
Josef Václav Schnitter (bulgarisch Йосиф Вацлав Шнитер; * 16. Oktober 1852 in Nový Bydžov, Königreich Böhmen, Österreich-Ungarn; † 22. Mai 1914 in Plowdiw, Zarentum Bulgarien) war ein böhmisch-bulgarischer Architekt, Ingenieur und Geodät. Durch den von ihm 1891–92 erstellten Stadtentwicklungsplan gilt er als Vater des modernen Plowdiws. Sein architektonisches Erbe ist bis heute im Stadtbild präsent.
Josef Schnitter kam als viertes Kind von Václav Schnitter und seiner Frau Anna, geb. Drábka, in der in Böhmen gelegenen Stadt Nový Bydžov zur Welt. Er hatte insgesamt sieben Geschwister. Die Familie Schnitter stammte ursprünglich aus der Lausitz. Sie hatte im väterlichen Zweig eine lange Tradition im Bauwesen. So waren sein Vater, sein Großvater als auch sein Urgroßvater als Baumeister tätig. Josef besuchte die Grundschule in seiner Heimatstadt. Seine Familie zog 1866 nach Mělník, wo er in das Gymnasium eintrat. Eine erhaltene Bescheinigung vom 19. Dezember 1869 belegt, dass er bereits im Alter von 16 Jahren als Baupraktikant tätig war. Vermutlich konnte er von seinem technischen Wissen auch im Rahmen seines Militärdienstes profitieren. Vom 3. Juni 1872 bis zum 15. Januar 1876 arbeitete er in Wien als technischer Zeichner im Büro des Architekten Eugen Schweigl (* 1842, † 1929). Dieser war mit dem Ausbau des Offiziers-Wohngebäudes der Stiftskaserne, dem sog. Mosertrakt, in der ehemaligen Wiener Vorstadt Mariahilf betraut. Zum Ende seiner Anstellung stellte Schweigl seinem Mitarbeiter ein hervorragendes Zeugnis aus und verwies auf dessen theoretisches und praktisches Können. Im Sommer 1876 übersiedelte Josef Schnitter nach Russland.
In Moskau erhielt er am 16. Juni 1876 eine Stelle im Büro des Architekten Pjotr Santinowitsch Campioni und wirkte an der Realisierung verschiedener Bauvorhaben mit. Auch Campioni bescheinigte dem jungen Architekten in einem Arbeitszeugnis tiefes Wissen in allen Bereichen der Baubranche. Am 1. Mai 1877 trat Josef Schnitter in der Kasaner Kathedrale in Moskau zur Russisch-Orthodoxen Kirche über.
Zu Beginn des Russisch-Osmanischen Kriegs (1877) meldete er sich freiwillig zu den Ingenieurtruppen der Kaiserlich Russischen Armee. Er war an der Projektierung der Pontonbrücke beteiligt, auf der die russischen Truppen 1877 bei Swischtow die Donau überschritten. Im Rahmen der von General Eduard Totleben geleiteten Belagerung der Stadt Plewen war er mit der Planung von Befestigungsanlagen betraut. In der Nacht des 9. Dezember 1877 kam es zur Entscheidungsschlacht, in der auch Josef Schnitter verwundet wurde. In Anerkennung für seine außergewöhnliche Tapferkeit überreichte ihm General Totleben einen Ehrensäbel. Nach dem Fall von Plewen überquerte Josef Schnitter mit den russischen Truppen das Balkangebirge und gelangte bis Konstantinopel.
Im Januar 1878 wurde er nach Plowdiw beordert. Die Stadt war zwischen Mai und Oktober 1878 Sitz der russischen Verwaltung für Bulgarien. 1878 erhielt er die Ernennung zum Chefingenieur und Leiter des technischen Dienstes der Gemeinde Plowdiw (Главен инженер и началник на техническата служба на община Пловдив). Diese Stelle hatte er, mit z. T. politisch bedingten Unterbrechungen, bis zum Ende seines Lebens inne.
Gemäß den Bedingungen des Berliner Kongresses war die Dauer der provisorischen Verwaltung Ostrumeliens durch Russland auf zwei Jahre und sechs Monate beschränkt. Nach Abzug der Übergangsregierung 1879 blieb Josef Schnitter in Plowdiw und eröffnete ein Architekturbüro. Bis zur Wiedervereinigung des Fürstentums Bulgarien mit Ostrumelien im September 1885 entwarf und realisierte er eine Reihe öffentlicher Gebäude, Kirchen als auch Privathäuser.
Kurz darauf ging er als Freiwilliger zur bulgarischen Armee, um als Militäringenieur die Befestigung der neuen Grenze im Raum von Tărnowo-Sejmen, dem heutigen Simeonowgrad, zu leiten. Im Serbisch-Bulgarischen Krieg (14.–28. November 1885) wurde er nach Sliwniza versetzt, wo er für den Bau von Verteidigungsanlagen zuständig war. Dabei zog er sich eine Typhusinfektion zu. Nach seiner Genesung kehrte er nach Plowdiw zurück. Zum 1. August 1886 erhielt er dort die Ernennung zum Stadtarchitekten. Nach Abdankung Fürst Alexanders I. am 7. September 1886 wurde ein Regentschaftsrat eingesetzt. Dessen Vorsitzender, Stefan Stambolow, verfolgte eine dezidiert russlandfeindliche Politik. In der Folge verlor Josef Schnitter seine Stelle und arbeitete danach wieder als freier Architekt.

