
Francesco d’Agnolo Lanfranchi, genannt lo Spillo oder Ser Spillo (* 24. August 1492 in Florenz; † 8. Februar 1558 in Rom), war ein italienischer Maler der Florentiner Hochrenaissance und des frühen Manierismus. Er war der jüngere Bruder des Malers Andrea del Sarto.
Francesco d’Agnolo entstammte einer Florentiner Schneiderfamilie aus dem Stadtviertel Santa Maria Novella. Sein Vater Agnolo di Francesco di Luca war Schneider (italienisch sarto) von Beruf; diesem Umstand verdankte auch der ältere Bruder Andrea seinen Beinamen del Sarto. Die Mutter, Costanza di Silvestro di Domenico, Tochter eines ebenfalls im Viertel Santa Maria Novella ansässigen Schneiders, wurde am 26. März 1467 geboren, heiratete Agnolo 1483 und starb am 14. Mai 1525.
Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor, deren Geburtsdaten sich aus den Florentiner Katastererklärungen (portate catastali) von 1487 und 1504 sowie aus Taufregistern rekonstruieren lassen: Lucrezia (* 12. Februar 1485), Andrea, der spätere Andrea del Sarto (* 16. Juli 1486), Francesca (* 14. Dezember 1491), Francesco, genannt lo Spillo (* 24. August 1492), Veronica (* 13. April 1494), Domenico (Geburtsdatum unbekannt), Olivetta (* 25. Mai 1503), Silvestro (* 20. April 1506) und Margherita (* 11. Februar 1509).
Francescos genaues Geburtsdatum war in der älteren Forschung umstritten, da in den Florentiner Taufregistern in kurzem zeitlichem Abstand mehrere gleichnamige Kinder eines Agnolo di Francesco verzeichnet sind. Ursache dieser Verwechslungsgefahr war die Existenz eines zweiten, mit der Familie del Sarto nicht verwandten Florentiner Schneiders gleichen Namens, dessen eigener Sohn Francesco am 1. April 1493 getauft wurde. Sidney J. Freedberg zog in seiner Andrea-del-Sarto-Monographie von 1963 diesen zweiten Täufling versuchsweise für lo Spillo in Betracht. Auf der Grundlage archivalischer Untersuchungen (Alessandro Nesi, 2016) gilt inzwischen als gesichert, dass lo Spillo mit dem am 24. August 1492 im Viertel Santa Maria Novella geborenen und zwei Tage später getauften Francesco di Agnolo di Francesco zu identifizieren ist.
Die Herkunft des Beinamens Spillo (deutsch etwa Stecknadel) ist nicht dokumentiert und lässt sich nicht mehr klären. In der älteren, meist romanhaft-ausschmückenden Literatur wurde er teils auf eine schmale, hagere Statur, teils auf einen scharfen Charakter oder auf Kindheitsstreiche in der väterlichen Schneiderwerkstatt zurückgeführt; für keine dieser Deutungen gibt es einen urkundlichen Beleg. Auffällig ist, dass allein Francesco unter den bekannten Geschwistern Andreas den Familiennamen Lanfranchi führte, während dieser bei Andrea selbst in den erhaltenen Dokumenten nicht erscheint.
Francescos künstlerische Ausbildung erfolgte in der Werkstatt seines Bruders Andrea del Sarto. Dort ist er urkundlich erstmals im Juli 1511 fassbar, als er im Auftrag Andreas eine Zahlung für den zur Vorbereitung der Wandmalerei Corteo dei Magi im Chiostrino dei Voti der Santissima Annunziata benötigten Kalk abwickelte. Andrea band ihn auch in die Aktivitäten der Compagnia del Paiuolo ein, der auch der Maler Domenico Puligo angehörte, dessen Stil auf die künstlerische Entwicklung Francescos einwirkte.
Möglicherweise nahm er im November 1515 gemeinsam mit Andrea an der Ausstattung der Ephemeralarchitektur für den Einzug Papst Leos X. in Florenz teil. Zusammen mit Puligo bemalte und vergoldete er Ende 1518/Anfang 1519 zwei heute verlorene hölzerne Engelfiguren am Ziborium der Zisterzienserabtei Buonsollazzo im Mugello. 1525 ließ sich Francesco gemeinsam mit seinen Brüdern Silvestro und Domenico durch notarielle Urkunden vom Vater emanzipieren und beanspruchte seinen Anteil am mütterlichen Erbe; in den entsprechenden Urkunden vom 14. März 1525 werden Francescos Alter mit 33, Domenicos mit 28 und Silvestros mit 19 Jahren angegeben. Im selben Jahr immatrikulierte er sich bei der Malerbruderschaft Compagnia di San Luca in Florenz, anders als Andrea jedoch nicht bei der Ärzte- und Apothekerzunft Arte dei Medici e Speziali. Öffentliche Aufträge für Florentiner Kirchen sind für ihn nicht belegt.

