Elisyker

Lage bekannter Oppida der Elisyker (rot) auf einer aktuellen Karte. Andere antike Stätte in Blau. Narbo Martius: heute Narbonne. Besara: Béziers, Agathe: Agde
Lage bekannter Oppida der Elisyker (rot) auf einer Karte mit den ungefähren damaligen Küstenverhältnissen. Andere antike Stätte in Blau. Narbo Martius: heute Narbonne. Besara: Béziers, Agathe: Agde
Hausfundamente in Pech Maho bei Sigean
Bronzemünze aus Montlaurès mit iberischer Schrift, 4. bis 1. Jh. v. Chr.

Die Elisyker (lateinisch Elesyces, altgriechisch Ἐλίσυκοι) waren ein antikes, vorrömisches Volk an der Mittelmeerküste im heutigen Südfrankreich in der Gegend des heutigen Narbonne. Kenntnisse über die Elisyker kommen über zwei Wege: In drei antiken Schriften wird der Name genannt, aber wenig weitere Informationen gegeben. Archäologische Ausgrabungen seit dem 20. Jahrhundert geben einen Einblick in die Lebenswelt und die Handelsbeziehungen des Volkes.

Gebiet

Während der Eisenzeit erstreckte sich das Siedlungsgebiet der Elisyker über weite Teile der heutigen Departments Aude und Herault. Im Norden begrenzt durch das Tal des Hérault, an dessen Mündung auf der anderer Flussseite die griechische Stadt Agathe Tyche (heute Agde) lag, erstreckte es sich entlang der Mittelmeerküste nach Süden bis zu den Corbieren, etwa bis zu ihrer Siedlung Pech Maho im Stadtgebiet des heutigen Sigean. Im Landesinneren erstreckte sich das Gebiet der Elisyker zwischen den Corbieren im Süden und dem Montagne Noire im Norden das mittlere Tal der Aude entlang und weiter bis zur Seuil de Naurouze, der Wasserscheide hin zum Atlantik.

Erwähnungen in antiken Schriften

Die älteste Erwähnung geht auf den um 500 v. Chr. schreibenden Geschichtsschreiber Hekataios von Milet zurück, der sie ein ligurisches Volk nennt. Dieser Text ist nur als Zitat durch den byzantinischen Autor Stephanos von Byzanz bekannt, der im 6. Jahrhundert n. Chr. lebte. Die nach heutiger Ansicht falsche Zuordnung zu den Ligurern spiegelt eine entsprechende Unsicherheit antiker Autoren wider. Guilaine und Solier weisen darauf hin, dass die Ebene um das Oppidum de Montlaurès bis ins Mittelalter als „Liguria“ bezeichnet wurde und ermöglichen so eine andere Deutung des Begriffs.

Herodot zählte im 5. Jahrhundert v. Chr. die Elisyker unter den Völkerschaften auf, die Terillos von Himera, vereint mit dem Heer der Karthager, gegen Gelon von Syrakus aufbot, die in der Schlacht bei Himera aber 480 v. Chr. vernichtend geschlagen wurden.

Avienus, ein lateinischer Dichter des späteren 4. Jahrhunderts n. Chr., überliefert in seinem Lehrgedicht Ora maritima, dass Naro – entweder identisch mit Narbo (heute Narbonne) oder in dessen Nähe gelegen (möglicherweise das Oppidum de Montlaurès) – die Hauptstadt der Elisyker war und nahe dem Fluss Attagus (eigentlich Atax, heute Aude) lag. Durch diese Textstelle ist es möglich, den Namen der Elisyker mit der archäologisch nachgewiesen eisenzeitlichen Bevölkerung der Gegend um das heutige Narbonne zu verbinden.

Kultur

Die Kultur der Elisyker ähnelte jener der Iberer, welche die Mittelmeerküste des heutigen Spaniens besiedelten. Auch die direkten südlichen Nachbarn, das Volk der Sorden, das die Ebene des heutigen Roussillon bevölkerte, gehörte bereits zu den Iberern. Die kulturelle Verwandtschaft äußert sich etwa bei der Ähnlichkeit von Gebrauchsgegenständen und Beerdigungsriten. Ab dem 4. Jh. v. Christus lässt sich im Bereich der Elisyker die iberische Schrift nachweisen. Um die Ähnlichkeiten hervorzuheben, wurde der Begriff einer „culture ibéro-languedocienne“ geprägt. Die Gegend, in der die Elisyker siedelten, ist heute Teil des Languedocs, daher der Name. Bei der Verwendung von „Languedoc“ in der Literatur ist nicht immer klar, ob damit das Gebiet der Provinz vor der französischen Revolution gemeint ist, welches im Westen bis nach Toulouse geht, oder das westlich nur bis zur Seuil de Naurouze reichende Gebiet der vier nördlichen Départements der bis 2015 bestehenden Region Languedoc-Roussillon, darunter die Départements Aude und Hérault. Insgesamt lässt sich der iberisch-languedocische Kulturkreis klar von der keltischen Kultur des Binnenlandes oder der keltisch-ligurischen Kultur der Gebiete östlich der Rhone bis nach Norditalien unterscheiden.