Bereits 1888 wurde er vom Plowdiwer Bürgermeister auf seine Position als Stadtarchitekt zurückberufen. Seine Aufgabe bestand in der Erstellung eines Stadtentwicklungsplans. Dies setzte jedoch zunächst eine Aufnahme des Ist-Standes in Form eines Katasters voraus. Für die Karte wählte Josef Schnitter den Maßstab 1:500. Der entsprechende Plan hatte eine Größe von 6 × 7 m. Für seine Aufbewahrung wurde eigens ein Pavillon erbaut, in dem konstante Umweltbedingungen herrschten. Die Vermessungsarbeiten konnten ca. 1890 abgeschlossen werden. Anschließend begann Josef Schnitter mit der Gestaltung des Stadtentwicklungsplans. Kernstück war der Erhalt der Struktur der Altstadt und ihrer historischen Gebäude. 14 neue Viertel waren vorgesehen, die sich konzentrisch um das Zentrum legen. Schnitter bestimmte auch den Verlauf der Hauptverkehrsachsen. Das geplante Stadtgebiet sollte an den Rändern durch Ost-West und Nord-Süd verlaufende Straßen umrahmt werden. 1892 war der Plan fertig gestellt. Nach einigen Änderungen wurde er 1896 von Fürst Ferdinand I. gebilligt und 1906 im Maßstab 1:5000 in Form einer Lithographie veröffentlicht.
In den Jahren 1889–1891 entwarf und leitete Josef Schnitter zusätzlich den Bau der Wasserleitung vom Bergdorf Sortir (Сортир, heute Chrabino, с. Храбрино) zum Hauptreservoir auf dem Plowdiwer Bunardschik-Hügel, dem heutigen Hügel der Befreier. 1891 arbeitete er zusammen mit dem Schweizer Architekten Henri Meyer an der Planung der Ersten bulgarischen Landwirtschafts- und Industrieausstellung in Plowdiw 1892 (Първо българско земеделско-промишлено изложение в Пловдив, 1892 г.). Zwischen 1897 und 1900 war er seines Amtes als Stadtarchitekt erneut enthoben und als selbständiger Architekt und Techniker tätig. 1905 gehörte er einer Kommission zur Standortauswahl für neue Krankenhäuser an. Im Jahre 1906 erhielt er die bulgarische Staatsbürgerschaft zugesprochen, um die er bereits kurz nach Erringen der Unabhängigkeit angesucht hatte.
1911 plante Josef Schnitter ein neues Wasserversorgungssystem für die schnell wachsende Stadt Plowdiw. Bei der Mobilisierung im Vorfeld des 1. Balkankriegs (1912) schrieb er sich als Freiwilliger ein. Er blieb bis zum Ende des 2. Balkankriegs im darauffolgenden Jahr Armeeangehöriger.
Während der Realisierung des Leitungssystems wurden in seiner Abwesenheit Rohre mit einer zu geringen Druckfestigkeit verbaut. Im Januar 1914 verursachte ein Hochwasser des Flusses Tămrăschka (Тъмръшка река) schwere Schäden an den Rohrleitungen. Josef Schnitter überwachte die Reparaturen vor Ort. Durch die ungünstigen Arbeitsbedingungen trug er eine schwere Lungenentzündung davon, der er am 9. Maijul. / 22. Mai 1914greg. erlag. Da seine Familie nahezu mittellos war, mussten die Kosten für seine Beerdigung auf dem Plowdiwer Zentralfriedhof von der Gemeinde Plowdiw getragen werden.
Josef Schnitter war ein überzeugter Russophiler, der sich für gute Beziehungen zwischen Bulgarien und Russland einsetzte. Parteipolitisch blieb er ungebunden. Als Stadtarchitekt zeigte er sich prinzipientreu und verteidigte das Wohl der Stadt und ihrer Einwohner gegen Partikularinteressen. So forderte er die rigorose Einhaltung von Bauvorschriften und setzte sich für eine Versorgung aller Stadtviertel mit sauberem Trinkwasser ein.
Er war auch als Philanthrop bekannt. Oft übernahm er Aufträge ohne ein Honorar einzufordern. Einen Teil seiner Einkünfte spendete er für wohltätige Zwecke. Dies führte letztlich dazu, dass er und seine Familie in prekären Verhältnissen leben mussten.
Im Jahre 1892 besuchte die aus Bayern stammende Elisabeth Maria Frederika Baumann († 1951) ihre Schwester in Konstantinopel. Auf der Rückreise wollte sie ein paar Tage bei der Familie Bezenšek in Plowdiw verbringen. Eines Morgens schüttelte Elisabeth von der Terrasse ein Tischtuch aus und die Krümel rieselten auf den gerade vorbeireitenden Josef Schnitter herab. Josef erblickte die junge Frau und bat seinen Freund Anton Bezenšek, ihn ihr vorzustellen. Am 7. Januar 1893 heirateten Josef und Elisabeth.
Sie hatten vier Kinder. Ihr ältester Sohn, Josef Josifow (Йофиф Йосифов) (* 1892, † 1973), studierte Jura und arbeitete als Rechtsanwalt. 1934 wurde er für vier Jahre zum Bürgermeister des Dorfs Lădshene (с. Лъджене, heute Ortsteil der Stadt Welingrad) gewählt. In seiner Amtsperiode ließ er ein Mineralbad bauen und legte so den Grundstein für den späteren balneologischen Kurort Welingrad. Hans Josifow (Иван Йосифов) (* 1895, † 1979) trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Bauingenieur und Architekt. Anton Josifow (Антон Йосифов) (* 1906, † 1926) interessierte sich für das Medium Film und nahm ein Studium in Berlin auf. Er erkrankte an Tuberkulose und starb in jungen Jahren. Eliza Josifowa (Елиза Йосифова) (* 1896, † 1977) studierte Musik am Prager Konservatorium und war als Klavierlehrerin tätig. Josef Josifows Enkelin ist Maria Schnitter, Professorin für Religionsanthropologie an der Universität Plowdiw „Paisii Hilendarski“.
1878:

