Eva Luna ist ein 1987 erschienener Roman der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende. Die deutschsprachige Übersetzung von Lieselotte Kolanoske erschien 1988 im Suhrkamp Verlag.
Der Roman Eva Luna schildert die Lebensstationen einer südamerikanischen Frau von der Geburt bis jenseits ihres 25. Lebensjahrs. Während dieser Lebensstationen entdeckt die Titelfigur unter anderem ihre Gabe als Geschichtenerzählerin, arbeitet in diversen Haushalten, lebt mit Prostituierten zusammen, verbindet sich zeitweilig mit einem Rebellenführer und schreibt an einer Telenovela. Parallel zur Lebensgeschichte Eva Lunas wird die Lebensgeschichte des aus dem kriegstraumatisierten Europa in Evas Land eingewanderten Rolf Carlé geschildert: „So wie der Roman Eva Lunas Reise zu Unabhängigkeit und Künstlertum folgt, zeichnet er auch Rolfs allmähliche Heilung und Einführung in die Welt des Filmemachens nach, die seine Zuflucht sein wird.“
Eva Luna wird gezeugt von dem jungfräulichen Dienstmädchen Consuelo und dem durch eine Surucucú gebissenen und vermeintlich im Sterben liegenden Gärtner eines exzentrischen Professors namens Jones: Consuelo „beschloss, sich die Freude zu gönnen und sie zugleich auch dem Kranken zu bereiten, vielleicht würde er dann zufriedener in die andere Welt hinübergehen.“ Der Gärtner allerdings begibt sich nicht ins Jenseits, sondern gesundet überraschend. Bald darauf verabschiedet er sich von Consuelo, „und sie versucht nicht, ihn zurückzuhalten.“ Als Eva Luna sechs Jahre alt ist, stirbt ihre Mutter an einem verschluckten Hühnerknochen.
Evas „selbsternannte Hebamme“ und Patentante, Köchin im Jones-Haushalt, übernimmt die Erziehung. Etwa ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter schlägt auch für Professor Jones die Stunde, der nach einem Schlaganfall zuletzt von der siebenjährigen Eva häufiger besucht und wie eine Puppe gepflegt wird: „Wenn ich bei ihm war, schien er für eine Weile die demütigenden Umstände seine Sterbens und die Qualen der Unbeweglichkeit zu vergessen […] und beklagte sich, nicht eher gewußt zu haben, daß ich in seinem Hause lebte. Vielleicht war er nie mit einem Kind in Berührung gekommen und entdeckte zu spät, wie gut er sich zum Großvater eignete“.
Nach Jones‘ Tod wird Eva von ihrer Patentante im Haushalt eines dem Alkohol und Spiel zugeneigten Patrons und dessen Schwester, einer schrillen alten Jungfer, untergebracht und dort von der Köchin Elvira unter ihre Fittiche genommen. Diese pflegt eine „gewisse Absonderlichkeiten“. Beispielsweise hat sie einen Sarg in ihrer Kammer stehen: „Von Zeit zu Zeit durfte ich mich hineinlegen und den Deckel über mir zuklappen, worauf Elvira sich untröstlich stellte“. Eigentlich schläft Eva in einer Hängematte, sie schleicht sich aber nachts in Elviras Bett und bietet ihr „eine Geschichte an zum Tausch gegen die Erlaubnis, bei ihr bleiben zu dürfen.“
Als Eva neun Jahre alt ist, lernt sie den Straßenjungen Huberto Naranjo kennen, und so beginnt „eine dauerhafte Verbindung“, die sie später „zu Freundschaft und zur Liebe“ führen wird. Sie verbringen einige gemeinsame Tage, Huberto nimmt sie mit in „ein Nest aus Zeitungspapier“ in einer Tiefgarage, und auch ihm erzählt Eva „als Dank für so viele und große Freundlichkeiten eine Geschichte“. Während Elvira immer mehr zu (Groß-)Mutterfigur für Eva aufrückt, macht ihre Patentante durch eine Totgeburt mit zwei Köpfen von sich reden, „der eine Kopf weißhäutig, der andere schwarzhäutig“. Die Patentante entsorgt das Baby in einem Müllschlucker, wird ertappt und heißt nur noch „Mörderin des Monsterchens“. Sie wird nach der Feststellung der Todesursache aus der Haft entlassen, aber „das schreckliche Ereignis zerrüttet ihre Nerven“, ihr Alkoholkonsum steigt ebenso wie ihre Frömmelei und Eva hat Angst vor ihr: „Wenn sie ins Haus kam, rannte ich und versteckte mich in Elviras Sarg. […] Die Lage wurde unhaltbar“.
Eva wird aus dem Haushalt entlassen und die Patentante vermittelt ihr zunächst neue Arbeitsstellen. Für sie beginnt „eine Pilgerfahrt von einem Haus ins andere“, von einer verwitweten Jugoslawin, die aus einer Spezialmasse („kaltem Porzellan“) Figuren herstellt und „halb verrückt vor Angst“ vor Bolschewisten aus dem Land flieht, bis hin zu einem geschiedenen, kinderlosen Minister. Als Eva in dessen gespenstisch leerer Kolonialvilla angestellt ist, „wird ihre Fantasie dadurch angeregt, dass sie viele verschlossene Räume vorfindet, da ihrer Meinung nach leere Räume viel Spielraum bieten, verborgene Welten zu ersinnen.“ Weniger schön ist, dass der Herr Minister lieber einen luxuriösen Toilettenstuhl benutzt statt „wie jeder normale Mensch“, der körperlich dazu fähig ist, die Toilette zu gebrauchen. Die Eimer-Entleerungs-Aufgabe nervt Eva dermaßen, dass sie eines Tage, „als täte ich das jeden Tag“, den Toiletteneimer-Inhalt über dem Ministerialkopf ausschüttet und den Dienst quittiert.
