Louise Alcan

Louise Francoise Alcan (geboren 17. Februar 1910 im 17. Arrondissement, Paris; gestorben 27. Mai 1987 im 13. Arrondissement, Paris) war eine jüdische französische Autorin, Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende.

Leben

Alcan stammte aus einer alten französischen jüdischen Familie. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Archäologie trat sie als unbezahlte Referentin in das Centre d’ethnologie française ein. Sie arbeitete an einer Dissertation über die Frauenkleidung in der Maurienne, die sie jedoch nie vollendete.

Die Deutsche Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg veranlasste sie, sich der Résistance in der Widerstandsgruppe Musée de l’Homme anzuschließen. Sie stand in Kontakt mit der Maquis. Sie geriet in eine Falle und wurde am 6. Dezember 1943 in Marseille verhaftet. Sie wurde in Les Baumettes interniert. Im Januar 1944 identifizierte die Gestapo sie als Jüdin und brachte sie ins Sammellager Drancy. Sie wurde zusammen mit ihrer Freundin, der Ärztin Stéphanie Schrameck als Krankenschwester einem Sanitätswaggon. Am 3. Februar 1944 wurde sie von Drancy mit dem Convoi No. 67 nach Auschwitz deportiert. Sie bleibt bis Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau. Dann wurde sie dank der Hilfe von Schrameck dem Gartenbaukommando im Außenlager Rajsko zugewiesen, einen landwirtschaftlichen Versuchsbetrieb, auf dem die Bedingungen etwas weniger hart waren. Alcan, die überleben wollte, um Zeugnis ablegen zu können, nutzte die relative Freiheit in Rajsko, um heimlich ein Tagebuch zu führen. Sie knüpfte zudem Kontakte zu anderen Französinnen.

Bei der Räumung der Lager gegen Kriegsende überlebte sie einen „Todesmarsch“, der sie nach Ravensbrück und von dort weiter in das Außenlager Malchow brachte. Bei weiteren Verlegungen konnte sie schließlich mit zwei Mitgefangenen entkommen, bevor sie am 27. April 1945 bei den Amerikanern landete.

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr in das Hôtel Lutetia in Paris am 21. Mai 1945 begann Alcan, ihre Erinnerungen schriftlich festzuhalten. Sie veröffentlichte sie bereits 1947 unter dem Titel Sans armes et sans bagages. In ihnen geht sie unter anderem ausführlich auf ihre Freundschaft mit Stéphanie Schrameck ein. Sie erwähnt ihre Idrentifiizierung als Jüdin durch die Gestapo, geht aber nicht auf ihre jüdische Herkunft ein. Ihre Erinnerungen gingen in die französische Diskussion um die Vergleichbarkeit von Holocaust und Résistance ein. schrieb in einer ihrer ins Englische übersetzten Forschungsarbeiten:

„Louise Alcan’s work reflects a clear awareness that Jews were being exterminated, yet her preface, written in 1947 at the time of publication, stresses that thirty thousand have returned from the camps. She makes no distinction there between concentration camps, to which the Resistance and hostages were deported, and the extermination camps, to which Jews were sent. Yet of some sixty-three thousand Resistants and hostages deported, thirty-seven thousand survived; of the seventy-five thousand Jews deported from France, only two thousand and five hundred returned.“

„Das Werk von Louise Alcan zeigt ein klares Bewusstsein dafür, dass die Juden systematisch vernichtet wurden. Dennoch betont sie in ihrem Vorwort, das 1947 anlässlich der Veröffentlichung verfasst wurde, dass dreißigtausend Menschen aus den Lagern zurückgekehrt seien. Dabei unterscheidet sie nicht zwischen den Konzentrationslagern, in die Widerstandskämpfer und Geiseln deportiert wurden, und den Vernichtungslagern, in die die Juden verschleppt wurden. Von den rund 63.000 deportierten Widerstandskämpfern und Geiseln überlebten etwa 37.000. Von den 75.000 aus Frankreich deportierten Juden kehrten hingegen nur 2.500 zurück.“

