
Ina Seidel (* 15. September 1885 in Halle (Saale); † 2. Oktober 1974 in Ebenhausen (Schäftlarn)) war eine deutsche Lyrikerin und Romanautorin. 1930 erschien ihr als Hauptwerk eingeschätzter Roman Das Wunschkind, zwei Jahre später wurde sie als zweite Frau in die Preußische Akademie der Künste berufen. 1933 gehörte sie zu den 88 Schriftstellern, die Adolf Hitler das Gelöbnis treuester Gefolgschaft schworen, und wurde von ihm persönlich 1944 in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen. Auch nach 1945 erhielt Seidel noch zahlreiche Ehrungen.

Ein halbes Jahr nach ihrer Geburt zogen die Eltern nach Braunschweig. Hier verbrachte sie ihre Kindheit. Ihr Vater Hermann Seidel, ein Bruder des Schriftstellers Heinrich Seidel, leitete als Arzt das Herzogliche Krankenhaus. Die Mutter, geborene Lösevitz und Rigaer Kaufmannstochter, war als Stieftochter von Georg Ebers aufgewachsen. Nachdem Hermann Seidel aufgrund von Kollegenintrigen 1895 Suizid begangen hatte, siedelte sie 1896 mit den Kindern nach Marburg und 1897 nach München über. Ina Seidels Bruder Willy Seidel (1887–1934) war ebenfalls Schriftsteller; ihre Schwester Annemarie Seidel (1895–1959) war Schauspielerin.
Seidel heiratete 1907 ihren Cousin, den Schriftsteller Heinrich Wolfgang Seidel (1876–1945). Im Folgejahr zog sie sich eine Kindbettinfektion zu und war seither gehbehindert. Ab 1914 wohnte die Familie in Eberswalde. 1919 wurde ihr Sohn Georg Seidel geboren, der später unter den Pseudonymen Christian Ferber und Simon Glas als Reporter, Kritiker und Essayist tätig war. 1923 zog die Familie zurück nach Berlin. 1934 verzog Seidel nach Starnberg.
Seidel debütierte mit empfindsamen, naturnahen Gedichtsammlungen. 1914 erschien Gedichte, es folgten 1915 Neben der Trommel her und 1918 Weltinnigkeit. Sie entwickelte sich dann zur Erzählerin mit einer großen Bandbreite an Stilen: Realistische historisch-biographische Werke, imaginierte Traumwelten, Familien- und Frauenschicksale, christliche Glaubenswelt. Neben ihrer Rolle als Verfasserin solcher Erzählungen trat sie auch als Essayistin und Herausgeberin in Erscheinung.
In ihren Prosawerken behandelte sie „in mehr oder weniger starker mystischer oder symbolischer Verbrämung immer wieder die gleichen Themen und Probleme – ‚das Mütterliche‘, das ‚Geheimnis des Blutes‘, das ‚Schicksalhafte‘, ‚Vererbung und Eigenleben‘ –, denen sie eine Ausdeutung gab, die den Nazis nicht unwillkommen sein konnte.“
1930 veröffentlichte Seidel den literarisch anspruchsvollen Roman Das Wunschkind, an dem sie seit 1914 gearbeitet hatte und der als ihr Hauptwerk gesehen wird. Als zweite Frau nach Ricarda Huch wurde sie, zusammen mit Gottfried Benn, am 29. Januar 1932 in die Preußische Akademie der Künste (Berlin) berufen. Für die Annahme dieser Wahl – noch zu Zeiten der Weimarer Republik – erntete sie Kritik des rechtsgerichteten Autors Börries von Münchhausen, dem sie ansonsten jedoch persönlich und politisch nahestand.
Ina Seidel ließ sich trotz bürgerlich kultivierter und religiöser Vorbehalte von den Nationalsozialisten gleichschalten und identifizierte sich wie Börries von Münchhausen mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Im Oktober 1933 gehörte sie mit acht weiteren Frauen zu den 88 Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterschrieben. 1932 heiratete ihre Tochter Heilwig den Buchwissenschaftler Ernst Schulte Strathaus, der von 1934 bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo 1941 in der NSDAP-Zentrale Braunes Haus beschäftigt war. Dort hatte er im Stab von Rudolf Heß als Amtsleiter für Kunst- und Kulturfragen fungiert.
