George Pusenkoff (russisch Георгий Николаевич Пузенков; * 1953 in Krasnapolle) ist ein deutsch-weißrussischer Maler, Installationskünstler und Fotograf. Er ist ein Vertreter des Postmodernismus.
George Pusenkoff studierte von 1971 bis 1976 Informatik an der Nationalen Forschungsuniversität für Elektronische Technologie in Moskau. Von 1977 bis 1983 absolvierte er ein künstlerisches Studium (Grafik und Malerei) am Moskauer Polygraphischen Institut, der heutigen Moskauer Staatlichen Universität für Druckwesen. Seit 1984 beteiligte er sich an Ausstellungsprojekten in Moskau sowie in anderen Städten der UdSSR und im Ausland. Während seiner Zeit in der UdSSR zählte Pusenkoff zu den Nonkonformisten. 1987 trat er der Künstlervereinigung Ermitage bei und 1988 wurde er Mitglied der Moskauer Gruppe 88. Ebenfalls seit 1987 gehörte er dem Moskauer Künstlerverband an. Auf Einladung des Galeristen Hans Mayer kam George Pusenkoff 1990 nach Deutschland und lebt und arbeitet seitdem in Köln. Pusenkoff ist jüdischen Glaubens. 2008 war er für den Kandinsky-Preis nominiert.
George Pusenkoff nimmt in seinen Werken häufig auf kunsthistorisch bedeutsame Ereignisse des 20. Jahrhunderts Bezug. Während er in den Anfängen seiner künstlerischen Produktion der Appropriation Art nahestand, wendete er sich seit den 2000er Jahren mehr und mehr der Abstrakten Kunst zu. In seinen Bildern dominieren seitdem Farbe, Linie und Fläche. Die Werke, in welchen er Zitate der Kunstgeschichte verwendet, erscheinen sehr eingängig und "vertraut", weil der Betrachter diese eben bereits aus anderen Zusammenhängen kennt, wie z. B. das berühmte schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch. Ebenso zitiert oder verfremdet er z. B. Werke von Josef Albers (Homage to Albers, 1998), Robert Rauschenberg (Erased Rauschenberg, 1997), Piet Mondrian (Mondrian 2, 1999) und anderer bedeutender Künstler. Für Pusenkoff ist es bedeutsam, sich mit den Umwälzungen unserer Zeit durch das Aufkommen der Computer auf künstlerischer Ebene auseinanderzusetzen: „Pusenkoff ist ein konzeptueller Maler in dem Sinne, daß er nicht spontan und intuitiv ans Werk geht, sondern ein Nachdenken über Fragen der Bildentstehung, der Wahrnehmung, des Originals und der Malerei im Medienzeitalter Grundlage seiner Kunst ist.“ (Ch. Zuschlag: George Pusenkoff: Mit Pinsel und Pixel…)
1993 hatte George Pusenkoff die Gelegenheit einer Einzelausstellung in einem Raum der Tretjakow-Galerie. Der Raum, der ursprünglich nicht als Ausstellungsraum konzipiert wurde, wurde von einer 42 Meter langen Fensterfront dominiert, die den Blick der Betrachter nach außen und nicht auf ausgestellte Kunstwerke im Inneren richtete. Pusenkoff entwickelte für diesen Raum eine Installation, bei welcher die Fensterfront durch eine aus Holz gefertigte Wand verdeckt wurde. Auf dieser Wand wurden dann die Kunstwerke installiert: „Ich baute eine Wand auf, die ein Fenster mit einer Höhe von 6 Metern und einer Länge von 42 Metern verstellte. Diese riesenhafte Fläche wurde von 24 gemalten Bildern des Formats zwei mal zwei Meter und 600 ihrer verkleinerten Kopien bedeckt, die in einem bestimmten Rhythmus angeordnet waren.“ Das Gemälde Pusenkoffs said Duchamp, in welchem er zum ersten Mal ein Abbild der Mona Lisa in sein Werk integrierte, ist extra für diese Ausstellung entstanden. Es zeigt einen lächelnden Frank Sinatra als Reminiszenz an Marcel Duchamps Ready-Mades und die Mona Lisa. 2008 wurde die Installation The Wall anlässlich einer umfassenden Werkausstellung im Kunstmuseum Bochum La Condition Humaine erstmals im Westen gezeigt.