1879–1881:
1880–1881:

1881–1883:

1882–1884:
1882–1912:
1883:
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1890–1892:
1891:
1891–1892:

1896–1897:
1905–1906:
1910:
Zwischen dem 14. und dem 25. April 1928 wurde Bulgarien von drei starken Erdbeben erschüttert. Das erste war das Erdbeben von Tschirpan mit einer Magnitude von 6.8. Dabei wurden viele Gebäude in Plowdiw zerstört oder beschädigt. Die Bauten Schnitters trugen dagegen keine Schäden davon. Das tragische Ereignis verdeutlichte Schnitters vorausschauende Planung. Nachdem 1937 eine Straße nach ihm benannt wurde, geriet sein Name in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts erwachte das Interesse an seinen Leistungen und seiner Person wieder.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schnitter, Josef |
| ALTERNATIVNAMEN | Schnitter, Josef Václav (vollständiger Name); Šnittr, Josef (Kirchenbuch); Шнитер, Йосиф (bulgarisch); Шнитер, Йосиф Вацлав (vollständiger Name, bulgarisch); Šniter, Josif (bulgarisch, transkribiert) |
| KURZBESCHREIBUNG | böhmisch-bulgarischer Architekt und Stadtplaner |
| GEBURTSDATUM | 16. Oktober 1852 |
| GEBURTSORT | Nový Bydžov, Königreich Böhmen, Österreich-Ungarn |
| STERBEDATUM | 22. Mai 1914 |
| STERBEORT | Plowdiw, Zarentum Bulgarien |