Zentrische Streckung

Zentrische Streckung mit positivem Streckungsfaktor k=2: Die Strecken verdoppeln sich, die Fläche vervierfacht sich (→ Konstruktionsprotokoll als PDF).
Zentrische Streckung mit negativem, verkleinerndem Streckungsfaktor k=−0,7: Das Dreieck verkleinert sich um den Faktor 0,7 und wird um 180° um das Zentrum gedreht.
Animation für verschiedene positive Werte von k (→ Animation mit allgemeinem k)

Eine zentrische Streckung ist in der Geometrie eine Abbildung, die alle Strecken in einem bestimmten, gegebenen Verhältnis vergrößert oder verkleinert, wobei die Bildstrecken jeweils zu den ursprünglichen Strecken parallel sind. Definiert wird sie jedoch letztlich als Abbildung von Punkten. Als Beispiel dient das nebenstehende Bild: Ein Dreieck wird dabei auf ein neues Dreieck (das Bilddreieck) so abgebildet, dass alle Seitenverhältnisse und auch Winkel erhalten bleiben, das Bilddreieck jedoch insgesamt größer ist. Im Fall des Beispiels haben sich alle Seiten um den Faktor 2 vergrößert. Die Position des Bildes wird insofern durch einen fixen Punkt Z bestimmt, dass alle Punkte auf dem Bilddreieck mit ihrem „entsprechenden Punkt“ und Z auf einer gemeinsamen Geraden liegen (im Falle der Eckpunkte sind diese Geraden eingezeichnet).

Exakt definieren lässt sich die zentrische Streckung in der Fachsprache der linearen Algebra. Dort wird ebenfalls auf die in der Schulmathematik übliche Beschränkung auf die Dimensionen 2 und 3 verzichtet, was eine weit umfassendere Einsetzbarkeit des Konzepts in der Geometrie und ihren Anwendungen erlaubt: Eine zentrische Streckung ist in einem euklidischen Raum (dazu zählt zum Beispiel die euklidische Ebene) eine Abbildung mit einem ausgezeichneten Punkt Z, dem Zentrum, die einem Punkt X einen Punkt X′ so zuordnet, dass

ZX′→=k⋅ZX→

für eine feste reelle Zahl k≠0 ist. Die Zahl k heißt dabei Streckungsfaktor. Der Punkt X wird dabei auf der Geraden ZX‾ so bewegt, dass der Abstand |ZX| zum Zentrum mit |k| multipliziert wird. Vektoriell lässt sich eine zentrische Streckung beschreiben durch die Zuordnung

x→↦z→+k(x→−z→),

wobei x→,z→ die Ortsvektoren von X,Z sind.

Zentrische Streckungen sind einerseits spezielle Ähnlichkeitsabbildungen, in der synthetischen Geometrie nennt man sie auch Homothetien. Andererseits lässt sich jede Ähnlichkeitsabbildung als Verkettung einer Kongruenzabbildung mit einer zentrischen Streckung darstellen. Da zentrische Streckungen über die Eigenschaft verfügen, dass jede Gerade g stets auf eine dazu parallele Gerade abgebildet wird, handelt es sich um eine spezielle Dilatation.

Zentrische Streckungen haben vielfältige Anwendungen. Etwa sind sie in jedem Smartphone zur Vergrößerung oder Verkleinerung des Bildschirminhalts mit Fingergesten eingebaut. Sie verzerren dabei nicht den Bildinhalt.

Bestimmung von Bildpunkten bzw. Bildmengen

Zeichnerisch

Eine Strecke wird zentrisch um den Faktor k und das Zentrum Z gestreckt, indem man

  • Hilfsgeraden durch das Zentrum Z und die Randpunkte der Strecke zeichnet,
  • entlang dieser Hilfsgeraden die Entfernungen der Eckpunkte zum Zentrum misst,
  • diese Entfernungen mit dem Faktor k multipliziert und den resultierenden Wert von Z aus auf die entsprechende Hilfsgerade abträgt (und zwar bei positivem k auf der Halbgeraden mit Endpunkt Z, auf der auch der ursprüngliche Punkt liegt),
  • die neu eingezeichneten Punkte zur zentrisch gestreckten Strecke verbindet.

