
Eine Prozession (von lateinisch procedere „vorrücken, voranschreiten“; in der Bedeutung „Bittprozession“ auch lateinisch Rogatio, von rogare „beten, bitten“) ist ein religiöses Ritual, bei dem eine Menschengruppe einen nach bestimmten Regeln geordneten feierlichen Umzug oder Umgang, meist zu Fuß, vollzieht.
Den christlichen Autoren galten die heidnischen Prozessionen (pompae) als heidnische Sitte, der man wegen des Kaiser- und Vielgötterkultes (Pompa diaboli ‚Umzug des Teufels‘) als gläubiger Christ fernzubleiben hätte. In der frühen christlichen Liturgie gab es nur die Prozession zur Bestattung.

Zu Ostern fanden in christlichen Gemeinden seit spätestens dem 4. Jh. Prozessionen an der Grabeskirche in Jerusalem und anderen Stätten des Leidensweges Jesu statt, die später ähnlich an anderen Orten szenisch begangen wurden, etwa an Palmsonntag der Einzug Jesu mit Palmzweigen. Prozessionen gab es auch bei der Überführung von Reliquien, wie Johannes Chrysostomos etwa für 398 und 403 (Phokas von Pontos) beschreibt. Die Teilnehmerzahl solcher Prozessionen war ein wichtiger Anhaltspunkt für die Stärke innerkirchlicher Fraktionen. Eine reiche Ausstattung konnte die Anziehung der jeweiligen Glaubensrichtung durchaus stärken. Auch die Überführung der Reliquien des Chrysostomus 438 war von einer Prozession begleitet.
In der heiligen Messe entwickelten sich seit dem 4. Jahrhundert Prozessionen zum Einzug, vor der Verkündigung des Evangeliums, die Gabenprozession und die Prozession zum Empfang der Kommunion. Bei der Spendung der Taufe gab es in frühchristlicher Zeit eine Prozession mit den Neophyten vom Baptisterium in die Kirche.
Um 470 hielt Mamertus, wie es durch einen Brief von Sidonius Apollinaris belegt ist, eine Prozession in Vienne ab, die vermutlich um die Stadtmauern führte. Die erste schriftlich belegte Prozession in Rom fand 590 unter der Leitung von Gregor dem Großen nach Santa Maria Maggiore statt und sollte die Pest abwehren. Flur- und Stadtumgänge nach römischem Vorbild entwickelten sich zu Bittprozessionen.
Unter dem Patriarchen Timotheos sind für Konstantinopel ab 511 durch Theodor Lektor regelmäßige wöchentliche Prozessionen nachgewiesen, in diesem Falle zu der Kirche Theotokos Chalkoprateia.
626 fand eine Prozession um die Mauern von Konstantinopel statt, um einen Angriff der Awaren und Perser abzuwehren, angeführt von dem Patriarchen Sergios (610–638), der eine Ikone mit dem Abbild Christi trug. Seit dem Beginn des 9. Jahrhunderts wurde bei solchen Prozessionen der Mantel der Gottesmutter aus der Kirche Theotokos in den Blachernen mitgeführt.

An Orten, in denen bedeutende Reliquien verehrt werden, wurden Reliquienprozessionen üblich, bei denen die Reliquien mitgeführt wurden und die teilweise bis heute durchgeführt werden. Vor dem Beginn der Sonntagsmesse fand mancherorts eine Prozession um die Kirche und über den Kirchhof statt, bei dem Gläubige und Gräber zur Erinnerung an die Taufe mit Weihwasser besprengt wurden (Asperges).
Zur bedeutendsten Prozession entwickelte sich die Fronleichnamsprozession, die erstmals um 1270 in Köln stattfand.
Die Reformation entwickelte ein anderes Glaubensverständnis zu Eucharistie und Reliquien und lehnte Prozessionen ab. Martin Luther kritisierte 1519 zudem die Umstände, unter denen Prozessionen mitunter abliefen, in einer Predigt in Wittenberg wie folgt: „Es ist nun leider ein solcher lästerlicher Missbrauch aus den Prozessionen geworden, dass man in der Prozession nur sehen und gesehen sein will und lauter unnützes Geschwätz und Lächerliches treibt. Ich will schweigen von größeren Übeltaten und Sünden, zu denen die Dorfprozessionen erst recht toll geworden sind, bei denen man sich mit Saufen und in den Tavernen so verhält, mit den Kreuzen und Fahnen so umgeht, dass es kein Wunder wäre, wenn uns Gott in einem einzigen Jahr verderben ließe.“

In der Barockzeit entstanden im Zuge der Gegenreformation Umzüge, bei denen übermannsgroße „Prozessions-“ oder „Umzugsriesen“ von drei bis vier Metern Höhe mitgeführt wurden, die biblische Gestalten darstellten, häufig die Retterfiguren Goliat und Simson oder Samson, ferner Moses und Aaron, Abraham und Isaak, Judith und andere. Diese Prunkprozessionen waren regional am Gründonnerstag, am Karfreitag, um das Fronleichnamsfest und am Patroziniumstag (Prangtag) üblich. Neben den Riesenfiguren gab es bei der Fronleichnamsprozession auf ochsenbespannte Wagen montierte bewegliche Miniaturbühnen mit Szenen des Alten Testaments. Vom 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert war die Fronleichnamsprozession ein Element des Kampfes und der Demonstration gegen die Ketzer. Die Figuren und Szenen stellten jeweils einen Sieg über die Ungläubigen dar und wurden als Vorläuferlegenden des siegreichen Jesus Christus verstanden. Samson galt als einer der Vorläufer, der Praecursoren, Christi.
Das Brauchtum um die Samsonfiguren wurde zeitweilig verboten und wurde regional an kirchlichen Feiertagen und dörflichen Festen wiederbelebt, in der Regel heute ohne den Bezug zur Religion.

