Außenansicht Ackerstraße (2000). Im Fenster links ist das prämierte Kampagnen-Plakat sichtbar. | |
| Projektart | Interdisziplinäres Kulturprojekt |
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| Standort | Düsseldorf-Flingern (Ackerstraße 199) |
| Zeitraum | 1998–2001 |
| Leitung | Yvonne Hollunder (Designerin, Künstlerin) Pamela Granderath (Autorin, Moderatorin) Christian Koch (Vibravoid) (Musiker, Künstler) |
| Teilbereiche | [riessaykel] (Design-Label) Cyber Razor Cut (Frisörsalon) Dr. Koch’s Diskotheke (Musik) |
| Schwerpunkte | Concept Store, Upcycling, Literatur, Musik, Kunst, Subkultur |
Holli 199 (häufig nur Holli) war von 1998 bis 2001 ein interdisziplinärer Kreativstandort bestehend aus Modeboutique, Frisörsalon, Musik-, Möbel-, Designgeschäft und Kunstgalerie in Düsseldorf-Flingern. Das Holli 199 kann als früher Vertreter des Concept Stores angesehen werden, der als Treffpunkt für Angehörige der Kunst-, Musik- und Designszene und durch Kooperationen mit Akteuren aus den USA und Europa die kulturelle Entwicklung des Düsseldorfer Stadtteils beeinflusste.
Das Holli 199 wurde 1997 von der Designerin Yvonne Hollunder, der Frisörin und Autorin Pamela Granderath und dem Musiker und Künstler Christian Koch in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Wäscherei in der Ackerstraße gegründet. Während das Viertel zu dieser Zeit industriell geprägt war, kombinierte das Holli 199 Handwerk, Einzelhandel und soziale Nutzungen. In der lokalgeschichtlichen Darstellung wird es in der Nachfolge der Mata-Hari-Passage eingeordnet; durch mediale Berichterstattung bildete der Ort zudem eine Verbindung zu internationalen Strömungen und künstlerischen Projekten. Das Konzept war laut einem zeitgenössischen Bericht des Magazins Elle Plus als ganzheitlicher „Lifestyleshop für Körper, Geist und Wohnen“ angelegt, der gezielt eine unkonventionelle Alternative zum alltäglichen Einkaufen bieten sollte.
In dieser Frühphase ihres Schaffens diente der Ort Hollunder, Granderath und Koch als interdisziplinäres Labor, um experimentelle künstlerische Konzepte und neue Ausdrucksformen zu erproben. Dieser Ansatz zielte darauf ab, konventionelle Grenzen zwischen Kunst, Literatur, Musik und Design aufzuheben.
Ästhetisch war der Ort durch Space Age Design und entsprechende Objekte geprägt, was den futuristischen Charakter des Gesamtkonzepts unterstrich. Das Holli 199 präsentierte diese Objekte bereits zu einem Zeitpunkt, als der Begriff noch keine breite kommerzielle Verwendung fand und die Stücke vorwiegend in spezialisierten Sammlerkreisen gehandelt wurden. Über den täglichen Betrieb hinaus war der Ort Schauplatz für Konzerte, Ausstellungen, Lesungen (u. a. Philipp Schiemann) und Performances. Einzelne Konzerte wurden zudem als Live-Aufnahmen auf DVD veröffentlicht (etwa durch Nasoni Records, NRDVD01).
Im Jahr 2000 brach das Holli 199 und Cyber Razor Cut mit einer Werbekampagne zur Gender- und Gleichstellungsdebatte damalige Konventionen. Zu einer Zeit als diese Themen noch nicht in der breiten Bevölkerung angekommen waren. Die Idee des Unisex wurde auf DIN-A0-Plakaten durch nackte Menschen visualisiert, deren primäre Geschlechtsmerkmale plakativ vertauscht waren. Die Kampagne wurde in das Fachmagazin Lürzer’s Archiv aufgenommen und mit Branchenpreisen (u. a. Art Directors Club) ausgezeichnet.
Die Aktivitäten des Holli 199 erstreckten sich auch auf Spielstätten wie den Ratinger Hof. Dort feierte das Holli 199 im Rahmen des UFO Club Düsseldorf sein drittes Jubiläum. Die New Yorker Künstlerin Mary Buck, die durch ihre Arbeiten für die Band Die Krupps bekannt wurde, wirkte in einer Performance an diesem Abend mit.
Die Ausrichtung im Bereich des Designs umfasste Kooperationen mit US-amerikanischen Labels wie Switched On (San Diego) der Designerin Audrey Moorehead. Es bestand eine Kooperation mit Requisitenausstattern wie Dennis Duis (Greif 2000, Köln). Das Holli 199 etablierte sich schnell zu einem überregionalen Treffpunkt der Musikszene von Punk über Heavy Metal bis zur elektronischen Musik.
In den letzten Monaten des Bestehens entwickelte sich das Holli 199 zu einer erfolgreichen Boutique, was der ursprünglichen Idee widersprach, da die Kunst in den Hintergrund trat. Die Betreiber lösten das Holli 199 auf und eröffneten auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Galerie Kunstweltraum.