Diese Definition für Strecken überträgt sich unmittelbar auf Vielecke, die ja aus miteinander verbundenen Strecken bestehen. Sie überträgt sich auch auf beliebige geometrische Figuren, wo allerdings mitunter jeder einzelne Punkt in dieser Weise abgebildet werden müsste. Im Falle eines Kreises genügt es, den Kreismittelpunkt entsprechend abzubilden und den Radius des Bildkreises entsprechend anzupassen.

Ist der Streckfaktor negativ, so muss man die Bildpunkte im Abstand des Betrags von k auf der entsprechenden Hilfsgeraden zur bezogen auf Z gegenüberliegenden Seite einzeichnen (also auf die Halbgerade mit Endpunkt Z, auf der der ursprüngliche Punkt nicht liegt). Dadurch dreht sich die gestreckte Figur relativ zur ursprünglichen um 180° (siehe zweites Bild).

Ist k=1, so ergibt sich als Bild die ursprüngliche Figur, für k=−1 ist das Bild eine reine Drehung um Z. Für k=0 würden alle Punkte auf das Zentrum abgebildet werden, weshalb es keine Ähnlichkeitsabbildung mehr wäre; deshalb wird dieser Wert im Definitionsbereich für gewöhnlich ausgeschlossen.

Konstruktion

Mit dem Strahlensatz

Konstruktion des Punktes Q2 mit einem Strahlensatz, wenn die Punkte Z,P1,Q1 vorgegeben sind

Ist von einer zentrischen Streckung mit Zentrum Z das Bild Q1 eines Punktes P1 gegeben, so lässt sich das Bild Q2 eines Punktes P2, der nicht auf der Gerade ZP1‾ liegt, mit Hilfe des Strahlensatzes zeichnerisch bestimmen (siehe Bild): Q2 ist der Schnittpunkt der Parallelen zu P1P2‾ mit der Geraden ZP2‾. Mit dem Paar P2,Q2 lassen sich dann auch die Bilder von Punkten auf der Geraden ZP1‾ bestimmen.

Mit dem Pantografen

Als es noch keine Computer gab, wurde zur Skalierung (zentrische Streckung) von ebenen Kurven im Ingenieur- und Vermessungswesen der zirkelähnliche Pantograf verwendet.
Funktionsweise:

  1. Konstruiere aus vier Stäben ein in den Ecken bewegliches Parallelogramm mit den Ecken P0,Q0,H,P, wobei die in der Ecke Q0 sich treffenden Seiten am anderen Ende verlängert sind. Wähle den Streckfaktor k.
  2. Markiere, wie im Bild gezeigt, auf den verlängerten Enden die Punkte Z,Q so, dass |ZQ0|=k|ZP0| und |QQ0|=k|HQ0| ist. Dies ist der Fall, wenn |ZQ0|=kk−1|P0Q0| ist. (Statt k kann man auch Z vorgeben. Dann ist k=|ZQ0|/|ZP0|.)
  3. Befestige das Gestänge im Punkt Z drehbar.
  4. Variiere die Lage des Punktes P und markiere jedes Mal den Punkt Q.

Wegen |ZQ0|/|ZP0|=|Q0Q|/|PP0| folgt aus dem Strahlensatz: Die Punkte Z,P,Q liegen auf einer Geraden und es ist |ZQ|=k|ZP|. Die Zuordnung P↦Q ist also eine zentrische Streckung.

Definition

Eine zentrische Streckung ist in einem euklidischen Raum eine Abbildung mit einem ausgezeichneten Punkt Z, dem Zentrum, die einem Punkt X einen Punkt X′ so zuordnet, dass

ZX′→=k⋅ZX→

für eine feste Zahl k≠0 ist. k heißt der Streckfaktor.

Vektoriell lässt sich eine zentrische Streckung beschreiben durch die Zuordnung

x→↦z→+k(x→−z→),

wobei x→,z→ die Ortsvektoren von X,Z sind.

Statt den Faktor k vorzugeben, kann man auch den Bildpunkt Q eines Punktes P vorgeben. Wie man dann mit Hilfe der Strahlensätze die Bilder weiterer Punkte konstruiert, wird im Abschnitt Konstruktionen erklärt.

