Mary Thomas

Die Illustration A Rebel aus Charles E. Taylors Leaflets from the Danish West Indies (1888) wurde später in Dänemark vielfach als Darstellung Mary Thomas’ verwendet. Ein authentisches zeitgenössisches Foto oder Porträt von Mary Thomas ist nicht bekannt.

Mary Letitia Thomas, bekannt als Queen Mary (* um 1842 in Antigua, Kleine Antillen; † 1905 auf Saint Croix), war eine karibische Plantagenarbeiterin und eine der bekanntesten Führungspersonen des sogenannten Fireburn-Aufstandes im Jahr 1878 auf Saint Croix im damaligen Dänisch-Westindien. In der Erinnerungskultur der heutigen Amerikanischen Jungferninseln wurde sie zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen koloniale Unterdrückung.

Frühe Jahre

Mary Thomas wurde um 1842 auf Antigua geboren und kam in den 1860er-Jahren nach Saint Croix, wo sie auf mehreren Zuckerplantagen arbeitete. Vor dem Fireburn-Aufstand lebte und arbeitete sie unter anderem auf der Plantage Sprat Hall; in späteren Jahren bei Williams Delight. Sie war zu dieser Zeit unverheiratet und Mutter dreier Kinder.

Eine Gefängnisakte verzeichnet, dass Thomas 1872 wegen Misshandlung eines ihrer Kinder zu zehnmal 48 Stunden bei Wasser und Brot und 1875 wegen Diebstahls zu vier Tagen Gefängnis verurteilt worden war. Diese Verurteilungen sind vor dem Hintergrund einer kolonialen Gesellschaft zu sehen, in welcher das Verhalten afrokaribischer Frauen und insbesondere ihre Rolle als Mütter einer ausgeprägten behördlichen und gesellschaftlichen Kontrolle unterlag.

Die Sklaverei war in Dänisch-Westindien zwar 1848 abgeschafft worden, doch die Arbeits- und Lebensbedingungen der afrokaribischen Landarbeiter waren weiterhin stark eingeschränkt. Eine Arbeitsordnung aus dem Jahr 1849 verpflichtete die Landarbeiter zu jährlichen Verträgen mit den Plantagenbesitzern und beschränkte ihre Möglichkeiten zur Aushandlung besserer Löhne und Arbeitsbedingungen. Die zunächst als Übergangslösung gedachte Regelung blieb fast drei Jahrzehnte lang bestehen und trug zusammen mit den niedrigen Löhnen zu wachsender Unzufriedenheit bei.

Der Fireburn-Aufstand

Am 1. Oktober 1878, dem jährlichen Wechsel- und Vertragstag der Landarbeiter, entlud sich die Unzufriedenheit in Frederiksted in Form von Unruhen, die sich rasch auf Plantagen im Westen von Saint Croix ausweiteten. Im Verlauf des als Fireburn bekannt gewordenen Aufstandes wurden mehr als 50 Plantagen und große Teile Frederiksteds niedergebrannt; mehr als 100 Menschen wurden getötet oder später hingerichtet und etwa 400 Personen festgenommen. Der Aufstand zählt zu den umfangreichsten und gewaltsamsten Arbeiteraufständen in der Geschichte der Karibik.

Der Fireburn hatte keine einheitliche zentrale Führung, sondern bestand aus mehreren teilweise unabhängig voneinander handelnden Gruppen. Mary Thomas gehörte zur sogenannten Nordsidebande, einer lose organisierten Gruppe, die sich von Sprat Hall über den Norden der Insel bewegte und Plantagengebäude und Zuckerrohrfelder in Brand setzte. Die Untersuchungskommission brachte insbesondere Thomas, Thomas Graydon und Daniel Phillip mit der Führung dieser Gruppe in Verbindung.