Eva will bei Elvira unterkommen, doch jene hat gerade ihre Stelle gekündigt und ist verschwunden, so dass Eva sich auf die Suche nach Huberto Naranjo macht, der sie im Haushalt der Señora unterbringt, einer Bordellchefin: „nicht zum Arbeiten“, sondern damit „sie dir Gesellschaft leistet. Sie kann Geschichten erzählen“, so Naranjo, der für Kost und Logis aufkommt. Im Haushalt der Señora lernt Eva Melecio kennen (Künstlername: Mimí): Der „beste Freund der Señora“ verdient sein Geld tagsüber als Italienisch-Lehrer, nachts durch Travestie, und stattet dem „unorthodoxen Haushalt“ der Señora allabendlich einen Besuch ab. Unter dem Schutz von Melecio/Mimí, der Señora und deren Beschäftigten wird es in Naranjos Auftrag gelingen, „Eva rein und unschuldig zu halten […]. Eva lebt ein glückseliges Dasein bei den Prostituierten“. Während sich Evas Schutzengel bemühen, sie „von Roheit und Gemeinheit fernzuhalten“, gewinnen sie „eine neue Würde für ihr eigenes Dasein.“ Das mehrmonatige Idyll, während dessen Eva sich vergeblich um eine Liebesbeziehung zu Naranjo bemüht (Naranjo: „Ich kümmre mich um dich, das genügt“), endet in dem Augenblick, als der korrupte Polizei-Sergeant, der für das Bordellviertel zuständig ist, „von einem Tag zum anderen abgelöst“ wird, und die „guten Beziehungen […] beim Teufel“ sind. Melecio/Mimí initiiert einen kollektiven Brief an Polizeichef und Innenminister, was aber eine dreitägige, groß angelegte Polizeirazzia zur Folge hat, in deren Wirren Eva ihre Bezugspersonen und ihre Unterkunft verliert, so dass sie nicht weiß wohin: „Von Elvira hatte ich schon seit langem nichts gehört, und den Gedanken, meine Patin zu suchen, schob ich beiseite, denn zu dieser Zeit hatte sie bereits völlig den Verstand verloren“. Der „Aufstand der Huren“ eskaliert durch das Eingreifen der Presse zu einem viertägigen Aufruhr von „Tausenden von Studenten und Arbeitern“, dessen einziger Effekt jedoch ist, dass der zuständige Minister durch den Eva bekannten Toilettenstuhl-Liebhaber ersetzt wird.
Eva irrt „viele Tage“ in der Stadt umher, geht Tumulten aus dem Weg und wird schließlich vom orientalischen Kaufmann Riad Halabí aufgelesen, der sie als „so etwas wie eine Tochter“ und Gesellschafterin für seine notorisch miesepetrige, ebenfalls aus dem Orient stammende Ehefrau Zulema mit in das Provinznest Agua Santa nimmt, dessen Wirtschaft außer von der Nähe des Gefängnisses Santa María noch von Halabís Laden abhängt: „Handelsmittelpunkt von Agua Santa […], durch seine Hände gingen fast alle Geschäfte der Umgebung.“ Da sich Zulema bisher weigerte, Spanisch zu lernen, lernt Eva zum Entzücken Zulemas ein paar Brocken Arabisch, und hilft im Laden mit aus. Um ihre Fähigkeiten zu fördern, schickt Halabí Eva in einen Einzelunterricht bei der Dorflehrerin Inés: „Das Schreibenkönnen war das Beste, was mir in meinem ganzen Leben widerfahren war, ich war selig, las laut, wo etwas zu lesen war“, kann Geschichten besser memorieren, „konnte nun viel mehr Personen und Abenteuer in meine Geschichten einflechten.“ Durch mit Gesten und Stimmklang unterstütztes bloßes Vorlesen auf Spanisch bringt Eva Zulema Spanisch bei. Mit Riad, der Eva beispielsweise „unter unserem gemeinsamen stürmischen Gelächter“ Bauchtanz lehrt, verbindet Eva „das Lachen und das Spielen“. Mit Zulema verbindet Eva die Freude an Geschichten, sie füllen ihr „den Kopf mit romantischen Ideen“, sie träumt von „unmöglichen Abenteuern und geborgten Helden“, was sie „endgültig der Wirklichkeit“ entfremdet. Der geborgte Held für ein romantisches Abenteuer für die sozial im Dorf isolierte Zulema taucht in Form von Riads attraktivem Cousin Kamal auf, der „eineinhalb Jahre“ nach Eva in Agua Santa eintrifft und Spanisch von Eva beigebracht bekommt. Eva verliebt sich in den hübschen Palästinenser ebenso wie ein beträchtlicher Teil der weiblichen Bevölkerung Agua Santas – einschließlich Zulemas: „Die Patrona war wie durch ein Wunder von ihren Leiden geheilt und erwachte aus einer langjährigen Lethargie“, lässt es während einer Handelsreise Riads zum Äußersten kommen: „Zulema, gierig wie eine fleischfressende Pflanze, winkte mit ihren duftenden Blütenblättern“. Sie verführt Kamal „mit schamloser Präzision“, der darob irritiert anschließend „durch die Hintertür, heimlich wie ein Bandit“ verschwindet: „Als ich ihn sah, war ich sicher, daß er nicht zurückkommen würde.“ Zulema wartet vergeblich auf die „Heimkehr ihres Liebhabers“ und erschießt sich nach zweijährigem Liebeskummer während einer Geschäftsreise Riads. Die inzwischen 17-jährige Eva macht das, was sie sonst auch im Hause Halabí macht: Sie räumt die entstandene Unordnung auf, derweil erst ein Indio-Stammeshäuptling anlässlich seiner Zigaretten-Wochenration ins Haus kommt, dann – da der Häuptling sich wegen der blutigen Szene verspätet – sein Stamm, dann Polizei, Dorfbewohner, der Polizeileutnant, der Eva Handschellen anlegt, „zur Verblüffung aller, selbst seiner Untergebenen.“ Auf der Polizeiwache wird Eva „gefoltert, um sie zu einem falschen Geständnis zu zwingen, das sie aber ablehnt“. Gegen ein Bestechungsgeld kann der vom Indio-Häuptling benachrichtigte, heimkehrende Riad Eva aus dem Gefängnis befreien, allerdings nimmt nach anfänglicher Ruhe in der Gerüchteküche die „böse Nachrede“ über die Todesumstände Zulemas und die Rolle Evas in dem Halabí-Haushalt zu, so dass der Polizeileutnant eine erneute Untersuchung androht. Da begreift Riad Halabí, „daß die Erpressung nie aufhören würde“ und rät Eva, das Dorf zu verlassen: „Ich erkannte, daß ich ihn liebte, mit einer tiefen, dankbaren Liebe“. Eva verbringt eine Liebesnacht mit Riad, reist dann nach fünfjährigem Aufenthalt ab, von Riad finanziell und mit einer Zieladresse ausgestattet, einer „Pension für junge Damen“.