Entwicklung der Elisyker

Ab welchem Zeitraum von den Elisykern gesprochen wird, ist in der Literatur uneinheitlich. Teilweise schon mit dem Beginn der Eisenzeit am Ende des 8. Jh. v. Christus und teilweise erst ab der Wende vom 7. zum 6. Jahrhunderts, mit dem Entstehen zahlreicher neuer Oppida.

Grand Bassin I und erster Seehandel

Die Eisenzeit beginnt in der westlichen Küstenebene des Languedoc mit der Grand Bassin I-Kultur, die sich vom Ende des 8. bis zum Anfang des 6. Jh. v. Chr. nachweisen lässt. Auf sie folgt nahtlos die Grand Bassin II Kultur, die bis zur Mitte des 5. Jh. v. Chr. andauert. Als Ende der Eisenzeit wird das Ende des 1. Jh. v. Chr. betrachtet. Der Beginn der Eisenverarbeitung im Midi und speziell im Languedoc ist bisweilen frühzeitig und vermutlich durch Kontakte zur mediterranen Welt begünstigt.

Die Grand Bassin I-Kultur ist benannt nach einem Fundgebiet beim Oppidum du Cayla, einem der ältesten Oppida der Gegend, dass in dieser Zeit gegründet wurde. Ein weiterer wichtiger Fundort dieser Periode ist Le Peyrou bei Agde. Für die frühe Eisenzeit der Gegend typisch sind Feuerbestattungen mit vielen Grabbeigaben. Neben den Urnen häufige Funde sind Vasen für den Eigengebrauch oder für Speiseopfer. Auch Metallgegenstände, z. B. Schmuck, wurde gefunden, in reichhaltig ausgestatteten Gräbern auch Bratspieße, Geschirr und Zaumzeug. Manche Gegenstände beruhen klar auf phönizischen Vorbildern. Aber auch importierte griechische Vasen wurden gefunden. Menge und Art der in einem Grab gefundenen Gegenstände lassen auf Geschlecht und Status der Verstorbenen schließen.

Die archäologische Funde weisen auf eine sehr homogene Gruppe hin, die stark hierarchisiert war, wie sich aus den unterschiedlich reichhaltigen Bestattungen ablesen lässt. Bereits die Grand Bassin I-Kultur trat in Kontakt mit seefahrenden Händlern, zuerst mit Phöniziern, die seit dem 9. Jh. v. Chr. in Südspanien ansässig waren. Die Forschung geht davon aus, dass die Phönizier gezielt solche Gesellschaften aufgesucht haben, die einen ausreichenden Organisationsgrad hatten, um effektiv Handel betreiben zu können. Tatsächlich konnte nordöstlich der Region von Narbonne kein Küstenhandel mit den Phöniziern nachgewiesen werden.

Von besonderem Interesse für die mediterranen Händler war der Handel mit Metallen und speziell von Zinn, welches für die Herstellung von Bronze benötigt wurde. Die Küstenebenen des französischen Mittelmeers sind durch die Pyrenäen, das Massif Central und die Alpen fast durchgängig vom Hinterland getrennt. Nur an der Rhone und zwischen Massif Central und Pyrenäen gibt es leicht zu passierende Durchgänge. Letzterer geht von Narbonne aus nach Westen durch das mittlere Tal der Aude über die Seuil de Naurouze zur Region um das heutige Toulouse, von wo aus die Garonne und somit die Atlantikküste gut erreichbar ist. Über diesen Korridor konnten Waren von der Atlantikküste, etwa dort gewonnene Metalle, gut zu den Einheimischen der heutigen Region Narbonne transportiert werden und es wird angenommen, dass dieser Umstand die Entwicklung des Handels in dieser Gegend wesentlich befeuert hat.

