


Lutze & Witte war ein bekanntes Fotoatelier des 19. Jahrhunderts mit Hauptsitz zunächst in Berlin, später in Magdeburg, und mit Filialen in Erfurt, Stettin und Görlitz. Gegründet wurde es 1851 in Berlin von dem vormaligen Amateur-Fotografen Gustav Lutze (1816–1877) und von dem Apotheker Carlos Witte (1825–1871). Die Firma Lutze & Witte erlosch im Dezember 1925, etwa 74 Jahre nach ihrer Gründung.
Das Atelier Lutze & Witte wandte Neuerungen auf dem Gebiet der Fotografie und Fototechnik vielfach schon relativ früh praktisch an.
Das Daguerreotypie-Verfahren wurde im Jahr 1839 veröffentlicht, das Kalotypie-Verfahren nur ungefähr ein Jahr später. Während im Daguerreotypie-Verfahren seitenverkehrte Unikate (ohne Negativ) erzeugt wurden, ergab das Kalotypie-Verfahren ein (Papier-)Negativ, von dem nahezu beliebig viele seitenrichtige Abzüge hergestellt werden konnten. Gleichwohl war die Daguerreotypie in den Jahren von 1839 bis um die Mitte der 1850er Jahre viel weiter verbreitet als die Kalotypie; erst gegen Ende der 1850er Jahre setze sich in Deutschland die Vervielfältigungsphotographie allmählich durch, wurde also die Daguerreotypie allmählich durch solche fotografischen Verfahren verdrängt, die ein Negativ erzeugten und Abzüge ermöglichten.
Das Fotoatelier Lutze & Witte bot schon im Jahr 1852 auch Negativ-Fotografie an. Dass sich damit relativ leicht und kostengünstig zum Beispiel Lagepläne und Landkarten vervielfältigen ließen, machte Negativ-Verfahren auch für das Militär interessant.
Nachdem in den Jahren 1850/51 die Kollodium-Nassplatte entwickelt worden war, waren Lutze & Witte wiederum unter den ersten deutschen Fotografen, die diese praktisch anwandten. Carlos Witte hatte als Apotheker chemische Kenntnisse, die es ihm erleichterten, das Kollodiumverfahren für Glas-Negative schon bald sicher anzuwenden. Gustav Lutze hatte fotografische Erfahrungen als Amateur gesammelt, bevor er Berufsfotograf wurde. Lutze & Witte unterrichteten Daguerreotypisten, die das neue Kollodium-Verfahren für Glas-Negative erlernen wollten, gegen ein mäßiges Honorar. Der Andrang zu diesen Kursen war eine Zeit lang hoch; Daguerreotypisten, die sich zunächst noch abwartend verhalten hatten, hatten es nun eilig, sich durch Erlernen der neuen Fototechnik konkurrenzfähig zu machen.
Bei dem in den Jahren 1850/1851 entwickelten Kollodium-Nassplatten-Verfahren konnten die Glasplatten für die Aufnahmen erst unmittelbar vor der Belichtung angefertigt werden; sie mussten zudem unmittelbar nach ihrer Belichtung entwickelt werden. Bis im Jahr 1871 das Gelatine-Trockenverfahren veröffentlicht wurde, das die Vorbereitung der Platten lange vor der Aufnahme und ihre Entwicklung auch längere Zeit nach der Aufnahme ermöglichte, war Negativ-Fotografie nur in der Nähe eines geeigneten Fotolabors möglich. Für ortsfeste Bild-Sujets wie Landschaften, Architekturen oder Interieurs mussten mobile Fotolabore verwendet werden, die in Pferdewagen oder in Zelten untergebracht wurden. Im Jahr 1857 betrieben Lutze & Witte ein mobiles Fotolabor in einem Pferdewagen, um Berliner Bauwerke wie die Neue Wache, das Brandenburger Tor oder den Dom fotografieren zu können. Mit diesem fahrbaren Fotolabor erregten Lutze und Witte einiges Aufsehen.
Bei der Ausstellung für Fotografie und Heliografie (Tentoonstelling van Photographie en Heliographie) in Amsterdam im Jahr 1855 stellten Lutze & Witte im Kollodium-Negativ-Verfahren aufgenommene Landschafts- und Porträtfotografien sowie Foto-Chemikalien aus und gewannen eine silberne Medaille.