Die Bezeichnung Queen wurde im zeitgenössischen karibischen Kontext für Frauen mit sozialem oder kulturellem Ansehen verwendet. Thomas erklärte in den Verhören zunächst, Graydon habe sie dazu gezwungen, ein selbstgefertigtes rotes Banner zu tragen und sich der Gruppe anzuschließen; später räumte sie ein, während des weiteren Zuges bei der Gruppe geblieben zu sein. Bei einer Vernehmung am 7. Dezember 1878 bezeichnete sie Graydon, Daniel Phillip und sich selbst als die „Captains“ der Gruppe. Neben Mary Thomas wurden Axeline Elisabeth Salomon, genannt Agnes, Mathilda McBean und Susanna Abrahamson, genannt Bottom Belly, für ihre Beteiligung bekannt; die vier Frauen gingen später als die Fireburn Queens in die Erinnerungskultur der Inseln ein.

Verurteilung und spätere Jahre

Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde Mary Thomas wegen Beteiligung an Brandstiftung und Plünderungen zum Tode verurteilt; die Strafe wurde anschließend aber in lebenslange Haft umgewandelt. 1882 wurde sie gemeinsam mit den drei anderen verurteilten Frauen zur Verbüßung ihrer Strafe in das Frauengefängnis auf Christianshavn in Kopenhagen gebracht. Die dortige Gefangenenakte verzeichnet ihre Aufnahme am 19. Juli 1882 und bezeichnet sie als etwa 40 Jahre alte, auf Antigua geborene Mutter dreier Kinder, die während des Aufstandes „the queen“ genannt worden sei.

Im Dezember 1887 wurde Thomas zur Verbüßung der Reststrafe nach Saint Croix zurückgeschickt. Sie wurde später freigelassen, heiratete und nahm den Familiennamen Watris an. In ihren letzten Lebensjahren lebte und arbeitete sie auf der Plantage Williams Delight. Im Bestattungsregister der St. Paul’s Church in Frederiksted ist sie als Mary Letitia Watris verzeichnet; als Todesursache wurden natürliche Ursachen angegeben, und sie wurde am 17. März 1905 auf Williams Delight beigesetzt.

Im Gefolge des Fireburn kam es zu begrenzten Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, darunter höheren Löhnen, und die restriktive Arbeitsordnung aus dem Jahr 1849 wurde durch eine neue Regelung ersetzt.

Nachleben und Erinnerung

Auf den Amerikanischen Jungferninseln ist der Fireburn-Aufstand bis heute ein wichtiger Bestandteil der kollektiven Erinnerung und wird in Beziehung zur Emanzipation des Jahres 1848 mitunter als Second Freedom bezeichnet. Mary Thomas entwickelte sich dabei zu einer besonders prominenten Symbolfigur des Widerstands; eine Hauptstraße auf Saint Croix trägt den Namen Queen Mary Highway.

Auch ein überliefertes Volkslied machte Queen Mary zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Erinnerung an den Aufstand:

"Queen Mary, ah where you gon’ go burn?
Queen Mary, ah where you gon’ go burn?
Don’ ask me nothin’ t’all
Just geh me de match an oil
Bassin Jailhouse, ah deh de money dey"

Von Mary Thomas sind keine bekannten Fotografien oder authentischen Porträts überliefert. Charles E. Taylor veröffentlichte 1888 in Leaflets from the Danish West Indies zwei unterschiedliche Darstellungen, A Rebel und Queen Mary; während A Rebel eine Frau mit Zuckerrohrmesser und brennender Fackel zeigt, trägt die als Queen Mary bezeichnete Figur ein Zuckerrohrmesser und eine Fahne. Gerade die nicht als Queen Mary bezeichnete Darstellung A Rebel wurde später von dänischen Institutionen häufig zur Illustration Mary Thomas’ verwendet.

Auf Saint Thomas wurde 2005 die vom US-Bildhauer Richard Hallier geschaffene Brunnenanlage The Three Queens of the Virgin Islands errichtet, die Mary Thomas, Axeline „Agnes“ Salomon und Mathilda McBean darstellt. Auf den Amerikanischen Jungferninseln wird die Erinnerung an Thomas und den Fireburn-Aufstand außerdem durch Gemälde, Lieder, historische Nachstellungen und andere Formen der öffentlichen Erinnerung weitergegeben.