Eigenschaften

Wichtige Spezialfälle

Für k=1 ergibt sich die identische Abbildung (Identität), für k=−1 eine Punktspiegelung. Der Fall k=0 wird ausgeschlossen, da sonst alle Punkte denselben Bildpunkt hätten, nämlich das Zentrum.

Die Streckung am Nullpunkt hat die einfache Form:

x→↦kx→.

In Koordinaten und in der Ebene:

(x,y)↦(kx,ky).

Umkehrung

Die Umkehrabbildung zur Streckung mit Streckfaktor k ist die Streckung mit dem Streckfaktor 1/k und dem gleichen Zentrum.

Abbildung von Geraden, Strecken, Winkel

Bei einer zentrischen Streckung geht ein Dreieck in ein dazu ähnliches Dreieck über.

Für eine zentrische Streckung gilt:

  • Eine Gerade g wird auf eine dazu parallele Gerade g′ abgebildet. Damit bleiben Winkel unverändert. Die Abbildung ist also geradentreu und winkeltreu.
  • Das Verhältnis zweier Strecken bleibt erhalten.

Nimmt man nämlich an, dass das Zentrum der Streckung der Nullpunkt ist, so hat sie die einfache Beschreibung x→↦kx→. Damit wird eine Gerade g mit der Parameterdarstellung x→=p→+tv→ auf die Punktmenge g′ mit der Gleichung x→=k(p→+tv→)=k→p→+tkv→ abgebildet. Dies ist eine Gerade mit dem gleichen Richtungsvektor v→. D. h., Gerade und Bildgerade sind zueinander parallel.
Sind P: p→,Q: q→ zwei Punkte, so ist |p→−q→| ihr Abstand und |kp→−kq→|=|k||p→−q→| der Abstand ihrer Bilder. Damit bleibt das Verhältnis (Quotient) zweier Strecken unverändert, denn beim Dividieren fällt ein gemeinsamer Faktor heraus.
Ist das Zentrum nicht der Nullpunkt, verlaufen die Rechnungen analog, nur etwas umfangreicher.
(In der Ebene kann man die Rechnung auch mit der üblichen Beschreibung einer Geraden mit einer Gleichung y=mx+d und der zentrischen Streckung (x,y)↦(kx,ky) durchführen.)

Beispiele: Ein Dreieck geht in ein dazu ähnliches Dreieck, ein Kreis in einen Kreis (siehe Ähnlichkeitspunkte) und eine Ellipse in eine dazu ähnliche Ellipse (die Verhältnisse der Halbachsen sind gleich) über.

  • Bei einer zentrischen Streckung wird der Flächeninhalt mit k2 und das Volumen mit |k|3 multipliziert.
Die Hintereinanderausführung zweier zentrischer Streckungen mit k2=1/k1 ist eine Translation in Richtung Z1Z2→.
Die Hintereinanderausführung der zentrischen Streckungen mit Zentren Z1,Z2 und k1=2,k2=0,3 bewirkt: Pi→Qi→Ri und ist wieder eine zentrische Streckung mit Zentrum Z3 auf der Gerade durch Z1,Z2 mit Streckfaktor k1⋅k2=0,6.

Hintereinanderausführungen

Zwei Streckungen

  • Die Hintereinanderausführung zweier Streckungen mit demselben Zentrum Z und Streckungsfaktoren k1 bzw. k2 ist wieder eine Streckung an Z mit dem Streckungsfaktor k=k1⋅k2. Insbesondere für k1⋅k2=1 handelt es sich um die identische Abbildung, das heißt, die eine Streckung macht die andere Streckung rückgängig, sie ist ihre Umkehrabbildung. Die Menge der Streckungen mit festem Zentrum bildet eine Gruppe.
  • Die Hintereinanderausführung zweier Streckungen mit verschiedenen Zentren Z1,Z2 ist eine Streckung mit dem Zentrum Z3 auf der Geraden P1P2‾ oder eine Parallelverschiebung (Translation) in Richtung Z1Z2→.

Herleitung:

Führt man die beiden Punktstreckungen mit den verschiedenen Zentren Z1,Z2

σ1: x→↦z→1+k1(x→−z→1)
σ2: x→↦z→2+k2(x→−z→2)

hintereinander aus, so ergibt sich für das Bild von x→ bei der Hintereinanderausführung σ2σ1 (zuerst σ1 und dann σ2):

(σ2σ1)(x→)=z→2+k2(z→1+k1(x→−z→1)−z→2)
 =(1−k1)k2z→1+(1−k2)z→2+k1k2x→.