Eva sucht jedoch ein anderes Leben: „Ich hatte bis jetzt nach den Anweisungen anderer gelebt […] Ich betrachtete meine von der Hausarbeit zerschundenen Hände […]. Dann zog ich den Zettel mit der Anschrift der Pension für junge Damen aus de Tasche, zerknüllte ihn in der Faust und warf ihn aus dem Fenster“ des Fernbusses. Als sie in der Hauptstadt ankommt, herrscht dort wieder einmal Aufruhr, vor dem Eva in eine Kirche flieht, in der sie zufällig auf ihren zukünftigen Mitbewohner Melecio/Mimí trifft, dem man nach dem „Aufstand der Huren“ seine Transgender-Identität durch medizinische Experimente und einen Haftaufenthalt im Gefängnis Santa María austreiben wollte, wo ihn die Señora durch Bestechung herausholte. Das Geld hat die Señora durch „Handel von Prostituierten auf dem Seeweg“ verdient, weswegen sie dann das Land verlassen musste. Auch den inzwischen zum Guerillero gewordenen Huberto Naranjo trifft die von der zunehmenden Berühmtheit Mimís profitierende Eva zufällig wieder, erstmals seit sieben Jahren. „Eva verliebt sich sofort […] Sie beginnen eine Beziehung, die Naranjos plötzliches Erscheinen in sporadischen Abständen, kurze Stelldichein in Hotels und seinen ebenso plötzlichen Aufbruch in die anonymen Straßen beinhaltet.“ Parallel dazu hat Eva „die Spur [ihrer] Patin“ aufgenommen, findet sie, überrascht sie eines Morgens bei einem Selbstmordversuch, in dessen Anschluss die Patentante vorübergehend in einem Irrenhaus landet, aus dem Eva und Melecio/Mimí sie in eine Privatklinik überführen, die Eva durch ein Gehalt als Sekretärin in einer Uniformfabrik finanziert. Im Zusammenhang mit einem Guerilla-Anschlag bei der Uniformfabrik wird Eva bewusst, was Huberto Naranjo treibt, und dass sie sich emotional schon wieder „voneinander entfernten.“ Später versucht der militärische Inspektor der Uniformfabrik, Oberst Rodríguez, mit Eva anzubändeln, erreicht aber nichts.
„Aus Furcht, sich oder Mimí Ärger zu machen, kündigt Eva ihren Job sofort und macht sich an die Arbeit, um Vollzeitautorin zu werden“, unterstützt von Mimí, die Evas Manuskript als TV-Stoff im Fernsehen unterbringen will, eine Art Bewerbungs-Gespräch beim TV-Chef Aravena organisiert und ein gemeinsames Abendessen, bei dem Aravena in Begleitung des Filmreporters Rolf Carlé auftaucht, „der von einer von Evas unterhaltsamen Geschichten begeistert ist“, aber beruflich nach Prag muss. Vier Tage nach dem Abendessen bewilligt Aravena, aus Evas TV-Stoff eine Telenovela zu kreieren, etwa zur gleichen Zeit taucht Elvira wieder in Evas Leben auf, denn als es zu einer Überschwemmungs-Katastrophe kommt, dümpelt Elvira fernsehwirksam in ihrem Sarg ins Zentrum der Hauptstadt hinein.
