Miriam (Originaltitel: Miriam) ist die fünfte Episode innerhalb des Erzählbandes Baum der Nacht und andere Erzählungen von Truman Capote. Erstmals abgedruckt wurde der Text 1945 in der Zeitschrift Mademoiselle.
Witwe Miriam Miller lebt einsam und begegnet eines Tages vor einem Kino einem Mädchen, das ebenfalls Miriam heißt. Das Kind bittet um eine Kinokarte. Nach dem Film verschwindet es, taucht aber eine Woche später bei Witwe Miller auf und bedrängt die Witwe mit Forderungen nach Essen, Aufmerksamkeit und einer besonderen Brosche, einem Erinnerungsstück an den toten Mr. Miller. Die Witwe ist hilflos, erschöpft und von einem drückenden Schweregefühl im Kopf überwältigt. Nach dem Besuch ist sie verstört und kauft ein. Miriam erscheint erneut, mit Gepäck. Sie will bei Witwe Miller wohnen, weswegen Witwe Miller panisch zu Nachbarn flieht. Diese finden weder das Mädchen noch das Gepäck; die Wohnung wirkt leer und unheimlich. Die Erzählung endet mit spukhaften Geräuschen und letztlich Miriams Stimme, sodass offenbleibt, ob es sich um ein übernatürliches Geschehen oder bei der Witwe um eine gespaltene Persönlichkeit handelt.
Die Interessen der New Yorker Witwe Miriam Miller sind „begrenzt, sie hatte kaum Freunde, und selten kam sie weiter hinaus als bis zum Kaufmann an der Ecke. Die anderen Leute im Haus schienen sie gar nicht zu bemerken“. Witwe Miller will in der Nähe in ein Kino gehen, sieht dort ein Mädchen stehen. „Mrs. Miller fühlte sich merkwürdig erregt, und als das kleine Mädchen sie anschaute, lächelte sie freundlich.“ Das Mädchen ist „extravagant gekleidet“, von einer „ätherischen Schönheit“ gleich einem „Elfenkind“ und fragt Witwe Miller, ob sie ihr einen Gefallen tun könne: eine Kinokarte kaufen; das Geld hat das Mädchen. „Sie gingen zusammen hinein“, stellen fest, dass sie den gleichen Vornamen haben: Das Mädchen heißt Miriam. Witwe Miller bemerkt, dass Miriam „einen ziemlich großen Wortschatz für ein so kleines Mädchen“ besitzt, die Wege der beiden trennen sich nach dem Kinobesuch – vorübergehend. Eine Woche später, während derer Witwe Miller „jegliches Zeitgefühl“ verliert, klingelt es sonntagabends an deren Wohnungstür. „Zuerst dachte sie, daß sich jemand geirrt hätte und daß er wieder gehen würde. Aber es schellte und schellte, wurde zu einem ununterbrochenen Surren. Sie sah auf die Uhr: Es war kurz nach elf; das war doch nicht möglich, sonst schlief sie schon immer um zehn.“ Der Störenfried ist das Mädchen Miriam, das sich trotz Hinweisen der Witwe, dass es „schon schrecklich spät“ sei, in die Wohnung schiebt, sie in Augenschein nimmt, Einrichtungsgegenstände antastet, mäkelt, dass es nur Kunst- statt echter Blumen gibt und fordernd ausruft: „Ich sterbe vor Hunger! Ich würde mich schon über Milch und ein Marmeladenbrot freuen.“ Die überrumpelte Witwe Miller kommt diesem Wunsch nach, während Miriam immer übergriffiger und von der Witwe im Schlafzimmer ertappt wird, gefragt wird, was sie da tue. „Miriam sah auf, mit einem ganz ungewöhnlichen Ausdruck in den Augen. Sie stand vor dem Schreibtisch und hatte eine Schmuckkassette geöffnet“, beschwert sich, dass abgesehen von einer bestimmten Brosche, die Witwe Miller von ihrem verstorbenen Mann geschenkt bekommen hatte, „nicht Ordentliches“ in der Kassette wäre. Diese Brosche fordert Miriam nun von der Witwe, die sich überfordert fühlt: „Sie lehnte am Türrahmen; ihr Kopf war unerträglich schwer; ein Druck störte den Rhythmus ihres Herzschlages. […] Wie Mrs. Miller so dastand, sich mühend, einen Satz zu formen, der auf irgendeine Weise die Brosche retten könnte, kam sie darauf, daß es keinen Menschen gab, zu dem sie flüchten konnte; sie war allein“. Die Folge ist, dass Miriam broschengeschmückt und „heißhungrig Brote und Milch“ vertilgt und anschließend fragt, ob es noch Bonbons oder Kuchen gäbe. „Mrs. Miller kauerte hilflos auf dem Fußschemel und rauchte eine Zigarette. […] Sie starrte dumpf ins Leere. Auf ihren Wangen brannten rote Flecken, wie Spuren eines heftigen Schlages.“ Als Miriam nach dem Essen einen Gute-Nacht-Kuss fordert, lehnt Witwe Miller das ab und Miriam verlässt die Wohnung, nachdem sie eine Glasvase auf dem Boden zerschmettert und Witwe Millers ausbleibende Reaktion „mit einer gespielt harmlosen Neugier“ gemustert hat.