Die einzigen urkundlich gesicherten Werke Francescos entstanden für San Miniato al Tedesco in der Provinz Pisa, das zu jener Zeit zur Diözese Lucca gehörte. Am 2. April 1528 wurde er zusammen mit dem ortsansässigen Holzschnitzer Vincenzo di Bastiano Ansaldi von Piermaria Gucci, dem Sindaco der Bruderschaft des Santissimo Crocifisso, mit der Ausmalung und Vergoldung eines geschnitzten Altarretabels für das Oratorium des Crocifisso di Castelvecchio (später del Loretino genannt) beauftragt; die vereinbarte Summe betrug 150 Florin. Ausgeführt wurden schließlich sieben Tafelbilder mit dem Erzengel Gabriel, der verkündigten Jungfrau Maria, dem Stadtpatron San Miniato, San Genesio, zwei anbetenden Engeln sowie, auf dem Türflügel des zentralen Schreins, dem Auferstandenen Christus. Zahlungen an ihn sind vom 9. Februar 1529 bis zum 14. September 1534 dokumentiert; die malerischen Arbeiten waren bereits am 8. Oktober 1529 abgeschlossen, als sie dem Sachverständigen Bernardo Cecchi zur Begutachtung vorgelegt wurden. Die Predella mit Szenen aus der Passion Christi gilt nicht als eigenhändig, sondern wird einem spätgotisch geprägten Nachfolger Domenico Ghirlandaios zugeschrieben. Das Tafelbild mit dem Auferstandenen wurde 1718 in das neu errichtete Oratorio del Santissimo Crocifisso versetzt, wo es bis heute erhalten ist; an seiner ursprünglichen Stelle trat eine Statue der Madonna di Loreto. Die Figur des San Genesio zeigt physiognomische Züge, die mit einer im British Museum aufbewahrten Zeichnung Jacopo Pontormos übereinstimmen; Pontormo, mit dem Lanfranchi gemeinsam in Andrea del Sartos Werkstatt tätig gewesen war, könnte demnach als Modell für den Heiligen gedient haben.

Zeitgleich mit den Tafeln für den Loretino-Altar schuf Lanfranchi für die Kapelle dell'Addolorata im Dom von San Miniato eine Pietà mit den Heiligen Petrus, Johannes dem Täufer, Sebastian und Maria Magdalena. Eine rückseitige Inschrift datiert das Werk auf 1528 und nennt als Auftraggeber den Priester Michelangelo Baggiani da Quarantola, Sakristan der Kathedrale, der dem Maler 70 Dukaten zahlte. Eine im British Museum aufbewahrte Vorzeichnung zu diesem Werk wurde gelegentlich Andrea del Sarto zugeschrieben und mit dessen Pietà di Luco (1523–1524) in Verbindung gebracht; nach neuerer Einschätzung dürfte sie hingegen von Francesco selbst stammen, der die zeichnerischen Verfahren seines Bruders kannte, ohne dessen Qualität zu erreichen. Auch nach 1529 unterhielt Lanfranchi Kontakte nach San Miniato: 1532 malte er dort nicht erhaltene Werke unbekannten Sujets für die Kapelle des Palazzo dei Vicari, 1533 fertigte er an den Türen desselben Gebäudes zwei Medici-Wappen, vermutlich anlässlich eines Aufenthalts Papst Clemens’ VII. in der Stadt.
Nach seiner Tätigkeit in San Miniato kehrte Lanfranchi nach Florenz zurück und war 1538/39 erneut bei der Compagnia di San Luca eingeschrieben. Andrea del Sarto hatte ihn in seinem Testament vom 27. Dezember 1527 vor dem gemeinsamen Bruder Domenico als ersten Erben seines Vermögens eingesetzt; Andrea starb 1530 an der Pest. Angesichts des Fehlens öffentlicher, renommeeträchtiger Aufträge in Florenz siedelte Francesco in der Folge nach Rom über. Die erste gesicherte Nachricht über seinen Aufenthalt in Rom stammt aus dem Jahr 1543, als er sich unter Berufung auf seine Verwandtschaft mit Andrea del Sarto bei der dortigen Compagnia (später Accademia) di San Luca immatrikulierte; im entsprechenden Register wird er als Ser Spillo fiorentino pittore, fratello d’Andrea del Sarto geführt. Weitere Einträge belegen Zahlungen Lanfranchis an die Maler Matteo da Terranova (1543) und Perino del Vaga (Oktober 1544). Der Florentiner Bibliograph Gaetano Milanesi zitierte im 19. Jahrhundert eine – heute nicht mehr auffindbare – Quittung vom 10. Oktober 1547 aus dem Nachlass des in Rom ansässigen Florentiner Bankiers Benvenuto Olivieri, in der Francesco d'Agnolo alias Spillo mit dem Familiennamen Lanfranchi bezeichnet wird. Am 25. September 1551 bürgte er notariell für seinen Florentiner Landsmann, den Maler Benedetto di Piero Bramanti, der mit der – nicht erhaltenen – Ausmalung einer Kapelle in der Kirche San Giuseppe dei Falegnami in Rom befasst war.
