Fragenstein (Meteorit)

Koordinaten: 47° 17′ 20,1″ N, 11° 14′ 12,1″ O

Fragenstein
Der Meteorit bei der Untersuchung an der Universität Innsbruck (2021)
Allgemeines
Offizieller Name
nach MBD
Fragenstein
Synonym Innsbruck
Authentizität sicher
Lokalität
Land Österreich
Region Tirol
Bezirk Innsbruck-Land
Gemeinde Zirl
Fall und Bergung
beobachtet nein
Datum (Fund) 5. September 2020
Sammlung Institut für Planetologie, Münster (Typusexemplar)
Beschreibung
Typ Eisenmeteorit
Klasse Oktaedrit
Gruppe IVA
Masse (total) 3,82 kg
Dichte 7,875 ± 0,009 g/cm³
Referenzen

Der Meteorit Fragenstein ist der erste Eisenmeteorit, der in Österreich gefunden worden ist. Er wurde am 5. September 2020 von einem anonymen Finder im Bachbett des Schlossbachs im Gemeindegebiet von Zirl unweit der Burgruine Fragenstein entdeckt und am 10. Oktober 2026 – nach eingehenden wissenschaftlichen Untersuchungen – von der Meteoritical Society offiziell anerkannt und in die Meteoritical Bulletin Database aufgenommen.

Aufgrund seiner ungewöhnlich glänzenden Oberfläche und der Ähnlichkeit mit dem in Schweden gefundenen Eisenmeteoriten Muonionalusta gab es zunächst Zweifel an der Authentizität des Meteoriten. Durch die Untersuchungen von kosmogenen Radionukliden konnte nachgewiesen werden, dass Fragenstein und Muonionalusta bei unterschiedlichen Ereignissen auf die Erde gefallen sind.

Wissenschaftliche Untersuchung

Im April 2021, rund sieben Monate nach dem Fund, brachte der Finder, der anonym bleiben wollte, den Meteoriten zur Analyse an das Institut für Mineralogie und Petrographie der Universität Innsbruck. Der metallisch glänzende Stein war ihm im Bachbett oberhalb der Wasserlinie aufgefallen, weil er im Sonnenlicht auffällig glänzte. Der Mineraloge Jürgen Konzett untersuchte das Fundstück und bestätigte, dass es sich um einen Eisenmeteoriten handelte. Zunächst wurden in einem Ätzversuch mit Salpetersäure die Widmanstätten-Struktur sichtbar gemacht.

Am 4. Mai 2021 gab die Universität Innsbruck den Fund öffentlich bekannt. Der genaue Fundort wurde zunächst nicht veröffentlicht, deshalb wurde der Meteorit unter der vorläufigen Bezeichnung „Innsbruck“ bekannt. Die ungewöhnliche Beschaffenheit des Fundstücks ließ jedoch Zweifel an der angegebenen Fundgeschichte aufkommen.

Die glatte, metallisch glänzende Oberfläche erschien für einen Eisenmeteoriten, der längere Zeit der Witterung in einem alpinen Bachbett ausgesetzt gewesen sein soll, ungewöhnlich. Der Meteoritenforscher Ludovic Ferrière vom Naturhistorischen Museum Wien verwies darauf, dass Eisenmeteoriten unter solchen Bedingungen normalerweise rasch Korrosionserscheinungen zeigen. Auch das Fehlen einer deutlich erkennbaren Schmelzkruste warf Fragen auf.

Der Meteorit wies sowohl im Erscheinungsbild als auch in der chemischen Zusammensetzung große Ähnlichkeit mit dem Eisenmeteoriten Muonionalusta aus Nordschweden auf, von dem zahlreiche Exemplare im Meteoritenhandel angeboten werden.

Chemische Zusammensetzung

Abgetrennte Probe des Meteoriten, bei der durch Ätzung mit Salpetersäure die Widmanstätten-Struktur sichtbar gemacht wurden.