Den folgenden Montag verbringt Witwe Miller vorzugsweise im Bett, „ihre Träume waren fiebrig und bewegt.“ Am Dienstag kauft sie ein: echte Blumen, glasierte Kirschen, Mandelkuchen. „Genau um fünf läutete es“, Witwe Miller weiß, dass es Miriam ist, öffnet nicht, wartet ab, bis das Sturmläuten aufhört. „Zehn Minuten etwa regte sich Mrs. Miller nicht. Als sie dann keine Laut hörte, nahm sie an, daß Miriam gegangen sei. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür und öffnete einen Spalt weit“. Miriam steht immer noch vor der Tür, mit Gepäck, bittet, dass Witwe Miller es in die Wohnung tragen solle. „Es war kein ausgesprochener Zwang, dem sich Mrs. Miller beugte, sondern eher eine merkwürdige Passivität“. Miriam erklärt, dass „ich gekommen bin, um bei Ihnen zu wohnen“, freut sich über echte Blumen, glasierte Kirschen, Mandelkuchen. „Mrs. Millers Gesicht löste sich in eine Maske häßlicher roter Linien auf; sie fing an zu weinen, auf eine unnatürliche, tränenlose Art, als ob sie es schon lange nicht mehr getan und nun vergessen hätte. Sie schob sich vorsichtig nach rückwärts, bis sie die Tür erreichte“, flieht zu einem Nachbars-Ehepaar, klagt, „ein kleines Mädchen ist zu mir zu Besuch gekommen, und ich glaube, ich fürchte mich vor ihr. Sie will nicht wieder fortgehen, ich kann sie nicht dazu bringen und – sie ist im Begriff, etwas Furchtbares zu tun.“ Der Nachbar geht in Witwe Millers Wohnung, findet aber weder Miriam vor noch deren Gepäck, was sich seine Frau nicht erklären kann: „Wir sind die ganze Zeit hier gewesen, und wir hätten dann doch gesehen…“, eine nicht beendete Äußerung der Nachbarsfrau, die der US-Literaturkritiker Robert Emmet Long (1934–2016) wie folgt erklärt: „Frau Miller entpuppt sich nun als schwer schizophrene Frau, eine gespaltene Persönlichkeit, deren stärkeres und mutigeres Selbst die Abwehrmechanismen ihres ängstlichen und behüteten Selbst zerstört, welches die Tiefe ihrer Einsamkeit und ihre Angst vor dem nahenden Tod verleugnet hat.“ Witwe Miller kehrt in ihre Wohnung zurück, findet sie tatsächlich leer vor, „ausgestorben und versteinert wie eine Leichenhalle“, fühlt sich, als wäre all das „ein Traum oder ein übernatürlicher Trancezustand“, doch dauert dieser „Ruhepause“ nicht lange an: Witwe Miller hört erst „das Öffnen und Schließen einer Schreibtischschublade“ in ihrer Wohnung, das „dann durch das Knistern eines Seidenkleides ersetzt“ wird, wie Miriam es trug und das immer lauter wird. Die Erzählung endet mit den Worten: „Mrs. Miller erstarrte und öffnete die Augen zu einem dumpfen Geradeausstarren. ‚Hallo‘, sagte Miriam.“
Die personal erzählte Geschichte Miriam „gehört zu einem Horrorstory-Genre, in dem das gesamte Gleichgewicht einer Figur durch ein schelmisches Wesen oder Objekt ins Wanken gebracht wird“, so Robert Emmet Long. Ort der in einem Februar zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielenden Handlung ist New York „in der Nähe des East Rivers“.