Werke Lanfranchis in römischen Kirchen sind nicht überliefert; sollten solche entstanden sein, so haben sie die barocken Umgestaltungen der römischen Kirchen offenbar nicht überdauert. Ob Francesco tatsächlich, wie einige spätere Quellen aus San Miniato nahelegen (in denen er unter anderem als Prete Francesco Spillo bezeichnet wird), den geistlichen Stand angenommen hatte, ist nicht gesichert. Francesco d’Agnolo Lanfranchi starb am 8. Februar 1558 in Rom. Er wurde in der Kirche San Giovanni dei Fiorentini in der Grabstätte des Sant'Antonio beigesetzt.
Als gesichert gelten allein die dokumentierten Arbeiten für San Miniato al Tedesco: Tafeln des Altarretabels der Cappella del Crocifisso (heute del Loretino), Oratorio del Santissimo Crocifisso, San Miniato al Tedesco (1528–1529): Erzengel Gabriel, Verkündigte Jungfrau, San Miniato, San Genesio, zwei anbetende Engel, Auferstandener Christus, Pietà mit den Heiligen Petrus, Johannes dem Täufer, Sebastian und Maria Magdalena, Dom von San Miniato, Cappella dell’Addolorata (1528).
Darüber hinaus wurden Francesco d’Agnolo Lanfranchis in der jüngeren kunsthistorischen Forschung, insbesondere von Patrizia La Porta (1990) und Alessandro Nesi (2016), auf stilistischer Grundlage weitere, urkundlich nicht belegte Werke zugeschrieben, deren Autorschaft in der Forschung unterschiedlich beurteilt wird:
Francesco d’Agnolo Lanfranchis biographische Eckdaten waren lange unsicher. Gaetano Milanesi klärte im späten 19. Jahrhundert wesentliche Fragen zur Familie Andrea del Sartos, war jedoch nicht über den Familiennamen Lanfranchi informiert. Sidney J. Freedberg unternahm 1963 in seiner Andrea-del-Sarto-Monographie den ersten Versuch, Francescos Geburtsdatum zu bestimmen, wobei ihm aufgrund der geschilderten Namensgleichheit zweier zeitgleich geborener Kinder eine sichere Zuordnung nicht gelang. Der bis dahin ausführlichste eigenständige Beitrag zu Lanfranchi stammt von Patrizia La Porta (1990). Roberto Boldrini konnte durch archivalische Recherchen die genaue Datierung der Altartafeln von San Miniato (1528–1529) klären und damit frühere, in der Forschung als unzuverlässig geltende chronologische Angaben Anna Matteolis korrigieren. Eine umfassende Aufarbeitung der biographischen und werkgeschichtlichen Fragen, einschließlich der Klärung von Geburts- und Sterbedatum sowie neuer Zuschreibungsvorschläge, legte Alessandro Nesi 2016 in der Publikation Ser Spillo, fratello di Andrea del Sarto vor, auf der die vorliegenden Angaben in wesentlichen Teilen beruhen.
Die Quellenlage zum Sterbejahr Francesco d’Agnolo Lanfranchis ist nicht einheitlich: Während ältere, unter anderem auf das 19. Jahrhundert zurückgehende Angaben, denen auch Teile der neueren Literatur folgen, das Jahr 1551 nennen, hat Alessandro Nesi anhand einer von ihm aufgefundenen Sterberegistereintragung in San Giovanni dei Fiorentini den 8. Februar 1558 als Todesdatum ermittelt.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Francesco d’Agnolo |
| ALTERNATIVNAMEN | Lanfranchi, Francesco d’Agnolo (vollständiger Name); Spillo, lo; Spillo, Ser |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Maler der Florentiner Hochrenaissance und des frühen Manierismus |
| GEBURTSDATUM | 24. August 1492 |
| GEBURTSORT | Florenz |
| STERBEDATUM | 8. Februar 1558 |
| STERBEORT | Rom |