Aufgrund der Verlegung von neun Guerilleros in einen schwer bewachten Teil des Gefängnisses Santa María taucht auch Naranjo wieder in Evas Leben auf: Naranjo will mit Hilfe Evas in die Uniformfabrik gelangen, um Guerilleros als Soldaten zu tarnen und in Santa María eindringen zu lassen. Eva teilt Naranjo mit, dass sie nicht mehr in der Uniformfabrik arbeitet, Mimí bringt die Idee auf, sie könne der Guerilla einen Plan ihres einstigen Leidensortes Santa María fertigen. Zu den Vor-Ort-Unterstützern der geplanten Guerilla-Aktion gehört auch der Indio-Stammeshäuptling, der Eva einst bei der Leiche Zulemas gefunden und Riad Halabí über Evas Verhaftung benachrichtigt hat: Der Indio-Stammeshäuptling „war entschlossen, mit ihnen zusammenzuarbeiten, seit die Soldaten in sein Dorf eingefallen waren und ein Chaos von brennenden Hütten, aufgeschlitzten Tieren und vergewaltigten Mädchen zurückgelassen hatten.“ Als Zeitpunkt der Aktion kann Eva aus ihrer Zeit in Agua Santa den Samstagnachmittag empfehlen: „Am Sonnabendnachmittag geht die Hälfte der Wachen sich im Bordell von Agua Santa amüsieren, und die andere Hälfte guckt im Fernsehen Baseball an.“ Außerdem bringt sich Eva dadurch in die geplante Guerilla-Aktion ein, dass sie Waffen-Imitate frisch vor Ort nach dem Rezept der Jugoslawin „kaltes Porzellan“ herstellt: Der frische, dunkelmetallisch-farbige Teig löst bei den Metall-Sensoren des Gefängnisses keinen Alarm aus und muss im Gefängnis-Innern von den neun gefangenen Guerilleros nur fertig geformt werden. Überraschend taucht auch Rolf Carlé vor Ort auf, der die Aktion filmen soll: „Die Behörden werden versuchen, die Wahrheit zu verschweigen, und ich will sehen, ob ich sie nicht erzählen kann.“ Vor der eigentlichen Aktion verlässt Eva den Schauplatz des Geschehens.
Rolf Carlé ist das jüngste Kind des sadistischen Gymnasiallehrers Lukas Carlé und einer Frau, die Lukas wegen ihrer Mitgift und ihres gebärfähigen Beckens wegen geheiratet hat und „weil ihm der Ausdruck der Furcht gefiel, der plötzlich in ihre Augen trat.“ Als Lukas in den Zweiten Weltkrieg zieht, beginnt für Rolf „die glücklichste Zeit seiner Kindheit“, mit Kriegsende endet sie. „Trotz Krieg und Entbehrungen hatte er doch nie wirkliche Angst gekannt. Lukas Carlé lehrte sie ihn“, verschwindet nochmals kurz, weil er von den sowjetischen Besatzern „zu sechs Monaten Zwangsarbeit in den ukrainischen Bergwerken verurteilt“ wird, ehe er zurückkehrt und weiterhin die Familie tyrannisiert, so dass er vom ältesten Sohn, der die Familie anschließend verlässt, den Kiefer demoliert bekommt, während Rolf und dessen geistig behinderte Schwester sich unter dem Esstisch ein Refugium einrichten: „So viel Lebenszeit verbrachten die Geschwister dort, daß die Erinnerung an das milchige Licht unter der Tischdecke sich Rolf tief in die Seele grub, und viele Jahre später, auf der anderen Seite der Erde, erwachte er eines Morgens weinend unter dem weißen Moskitoschleier“. Im Zusammenhang mit einer jährlichen Wald-Wanderung der Gymnasiasten wird Lukas Carlé erhängt an einem Baum aufgefunden. Trotz Schlagwunde im Nacken wird Selbstmord diagnostiziert. Denn einer der fünf Totschläger ist der Sohn des leitenden Kriminalkommissars, ein anderer ein Richter-Sohn, und alle fünf denken, „daß dies die wichtigste Tat ihres Lebens gewesen sei.“ Rolf bricht „vor nervöser Erschöpfung zusammen, weil er sich wünschte, er hätte die Tat selbst getan.
Da Rolfs Mutter um dass Leben ihres Sohnes fürchtet, schickt sie ihn zu seinem Onkel Rupert […] in ein karibisches Land in Südamerika, wohin die Familie vor dem Krieg geflohen ist“, denn Rupert „fand es blödsinnig, sich für eine Fahne totschießen zu lassen, für ein Stück Tuch, das an einem Stock hing.“ Rupert, dessen Frau und die „stämmigen rotblonden“ Cousinen Rolfs, mit denen Rolf später vorübergehend eine heimliche Dreiecksbeziehung sexuell auslebt, betreiben eine Pension, eine Hundezucht und einen Kuckucksuhrenhandel in der zutiefst alpenländisch wirkenden „Kolonie“, in der Rolf seine Freizeit außer mit seinen Cousinen mit Lesen verbringt: „Sein gutes Gedächtnis erlaubte ihm, Kenntnisse anzuhäufen […], mit denen er die Familie und die Nachbarn zu verblüffen liebte.“ Da in der Kolonie nie etwas geschieht, „was der Erwähnung wert gewesen wäre“, beginnt Rolf außerdem, „mit der alten Kamera seines Onkels“ sich der Fotografie zu widmen.