Miriam ist eine Geschichte, deren Themen Capote selbst einmal als „Einsamkeit, Lieblosigkeit, Liebe, Liebesmangel“ zusammengefasst hat, eine Geschichte, die laut Wolfgang G. Müller auch davon handelt, „wie ein sich absolut unkonventionell verhaltendes selbstbewusstes kleines Mädchen einer isolierten Witwe gegen deren Willen zu Gemeinschafts- und Kommunikationsfähigkeit verhilft“. Vor allem aber ist Miriam laut Long eine Geschichte, in der Capote das schauerliterarische Thema der Auflösung „in ein modernes urbanes Umfeld verlegt, in dem sein stiller Realismus ebenso eindrücklich ist wie das Schauerliterarische“, eine Geschichte, deren hilflose Hauptfigur ähnlich wie in Capotes Baum der Nacht das Opfer einer „mysteriösen, völlig unvorhersehbar in ihrem Leben auftauchenden Fremden“ wird. Eine weitere Ähnlichkeit mit Baum der Nacht sowie mit Capotes Ohne Ziel liegt laut dem Literaturwissenchaftler Hideki Fujita (Universität Toyama) darin, dass in allen drei Erzählungen eine Begegnung zwischen Charakteren zu einem „schockierenden und erschütternden Erlebnis“ wird, das die Grundfesten der vertrauten Realität der Hauptfigur ins Wanken bringt: „Es deutet sich an, dass die mysteriöse Fremde eng mit etwas verbunden ist, das die Protagonistin tief in sich trägt“, so Fujita. „Manche Kritiker interpretieren das Mädchen als Manifestation von Schizophrenie, während andere die jüngere, elegant gekleidete Miriam als Spiegelbild der Sehnsucht von Mrs. Miller sehen“, schränkt der Literaturwissenschaftler Thomas Fahy (Long Island University) ein, der selbst meint, Miram sei lediglch „eine Einbildung“ von Mrs. Miller. Für die Deutung als Schizophrenie oder psychotische Störung spricht allerdings, dass diese Krankheiten starke Schlaf‑ und Circadian‑Störungen sowie experimentell nachgewiesene Abweichungen in Zeitwahrnehmungsempfinden mit sich bringen, wie auch Witwe Miller sie in der Erzählung aufweist. Die US-Literaturwissenschaftlerin Helen S. Garson (1925–2021) sah in Witwe Miller „eine Frau, die ihr Leben als unerträglich empfindet und deshalb ein anderes Selbst erschafft, eine Person, die sie gleichzeitig sein möchte und ablehnt. Sie wird von der Offenbarung zerstört und kann ihr nur durch Wahnsinn entkommen.“
Die 1946 mit dem O.-Henry-Preis in der Kategorie „Best First-Pubished Story“ ausgezeichnete, ebenso wie Baum der Nacht von Gerhard Köpf für ihren „Nachtstil“ gelobte Erzählung Miriam erhielt gespaltene Kritiken. Während die UIP-Zeitschrift Journal of Aesthetic Education die Kurzgeschichte nicht zu den besten Werken Capotes zählen wollte, schätzte Robert Emmet Long an dem seiner Ansicht nach kunstfertigem, tonal perfektem Text die „komplexe und präzise Erzählweise“ sowie die Traumartigkeit und das Halluzinationsartige. „Capote haucht der Doppelgänger-Geschichte neues Leben ein“, meinte der Anglist Michael J. Larsen (Saint Mary’s University Halifax) über Miriam, die „regelmäßig in Anthologien als zeitgenössisches Beispiel fantastischer Literatur“ erscheint. William Styron stellte in der Vanity Fair fest, „dass solche juwelenartigen Geschichten wie Miriam und Ohne Ziel zu den besten englischsprachigen Geschichten zählen“. Im Jahr 1969 stellte die Erzählung darüber hinaus einen Teil der literarischen Vorlage von Frank Perrys Filmproduktion Trilogy dar.