Im Fall k1k2=1 ist dies eine Parallelverschiebung in Richtung Z1Z2→ um den Vektor (1−k2)(z→2−z→1) (siehe Bild).

Im Fall k1k2≠1 ist der Punkt

Z3: z→3=(1−k1)k2z→1+(1−k2)z→21−k1k2
=z→1+1−k21−k1k2(z→2−z→1)

ein Fixpunkt und die Hintereinanderausführung

σ2σ1: x→↦z→3+k1k2(x→−z→3)

ist eine zentrische Streckung am Punkt Z3 mit dem Streckfaktor k1k2. Das neue Zentrum Z3 liegt auf der Geraden Z1Z2‾.

Streckung und Translation

Hintereinanderausführung einer zentrischen Streckung σ und einer Translation (Parallelverschiebung) τ
  • Die Hintereinanderausführung einer zentrischen Streckung und einer Translation ist eine zentrische Streckung.

Die Hintereinanderausführung der zentrischen Streckung

σ: x→↦z→+k(x→−z→),k≠1, und der Translation
τ: x→↦x→+v→ ist
τσ: x→↦z→+v→+k(x→−z→)
=z→+v→1−k+k(x→−(z→+v→1−k)).

Dies ist eine zentrische Streckung mit Zentrum z→′=z→+v→1−k und Streckfaktor k.

Solche Kombinationen von zentrischen Streckungen und Translationen treten insbesondere bei der Manipulation von Bildschirminhalten von Smartphones mit den Fingern auf. Und zwar Translationen bei der Manipulation mit einem Finger und Streckungen bei der Verwendung von zwei Fingern.

Konstruktionen

  1. Zunächst konstruiert man durch Hintereinanderausführung das Bild R1 von P1.
  2. Im Fall k2≠k1 ist das Zentrum Z3 der Schnittpunkt der beiden Geraden Z1Z2‾,P1R1‾. Das Bild eines weiteren Punktes wird dann wie oben im Abschnitt Konstruktion beschrieben direkt mit Hilfe der bekannten Punkte Z3,P1,R1 konstruiert.
  3. Im Fall k2=k1 wird auch zunächst R1 bestimmt. Das Bild Q2 eines weiteren Punktes P2 entsteht durch Verschiebung von P2 um den Vektor P1R1→.

Verallgemeinerungen

In den beiden zuletzt genannten Fällen kann man im Allgemeinen weder von Winkel- noch von Längenverhältnistreue sprechen, da weder ein Winkelmaß noch ein Längenmaß existieren muss. Auch hier gehören die zentrischen Streckungen aber stets zu den Dilatationen und den Affinitäten und für Fixpunkte und Fixgeraden gilt das Gleiche wie im reellen Fall.

Siehe auch

Literatur

Commons: Homothety – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Wilhelm Klingenberg: Lineare Algebra und Geometrie. Springer-Verlag, Berlin und Heidelberg 2013, ISBN 3-642-77646-9, S. 208.
  2. ↑ Harald Scheid, Wolfgang Schwarz: Elemente der Geometrie. 4. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, München 2007, ISBN 978-3-8274-1697-1, S. 127.
  3. ↑ Siegfried Krauter, Christine Bescherer: Erlebnis Elementargeometrie. 2. Auflage. Springer Spektrum, Berlin / Heidelberg 2013, ISBN 978-3-8274-3025-0, S. 176.
  4. ↑ Susanne Müller-Philipp, Hans-Joachim Gorski: Leitfaden Geometrie: Für Studierende der Lehrämter. Springer-Verlag, 2009, ISBN 978-3-8348-9230-0, S. 181.
  5. ↑ dtv-Atlas zur Mathematik, dtv-Verlag, 1974, ISBN 3-423-03007-0, S. 157.
  6. ↑ Basiswissen Schule Mathematik: 5. bis 10. Klasse. 4. Auflage. Duden Schulbuchverlag, 2010, ISBN 978-3-411-71504-6, S. 238.