limonow in der russischen Republik Altai, wohin er sich mit einigen Parteigängern zurückgezogen hatte, verhaftet. Die nächsten zwei Jahre saß er im Lefortowo-Gefängnis des FSB bei Moskau in Untersuchungshaft. Im April 2003 schließlich wurde Limonow wegen illegalen Waffenbesitzes und der Bildung illegaler bewaffneter Organisationen zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Am 31. Juli 2009 gründete Limonow Strategie 31, einen institutionalisierten friedlichen Straßenprotest zur Erinnerung an den Paragrafen 31 der russischen Verfassung, der die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit gewährt. Der Protestzug findet seither alle zwei Monate jeweils am 31. des Monats in Moskau auf dem Triumfalnaja ploschtschad (Triumph-Platz) statt. Nach der Kundgebung vom 31. Dezember 2010, unmittelbar nach der zweiten Verurteilung des früheren Oligarchen Michail Chodorkowski, wurden Limonow und zahlreiche andere Demonstranten, darunter Boris Nemzow, festgenommen. Limonow wurde im Eilverfahren zu 15 Tagen Haft verurteilt.

Limonow hielt Stalin und Mussolini für von der Nachwelt missverstandene Männer und äußerte sich auch zu Hitler und den Deutschen provozierend.

Am 10. Juli 2010 fand der Gründungskongress der Partei Das andere Russland in Moskau statt. Auf diesem wurde Eduard Limonow zum Parteivorsitzenden gewählt. Das andere Russland gilt als Nachfolgeorganisation der verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands.

Seit September 2012 schrieb Eduard Limonow gelegentlich politische Kolumnen für die Zeitung Komsomolskaja Prawda.

Schriften

Limonow wurde von Daniil Charms und Wladimir Majakowski beeinflusst. Aus der internationalen Literatur hat ihn vor allem die Avantgarde der 1960er- und 1970er-Jahre bewegt. Nach eigenen Angaben waren Texte von Lou Reed die ersten, die er übersetzt hat. Seine Begeisterung für die Punkkultur geht auf die Sex Pistols und The Clash zurück. Einige Werke schrieb Limonow in Untersuchungshaft und im Gefängnis, darunter «Das Buch des Wassers». Für diesen Roman erhielt Limonow 2002 den Andrei-Bely-Preis.

2023 wurden russische Buchhandlungen und Bibliotheken angewiesen, die Werke Limonows aus dem Angebot zu nehmen. Das Kulturministerium in Moskau dementierte allerdings, dass es Listen mit «verbotenen Büchern» gebe.

Französische Ausgaben, die von Originalausgaben abweichen:

Französische Ausgaben:

Spanische Ausgabe, die von Originalausgaben abweicht:

Biografien

Literatur

Commons: Eduard Limonov – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Новости Mail.ru: Умер Эдуард Лимонов. 17. März 2020, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. März 2020; abgerufen am 17. März 2020 (russisch).
  2. ↑ Михаил Загребельный Эдуард Лимонов (6/9). In: ed-limonov.livejournal.com. 20. August 2010, abgerufen am 17. März 2020 (russisch).
  3. ↑ Grenzenloses Eurasien, von Markus Mathyl, Jungle World 30. Oktober 2002
  4. ↑ Russischer Schriftsteller Limonov gestorben: Die bösen Kräfte der Dialektik. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 29. August 2023]).
  5. ↑ Russischer Skandalautor Limonow ist tot. 17. März 2020, abgerufen am 29. August 2023.
  6. ↑ https://www.themoscowtimes.com/2024/07/15/director-kirill-serebrennikov-on-eduard-limonov-russia-fascism-and-violence-a85672
  7. ↑ Pawel Pawlikowski: Serbian Epics (1992) bei IMDb. Dokumentarfilm über den Bosnienkrieg
  8. ↑ Menschenrechtler in Russland wollen Limonow wegen Anstiftung zum Fremdenhass belangen (Memento vom 20. Mai 2003 im Internet Archive), auf russland.ru vom 8. Juni 2006
  9. ↑ Лимонов, Эдуард. (lenta.ru [abgerufen am 11. November 2017]).
  10. ↑ Eduard Limonow zu vier Jahren Gefängnis verurteilt (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive), bei service.respectabel.de
  11. ↑ Regierungskritiker muss 15 Tage in Haft, Zeit Online, 1. Januar 2011
  12. ↑ Tim Neshitov: Ein Held, ein Drecksack. Er ist Faschist. Er ist Stalinist. Er ist ein rastloser Autor voller Skandale und Abenteuer. Ein Besuch in Moskau bei Eduard Limonov, dem jetzt ein Franzose ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Süddeutsche Zeitung, 29. September 2012, S. 16
  13. ↑ https://www.kp.ru/daily/column/816544/
  14. ↑ «Putins Angst vor der Literatur» «spiegel.de», 11. März 2023.
Personendaten
NAME Limonow, Eduard Weniaminowitsch
ALTERNATIVNAMEN Sawenko, Eduard Weniaminowitsch (wirklicher Name); Лимонов, Эдуард Вениаминович (russisch); Савенко, Эдуард Вениаминович (wirklicher Name, russisch)
KURZBESCHREIBUNG russischer Autor und Politiker
GEBURTSDATUM 22. Februar 1943
GEBURTSORT Dserschinsk, Oblast Gorki
STERBEDATUM 17. März 2020
STERBEORT Moskau