
Kenneth Ring (* 13. Dezember 1935 in San Francisco) ist ein US-amerikanischer Sozialpsychologe und einer der Begründer der wissenschaftlichen Nahtodforschung. Als emeritierter Professor der University of Connecticut entwickelte er Anfang der 1980er Jahre das erste standardisierte Messinstrument und ein Stadienmodell der Nahtoderfahrung und gehörte zu den Mitgründern der International Association for Near-Death Studies (IANDS).
Ring wurde 1935 in San Francisco geboren und promovierte 1963 an der University of Minnesota in Sozialpsychologie. Seine erste und einzige Professur trat er an der University of Connecticut an, an der er bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrte. Vor seiner Hinwendung zur Nahtodforschung arbeitete er über Persönlichkeitspsychologie und Gruppenverhalten.
Den Anstoß zu seinem späteren Forschungsschwerpunkt gab 1977 die Lektüre von Raymond Moodys Bestseller Life After Life (1975). Anders als Moody, der vor allem Einzelfälle erzählte, stellte sich Ring als Methodiker die Frage, ob sich solche Berichte systematisch mit einer definierten Stichprobe und standardisierten Interviews erfassen ließen.
Für sein erstes Buch Life at Death: A Scientific Investigation of the Near-Death Experience (1980) befragte Ring 102 Menschen, die dem Tod nahe gekommen waren, nach einem festen Schema. Knapp die Hälfte von ihnen berichtete von dem, was Ring eine „Kernerfahrung“ (core experience) nannte – einem wiederkehrenden Muster aus Frieden, Loslösung vom Körper, Tunnel, Licht und Begegnung. Damit zeigte er, dass die Nahtoderfahrung kein zwangsläufiges Nebenprodukt des Sterbens ist, sondern bei einem definierten Anteil der Betroffenen auftritt.
Zur Messung der Tiefe einer Erfahrung entwickelte Ring den Weighted Core Experience Index (WCEI), einen gewichteten Punktwert, der den einzelnen Elementen (Frieden, außerkörperliche Wahrnehmung, Licht, Begegnung mit einem Wesen) unterschiedliches Gewicht zuweist. Es war das erste Mal, dass eine Nahtoderfahrung quantifiziert wurde; der WCEI gilt als methodischer Vorläufer der heute weltweit verwendeten Greyson-NDE-Skala (1983).
Aus seinen Daten leitete Ring zudem ein Fünf-Stadien-Modell ab, demzufolge sich die Kernerfahrung in einer festen Abfolge entfaltet: (1) Frieden und Wohlgefühl, (2) Loslösung vom Körper, (3) Eintritt in die Dunkelheit (Tunnel), (4) das Licht sehen und (5) Eintritt in das Licht. Je „später“ das Stadium, desto seltener wird es erreicht; wer ein späteres Stadium erlebte, hatte nach Rings Beobachtung fast immer auch die früheren durchlaufen. Kritiker wie Susan Blackmore deuteten dieselbe Abfolge dagegen als Produkt eines unter Sauerstoffmangel herunterfahrenden Gehirns.
In seinem zweiten Hauptwerk Heading Toward Omega: In Search of the Meaning of the Near-Death Experience (1984) verlagerte Ring den Blick vom Inhalt der Erfahrung auf ihre Folgen. Er dokumentierte typische Nachwirkungen tiefer Nahtoderfahrungen: ein meist vollständiges und dauerhaftes Verschwinden der Todesangst, eine Wertverschiebung von Status und Besitz hin zu Beziehung, Mitgefühl und Sinn, eine zunehmende Spiritualität bei gleichzeitig sinkender Konfessionsbindung sowie ein gesteigertes Gefühl der Verbundenheit.
Den Titel entlehnte Ring dem „Punkt Omega“ des Jesuiten und Paläontologen Pierre Teilhard de Chardin. Er deutete Nahtoderfahrene als Vorboten einer umfassenderen Wandlung des menschlichen Bewusstseins – ein Schritt von der reinen Statistik zur Deutung, der ihm sowohl Anerkennung als auch Kritik einbrachte.
In The Omega Project: Near-Death Experiences, UFO Encounters, and Mind at Large (1992) verglich Ring Nahtoderfahrene mit Menschen, die von UFO-Begegnungen berichten. Seine These war psychologischer Natur: Er vermutete bei bestimmten Menschen eine besondere Disposition für außergewöhnliche Bewusstseinszustände, häufig verbunden mit belastenden Kindheitserfahrungen. Das Buch gilt als Rings spekulativster und am wenigsten gesicherter Beitrag und wurde im akademischen Umfeld überwiegend kritisch aufgenommen.
Gemeinsam mit Sharon Cooper legte Ring mit Mindsight: Near-Death and Out-of-Body Experiences in the Blind (1999) die erste systematische Untersuchung von Nahtod- und außerkörperlichen Erfahrungen bei blinden Menschen vor – darunter von Geburt an Blinde, die dennoch von visuellen Eindrücken berichteten. Für dieses Phänomen prägte Ring den vorsichtigen Begriff „mindsight“: ausdrücklich kein normales Sehen, sondern ein vielsinniges Gewahrsein, das sich nur in Sehsprache fassen lässt. Bekannte Fälle der Studie sind Vicki Umipeg und Brad Barrows.
Über die Jahre führten Ring die eigenen Daten zu einer Position, die er anfangs nicht vertreten hätte: dass das Bewusstsein nicht restlos vom Gehirn erzeugt werde. Er griff dafür auf das Bild des „Mind at Large“ zurück – die auf Henri Bergson und Aldous Huxley zurückgehende Vorstellung, das Gehirn wirke weniger als Erzeuger denn als Filter eines umfassenderen Bewusstseins, der sich in Sterbenähe lockere. Diese als „Empfänger-“ oder „Filtermodell“ bekannte Deutung teilt er mit anderen Nahtodforschern wie Pim van Lommel, Eben Alexander und Michael Sabom.
In späten Schriften wie Lessons from the Light (1998) und Waiting to Die (2019) wandte Ring die jahrzehntelang erforschte Gelassenheit gegenüber dem Tod auf sein eigenes Älterwerden an.
Rings Wirkung beruht nicht allein auf seinen Studien. Er war Mitgründer und früherer Präsident der International Association for Near-Death Studies (IANDS), bis heute die zentrale wissenschaftliche Dachorganisation des Feldes, sowie Gründungsherausgeber ihres Fachblatts, des heutigen Journal of Near-Death Studies. Damit schuf er die Infrastruktur, in der die Nahtodforschung als Disziplin mit Standards, Begutachtung und Publikationsorgan überhaupt erst entstehen konnte. Dasselbe Journal gab später über 27 Jahre Bruce Greyson heraus.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ring, Kenneth |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Sozialpsychologe |
| GEBURTSDATUM | 13. Dezember 1935 |
| GEBURTSORT | San Francisco |