In der Pension seines Onkels lernt Rolf nach dreijährigem Aufenthalt einen Stammgast kennen, Señor Aravena, „Zeitungsmann von Beruf und Filmmann aus Berufung“, der Rolf mit der Filmkamera und der Stenografie vertraut macht, so dass Rolf umsattelt und in die Hauptstadt verschwindet, „nachdem er seinem Onkel hoch und heilig versprochen hatte, alle Wochenenden bei ihnen zu verbringen“: Ab November 1957 arbeitet Rolf für Aravena, Weihnachten 1957 wird er Zeuge, wie der Diktator des Landes ein Plebiszit-Ergebnis über eine Amtszeit-Verlängerung „so unverschämt“ fälscht, „daß der beabsichtigte Effekt ins Lächerliche umkippte“ und ein Aufstand ausbricht: „Von diesem Tag an gab Rolf sich nicht mehr damit zufrieden, die Ereignisse zu registrieren, sondern er nutzte seine Kontakte, um für den Aufstand zu arbeiten“, der im Folgejahr tatsächlich den Diktator stürzt, dem eine „provisorische Regierungsjunta“ nachfolgt, gebildet „aus aufständischen Offizieren und prominenten Zivilisten […]. Aravena gratulierte [Rolf] zu seiner Arbeit und gab ihm den letzten Schubs nach oben, indem er ihn dem Fernsehen empfahl, wo seine kühnen Reportagen ihn zur berühmtesten Persönlichkeit unter den Berichterstattern machten.“ Die Demokratie festigt sich zwei Jahre, enttäuscht aber dennoch die von der erfolgreichen Kubanischen Revolution „entzündet[en]“ Studenten: „Die Guerillerobewegung nahm ihren Anfang“, wird von Rolf journalistisch begleitet, und „so lernte er auch Huberto Naranjo kennen“. Rolfs Chef Aravena allerdings, „nach dem Sturz der Diktatur zum Leiter des nationalen Fernsehens aufgerückt, schickte ihn auf der Suche nach Neuigkeiten an die Orte des Geschehens […]. Und so filmte Rolf Katastrophen, Kriege, Entführungen, Gerichtsverhandlungen, Königsgeburtstage, Ministertreffen und andere Ereignisse, die ihn fern von der Heimat hielten.“ Erst die erstarkende Guerilla-Bewegung zieht Rolf „ins Land zurück“, da er seinen alten Kontakt zu Huberto Naranjo reaktivieren soll. „Die Untergrundbewegung bedachte, daß Rolf Carlé ein nützlicher Faktor sein könnte; seine Reportagen waren gut, er schien ein anständiger Mann zu sein, konnte Zugang zum Fernsehen ermöglichen und war ein Freund Aravenas.“ Rolf trifft wieder auf Naranjo, der inzwischen „den Oberbefehl über die ganze Front“ innehat und zu Rolfs Freund wird, nachdem Rolf die Pflege des von einem Skorpion gestochenen Naranjo übernahm. Da Aravena das entstandene Filmmaterial für „Nitroglyzerin“ hält, empfiehlt er Rolf, es zu verstecken, was Rolf dann bei seinen Verwandten in der Kolonie tut.
Bei einem Abendessen lernt Rolf Carlé Eva Luna kennen, ist „von Evas unterhaltsamen Geschichten begeistert“, muss aber bald darauf beruflich nach Prag, „wo die Tschechen sich den eindringenden Panzern mit Steinwürfen widersetzten.“ Als Rolf nach Südamerika zurückkehrt, will er über ein Massaker an politischen Gefangenen in einer Militärbasis berichten: „Einen Teil der Wahrheit erfuhr er von seinen [Guerilla-]Freunden in den Bergen, und den Rest holte er aus ebenden Soldaten heraus, die die Gefangenen niedergemetzelt hatten und bei denen zwei, drei Bier genügten, um sie zum Sprechen zu bringen.“ Weil „Aravena sich weigert, Rolfs Material ins Fernsehen zu bringen, benutzt der Reporter die Fotos und Filme, um das Parlament zu beeinflussen, das wiederum den Präsidenten unter Druck setzt, einige Änderungen vorzunehmen, einschließlich der Verlegung von neun politischen Gefangenen in einen schwer bewachten Teil der Strafkolonie auf Santa María.“ Die dorthin verlegten Gefangenen möchte nun Naranjo befreien und bittet Rolf, die Aktion filmisch zu dokumentieren: „Die Behörden werden versuchen, die Wahrheit zu verschweigen, und ich will sehen, ob ich sie nicht erzählen kann“, erklärt Rolf der vor Ort anwesenden Eva Luna, die Waffen-Imitate für die den neun gefangenen Guerilleros vorbereitet, vor Beginn der Aktion jedoch abreist.
Eva wird nach erfolgreichem Ende der Gefangenenbefreiung von Rolf Carlé abgeholt, weil Rolf fürchtet, jemand aus Agua Santa könne Eva während ihres Aufenthalts bei Santa María identifiziert haben. Beide schlüpfen in der Kolonie bei Rolfs Verwandten unter. Entsprechend den Erwartungen frisiert die Staatsmacht die Wahrheit über den gelungenen Gefangenenausbruch von Santa María, und Rolf Carlé überzeugt Eva Luna, das Filmmaterial in ihrer Telenovela unterzubringen: „In drei Wochen sind Wahlen. Dem neuen Präsidenten wird sehr daran gelegen sein, den Eindruck von Liberalität zu erwecken, und deshalb wird er mit der Zensur vorsichtig sein.“ Tatsächlich gewinnt die Opposition, allerdings drängt der inzwischen zum Oberkommandierenden der Streitkräfte aufgestiegene Rodríguez Eva, sie solle „diese Hanswurstiade mit den Papiermachéwaffen abwandeln und jegliche Erwähnung des Bordells von Agua Santa unterlassen“, da das die Streitkräfte herabsetze. Inwieweit Rodríguez‘ Ansinnen erfolgreich ist, lässt der Text offen. Ebenso offen lässt der Text die Zukunft des angebahnten Liebesverhältnisses zwischen Eva Luna und Rolf Carlé, „wobei das traditionelle Happy End nur als eine von mehreren gleichwertigen Möglichkeiten vorgeschlagen wird.“
Beim Roman Eva Luna handelt es sich um eine in Ich-Form erzählte Mischung aus einem Bildungsroman, einem Schelmenroman, der zum romantischen Melodram wird, einem politischen Roman sowie Zeugnisablegung (sujeto testimonial). Während der Rückblende auf die Lebensgeschichte von Eva Lunas Mutter Consuelo und der Erzählung der Nebenhandlung um Rolf Carlé wird die Ich-Erzählerin zu einer auktorialen oder personalen Erzählerin.
