Hannes Stubbe

Hannes Stubbe (* 10. Oktober 1941 in Heide, Holstein) ist ein deutscher Anthropologe, Psychologe, Kinderpsychotherapeut, Brasilianist und Wissenschaftshistoriker.

Leben

Hannes Stubbe schloss sein Studium 1970 an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg mit einem Diplom ab. 1975 wurde er in Freiburg mit einer Arbeit über Die ätiologischen Krankheitsvorstellungen brasilianischer Indianer promoviert. Von 1975 bis 1980 war Hannes Stubbe als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim tätig.

Von 1983 bis 1988 war Stubbe Professor associado an der Päpstlichen Katholischen Universität von Rio de Janeiro. Im Anschluss an seine Rückkehr nach Deutschland Anfang der 1990er Jahre habilitierte er sich an der Universität zu Köln mit dem wissenschaftshistorischen Thema Kultur und Psychologie in Brasilien. Er hatte Gastprofessuren in Mosambik, China und Brasilien inne. An der Universität zu Köln vertritt er als außerplanmäßiger Professor die Kulturvergleichende Psychologie und Psychologische Anthropologie in Lehre und Forschung und im Studium integrale.

Werk

Ausgehend von der Situation der brasilianischen „Indianer“ als einer verfolgten, durch Ethnozide dezimierten und diskriminierten Minderheit sowie der Sinti und Roma in Freiburg als einer durch den Holocaust fast ausgelöschten Minorität entwickelte sich das Thema der (oftmals verdrängten) Trauer bzw. der tristes tropiques (Levi-Strauss), dem Stubbe eine Vielzahl von Arbeiten gewidmet hat.

Während der Militärdiktatur in Brasilien konnten empirische Arbeiten und Feldforschungen nur sehr beschränkt durchgeführt werden, so dass die wissenschaftshistorische Forschung einen Ausweg bot; zudem sollte den Studierenden auch ein Einblick in die Geschichte der europäischen Psychologie, Anthropologie und Psychoanalyse angeboten werden. Bei der Beschäftigung mit der Kultur- und Sozialgeschichte Brasiliens widmete Stubbe u. a. der grundlegenden, bis heute nachwirkenden Problematik der afrikanischen Sklaverei einige Arbeiten, z. B. über das kulturgebundene Syndrom des banzo (in etwa „Heimweh“) und die Sklavenkinder. Im Rahmen der Paläopsychologie erkannte er den Neandertaler als vollwertigen Menschen an.

Zu den Ergebnissen der (Feld-)Forschungen Stubbes in vielen fremden Kulturen seit über 40 Jahren gehört u. a. die Erkenntnis, dass in der globalisierten Welt der Gegenwart die sogenannte westliche Psychologie nicht als repräsentativ und allgemein gültig gelten könne, denn sie vertrete in ihren Ergebnissen nur ca. 1/7 der Menschheit und sei selbst in westlichen Einwanderungsgesellschaften nur bedingt tauglich. Zum anderen sollte sich nach Stubbes Auffassung die Psychologie in diesem Anthropozän (westliche Psychologie, „Weltpsychologie“, indigene Psychologien etc.) in enger Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften verstärkt um die sog. (10–12) Weltprobleme kümmern und an ihrer Lösung für das Überleben der Menschheit sehr aktiv beteiligen, denn diese Probleme seien vor allem anthropogen.

Die in Köln seit den 1960er Jahren von Eno Beuchelt (1929–1990) betriebene Völkerpsychologie wurde von Stubbe in allen ihren neueren Strömungen, der Ethnopsychoanalyse, Ethnopsychologie, Kulturvergleichenden/Transkulturellen und Interkulturellen Psychologie zu einer weltoffenen und interdisziplinären Psychologischen Anthropologie zusammengeführt und weiterentwickelt.

Stubbe begründete verschiedene Fachzeitschriften auf drei Kontinenten mit:

Ehrungen

Publikationen

Stubbe hat zahlreiche Schriften veröffentlicht:

Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ Hannes Stubbe. In: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender Online. degruyter.com, abgerufen am 13. März 2025 (begründet von Joseph Kürschner; ständig aktualisierte zugangsbeschränkte Onlineausgabe).
  2. 1 2 3 Hannes Stubbe, Autorenprofil. In: psychauthors.de. Abgerufen am 5. Juli 2022.
  3. ↑ Vgl. Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim (Hrsg.): Bericht über Ziele, Aufbau, Vorbereitungen und Inbetriebnahme einschließlich Zweijahresbericht (1974/1975) der Sozialpsychiatrischen Klinik an der Fakultät für Klinische Medizin Mannheim der Universität Heidelberg. Mannheim 1975.
  4. ↑ Vgl. Hannes Stubbe: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, S. 572f.
  5. ↑ Vgl. Santos-Stubbe & Stubbe 2014.
  6. ↑ Hannes Stubbe: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, S. 490 ff.
  7. ↑ Vgl. Hannes Stubbe: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, S. 677 f.
  8. ↑ Vgl. Stubbe 2012.
  9. ↑ Vgl. Hannes Stubbe: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Psychosozial, Gießen 2012, S. 674 f.; ders.: Weltprobleme und Psychologie. Shaker, Aachen 2007.
  10. ↑ Über die Völkerpsychologie hatte Beuchelt sich habilitiert, s. Eno Beuchelt: Ideengeschichte der Völkerpsychologie. Hain, Meisenheim 1974.
  11. ↑ Vgl. Stubbe, 2006, 2012, 2019, 2021.
  12. ↑ vollständiges Schriftenverzeichnis (PDF; 0,2 MB), bei uni-koeln.de
Personendaten
NAME Stubbe, Hannes
KURZBESCHREIBUNG deutscher Anthropologe, Psychologe, Kinderpsychotherapeut, Brasilianist und Wissenschaftshistoriker
GEBURTSDATUM 10. Oktober 1941
GEBURTSORT Heide, Holstein