Man unterscheidet bei den Prozessionen Grundtypen, deren Aspekte sich häufig überschneiden:
Bei der Fronleichnamsprozession überschneiden sich das theophore (Mitführen des Allerheiligsten in der Monstranz) und das demonstrative Element. Mit dem viermaligen Vortrag des Evangeliums und der Erteilung des sakramentalen Segens in alle Himmelsrichtungen und über die Stadt werden auch Elemente der Flurumgänge aufgenommen. Im Rheinland wird die eucharistische Prozession mancherorts Gottestracht genannt (von mhd. trahte, Substantiv zu tragen).

Bei Prozessionen ist der Vorgang des feierlichen Schreitens entscheidend, während es kennzeichnend für Wallfahrten und Pilgerfahrten ist, dass sie zu einem – oftmals weit entfernten – Ziel führen. Wallfahrten werden oft auf dem letzten Stück vor Erreichen des Zieles, etwa dem Weg vom Ortsrand des Wallfahrtsortes zur Wallfahrtskirche, als Prozession gestaltet („Einholen“ der Wallfahrt).
Sonderformen der Prozession sind:
Elemente einer Prozession sind Bewegung, Schau und Spiel. Das Verlassen der Kirche in den Außenraum bedeutet, den Alltagsraum zu heiligen und den Menschen in Verbindung zu seinem Zentrum zu bringen.
Während einer Prozession können Litaneien, Psalmen oder Hymnen gebetet oder gesungen oder der Rosenkranz gebetet werden. Katholische Prozessionen in Mitteleuropa werden oft von Blasmusikkapellen begleitet. Diese intonieren Kirchenlieder oder Prozessionsmärsche, die die Andacht fördern und das gemeinsame Gehen erleichtern sollen. Die Straßenränder und Häuser sind häufig mit Fähnchen, frischen Zweigen und Blumen geschmückt. Im oberbayerischen Alpenvorland und im österreichischen alpenländischen Raum werden anstelle der Prozessionsfähnchen meist rote sogenannte „Ziertücher“, oft mit Goldbordüren versehen, an den Fensterbrettern der Häuser angebracht. Mancherorts werden auf dem Prozessionsweg kunstvolle Blumenteppiche gelegt. Früher waren auch „Triumphbögen“ über dem Weg üblich, heute noch als „Ehrenpforte“ in Mardorf bei Amöneburg in Hessen.
Das Prozessionale war bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil das liturgische Buch, das die Prozessionsgesänge enthielt. Heute ist es nicht mehr gebräuchlich.
In seinem Buch Das Kirchenjahr entdecken & erleben bezeichnet der Jesuit Eckhard Bieger (bis 2003 Beauftragter der Katholischen Kirche beim ZDF) es als eine „Grundidee“ des historischen Kirchenbaus, „Gottesdienst als Prozession zu verstehen“. Er nennt es „Prozessionsmodell des abendländischen Gottesdienstes“. Der Architekt Rudolf Schwarz sieht in der „Wegekirche“ und ihrer linearen Ausrichtung nach vorn ein „Urbild“ des Kirchenbaus verwirklicht: den (reinen) Weg oder die „heilige Fahrt“, im Gegensatz zu Kuppelkirchen oder „heiligem Ring“. Die ganze Gemeinde, die Gottesdienstbesucher und der Priester an ihrer Spitze wenden sich in dieselbe Richtung wenden, „unterwegs zum Herrn hin“, dem wiederkehrenden Christus entgegen.

In der orthodoxen Göttlichen Liturgie gibt es wie im Katholizismus die funktionale Prozession, den „kleinen Einzug“ (μικρὰ εἴσοδος mikrá eísodos) bzw. der „großen Einzug“ (μεγάλη εἴσοδος megálē eísodos).
Am Fest der Orthodoxie, dem ersten Fastensonntag, ist es in „Kathedralen, Klöstern und vielen Pfarrkirchen […] Brauch, in einer Prozession mit den heiligen Ikonen um die Kirche herumzuziehen und anschließend das entsprechende Offizium zu lesen, das den Triumph der Orthodoxie zelebriert“.

Wegen des geänderten Stellenwerts von Eucharistie und Reliquien im Protestantismus wurden Prozessionen lange abgelehnt. Gruppen innerhalb der Berneuchener Bewegung, die im 20. Jahrhundert entstanden, praktizieren wieder Prozessionselemente in ihren Gottesdiensten.
In Berlin findet jährlich am Karfreitag eine Karfreitagsprozession statt, die schweigend einem vorangetragenen großen Kreuz folgt. Sie knüpft an die Tradition des Kreuzwegs an und wird seit einigen Jahren unter Beteiligung der Katholiken durchgeführt. Ähnliche ökumenische Kreuzwege entwickelten sich im deutschsprachigen Raum auch andernorts, etwa seit den 1980er-Jahren in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar als „Kreuzweg für den Frieden“.