Unter der Rubrik „Deutsche Dichter huldigen dem Führer“ und der Überschrift „Der lebendige Pol in unsrer Mitte“ schrieb Seidel anlässlich des 50. Geburtstags Hitlers am 20. April 1939:
„Wir Mitgebornen der Generation, die im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts aus deutschem Blut gezeugt wurden, waren längst Eltern der gegenwärtigen Jugend Deutschlands geworden, ehe wir ahnen durften, daß unter uns Tausenden der Eine war, über dessen Haupte die kosmischen Ströme deutschen Schicksals sich sammelten, um sich geheimnisvoll zu stauen und den Kreislauf in unaufhaltsam mächtiger Ordnung neu zu beginnen. Erst als wir uns nach den gewaltigen Erschütterungen und Umwälzungen der letzten zwanzig Jahre als ein aus tiefster Erniedrigung auferstehendes Volk so wie niemals zuvor in deutscher Geschichte auf den einen lebendigen Pol in unsrer Mitte bezogen fanden, ein jeder dort, wo er dem Ganzen nach seinen Gaben am besten zu dienen vermochte, als wir es erlebten, wie in diesem verjüngten Volkskörper das Wunder der Wiedergeburt spürbar wurde an unsern Kindern – da begriffen wir ehrfürchtig, was uns geschehen war. Dort, wo wir als Deutsche stehen, als Väter und Mütter der Jugend und der Zukunft des Reiches, da fühlen wir heute unser Streben und unsre Arbeit dankbar und demütig aufgehen im Werk des einen Auserwählten der Generation – im Werk Adolf Hitlers.“
1941 gipfelte ihr Gedicht Lichtdom in den Zeilen: „Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz“.
In der Endphase des Zweiten Weltkriegs nahm Hitler 1944 Seidel in die Gottbegnadeten-Liste (Sonderliste) unter die sechs wichtigsten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller auf.
Werner Bergengruen (1892–1964) nannte Seidel wegen ihrer häufigen Hitlerhuldigungen in seinen Aufzeichnungen in Anspielung auf ihren Bestseller Das Wunschkind das „Glückwunschkind“. Der Philologe Victor Klemperer bemerkte 1947 enttäuscht: „[...] Ina Seidel ist ein trauriges Kapitel für sich“.
In der Nachkriegszeit publizierte Seidel weiter. In ihrem letzten Roman Michaela unternahm sie 1959 einen Versuch der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus; darin postulierte sie eine Mitschuld des religiös orientierten Bildungsbürgertums, dem sie selbst entstammte. Der Roman brachte jedoch – so das in der DDR erschienene Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller (1975) – „… statt der angekündigten Abrechnung und Auseinandersetzung eine Bagatellisierung und Verzerrung der Nazizeit, verbunden mit einer Verunglimpfung des Volkes (‚Pöbel‘, ‚Geschmeiß‘), das den … ‚Gebildeten‘, die dagegen waren, gegenübergestellt ist.“
Ina Seidel erhielt in der Bundesrepublik zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1966 das Große Bundesverdienstkreuz.
In der sowjetischen Besatzungszone setzte 1946 die Deutsche Verwaltung für Volksbildung den 1942 von Seidel mit Hans Grosser veröffentlichten Sammelband Dienende Herzen. Kriegsbriefe von Nachrichtenhelferinnen des Heeres auf die Liste der auszusondernden Literatur.
In vielen Städten (West-)Deutschlands sind Straßen und Wege nach der Schriftstellerin benannt. Am 29. August 2012 entschied der Bezirksausschuss in Neviges, den Ina-Seidel-Weg am Wimmersberg umzubenennen, da der Name der Schriftstellerin wegen ihrer offenen Sympathiebekundungen für die Nationalsozialisten in die Kritik geraten war. Dieser Beschluss zur Umbenennung wurde gekippt, allerdings wurde ein Schild angebracht, das auf die Verstrickung in der NS-Zeit hinweist. Auch in Landshut wurde ein Antrag, die Ina-Seidel-Straße umzubenennen, abgelehnt.
Die Stadt Braunschweig betrieb von 1957 bis zur Auflösung 1990 die Ina-Seidel-Schule (ISS).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Seidel, Ina |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Schriftstellerin |
| GEBURTSDATUM | 15. September 1885 |
| GEBURTSORT | Halle (Saale) |
| STERBEDATUM | 2. Oktober 1974 |
| STERBEORT | Ebenhausen bei München |