Für eine weitergehende Bestimmung durch mikrochemische und spektroskopische Analysen wurde ein Stück des Meteoriten abgetrennt. Am Institut für Planetologie der Universität Münster wurden Untersuchungen zur chemischen Zusammensetzung mittels Laserablation und Massenspektrometrie (LA-ICP-MS) vorgenommen. Der Meteorit besteht zu 90,77 Massenprozent aus Eisen und zu 8,85 Massenprozent aus Nickel und enthält darüber hinaus auch Kobalt, Kupfer, Gallium, Molybdän, Osmium, Iridium und weitere Spurenelemente. Chemische Untersuchungen an der Universität Köln bestätigten die große Ähnlichkeit zwischen Fragenstein und Muonionalusta.

Kosmogene Radionuklide und Authentizität

Um zu klären, ob beide Meteoriten von demselben Fallereignis stammen könnten, wurden Untersuchungen kosmogener Radionuklide durchgeführt. Eine Probe des Meteoriten wurde an der Beschleunigeranlage VERA der Universität Wien auf die Radionuklide Beryllium-10 (¹⁰Be), Aluminium-26 (²⁶Al), Chlor-36 (³⁶Cl) und Calcium-41 (⁴¹Ca) untersucht. Ergänzende Untersuchungen fanden in Canberra in Australien sowie am Felsenkeller-Untertagelabor in Dresden statt.

Kosmogene Radionuklide entstehen durch kosmische Strahlung, die im Weltraum auf den Meteoroiden einwirkt. Nach dem Fall auf die Erde verändert sich die Konzentration der Radionuklide durch radioaktiven Zerfall. Die Messung dieser Nuklide ermöglicht deshalb Rückschlüsse auf die Bestrahlungsgeschichte und die Aufenthaltsdauer eines Meteoriten auf der Erde. Beim Meteoriten Fragenstein lagen die Konzentrationen der radioaktiven Chlor- und Calcium-Isotope etwa tausendmal höher als beim schwedischen Meteoriten Muonionalusta, was eine sehr lange Aufenthaltsdauer des Meteoriten auf der Erdoberfläche ausschließt. So konnte nachgewiesen werden, dass die beiden Meteoriten Fragenstein und Muonionalusta trotz ihrer ähnlichen chemischen Zusammensetzung bei unterschiedlichen Ereignissen auf die Erde gefallen sind. Die Radionuklidmessungen deuten auch darauf hin, dass Fragenstein ursprünglich zu einem vergleichsweise kleinen Meteoroiden gehörte, deshalb ist kein ausgedehntes Streufeld zu erwarten.

Physikalische Eigenschaften und Klassifikation

Fragenstein ist ein einzelner Eisenmeteorit mit leicht polierter, metallisch glänzender Oberfläche. Eine zusammenhängende Schmelzkruste ist nicht erkennbar, in Vertiefungen befinden sich jedoch dunkle Rückstände, bei denen es sich um Reste einer Schmelzkruste handeln könnte. Das Fehlen einer Oxidschicht wird auf mechanischen Abrieb und die fortgesetzte Erosion der äußeren Bereiche des Meteoriten zurückgeführt. Durch den Transport von Sedimenten könnte die Oberfläche in dem rasch fließenden Gebirgsbach abgeschliffen worden sein. Schon an der Oberfläche ist die Widmanstätten-Struktur erkennbar. Auf einer geätzten Schnittfläche werden Kamacitlamellen mit einer mittleren Breite von rund 0,31 Millimetern sichtbar. Die mittels 3D-Vermessung bestimmte Dichte des Meteoriten beträgt 7,875 g/cm³. Auf Basis der Spurenelementhäufigkeiten, Petrographie und Mineralchemie wurde Fragenstein als feiner Oktaedrit der chemischen Gruppe IVA klassifiziert.

Bedeutung

Fragenstein ist der elfte in Österreich gefundene Meteorit und der erste österreichische Eisenmeteorit – siehe Liste der Meteoriten Österreichs. Ein weiterer mutmaßlicher Eisenmeteorit wurde Ende August 2023 in der Gemeinde Hirschbach gefunden. Dieser Meteorit mit der vorläufigen Bezeichnung Hirschbach wäre der zweite Eisenmeteorit aus Österreich. Eine offizielle Anerkennung als Meteorit ist jedoch noch ausständig, da der Meteorit Hirschbach bisher noch nicht in die Meteoritical Bulletin Database der Meteoritical Society aufgenommen wurde.

