Fritz Stern

Fritz Stern (2007)

Fritz Richard Stern (* 2. Februar 1926 in Breslau; † 18. Mai 2016 in New York) war ein US-amerikanischer Historiker deutscher Herkunft.

Leben

Fritz Stern erhielt seinen Vornamen bei der Taufe nach seinem Paten, dem Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber. Sowohl sein Vater Rudolf Stern als auch seine Großväter waren Ärzte, während seine Mutter Käthe Brieger promovierte Physikerin war und sich später als Mathematik-Didaktikerin einen Namen machte. Er hatte noch eine ältere Schwester Toni. Stern besuchte das Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau. Im September 1938 floh die Familie wegen ihrer jüdischen Abstammung vor dem Nazi-Terror aus Deutschland und wanderte in die USA aus. Dort studierte Stern an der Columbia University in New York City, an der er 1946 seinen Bachelor- und 1948 den Master-Abschluss erhielt und 1953 bei Jacques Barzun zum PhD promoviert wurde. Kurz darauf wurde er dort Assistant Professor, 1963 ordentlicher Professor, 1967 Seth-Low-Professor. Mit Unterbrechungen für Gastprofessuren und seine Tätigkeit am Institute for Advanced Study in Princeton 1969/70 blieb er bis zur Emeritierung 1997 in dieser Position.

Stern war in zweiter Ehe mit der US-Verlegerin und Autorin Elisabeth Sifton (1939–2019) (Farrar, Straus and Giroux, seit 1993 mehrheitlich zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehörend) verheiratet. Sie war die Tochter des Theologen Reinhold Niebuhr, dessen Eltern aus Deutschland in die USA eingewandert waren. In erster Ehe bekam Stern einen Sohn und eine Tochter. Stern war entfernt mit dem Nobelpreisträger für Physik Otto Stern verwandt. Die deutsche Lyrikerin und Schriftstellerin Dagmar Nick ist seine Großcousine. Seine Tante Charlotte Kobrak, geborene Stern, und ihr Mann Richard Kobrak wurden 1944 im KZ Auschwitz ermordet, deren drei Kinder mit dem Kindertransport gerettet.

Forschungsschwerpunkte

Zu Sterns Forschungsschwerpunkten gehörten die Geschichte der Geschichtsschreibung und die kulturelle und politische Geschichte des modernen Europa, insbesondere Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Intensiv beschäftigten ihn mit Blick auf das eigene Schicksal als jüdischer Emigrant die Gründe des Scheiterns der Weimarer Republik und die Merkmale des Nationalsozialismus. So promovierte er 1953 mit einer Arbeit über Kulturpessimismus als politische Gefahr, einer Auseinandersetzung mit Vorläufern des Nationalsozialismus anhand kulturpessimistischer Literatur, nämlich Paul de Lagardes Deutsche Schriften, Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher und Arthur Moeller van den Brucks Das Dritte Reich – Bestseller, die in weiten Kreisen des deutschen Bürgertums teils schon zu Zeiten des Kaiserreichs verbreitet waren, aber teils auch in der Weimarer Republik ein großes Publikum fanden.

Seit 1954 war Fritz Stern Gastprofessor an der Freien Universität Berlin, seit 1966 hatte er eine ständige Gastprofessur an der Universität Konstanz. In der Fischer-Kontroverse stellte sich Stern an die Seite Fritz Fischers, der wegen seiner Forschungsergebnisse zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs und zur Schuldfrage von anderer Seite als deutscher „Nestbeschmutzer“ behandelt und ausgegrenzt wurde. Als Fischer auf Einladung des Goethe-Instituts in die USA reisen sollte, die Gelder allerdings durch Einflussnahmen des Bundesaußenministers Gerhard Schröder und Gerhard Ritters zurückgezogen wurden, organisierte Fritz Stern eine Reise aus anderen Mitteln.

Besondere eigene Wertschätzung als Historiker erlangte Stern mit dem Doppelportrait Gold und Eisen über Bismarck und seinen Bankier Bleichröder, laut Norbert Frei eine „fulminante Charakter- und deutsch-jüdische Beziehungsgeschichte“. Durch das Buch erlangte Stern auch in Westdeutschland eine breitere Aufmerksamkeit. Er widmete sich darin der Bedeutung jüdischer Akteure für die preußische Geschichte und betätigte sich damit auf einem zuvor marginalisierten Forschungsfeld. Die Rezeption der Monographie in der BRD und den USA setzte unterschiedliche Schwerpunkte: Während deutsche Kritiker vor allem die sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Dimension betrachteten, lobten amerikanische Rezensenten mehr die kulturhistorischen Leistungen des Buches insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland.