Im Jahr 1856 ernannte der damalige Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., Lutze & Witte zu Hof-Photographen. Sie waren damit, zusammen mit Johann Ferdinand Behrends, die ersten Fotografen in Preußen, denen das Prädikat „Hof-Photograph“ verliehen wurde.
Ebenfalls im Jahr 1856 standen die vier Fotografen Gustav Lutze, Carlos Witte, Carl Wilhelm Rudolph Schwartz und Albert Julius Zschille sowie der Kunsthändler Ferdinand Schneider, alle aus Berlin, wegen eines Urheberrechtsverstoßes vor dem Berliner Kriminalgericht. Die vier Fotografen hatten von einem im Verlag von Carl Waagen in München erschienenen, nach Wilhelm von Kaulbachs Gemälde „Zerstörung Jerusalems durch Titus“ von Heinrich Merz gestochenen Kupferstich eine Fotografie angefertigt, der Kunsthändler Ferdinand Schneider hatte Abzüge dieser Fotografie des Kupferstichs verkauft, ohne dazu die Erlaubnis des Verlegers Carl Waagen eingeholt zu haben.
Im Jahr 1857 erschien bei dem Berliner Kunstverlag L. Haase & Comp. ein Raffael-Album mit Fotografien von Lutze & Witte von Kupferstichen nach Marienbildnissen des italienischen Renaissance-Künstlers. L. Haase & Comp. war um 1857 General-Agent von Lutze & Witte. Um bei den Abzügen einen gefälligen, sepia-braunen Farbton zu erzielen, und vielleicht auch, um Silbernitrat zu sparen, haben Lutze & Witte ihr Fotopapier offenbar mit Milch-Serum (Molke) präpariert.
In späteren Jahren wurden die Fotografien von Lutze & Witte offenbar nicht mehr von L. Haase & Comp., sondern von der Firma Eduard Quaas vertrieben, einer Sortimentsbuchhandlung mit Kunsthandel in Berlin.
Im Januar 1858 beauftragte der preußische Prinz Friedrich Wilhelm, der spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich III., das Atelier Lutze & Witte in Berlin damit, ein Porträtfoto von ihm anzufertigen und mehrere Abzüge davon mit Öl-Farben zu retuschieren. Er wollte sein Konterfei verschiedenen Mitgliedern der englischen Königsfamilie zu schenken, der auch seine spätere Ehefrau Victoria von Großbritannien und Irland angehörte. Öl-Retuschen von Porträtfotografien von Lutze & Witte waren offenbar auch in bürgerlichen Kreisen ein beliebtes Weihnachtsgeschenk.
Ab März 1865 gingen Gustav Lutze und Carl Witte getrennte Wege. Witte schied aus der gemeinsamen Firma aus, Lutze wurde alleiniger Inhaber der Firma Lutze & Witte.
Im September 1869 erklärte Gustav Lutze die bisherige Zweigniederlassung in Magdeburg zum Hauptsitz der Firma Lutze & Witte. Das Berliner Geschäftslokal von Lutze & Witte Unter den Linden 68a wurde nunmehr zur Filiale.
Die Firma Lutze & Witte mit Sitz in Magdeburg erlosch im Dezember 1925.
Das 1851 in Berlin von Gustav Lutze und Carl Witte gegründete Fotoatelier Lutze & Witte hatte seinen Sitz in Berlin von 1853 bis 1865 in der Neuen Friedrichstraße 50, von 1870 bis 1872: Unter den Linden 68 und von 1872 bis 1873: Unter den Linden 68a. Im Juli 1873 ist die Firma Lutze & Witte in Berlin erloschen, sie wurde jedoch in Görlitz bis März 1889 und in Magdeburg bis November 1925 fortgeführt.
Im September 1869 wurde die bisherige Zweigniederlassung in Magdeburg zum Hauptsitz der Firma Lutze & Witte; das Berliner Geschäftslokal von Lutze & Witte Unter den Linden war dessen Filiale.
Offenbar betrieben Lutze & Witte gelegentlich auch temporäre Ateliers, zum Beispiel in Gasthöfen. So gab es im April 1861 in Stralsund, Slorweden C. 3, „bei dem Kaufmann Herrn A. Holst“ ein ‚fliegendes‘ Atelier von Lutze & Witte. im Juni 1861 in Greifswald in der Steinbeckerstraße 5 und im September 1861 in Demmin „im Rudolphy’schen Gasthofe“.