Die Verschmelzung digitaler Techniken mit Darstellungen bekannter Ikonen der Kunstgeschichte führt zu Kunstwerken, die plakativ wirken und an die Pop Art erinnern. Pusenkoffs Kunst wurde daher auch öfters mit der Andy Warhols verglichen. Wie Warhol nutzt auch Pusenkoff Vervielfältigungen und Reihungen, verwendet leuchtende Farben, thematisiert die umfassende Verfügbarkeit von Kunstobjekten im Medienzeitalter. Warhol ging es vorrangig darum, den industriellen Herstellungsprozess von Kunst im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit offenzulegen. Pusenkoffs Thema dagegen ist die Bedeutung der Malerei als einem Gegenpol zu der computergenerierten Bilderflut der Gegenwart.
Auch wenn Pusenkoff sich als klassischen Maler definiert, nutzt er jedoch die Möglichkeiten des Computers bei der Schaffung seiner Werke. Er lädt Bilder aus dem Internet auf seinen Computer, bearbeitet sie mittels Photoshop, vergrößert oder verkleinert Ausschnitte, radiert mit dem digitalen Radierer etc. Im nächsten Arbeitsschritt fertigt ein Plotter Folien, in welchen das Motiv in Hell-und-Dunkel aufgelöst dargestellt wird, und die von Pusenkoff vorher markierten Partien vorgestanzt werden. Sie werden aus den Folien ausgeschnitten und auf die Leinwand übertragen. Anschließend trägt der Künstler in acht bis zwölf übereinander liegenden Schichten Acrylfarbe auf, zum Teil mit Sand gemischt, so dass sich reliefartig erhöhte Teile im Bild ausbilden. Diese Technik der Bildbearbeitung nennt man „Pochoir“.
1996 malte Pusenkoff ein Werk, das einen Windows Bildschirm darstellt (Big Square (1:1)). Das Bild zeigt den Bildschirm detailgetreu mit allen Taskleisten. Oben steht der Titel der Datei Square, daneben die Information, dass dieses Bild in der Bildbearbeitungssoftware im Verhältnis 1:1 dargestellt ist, dieses Bild also dieselbe Größe wie das Original hat. Unten steht im Rahmen die Information, wie viel Raum diese Datei benötigt – 28 KB. Viele von Pusenkoffs Werken zeigen Bestandteile eines Computer-Bildschirms und auch in den Werktiteln wird immer wieder auf die Möglichkeiten des Computers bei der Gestaltung von Bildern verwiesen, wie z. B. „Cancel“ (Who is afraid Cancel Cancel, 1998), „Matrix“ (Paint Matrix, 2001) oder „Erased“ (Erased Painting, 2003). Seine Werke irritieren, indem sie die Bildschirmoberfläche imitieren. Der Betrachter glaubt, ein Werk vor sich zu haben, das er verändern und gestalten kann. Aber in Wahrheit ist es ein gemaltes Bild, das unveränderlich ist. Diese Irritation ist vom Künstler beabsichtigt: „Ich bin sogar davon überzeugt, dass der Zustand ununterbrochener Irritation die Grundbedingung für das Verständnis jedweder künstlerischen Sprache ist.“
Leonardo da Vincis Meisterwerk Mona Lisa ist Teil unseres kulturellen Gedächtnisses geworden und hat viele Künstler des 20. Jahrhunderts zu eigenen Bearbeitungen inspiriert. Auch George Pusenkoff hat sich mit der Mona Lisa beschäftigt, sein erstes Werk mit einem Abbild der Mona Lisa malte er 1993, es trägt den Titel said Duchamp. Seitdem arbeitet er immer wieder mit dem Bild der Mona Lisa, in einem Ausmaß wie wohl noch kein anderer Künstler vor ihm: „Für Pusenkoff ist seine Mona Lisa zu seinem weiblichen Alter Ego geworden, zur ikonischen Repräsentantin seiner eigenen künstlerischen Identität.“
1995 wurde George Pusenkoff von dem Fotografen Helmut Newton verklagt, weil er in Pusenkoffs Kunstwerk „Power of Blue“ eine (ungenehmigte) Bearbeitung eines seiner Fotos mit dem Titel „Miss Livingstone I, Beverly Hills, 1981“ sah. Newton war der Ansicht, dass das Kunstwerk Pusenkoffs seinem Werk in seinen entscheidenden Komponenten so sehr ähnele, dass es ein Plagiat sei.
