Museum Franz Gertsch, Burgdorf, im Mai 2005Museum Franz Gertsch, Burgdorf, im Oktober 2008
Gertsch wuchs als Sohn eines Lehrers zunächst in Mörigen am Bielersee, später in Bern auf. Von 1947 bis 1952 wurde er in der Malschule Max Rudolf von Mühlenen und bei Hans Schwarzenbach in Bern ausgebildet. 1950 erschien der Buchband This und Weit mit 32 linearen Holzschnitten, 1953 Ein Sommer mit 14 Holzschnitten und Lyrik von Gertsch als Jahresgabe der Bernischen Kunstgesellschaft. Mitte der 1960er Jahre erlebte er den entscheidenden Einfluss durch die Pop Art. Von 1964 bis 1969 entstanden auf Fotovorlagen basierende flächige Collagen aus eingefärbtem Papier (Mick Jagger).
Er starb am 21. Dezember 2022 im Alter von 92 Jahren im Spital Riggisberg.
Werk
Vor 1969 entstanden neben Collagen auch Aquarelle, insbesondere auf Reisen wie jenen nach Schottland in den Jahren 1963 und 1965. Das Bild Huaa...! von 1969, das Gertsch auch als Werk Nr. 1 bezeichnete, stellte einen Wendepunkt seines Schaffens dar. Gertsch war 39 Jahre alt, hatte bereits Einzelausstellungen und Buchbände hinter sich und war 1957 in der Schau Die Zeichnung im Schaffen junger Schweizer Künstler in der Kunsthalle Bern vertreten gewesen – diesen früheren Teil seines Werks verwarf er nun. Von 1969 bis 1978 schuf er grossformatige fotorealistische bzw. hyperrealistische Gemälde. Auf Huaa…! folgten das politisch motivierte Vietnam und zahlreiche Bilder nach eigenen Fotografien von Familienmitgliedern und Freunden aus der Schweizer Kunstszene, z.B. Medici (1971/72) und die Serie über Luciano Castelli, zu der Marina schminkt Luciano (1975) gehört. Mit diesen Gemälden gelang ihm der internationale Durchbruch. Insbesondere war er 1972 mit Medici auf der von Harald Szeemann kuratierten documenta 5 in Kassel vertreten. Dieser Auftritt machte ihn bekannt.
Ab 1978 ging Gertsch zu Einzelportraits über. So entstanden ein Portraitzyklus der Rockmusikerin Patti Smith und das Selbstbildnis von 1980. Seine madonnenhaften Frauenporträts stehen in einer Maltradition, die bis zur Mona Lisa von Leonardo da Vinci zurückreicht. Seine Riesenbilder benannte er alle mit Vornamen wie "Johanna", "Silvia", "Doris" oder "Natascha". Obwohl die Vornamen neutral klingen, verweisen sie auf ganz konkrete Personen. Der neutralisierte Hintergrund und das Aufblasen in Frontalansicht ins Monumentale bewirkt ein Blow-Up der dargestellten Frauen. Es hat den Effekt, dass die Gesichter in eine unbestimmte Ferne gerückt werden, wo sie ihr Geheimnis wahren können.
In der Zeit zwischen 1986 und 1994 beschäftigte Gertsch sich ausschliesslich mit Holzschnitten. Ein Beispiel dafür ist der übergrosse Holzschnitt Triptychon Schwarzwasser, der aus drei Platten von je 237×185cm Grösse auf Kumohadamashi-Japanpapier in Nachtblau handabgezogen wurde. Das Triptychon hängt im Format von 276×597cm in der Kunsthalle zu Kiel.
Alles malen, was ist: Das war sein Prinzip. Er perfektionierte diese schwierige Technik (entwickelt von Grossen wie Caravaggio, Dürer, Vermeer) bis zur Meisterschaft. So fand Gertsch zu seiner eigenen Wahrheit, nämlich die Ewigkeit im Augenblick aufscheinen zu lassen.
«Franz Gertsch war der Magier unter den Malern. Er verzauberte die Wirklichkeit in ihr gemaltes Abbild.»
– Kerstin Stremmel
«[…] Franz Gertsch […] hat in seiner jahrzehntelangen Karriere seinen Stil und die Technik mehrmals gewechselt. Aber nie seine Liebe, realistische Bilder in poetische Kunstwerke zu verwandeln.»
1234Desto ferner blickt sie zurück.Das Geheimnis des Offenbaren – Retrospektive Franz Gertsch in Aachen.In:k.west – Magazin für Kunst Kultur Gesellschaft.1.April 2006,abgerufen am 14.Januar 2017.
12345Andreas Ammer:Momente für die Ewigkeit.Das Ludwig Forum in Aachen zeigt Franz Gertschs atemberaubende Bilder in einer großen Retrospektive.In:WDR-Kulturweltspiegel.2.April 2006,archiviertvomOriginalam12.April 2008;abgerufen am 12.Februar 2017.
1234Brigitte Borchhardt-Birbaumer:Hier wird der Alltag zur Mission.Albertina und Mumok feiern den Schweizer Hyperrealisten Franz Gertsch in einem Ausstellungs-Paarlauf.In:Wiener Zeitung.18.Oktober 2006,abgerufen am 14.Januar 2017.
↑Siehe Kopf der Seite Biografie auf der Website des Museums Franz Gertsch.
↑Philipp Meier, "Vom Schnappschuss zur Ewigkeit. Der Meister des Fotorealismus, Franz Gertsch, ist in einer grossen Retrospektive in Bern zu sehen". In: NZZ vom 14. August 2026, S. 31 (Feuilleton)
↑Irene Netta, Ursula Keltz:75 Jahre Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München. Hrsg.: Helmut Friedel. Eigenverlag der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München 2004, ISBN 3-88645-157-7, S.223.