Eine kleinere Nekropole der Grand Bassin I-Kultur wurde Ende der 1970er Jahre bei landwirtschaftlichen Arbeiten bei Roquefort-des-Corbières, etwa 8 Kilometer südlich von Pech Maho und Sigean, zufällig entdeckt. Die zugehörige Siedlung wurde nicht entdeckt. Diese „nécropole de l'Agredo“ wurde in einer Notgrabung von Yves Solier archäologisch untersucht. Die etwa 40 Feuerbestattungen sind typisch für diese Phase am Beginn der älteren Eisenzeit und vergleichsweise spärlich ausgestattet. Jedoch fand sich dort eine Besonderheit, nämlich eine Urne aus einer phönizischen Werkstatt aus dem heutigen Andalusien aus der Mitte oder 2. Hälfte des 6. Jh. v. Chr. (Typ „Cruz del Negro“). Sie ist damit ein Beleg für die Rolle der Phönizier bei der Kontaktaufnahme der Elisyker mit der Welt der mediterranen Händler.

Griechische und iberische Einflüsse

In den letzten Jahrzehnten des 7. und den ersten des 6. Jahrhunderts konzentrierte sich die Bevölkerung zunehmend auf erhöhte Lagen, die weniger bedroht waren als solche in der Ebene: Die Oppida. Dies geht einher mit der Entwicklung des mediterranden Handels.

Um die Wende vom 7. zum 6. Jahrhundert kamen Griechen und Etrusker als Handelspartner hinzu. Anfang des 6. Jh. v. Chr. gründeten phokäische Griechen Richtung Westen Massilia (heute Marseille) und sehr viel näher, an der Mündung des Hérault, Agathe Tyche (Agde) sowie Richtung Süden Emporion im heutigen Katalonien. Die Küstenbereiche der heutigen Regionen Languedoc und Katalonien kamen dadurch zunehmend in Kontakt mit der griechischen Welt. Diesen Kontakten wird ein wesentlicher Einfluss auf die Entwicklung der Handelskultur und der Einführung neuer Techniken, etwa der Töpferscheibe, zugeschrieben.

Die Küstenregionen des Languedoc scheinen sich kulturell den iberischen Nachbarn im Süden zugewendet zu haben, wodurch sie sich deutlich von den Regionen östlich des Hérault unterschieden. Während Einfluss aus Massilia erkennbar ist scheint die Rolle Emporions deutlich größer gewesen zu sein. Mitte des 6. Jahrhunderts wurde das Oppidum de Montlaurès gegründet, dass als Hauptstadt des elisykischen „Königreiches“ angesehen wird. Damit wurde das Machtzentrum bewusst an das Mittelmeer verlegt – dorthin, wo der Austausch mit den mediterranen Händlern Reichtum schuf. Auch einige andere befestigte Oppida entstanden an den Küsten, auch wenn sie durch Verlandung heute im Binnenland liegen. Beispielsweise war Pech Maho ebenfalls ein Handelshafen, aber auch ein günstig gelegener Zwischenhalt von Montlaurès nach Süden.

Volcae und Römer

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts gerieten die Elisyker zunehmend unter Druck durch die einwandernden keltischen Volcae. Es wurde jedoch weiter reger Handel getrieben, speziell mit bretonischem Zinn, so dass die Hauptstadt im 2. Jh. v. Chr. eine der wichtigsten Städte des südlichen Galliens war. Zumindest in Montlaurès erhielt sich die iberische Kultur bis ins 1. Jh. ohne, dass sich keltische Einflüsse nachweisen ließen. Nach der Eroberung Spaniens durch die Römer wurde der Handel mit Emporion durch den mit den Römern ersetzt.

121 v. Chr. eroberten die Römer das südliche Gallien und 118 gründeten sie wenige Kilometer südlich von Montlaurès Narbo Martius, das heutige Narbonne. Die strategische Lage an den Verkehrswegen und die wirtschaftliche Stärke der Region waren ausschlaggebend hier eine Kolonie zu gründen und sie zur Hauptstadt der Provinz zu machen. Dabei wurde die einheimische Bevölkerung nicht vollständig enteignet. Noch bis zur Zeitenwende behielten sie Land um die römische Gründung herum.

Ebenfalls bis in diese Zeit bestanden Montlaurès und Narbo Martius noch gemeinsam, bis ersteres durch den Aufstieg von Narbo Martius ins Hintertreffen geriet und schließlich aufgegeben wurde.

Bekannte elisykische Siedlungen

Ungefähre Dauer der Besiedelung elisykischer Orte (rot) und anderer wichtiger Orte (blau).