Da Eva Luna circa 1943 geboren und Consuelo zum Zeitpunkt von Evas Zeugung älter als dreißig Jahre ist, ist Consuelo vor 1913 geboren, woraus sich der Beginn der Berichtszeit des Romans ergibt. Die Berichtszeit des Romans endet frühestens mehrere Wochen nach Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, spätestens vor Abschluss der Pariser Vietnam-Friedensverhandlungen 1973. Allerdings wird in dem Roman jenseits der um die Jahreswende 1970 endenden Kernhandlung auch auf die Verzückung von Evas Patentante über einen Papst-Besuch in Südamerika angespielt, womit aufgrund des Erscheinungsjahres und der mutmaßlichen Schauplätze Chile oder Venezuela der Südamerika-Besuch von Johannes Paul II. in Uruguay, Chile und Argentinien 1987 gemeint sein kann oder der vorherige von 1985 in Venezuela, Ecuador, Peru, Trinidad-Tobago.
Außer in Rolf Carlés österreichischer Heimat spielt der Roman in einem fiktiven, vom „Trugbild des Erdölreichtums“ phlegmatisierten südamerikanischen Land, das von Venezuela inspiriert ist oder von Chile und Venezuela. Hauptorte innerhalb jenes südamerikanischen Landes sind dessen Hauptstadt, die Allende namenlos lässt, „damit die Mehrdeutigkeit für sich selbst spricht“, das östlich der Hauptstadt am Rande wilder Vegetation gelegene, fiktive Landstraßen-Dorf Agua Santa („einer jener vielen verschlafenen Orte in einer schläfrigen Provinz“), das Umland des nahe Agua Santa gelegenen Flussinsel-Gefängnisses Santa María sowie die von der venezolanischen Gemeinde Colonia Tovar inspirierte „Kolonie“, eine „in ihrer Urform als fast fremdenfeindlich und isoliert dargestellte“ Siedlungsgründung europäischer Einwanderer: „ein Dorf wie in eine Kristallkugel eingeschlossen, wo die Zeit stehengeblieben und die Geographie überlistet worden war. Hier verlief das Leben wie in den österreichischen Alpen im neunzehnten Jahrhundert […], mit Fachwerkhäusern, Schildern mit gotischen Lettern, Blumenkästen vor den Fenstern und einer kleinen Kirche“.
Die Zugehörigkeit des Romans zum Magischen Realismus ist in der Sekundärliteratur umstritten. Während beispielsweise die US-Literaturwissenschaftlerin Karen Castellucci Cox meint, der Roman biete keinen offenkundigen Magischen Realismus, ordnet beispielsweise die US-Literaturwissenschaftlerin Lynne Diamond-Nigh den Text eindeutig dem Magischen Realismus zu und hält den Einfluss von Gabriel García Márquez für unverkennbar: „Vorausblenden, Schwebezustände, Feen, die in der surrealen Klarheit der Dämmerung erscheinen, Notizbücher, die das Leben einfangen, das Militär, das versucht, die Geschichte zu vernichten.“ Als weiteres Beispiel für Magischen Realismus führt Diamond-Nigh den „Palast der Armen“ an, „der sich als halluzinatorische Erscheinung materialisiert und verklärt“ und an dem Eva Luna zweimal vorbeifährt: Einmal auf ihrem Hinweg nach Agua Santa, wo sich der Palast „für dreißig Sekunden am Wegrand materialisierte wie ein Wahngebilde“, einmal auf dem Rückweg von der Guerilla-Aktion in Santa María, als „das vollendete Trugbild des Palastes der Armen […] zwei Handbreit über dem Humus des Bodens schwebte.“ Bereits früh im Text bekundet Eva Luna ferner den Gedanken, „daß die Wirklichkeit nicht nur das ist, was man an der Oberfläche sieht, daß sie auch eine magische Dimension hat“. Als Kompromiss beider Positionen schlägt der ehemalige Osnabrücker Literaturwissenschaftler Wolfgang Karrer vor, den „aufgrund der Verwendung metafiktionaler Mittel postmodernen“ Roman Eva Luna einem Typus namens Magischer Feminismus zuzuordnen, der sich vom Magischen Realismus in vielerlei Hinsicht unterscheide, wie dieser Roman beweise.
Allende konstatierte in Interviews, die der Veröffentlichung von Eva Luna folgten, einen Bruch zwischen diesem Roman und den beiden früheren Romanen Das Geisterhaus und Von Liebe und Schatten, „deren kritische Aufmerksamkeit im Allgemeinen auf Fragen gerichtet war, die sich aus dem politischen Klima Lateinamerikas und ihrer Position als Exilautorin ergeben“; stattdessen handle Eva Luna „vom Geschichtenerzählen und davon, eine Frau zu sein“. Dennoch ist der Roman über bloße Gleichberechtigungspolitik hinaus politisch: Das Thema Politik ist es, „das den Roman zusammenhält.“
Um „das Patriarchat und die Oligarchie im Lateinamerika des 20. Jahrhunderts zu kritisieren und die Stimmen und Erfahrungen der Ausgegrenzten und Demoralisierten aufzuwerten“ bevölkert Allende den Roman mit Figuren aus allen Teilen der Welt: „Consuelo mit ihren roten Haaren behauptet, niederländischer Herkunft zu sein, Eva Luna ist sowohl niederländischer als auch indianischer Abstammung, Rolf Carlé österreichischer Herkunft, Mimí/Melecio italienischer Herkunft, die Patronin jugoslawischen Ursprungs, doch die auffälligste Manifestation rassischer Unterschiede, die in einen einzigen zeitlichen und räumlichen Rahmen gebracht werden, ist im Baby mit zwei Köpfen zu sehen.“ Besonders deutlich wird die Idee der Gleichheit aller Menschen in der Figur des Riad Halabí, der als Muslim zusammen mit Eva die Heilige Messe besucht, „denn im Dorf sah man meine nur mäßige Frömmigkeit mit scheelen Augen an, wie mir die Lehrerin Inés mehr als einmal sagte, und Riad hatte für sich entschieden, da es nun einmal keine Moschee im Dorf gab, würde es nicht schaden, Allah in einer christlichen Kirche anzubeten“.