In anderen Städten waren Lutze & Witte-Filialen in speziellen Atelier-Räumlichkeiten (und nicht nur für wenige Wochen) tätig. Solche festen Filialen von Lutze & Witte gab es zeitweilig in Erfurt, Magdeburg, Stettin und Görlitz.
Die Ende 1861 oder Anfang 1862 in Erfurt gegründete Zweigniederlassung von Lutze & Witte in der Kaufmannsstraße 1372 bestand wohl nur etwa ein Jahr lang. Sie stand unter der Leitung des Photographen Anton Friedrich Larché.
Anton Friedrich Larché war zeitweilig Prokurist bei Lutze & Witte in Stettin. Larché arbeitete offenbar insgesamt etwa zehn Jahre lang für Lutze & Witte und leitete ab 1870 das fotografische Atelier von Rudolph Rehfisch in Posen.
Ab Dezember 1862 bestand auch eine Lutze & Witte-Filiale in Stettin in der Kleinen Domstraße im Jenny'schen Haus. Prokurist war Anton Friedrich Larché, der zuvor schon etwa ein Jahr lang für die Lutze & Witte-Filiale in Erfurt tätig gewesen war. Im Dezember 1868 wurde die Firma Lutze & Witte aus dem Stettiner Handelsregister gelöscht.
Ab Juli 1863 gab es eine Zweigniederlassung von Lutze & Witte in Magdeburg; der Fotograf Ewald Ludwig Franz Kollberg aus Magdeburg wurde Prokurist der Firma. Von 1863 bis 1886 befand sich das Magdeburger Atelier von Lutze & Witte im Breiteweg 140 („Stadt Braunschweig“), von 1887 bis 1907 im Breiteweg 32 und von 1908 bis 1912 im Breiteweg 187. Den Hauptsitz der Firma Lutze & Witte in Magdeburg übernahm nach Lutzes Tod, im August 1877, der Photograph Ewald Ludwig Franz Kollberg. Zum Jahreswechsel 1898/1899 übernahm der Fotograf Paul Wölffling die Magdeburger Firma Lutze & Witte. Im Oktober 1902 übernahm dann der Fotograf Erich Wölffling die Firma Lutze & Witte in Magdeburg. Im April 1904 wurde wieder der Fotograf Paul Wölffling als Inhaber der Firma Lutze & Witte in Magdeburg ins Handelsregister eingetragen. Im November 1925 erlosch dann die Firma Lutze & Witte.
Lutze & Witte hatten ab März 1873 eine Filiale in Görlitz in der Moltkestraße 11a. Ende März 1873 wurde der Hof-Fotograf Gustav Adolph Lutze als Inhaber der Firma Lutze & Witte in das Görlitzer Firmen-Register eingetragen.
Die Görlitzer Lutze & Witte-Filiale führte offenbar ein Fotograf namens B. Ernst.
Nach dem Tod Gustav Adolph Lutzes im Mai 1877 wurden die Atelierräume der Lutze & Witte-Filiale in Görlitz in der Moltkestraße 11a offenbar vermietet und ihr Inventar verkauft. Die Firma Lutze & Witte wurde jedoch erst im Jahr 1889, also zwölf Jahre später, aus dem Görlitzer Firmenregister gelöscht. Ein gewisser Reinhold Ernst, möglicherweise ein Angehöriger von B. Ernst, übernahm das Görlitzer Atelier in der Moltekstr. 11 a und führte es zunächst unter dem Namen „Lutze & Witte Nachf.“ weiter.
Gustav Adolph Lutze wurde am 4. April 1816 in Berlin geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Johann August Lutze und Caroline Wilhelmine, geborene Thiem. Er heiratete im Jahr 1852 Emma Ida Clara, geborene Gaede, in Lindenberg. Er starb am 14. Mai 1877 in Görlitz.
Carlos Johann Georg Adolf Witte wurde am 12. September 1825 im mecklenburgischen Wesenberg geboren. Seine Eltern waren der Apotheker Carl Anton Christian Witte (geb. ca. 1787; gest. 21. März 1848) und Caroline, geborene Schmedicke. 1856 heiratete er in Berlin Catherine Franciske Babette, geborene Warmuth. Er starb am 15. Juni 1871 in Berlin.