Vier Kilometer nördlich von Narbonne wurde ein Oppidum auf dem Hügel Montlaurès archäologisch erschlossen, das von manchen Autoren mit der Hauptstadt Naro gleichgesetzt wird. Andere Autoren halten diese Gleichsetzung jedoch für nicht erwiesen. Weitere archäologisch untersuchte Siedlungen sind Pech Maho (bei Sigean), Oppidum du Moulin in Peyriac-de-Mer, Oppidum du Cayla in Mailhac, Oppidum de la Moulinasse in Salles-d’Aude und das zum Museum ausgebaute Oppidum d’Ensérune. Typisch für diese Orte, die im Verlauf des 6. Jahrhunderts v. Chr. angelegt wurden, ist der Bau auf Anhöhen, die die Umgebung überblicken.

Literatur

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Einzelnachweise

  1. ↑ Deutsche Form „Elisyker“ bei: Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. 6. Auflage. Band 4/1. Darmstadt 1965, S. 375 (zeno.org).
  2. Martine Schwaller: Ensérune. Hrsg.: Le ministère de la Culture et de la Communication (= Guides archéologiques de la France). Centre des monuments nationaux, 2014, ISBN 978-2-7577-0330-4, ISSN 0758-962X.
    1. 1 2 S. 7
    2. ↑ S. 9
  3. Eric Gailledrat: Pech Maho, comptoir lagunaire de l'Âge du fer (VIe-IIIe siècle avant notre ère). Hrsg.: Parc naturel régional de la Narbonnaise en Méditerranée (= Carnets du Parc. Band 12). 2012, ISBN 978-2-919202-05-8 (französisch, 72 S.).
    1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 S. 6-10
    2. 1 2 S. 6
    3. ↑ S. 64
  4. ↑ Hekateios bei Stephanos von Byzanz s. v. Ἐλίσυκοι: Ἐλίσυκοι, ἔθνος Λιγύων· Ἑκ. Εὐρ. („Elisyker, Volk der Ligurer, Hekateios in seiner Europe“, online).
  5. Jean Guilaine, Yves Solier: Le Narbonnais avant Narbonne. In: Jacques Michaud, André Cabanis (Hrsg.): Histoire de Narbonne (= Pays et villes de France). Privat, 2004, ISBN 2-7089-8339-3, S. 7–29 (französisch, Im Buch ist ein Druckdatum von 2004 angegeben. Vermutlich ist dies ein Nachdruck, denn aus dem Vorwort ergibt sich ein Datum Mitte der 1980er Jahre ("Fast 30 Jahre" nach einem Buch von 1956).).
    1. ↑ S. 27
    2. 1 2 S. 19
    3. ↑ S. 18
    4. 1 2 S. 25–26
  6. ↑ Herodot, Historien 7,165 (englisch).
  7. ↑ Avienus, Ora maritima 5,586–590 (Digitalisat, lateinisch).
  8. Yves Solier avec le concours de Michel Janon e la contribution de Raymond Sabrié: Narbonne. monuments et musées. Hrsg.: Ministere de la culture et de la communication (= Guides archeologiques de la France). Imprimerie Nationale, 1986, ISBN 2-11-080878-0 (französisch, 148 S.).
    1. 1 2 S. 12 – 13
  9. ↑ Chantal Alibert: Narbonne 26 siècles d’histoire. Èditions Les Presses Littéraires, Saint-Estève 2022, ISBN 979-1-03101186-8, S. 16–17 (französisch, 324 S.).
  10. ↑ Claire-Anne de Chazelles, Philippe Héléna, Joseph Giry, Yves Solier, Stéphane Mauné, Corinne Sanchez, Véronique Ropiot, Daniela Ugolini, Maria-Theresa Genis-Armada, David Canal-Barcalà, Myriam Sternberg, Lucie Chabal, Marina Grau, Sébastien Rescanières, Christophe Jorda: Montlaurès et son territoire à l'âge du Fer. notice archéologique. In: ADLFI. Archéologie de la France - Informations. 1. März 2004 (openedition.org): „Cependant, le rôle de capitale que l'on a parfois attribué à Montlaurès en se basant sur le texte tardif de l'Ora maritima d'Avienus n'est à l'heure actuelle absolument pas démontré. Bien que le texte d'Avienus daté du IVe s. de notre ère utilise des sources beaucoup plus anciennes, il n'est pas impossible qu'il amalgame des situations historiques d'époques différentes et prête de manière rétroactive un rôle prépondérant à Narbonne dont il fait le chef-lieu des Elisyques, peuple dont le nom n'apparaît pas au-delà du Ve s. avant notre ère.“