Fragenstein ist einer von weltweit nur 88 Meteoriten der IVA-Gruppe. Alle Eisenmeteoriten dieser chemischen Gruppe stammen vermutlich aus dem metallischen Kern desselben Mutterkörpers, der sich in der Frühzeit des Sonnensystems bildete und später durch Kollisionen zerstört wurde. Aufgrund der großen Ähnlichkeit in der chemischen Zusammensetzung der beiden IVA-Meteoriten Fragenstein und Muonionalusta wird angenommen, dass beide Meteoriten aus sehr nahe beieinander liegenden Bereichen desselben Mutterkörpers stammen. Trotz ihres gemeinsamen Ursprungs erreichten Fragenstein und Muonionalusta die Erde zu unterschiedlichen Zeitpunkten, wobei zwischen ihren Einschlägen vermutlich mehrere Hunderttausend Jahre lagen. Während der Einschlag des Muonionalusta-Meteoriten bereits mehr als 800.000 Jahre zurück liegen dürfte, deutet die Analyse der kosmogenen Radionuklide bei Fragenstein auf einen deutlich jüngeren Fall hin, der erst wenige Tausend bis Zehntausende Jahre zurückliegt.

Aufbewahrung und Ausstellung

Die Hauptmasse des Meteoriten befindet sich im Besitz des anonymen Finders. Im Rahmen der Mineralientage München im Oktober 2026 wird der Meteorit erstmals öffentlich ausgestellt. Über den weiteren Verbleib des Meteoriten ist noch nicht entschieden. Das Naturhistorische Museum Wien hoffte im Jahr 2021, ihn für seine Meteoritenausstellung gewinnen zu können. Ein 33 Gramm schweres Typusexemplar wird am Institut für Planetologie der Universität Münster aufbewahrt.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Ein Tiroler Bachbett schreibt Meteoritengeschichte | The Munich Show. Abgerufen am 10. Oktober 2026.
  2. 1 2 3 4 5 6 7 Fragenstein - Meteoritical Bulletin Database. Abgerufen am 10. Oktober 2026 (englisch).
  3. 1 2 3 4 Seltener Meteoriten-Fund in Tirol. In: Universität Innsbruck. 4. Mai 2021, abgerufen am 10. Oktober 2026.
  4. ↑ Erster Eisenmeteorit in Österreich gefunden. Auf orf.at vom 4. Mai 2021.
  5. 1 2 3 4 Michael Vosatka: Seltene Entdeckung: Eisenmeteorit bei Innsbruck gefunden. Der Standard, 4. Mai 2021.
  6. ↑ Björn Lehnert: Vom Feuerball ins Felsenkeller-Labor: Studierende untersuchen Meteoriten. In: tu-dresden.de. 28. September 2026, abgerufen am 11. Oktober 2026.
  7. 1 2 3 Krimi in Tirol: Ein Meteoriten-Fund und die Suche nach der Wahrheit. 17. Oktober 2026, abgerufen am 17. Oktober 2026.
  8. ↑ Meteoritical Bulletin Database - Meteoriten der Gruppe IVA. Abgerufen am 11. Oktober 2026 (englisch).
  9. ↑ Nicholas A. Moskovitz, Richard J. Walker: Size of the group IVA iron meteorite core: Constraints from the age and composition of Muonionalusta. In: Earth and Planetary Science Letters. Band 308, Nr. 3-4, August 2011, ISSN 0012-821X, S. 410–416, doi:10.1016/j.epsl.2011.06.010 (elsevier.com [abgerufen am 11. Oktober 2026]).
  10. ↑ M.F. Horan, R.W. Carlson, J. Blichert-Toft: Pd–Ag chronology of volatile depletion, crystallization and shock in the Muonionalusta IVA iron meteorite and implications for its parent body. In: Earth and Planetary Science Letters. Band 351-352, Oktober 2012, ISSN 0012-821X, S. 215–222, doi:10.1016/j.epsl.2012.07.028 (elsevier.com [abgerufen am 11. Oktober 2026]).
  11. ↑ Markus Patzek: Instagram-Posting zu Fragenstein. 10. Oktober 2026, abgerufen am 11. Oktober 2026 (englisch).