1987 hielt Stern als erster ausländischer Staatsbürger im Deutschen Bundestag die Festrede zum 17. Juni, wobei er alle Erwartungen auf eine Wiedervereinigungs-Rhetorik unterlief: Der Arbeiteraufstand 1953 habe allein die bürgerlichen Freiheitsrechte zum Ziel gehabt. Gleichwohl versuchte er 1990 Margaret Thatcher zu überzeugen, dass man vor einem wiedererstarkenden Deutschland keine Angst zu haben brauche. Daraus sprach ein Vertrauen in die endgültige Westbindung der Bundesrepublik, für die er selbst die Formel von der „zweiten Chance“ fand. 1993 schließlich fungierte er für ein Jahr als Berater des amerikanischen Botschafters Richard Holbrooke in Bonn. Seit 1997 war er Mitglied der Präsidentenkommission „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“, die vom damaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, eingesetzt wurde. Im Sommersemester 2000 war Fritz Stern erster Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Als Gastprofessor des Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts hielt er im Sommersemester 2007 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mehrere öffentliche Vorträge, die im Sommer 2008 unter dem Titel Der Westen im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden. Am 20. Juli 2010 hielt er anlässlich der Feierstunde der Bundesregierung zum 66. Jahrestag des 20. Juli 1944 eine Ansprache im Ehrenhof des Bendlerblocks.

Kurz vor seinem 90. Geburtstag beantwortete Stern für dpa Fragen von Johannes Schmitt-Tegge zur jüngsten Entwicklung in Europa und Nordamerika. Er betrachtete den Aufstieg von Politikern wie Donald Trump und den Rechtsruck in europäischen Ländern wie Ungarn, Polen und Österreich mit großer Sorge und sprach davon, dass man in einem neuen „Zeitalter der Angst“ (era of fear) lebe, in dem Angst bewusst geschürt und von der politischen Rechten ausgenutzt werde. Er sagte dabei auch: „Ich bedauere manchmal, dass ich aufgewachsen bin mit dem Ende einer Demokratie und jetzt, am Ende meines Lebens, noch einmal um die Demokratie kämpfen muss. Eine traurige Bilanz.“ (I sometimes regret having grown up in the middle of the end of a democracy, and now, towards the end of my life, I must once again fight for democracy. A sad balance.)

In den USA und in Deutschland war Stern als angesehener Historiker weithin bekannt. „Die politische Klasse unserer Republik“, so Norbert Frei in seinem Nachruf, „ehrte und achtete Fritz Stern wie keinen anderen Historiker deutscher Zunge, wohl auch wegen Sätzen wie diesem: ‚Ich komme aus einem Deutschland, das nicht mehr existiert und nie wieder existieren wird.‘“

Am 2. Februar 2017, Fritz Sterns 91. Geburtstag, fand in Berlin ein vom Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts veranstaltetes Symposion zu seinem Andenken statt. Die Vorträge und Diskussionen der Veranstaltung dokumentiert der von Norbert Frei herausgegebene Band Die Geschichte ist offen. In memoriam Fritz Stern (Wallstein Verlag, Göttingen 2017).

Bei der Washingtoner Brookings Institution wurde Ende 2020 ein anfänglich mit Constanze Stelzenmüller besetzter Fritz-Stern-Lehrstuhl eingerichtet, der von der Bundesregierung bezahlt wird und am 9. März 2021 von Bundesaußenminister Heiko Maas eingeweiht wurde.

Schriften (Auswahl)

Auszeichnungen (Auswahl)

Für seine Forschungen wurden ihm zahlreiche Auszeichnungen verliehen.