Das deutsche Urheberrechtsgesetz regelt in § 23 eindeutig, dass der Urheber eines Werkes zustimmen muss, bevor eine Bearbeitung des Werkes verwertet werden darf. Allerdings besagt § 24, dass ein „selbstständiges“ Werk, welches in „freier Benutzung des Werkes eines anderen“ geschaffen worden ist, ohne Genehmigung des Urhebers verwertet werden darf. Auf diese Norm berief sich Pusenkoff. Das Gericht hatte nun zu entscheiden, ob das Bild „Power of Blue“ als eine Bearbeitung oder eine freie Benutzung anzusehen sei.
Das Schwarz-Weiß-Foto Helmut Newtons zeigt einen weiblichen Akt von vorne, auf einem Klappstuhl sitzend. Der Hintergrund ist weiß, rechts und links ist in Umrissen die Umgebung zu erkennen. Die Frau sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, ein Bein angewinkelt, so dass ihr Geschlecht deutlich sichtbar ist, und strahlt Selbstbewusstsein aus. Das Gesicht der Frau ist erkennbar und am Rand des Fotos ist eine stilisierte, aber doch erkennbare, Umgebung sichtbar. George Pusenkoffs Werk dagegen ist farbig – in dem typischen, tiefen Blauton, der Yves Klein zitiert. Der Akt selbst ist nur noch als Silhouette erkennbar. Ein gelbes Quadrat bedeckt die Scham der Frau und reicht bis zum Knie. Das gelbe Quadrat ist als eine Reminiszenz an Kasimir Malewitsch zu verstehen.
Das OLG Hamburg entschied zugunsten Pusenkoffs, da seine Bearbeitung beinah alle Kernelemente des Fotos von Helmut Newton so verfremdet hatte, dass eigentlich kaum noch etwas übrig bleibe, das an das Kunstwerk von Newton erinnere. Das Gericht ging ausführlich auf die Unterschiede in den Werken Newtons und Pusenkoffs ein. Newtons Metier sei das eines Fotografen, der vornehmlich mit Licht arbeite. Dagegen sei Pusenkoff Maler, sein Arbeitsfeld sei die Fläche. Während es Newton um die versachlichte Darstellung von Erotik gehe, ist in George Pusenkoffs Werk nichts mehr davon sichtbar. In seinem Bild ist die im Akt dargestellte Frau nur noch als Silhouette zu sehen, das gelbe Quadrat verbirgt gerade die Scham, die Farbe blau ist deutlich als Reminiszenz an Yves Klein wahrzunehmen. Während Newton darauf beharrte, dass die spezielle Pose, in der die Frau auf Pusenkoffs Bild „Power of Blue“ zu sehen ist, identisch sei mit der auf seinem Foto, erklärte das Gericht, dass allein die Haltung und Pose eines Fotos nicht urheberrechtlich geschützt seien.
Der Prozess erregte zur damaligen Zeit, auch international, viel Aufsehen – nicht nur wegen des Klägers Helmut Newton – sondern vor allem auch, weil dies einer der ersten Prozesse zum Thema der Aneignung und Verfremdung von bestehenden Kunstwerken war, wie sie postmodern arbeitende Künstler, z. B. auch in der Appropriation Art nutzten. Besonders bedeutsam wird die rechtliche Situation durch die digitale Revolution. Der Prozess wird auch in dem 2018 erschienenen Buch Digitale Kunst und freie Benutzung erwähnt.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Pusenkoff, George |
| ALTERNATIVNAMEN | Пузенков, Георгий Николаевич (russisch) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-russischer Maler, Installationskünstler und Fotograf |
| GEBURTSDATUM | 1953 |
| GEBURTSORT | Krasnapolle |