I Am Queen Mary vor dem Vestindisk Pakhus in Kopenhagen, 2018
Three Queens Fountain auf Saint Thomas

Besondere Aufmerksamkeit erhielt Mary Thomas durch das Kunstwerk I Am Queen Mary der Künstlerinnen Jeannette Ehlers und La Vaughn Belle, das am 31. März 2018 vor dem ehemaligen Vestindisk Pakhus in Kopenhagen eingeweiht wurde. Das rund sieben Meter hohe Werk war das erste öffentliche Denkmal für eine schwarze Frau in Dänemark. Die Figur ist kein Versuch einer porträtgetreuen Rekonstruktion, sondern verschmilzt durch 3D-Scans Gesicht und Körper der beiden Künstlerinnen. Thomas sitzt darin auf einem Pfauenstuhl, der auf das bekannte Porträt des Mitbegründers der Black Panther Party, Huey P. Newton, verweist, und hält eine Fackel sowie ein Zuckerrohrmesser. Der Sockel besteht aus Korallensteinen von Saint Croix, die ursprünglich von versklavten Menschen aus dem Meer gewonnen und als Baumaterial verwendet worden waren. Die Aufstellung vor dem Vestindisk Pakhus war bewusst gewählt, weil dort einst Waren aus den dänischen Karibikkolonien eintrafen.

Das Denkmal baut damit eine Brücke zwischen den dänischen und karibischen Erinnerungsgeschichten und rückt den Widerstand schwarzer Frauen gegen koloniale Herrschaft in den Mittelpunkt der Erinnerung. Die zunächst aus Polystyrol gefertigte Figur wurde im Dezember 2020 durch einen Sturm schwer beschädigt und anschließend entfernt; der Sockel blieb am Standort zurück. Ein 2023 gegründeter Verein arbeitet an einer dauerhaften Ausführung der Skulptur in Bronze in Kopenhagen sowie an einem Schwestermonument auf Saint Croix.

Literatur

Commons: Mary Thomas – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 Rikke Lie Halberg: Mary Thomas’ mange ansigter. (PDF) Arbejdermuseet, 2019, abgerufen am 12. Oktober 2026 (dänisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 Rikke Lie Halberg: Mary Thomas. In: Lex – Danmarks Nationalleksikon. 17. Dezember 2025, abgerufen am 12. Oktober 2026 (dänisch).
  3. 1 2 3 4 5 Rikke Lie Halberg: Mary Thomas’ fængselsprotokol. (PDF) Arbejdermuseet, 2019, abgerufen am 12. Oktober 2026 (dänisch).
  4. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Rikke Lie Halberg: Fireburn. In: Lex – Danmarks Nationalleksikon. 27. Februar 2025, abgerufen am 12. Oktober 2026 (dänisch).
  5. 1 2 Gudrun Marie Schmidt: Mary, Susanna, Mathilda og Agnes: Mød de virkelige helte fra Dansk Vestindien. In: Politiken. 29. März 2017, abgerufen am 12. Oktober 2026 (dänisch).
  6. ↑ Fireburn. Nationalmuseet, abgerufen am 12. Oktober 2026 (dänisch).
  7. ↑ Jeannette Allis Bastian: Owning Memory: How a Caribbean Community Lost Its Archives and Found Its History. Libraries Unlimited, Westport 2003, S. 12.
  8. ↑ Anne Ring Petersen: Spectres of Colonialism in Contemporary Art from Denmark. In: Art History. Band 43, Nr. 2, 2020, S. 258–283, doi:10.1111/1467-8365.12496.
  9. 1 2 3 I AM QUEEN MARY. Abgerufen am 12. Oktober 2026 (englisch).
  10. 1 2 3 Gudrun Marie Schmidt: København får kæmpestort monument over kolonitiden. In: Politiken. 26. März 2018, abgerufen am 12. Oktober 2026 (dänisch).
  11. ↑ Kristine Nielsen: A Monument in Conflict: Transnational Resistance and the Politics of Commemoration in La Vaughn Belle and Jeannette Ehlers's I Am Queen Mary. In: ARTMargins. Band 15, Nr. 1, 2026, S. 6–27, doi:10.1162/ARTM.a.364.
  12. ↑ Om foreningen. In: Foreningen for I Am Queen Mary. Abgerufen am 12. Oktober 2026 (dänisch).