Hauptschwerpunkt des Gleichheits-Gedankens in dem Roman ist allerdings nicht die Vielfalt von Rassen oder Religionen, sondern die Gleichheit aller Menschen unabhängig von deren Geschlecht oder sexueller Orientierung. „Die Beziehungen, die Eva eingeht, drücken ihren Wunsch aus, sich als Frau lebendig zu fühlen […]. Sie lässt sich nicht ausbeuten, sondern lernt aus jeder Erfahrung etwas. [...] Sie hofft auf eine Zukunft, in der sie in einer emanzipierten Umgebung frei sein kann, ohne durch die Zwänge von Macht, Reichtum, Geschlecht und Gesellschaft unterdrückt zu werden. [...] Eva tut Dinge, die normalerweise vom Mann erledigt werden entsprechend der Zweiteilung in männlich/weiblich“, die insbesondere von Evas Trans-Freundin Mimí/Melecio zunehmend ignoriert wird. Allerdings kann Eva „nur schwer Melecios Bemühungen verstehen […], unbedingt eine [Frau] sein zu wollen“, da Eva oft gesagt worden ist, „welch ein Unglück es sei, als Frau geboren zu sein“ – beispielsweise sehr früh von Evas Patentante: „Sie behauptete hartnäckig, es wäre besser, ein Mann zu sein, denn noch der armseligste habe seine Frau, der er befehlen könne, und Jahre später kam ich zu dem Schluß, daß sie vielleicht recht hatte, allerdings kann ich mir mich selbst nicht in einem männlichen Körper vorstellen“. Weil eine Geschlechts-Umwandlung in Evas Augen keine Handlungsoption darstellt, bleiben angesichts der Unterdrückungs-Gefahr drei Handlungsoptionen: Lethargie, Flucht oder Angriff. Da die von Halabís Frau Zulema und Rolf Carlés Mutter praktizierte Lethargie keine Strategie für Eva ist, bleiben Flucht oder Angriff. Während die Señora als subversive Flucht-Taktik empfiehlt, angesichts selbstherrlicher Männer und deren Meinung „zu allem ja zu sagen und [dennoch] das zu tun, wozu man Lust hat“, versucht Eva, „die Räume, die Frauen traditionell zugewiesen sind, neu zu definieren, indem sie sie untergräbt und auf ihre eigene Weise neu konfiguriert. Ihre Mutter [Consuelo] vermittelt ihrer Tochter [Eva] die Liebe zu Geschichten und den Willen, in Zeiten der Not mit ihrer Fantasie durchzuhalten.“ Zweite Handlungsoption für Eva neben den Eskapismus ins Geschichten-Erzählen ist der Kampf, getreu einer Metapher, die Eva von Elvira lernt: „‘An wütende Hunde traut sich keiner ran, aber die zahmen kriegen Fußtritte. Man muß immer kämpfen.‘ Das war der beste Rat, den ich in meinem Leben bekommen habe.“ Dass eine Frau sich hierbei nicht auf eine von Männern gemachte Politik verlassen kann, lernt Eva personifiziert durch die „Verkörperung des lateinamerikanischen Machismo“ Huberto Naranjo, der, „obwohl Guerillero, in Wirklichkeit der Idee abgeneigt ist, den Frauen die volle Freiheit zuzugestehen“. Nachdem sich Naranjo und Eva in ihrer Liebesbeziehung wieder „voneinander entfernten“, stellt Eva fest: „Für Naranjo und seinesgleichen schien das Volk nur aus Männern zu bestehen, wir Frauen sollten zum Kampf beitragen, aber von den Entscheidungen und von der Macht waren wir ausgeschlossen.“ Und im Zusammenhang mit der Gefangenen-Befreiung aus Santa María behauptet Mimí: „In dem unwahrscheinlichen Fall, daß dein Naranjo mit seiner Revolution siegt, würde er schon nach kurzer Zeit, und da bin ich ganz sicher, mit demselben Herrschaftsanspruch auftreten wie alle Männer, die Macht in die Hände bekommen. […] Männer wie Naranjo können keine entscheidenden Veränderungen herbeiführen, sie modifizieren nur die Regeln, aber sie handeln immer nach dem gleichen Muster. Sie kennen nur Autorität, Konkurrenzkampf, Gier, Unterdrückung, es ist immer dasselbe.“
Der Roman schildert „Aufstieg und Fall der Diktatur und das Scheiterns der Demokratie (die laut Allende eine andere Form der Diktatur zu sein scheint)“ – und damit das Umfeld, in dem die junge Eva sich anfangs durch das Einwirken der kämpferischen Elvira politisiert: „Ich war noch nicht alt genug, um mich für Politik zu interessieren, aber Elvira stopfte mir den Kopf mit aufrührerischen Ideen voll, damit ich den Herrschaften Trotz bieten konnte.“ Den Höhepunkt erreicht Evas politisches Engagement allerdings, als sie selbst keine direkten Herrschaften mehr hat, denen sie Trotz bieten müsste, sondern aufgrund ihrer Verbundenheit mit Männern, die der Revolution nahestehen: Eva „hat eine neutrale Meinung zum politischen Klima der Zeit, aber ihre Nähe zu Huberto und Rolf Carlé ermöglicht es ihr, die tatsächliche Situation auf beiden Seiten zu kennen“, wobei beide Seiten allerdings in „Episoden von Gewalt“ verfallen. Insgesamt sieht Allende „die Revolution als ‘einen Akt der Liebe‘ an, der ‘totalen Einsatz‘ und ‘Opfer‘ erfordert, selbst wenn die Revolution scheitert. Andererseits weist sie auch auf deren Nachteile hin“. Dass Naranjos Revolution letztlich scheitert, ist in einem Nebensatz des Romans ausgedrückt, laut dem „die Niederlage den revolutionären Traum zerstörte und der Friedensschluß die Überlebenden in das normale Dasein zurückführte, wo sich einige in Bürokraten verwandelten, andere in Abgeordnete oder Unternehmer.“