Literatur

Film

Commons: Fritz Stern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Historiker Fritz Stern ist tot. In: Süddeutsche Zeitung Online. 18. Mai 2016, abgerufen am 18. Mai 2016.
  2. ↑ Fritz Stern: Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen. Beck, München 2007, ISBN 3-406-55811-9, S. 161 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – englisch: Five Germanys I have know. New York 2006. Übersetzt von Friedrich Griese, Stern schreibt: „Ein Cousin zweiten Grades meines Vaters, der Physiker und spätere Nobelpreisträger Otto Stern“).
  3. ↑ Dagmar Nick: Eingefangene Schatten. Mein jüdisches Familienbuch. München 2015, ISBN 978-3-406-68148-6, S. 266.
  4. ↑ Matthias Kamann: Die geistigen Vorläufer des Nationalsozialismus. Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr. In: Deutschlandradio Kultur. 23. Dezember 2005, abgerufen am 18. Mai 2016.
  5. ↑ Ehemaliger Professor der Uni Konstanz: Historiker Fritz Stern ist tot. In: Südkurier. 23. Dezember 2005, abgerufen am 18. Mai 2016.
  6. 1 2 3 Norbert Frei: Er glaubte an Vorbilder. Der Historiker Fritz Stern erkundete deutsch-jüdische Beziehungsgeschichte – und fand klare Worte, wo sie fehlten. In: Die Zeit. 25. Mai 2016, S. 19.
  7. ↑ Eckart Krause: Personen, die „Geschichte“ machten. Versuch zu fast einem Jahrhundert Geschichtswissenschaft an der Hamburger Universität. In: Das Historische Seminar der Universität Hamburg. Forschungsbericht [1 (2002–2004)]. Hamburg 2005, S. 265.
  8. ↑ Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Mosche Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Blessing, München 2010, ISBN 978-3-89667-430-2, S. 615–620.
  9. ↑ Zweifache Deutung | Mimeo. Abgerufen am 24. Mai 2021.
  10. ↑ Siehe Seite der Kommission am MPI für Wissenschaftsgeschichte, Berlin abgerufen am 20. Mai 2016.
  11. ↑ Günter Platzdasch: „Eine Diktatur sollte Dir reichen“. Fritz Sterns Antrittsvorlesung zur Gründung des „Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts“. In: linksnet. 26. September 2008, abgerufen am 12. August 2012 (verfasst am 9. Mai 2006).
  12. ↑ Ansprache von Prof. em. Dr. Fritz Stern, New York/USA. In: Internetauftritt des Bundesministeriums des Innern. 20. Juli 2010, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 15. August 2012; abgerufen am 15. August 2012.
  13. ↑ Historiker Fritz Stern: «Wir stehen vor einem Zeitalter der Angst» Interview: Johannes Schmitt-Tegge, dpa. In: Greenpeace-Magazin. 28. Januar 2016, abgerufen am 18. Mai 2016.
  14. ↑ Brookings announces the launch of the Fritz Stern Chair on Germany and trans-Atlantic relations. In: brookings.edu. 15. Dezember 2020, abgerufen am 10. März 2021 (englisch).
  15. ↑ Rede von Außenminister Heiko Maas anlässlich der Einweihung des Fritz Stern-Lehrstuhls der Brookings-Institution. In: Auswärtiges Amt. 9. März 2021, abgerufen am 10. März 2021.
  16. ↑ Fritz Richard Stern. Biographie mit detaillierten Angaben zu Lebenslauf, Auszeichnungen, Werken etc. in: Andreas W. Daum, Hartmut Lehmann, James J. Sheehan (Hrsg.): The Second Generation. Émigrés from Nazi Germany as Historians. Berghahn Books, New York 2016, ISBN 978-1-78238-985-9, S. 437–441.
  17. ↑ S. (PDF 2,1 MB) In: Book of Members. American Academy of Arts and Sciences, S. 53, abgerufen am 21. April 2016.
  18. ↑ Member History: Fritz Stern. American Philosophical Society, abgerufen am 28. Dezember 2018.
  19. ↑ URKUNDE – 1999 Fritz Stern. (PDF 191 kB) In: Internetauftritt des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Börsenverein des Deutschen Buchhandels, abgerufen am 18. Mai 2016.
  20. ↑ Gunter Hofmann: Meine fünf Deutschlands. In: Die Zeit. 28. Dezember 2006.
  21. ↑ Laudatio von Bundespräsident Horst Köhler zur Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Fritz Stern. In: bundespraesident.de. 28. September 2006, abgerufen am 10. März 2021.
  22. ↑ Universität Oldenburg: Ehrendoktorwürde: Videobotschaft von Fritz Stern. 19. Mai 2016, abgerufen am 24. Mai 2016.