Unter dem Slogan Lifestyle für Körper, Geist und Wohnung basierte das Holli 199 auf einer Allianz verschiedener Akteure der Düsseldorfer Szene:
Unter dem Label [riessaykel] produzierte die Diplom-Designerin Yvonne Hollunder Taschen und Accessoires aus gebrauchten LKW-Planen. Das Projekt gehörte damit – zeitgleich mit der Schweizer Marke Freitag – zu den frühen Entwicklern von Upcycling-Design in Europa. Über die Taschen hinaus umfasste das Portfolio von Hollunder eine eigene Mode-Kollektion. Die Objekte und Designs fanden überregionale Erwähnung in der Designszene.
Der integrierte Friseursalon „Cyber Razor Cut“ wurde von Autorin Pamela Granderath (1968–2026) geleitet. Granderath, die 1999 den Literaturförderpreis der Stadt Düsseldorf erhielt, nutzte den Ort für interdisziplinäre Ansätze. Durch die Verbindung von Musik, Design und Literatur bildete das Projekt einen Anlaufpunkt für Teile der Kunst- und Subkulturszene. Die Rezeption umfasste Berichte in Fachmedien wie Lürzer’s Archive sowie in der taz. Durch den Verzicht auf Geschlechtertrennung bei Preisgestaltung und Styling wandte das Projekt ein Unisex-Modell im Friseurhandwerk an, bevor vergleichbare Konzepte durch Filialketten verbreitet wurden. Granderath wird in der Berichterstattung als feste Größe der Düsseldorfer Literaturszene und als Mitbegründerin der dortigen Poetry-Slam-Szene beschrieben. Sie initiierte das Projekt der Literaturautomaten, die Lyrik und Prosa im öffentlichen Raum zugänglich machten.
Die von Christian Koch (Vibravoid) betriebene „Dr. Koch’s Diskotheke“ war ein Fachhandel für Tonträger (Vinyl, CD, Kassette), Magazine und Plattenspieler. Das künstlerische Konzept bestand darin, Tonträger als „audio-pharmazeutische Produkte Düsseldorfer Hersteller“ anzubieten, die formell auf „Rezept“ mit detaillierten Angaben zur „Einnahme“ an die Kunden abgegeben wurden. Die Diskotheke entwickelte sich zu einem zentralen Ort für aufkommende Trends wie Vinyl-Revival oder Neo-Krautrock. Sie fungierte als Vertrieb, Verkaufsstelle und Archiv für das Label Ata Tak sowie weitere Düsseldorfer Musiklabels. Durch das Projekt etablierte sich der Spitzname „Dr. Koch“. In fachjournalistischen Darstellungen gilt Koch als Begründer des Genres „Neo-Kraut Rock“. In Verbindung mit seiner Band Vibravoid und „Dr. Koch’s Diskotheke“ wird ihm zudem eine Schlüsselrolle bei der Initiierung des modernen Vinyl-Revivals zugeschrieben. Als der Marktanteil der Schallplatte Ende der 1990er Jahre gering war, spezialisierte sich „Dr. Koch’s Diskotheke“ auf das Vinyl-Format. Im Dezember 1999 produzierte der Musiksender VIVA TV eine Sendung in den Geschäftsräumen des Projekts.
Das Holli 199 wird als Faktor für die Entwicklung der Ackerstraße zum Design- und Szeneviertel rezipiert. Durch die Verbindung von Einzelhandel mit kulturellen Formaten und Ansätzen wie dem Upcycling beeinflusste das Projekt die Profilbildung des Stadtteils. Eine konzeptionelle Fortführung fand das Vorhaben in Projekten wie der Galerie Kunstweltraum, dem Kunstprojekt und Aktionsgalerie K22A oder dem Ausstellungsraum und Produktionsstätte pARTerre.
Das im „Cyber Razor Cut“ angewandte Unisex-Modell im Friseurhandwerk trat zeitlich vor der Verbreitung ähnlicher Konzepte durch bundesweite Filialketten auf. Zusammen mit der Ausweitung des Projekts Literaturautomat wird das Vorhaben heute als Beitrag zur Erweiterung des kulturellen Angebots im öffentlichen Raum gewertet.
„Dr. Koch’s Diskotheke“ wird retrospektiv als Ort begriffen, an dem sich die konsequente künstlerische Verweigerungshaltung als Idee des späteren Vinyl-Revivals erkennen lässt. Das Konzept, die Schallplatte nicht nur als Medium, sondern als Teil eines bewussten Ausdrucks zu begreifen, blieb über das Bestehen der Diskotheke hinaus als Prinzip der Band Vibravoid erhalten.
Das Holli 199 erfuhr eine regelmäßige mediale Rezeption in regionalen und überregionalen Medien sowie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (ARD Kulturreport). Printmedien wie die Bild, der Express, die Rheinische Post, die Lifestyle-Magazine Max und SMAG sowie Stadtmagazine wie Prinz, Coolibri oder Überblick berichteten über das Projekt.