„Eva Luna ist eine einfallsreiche Frau, die wegen ihres einzigen Talents überlebt – wunderbare Geschichten zu erzählen.“ Die Grundlage dazu wird unbeabsichtigt vom Arbeitgeber Consuelos, der Mutter Evas, gelegt: Professor Jones reizen „Forschung, Statistiken, Prognosen einer hypothetischen Zukunft […] weit mehr als die trivialen Vorkommnisse der Gegenwart“, doch findet sich in Jones‘ Bibliothek nicht nur Sachliteratur: „Shakespeares Werke ruhten an der Seite des ’Kapitals‘, die Lebensregeln des Konfuzius standen gleich neben dem ’Leben der Robben‘, die Karten alter Seefahrer lagen neben nordischen Dichtungen und indischer Poesie.“ Consuelos heimliche Übernachtausleihe aus dieser Privatbibliothek bietet Impulse für Consuelos eigene Kunst des Geschichtenerzählens: Consuelo „erzählte ihre Geschichten, und der Raum füllte sich mit Licht, die Wände verschwanden, und unglaubliche Landschaften taten sich auf, Paläste erschienen, voll von nie gesehenen Kostbarkeiten, ferne Länder zogen vorbei, die sie erfunden oder von denen sie in der Bibliothek […] gelesen hatte.“ Dem Leben, das viel weniger befriedigend als die Fantasie ist, das Geschichten-Erzählen entgegenzusetzen, dient Eva als Werkzeug „des Tauschhandels, des Überlebens“, setzt gleichzeitig einen Kontrapunkt gegenüber der „Verarmung der Realität in einer Welt, die von wirtschaftlicher und politischer Unterdrückung beherrscht wird“, bewahrt die Vergangenheit und das Leben vor dem tatsächlichen Tod und sorgt überhaupt erst dafür, dass Dinge existieren: Denn „was man nicht benennt, existiert eigentlich kaum, das Schweigen löscht es aus, bis es verschwunden ist“, heißt es über den vertuschten One-Night-Stand Zulemas mit Kamal, und später stellt Eva „die Annahme auf, daß nichts wirklich existierte, die Wirklichkeit war nur eine unbestimmte, gallertartige Materie, die meine Sinne nur zur Hälfte erfaßte.“ Geschichten-Erzählen heißt „dieses Gallert nehmen und formen, um das zu schaffen, was ich wünschte, […] eine eigene Welt, von lebenden Menschen bevölkert, wo ich die Regeln festsetzte und nach meinem Gutdünken veränderte. […] Bisweilen hatte ich das Gefühl, daß dieses mit der Kraft der Einbildung erbaute Universum festere und dauerhaftere Konturen hatte als die wirre Welt, in der die Geschöpfe aus Fleisch und Blut, die mich umgaben, ihr Wesen trieben.“
Während Eva Luna das Geschichten-Erzählen vorrangig als „Verteidigung gegen und Rückzug in ihrer feindlichen Umgebung“ ansieht sind sich die beiden in der „wirre[n] Welt“ verankerten Männer Rolf Carlé und Señor Aravena „einig, dass Kunst die Geschichte verändern kann; aus diesem Grund laufen sie Gefahr, verhaftet, gefoltert und sogar getötet zu werden.“ Von Rolf stammt gegen Ende des Buches die Idee, in einer Folge von Evas „auf ihrem eigenen Leben und den vielen damit verwobenen Geschichten“ basierender Seifenoper von der Flucht der Guerilleros aus Santa María zu erzählen und so Privates und Politisches zu verschmelzen. Ob Geschichten-Erzählen tatsächlich eine zur offiziellen Darstellung alternative Geschichte liefert und so ein mächtiges Werkzeug ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen, bleibt nach General Tolomeo Rodríguez‘ Bitte an Eva Luna, Teile ihrer Telenovela herauszuschneiden, allerdings ebenso offen wie der Erfolg von Rodríguez‘ Ansinnen, Eva möge als Vermittlerin zu den Guerilleros dienen.
Im Jahr 1992 erschien ebenfalls im Suhrkamp-Verlag das Allende-Buch Geschichten der Eva Luna (Originaltitel: Los cuentos de Eva Luna, 1989) mit 23 Erzählungen, aus denen 1992 fünf Erzählungen für das Suhrkamp-Buch Eine Rache und andere Geschichten und 2002 sieben Erzählungen für das Suhrkamp-Buch Der verwunschene Palast zusammengestellt worden sind.