– Annette Wieviorka: Jewish Identity …

Als im Jahr 1980 ihr Bericht neu aufgelegt wurde, schien es ihr wichtig, sich zu Wort zu melden. Louis Darquier de Pellepoix und Robert Faurisson leugneten die Realität des Völkermords an den Juden und Frankreich war mit dem Bombenanschlag auf die Synagoge in der Rue Copernic konfrontiert. Alcan ergänzte unter dem Titel Le temps écartelé („zerrissene bzw. gespaltene Zeit“) ihr Zeugnis und fügte Kommentare zum aktuellen Geschehen hinzu. Sie schrieb: Le chemin de la rue Copernic à Auschwitz paraît soudain très court („Der Weg von der Rue Copernic nach Auschwitz erscheint plötzlich sehr kurz“). Dabei brachte sie ihre jüdische Herkunft ans Licht, die sie wie viele andere stets im Verborgenen gehalten hatte.

Alcan nahm nach dem Krieg ihre Vorkriegstätigkeit wieder auf und leitete die Abteilung für Trachten im Musée national des Arts et Traditions populaires in Paris.

Von 1951 bis 1987 war sie Generalsekretärin der Amicale d’Auschwitz, heute Teil der Union des Déportés d'Auschwitz (UDA), dem französischen Verband im Internationalen Auschwitz-Komitee, wo sie 1953 zur Generalsekretärin gewählt wurde. Alcan veröffentlichte regelmäßig Artikel in der Zeitschrift der Fédération nationale des déportés et internés résistants et patriotes (FNDIRP), Le Patriote Résistant.

Alcan starb am 1987 im 13. Arrondissement von Paris. Ihr Name ist auf dem Mémorial de la Shoah in Paris verzeichnet.

Veröffentlichungen

Einzelnachweise

  1. 1 2 Eintrag zu Louise Francoise Alcan in Fichier des personnes décédées (französisch).
  2. ↑ Louise Alcan. Mémorial de la Shoah, abgerufen am 7. Oktober 2026.
  3. 1 2 3 Annette Wieviorka: Déportation et génocide: Entre la mémoire et l'oubli. E. Plon, Paris 1992, ISBN 978-2-259-32269-0, S. 246, 468.
  4. 1 2 Louise Alcan: Le Temps écartelé. Eigenverlag, St. Jean de Maurienne 1980.
  5. ↑ Maryvonne Braunschweig und Bernard Gidel: Les déportés d’Avon, enquête autour du film de Louis Malle «Au revoir les enfants». Éditions La Découverte, Paris 1989, ISBN 978-2-7071-1885-1, S. 46 (Bericht von Alcan über ihre Ankunft).
  6. ↑ Louise Alcan (Zeugnis): Après Auschwitz. Band 135, April 1968, S. 1.
  7. 1 2 3 Alcan Louise. In: Les Témoins. Union des Déportés d’Auschwitz, abgerufen am 7. Oktober 2026.
  8. ↑ Annette Wieviorka und Françoise Rosset (Übersetzung): Jewish Identity in the First Accounts by Extermination Camp Survivors from France. In: Yale French Studies. Band 94, 1985, S. 139, (135–151).
  9. ↑ Sylvie Legrand: Louise Alcan (1910–1987), note biographique. In: Le Monde alpin et rhodanien. Revue régionale d’ethnologie. Nr. 1/2, 1989, S. 95–99 (persee.fr).
  10. ↑ Katharina Stengel: Hermann Langbein. Ein Auschwitz-Überlebender in den erinnerungspolitischen Konflikten der Nachkriegszeit. 2012, S. 143.
  11. ↑ Louise Alcan (Denkmal) in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 7. Oktober 2026.
Personendaten
NAME Alcan, Louise
ALTERNATIVNAMEN Alcan, Louise Francoise
KURZBESCHREIBUNG jüdische französische Autorin, Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende
GEBURTSDATUM 17. Februar 1910
GEBURTSORT 13. Arrondissement, Paris, Frankreich
STERBEDATUM 27. Mai 1987
STERBEORT 17. Arrondissement, Paris, Frankreich