Henrika Juliana Lieven

Henrica Juliana Lieven, auch von Liewen (* 16. Februar 1709 in London, England; † 26. August 1779 in Stockholm, Schweden) war eine schwedische Adlige und Hofdame (Statsfru). Sie erlangte in der schwedischen Geschichte Bekanntheit, da sie sich während der sog. „Zeit der Freiheit“ (schwedisch: Frihetstiden) in der parlamentarisch orientierten „Partei der Hüte“ (schwedisch: Hattarne) engagierte. 1748 war sie daran beteiligt war, einen geplanten royalistischen Staatsstreich der Königin Luise Ulrike aufzudecken.

Leben

Henrica Juliana war die Tochter des Reichsrates Graf Hans Heinrich von Lieven des Älteren (1664–1733) aus dem ursprünglich kurländischen Adelsgeschlecht Lieven und Magdalena Juliana von Tiesenhausen. Ihr Bruder war der spätere Reichsrat Graf Hans Henrik Lieven der Jüngere (1704–1781), Reichsmarschall und Generalgouverneur von Schwedisch-Pommern.

In den 1730er Jahren, als Friedrich von Schweden und sein Kreis von Günstlingen Reisen zu den Landsitzen des Adels unternahmen – Reisen, bei denen „unter dem Vorwand der Jagd die Unanständigkeit bisweilen zu weit ging“ – geriet sie während eines Ausflugs mit dem König, dessen Bruder Wilhelm VIII. (Landgraf von Hessen-Kassel), Hedvig Taube und deren Schwestern zum Schloss Gripsholm in die Schlagzeilen eines Skandals. Im selben Jahrzehnt war sie – ebenso wie Hedvig Catharina Lillie – an der Gründung der Partei der „Hüte“ (Hattarna) beteiligt.

Favoritin der Königin

Das Hönstavlan („Hennenbild“) zeigt die sechs Hofdamen der Königin Luise Ulrike: Ernestine von Griesheim, Henrika Juliana von Liewen, Charlotta Sparre, Ulrika Strömfelt, Agneta Strömfelt und Catherine Charlotte De la Gardie. Johan Pasch und Johan Henrik Scheffel, 1747.

1744 wurde sie zur Hofdame der neuen Kronprinzessin Luise Ulrike von Preußen ernannt. Nach deren Ankunft in Schweden gehörte sie – gemeinsam mit Catherine Charlotte De la Gardie, den Schwestern Agneta und Ulrika Strömfelt sowie Charlotta Sparre – zum engsten Hofstaat Luise Ulrikes und galt als deren Favoritin.

Luise Ulrike beschrieb sie in einem Brief an ihre Mutter als „... ein Mädchen mit vielen Vorzügen und dem Wesen eines Engels: heiter, fröhlich und sehr charakterfest.“ „[...] Alle meine Hofdamen sind sehr schön und sehr geistreich; jede von ihnen kann an einem Gespräch teilnehmen, ohne Gefahr zu laufen, es zu verderben.“

Im Februar 1748 bereitete Luise Ulrika ihren ersten Staatsstreich vor, um die parlamentarische Herrschaft zugunsten einer absoluten Monarchie abzuschaffen. Zu diesem Zeitpunkt war der König erkrankt, und Russland befand sich im Österreichischen Erbfolgekrieg. Mit der Unterstützung von Carl Gustaf Tessin und ihrem Bruder, Friedrich dem Großen, vereinbarten Luise Ulrike und die „Partei der Hüte“, die Verfassung zugunsten einer Machtverschiebung zugunsten des Königs zu ändern, falls der amtierende König sterben würde und Russland durch die Kriegsanstrengungen nicht mehr eingreifen könnte. Es wurde angenommen, dass Henrika Juliana Lieven es als Vertraute von Luise Ulrike war, die 1748 die Botschafter Dänemarks, Frankreichs und Russlands über den von der Königin geplanten Staatsstreich informierte – ein Vorhaben, das von Lieven nicht unterstützt wurde.

Späteres Leben

1748 heiratete sie auf Schloss Drottningholm den Oberstleutnant und Freiherrn Carl Hårleman und zog sich vom Hofleben zurück. Als Favoritin der Kronprinzessin wurde sie von Ulrika Eleonora von Düben abgelöst.

Gräfin Lieven sympathisierte allerdings weiterhin mit der Partei der „Partei der Hüte“. Sie gilt als die anonyme Herausgeberin des politischen Parteiorgans der Partei, „En ärlig Swensk“ (deutsch: „Ein ehrlicher Schwede“), das in den Jahren 1755/56 von Nils von Oelreich veröffentlicht wurde. Der Monarch ging im Reichstag gegen die Schrift vor und Henrik Benzelius erklärte, sie widerspreche der Bibel. Es war allgemein bekannt, dass sich ein Großteil des Senats regelmäßig in Lievens Salon versammelte, um die Texte Korrektur zu lesen. Ihr politisches Engagement machte sie zur Zielscheibe von Verleumdungen: Der Politiker der „Mützen-Partei“ (schwedisch: Mössorna), Johan Arckenholtz, beschuldigte sie, während dessen Schwedenbesuchs 1732 eine Affäre mit Landgraf Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel gehabt und ein Kind von dem hessischen Kammerpräsidenten Johann Caspar von Dörnberg bekommen zu haben.

1755 wurde ihr vom Reichstag, der zu dieser Zeit von der „Partei der Hüte“ dominiert wurde, eine Pension bewilligt. 1765, nach dem Sieg der „Mützen-Partei“, drohte ihr der Verlust dieser Pension. Da sie jedoch nach dem Tod ihres Ehemannes dessen Bibliothek zur Architektur sowie seine Zeichnungen und Drucke der Königlichen Bibliothek zu Stockholm stiftete – und der Wert dieser Schenkung den ihrer Pension überstieg –, durfte sie diese behalten.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Webpage der Stockholmer Domgemeinde Grabinschriften in der St.-Clara-Kirche, die nach dem Brand im Jahr 1751 errichtet wurden
  2. ↑ Berättelser ur svenska historien / 34. Fredriks regering. Band 4. Striden mellan Arvid Horn och Karl Gyllenborg samt Ulrika Eleonoras och Arvid Horns sista år. (deutsch: Geschichten aus der schwedischen Geschichte / 34. Friedrichs Herrschaft. Band 4. Der Kampf zwischen Arvid Horn und Karl Gyllenborg und die letzten Jahre von Ulrika Eleonora und Arvid Horn). Online auf runeberg.org Abgerufen am 22. August 2026.
  3. 1 2 3 VON LIETZTEN—VON LIEWEN. Svenskt Biografiskt Lexikon, Band 4, 1949, S. 634, abgerufen am 22. August 2026 (schwedisch).
  4. ↑ Elise M. Dermineur: Gender and Politics in Eighteenth-Century Sweden: Queen Louisa Ulrika (1720-1782). Routledge. 2017. ISBN 9781317072904. Kapitel: Forming a political network (ohne Seitenangabe). Vorschau auf Google Books. Abgerufen am 22. August 2026.
  5. 1 2 Olof Jägerskiöld: Lovisa Ulrika. Wahlström & Widstrand. Stockholm. 1945. S. 10 f.
Personendaten
NAME Lieven, Henrica Juliana
ALTERNATIVNAMEN Hårleman, Henrica Juliana (Ehename)
KURZBESCHREIBUNG schwedische Adlige und Hofdame
GEBURTSDATUM 16. Februar 1709
GEBURTSORT London, England
STERBEDATUM 26. August 1779
STERBEORT Stockholm, Schweden