Ohne Ziel (teilweise auch unter dem deutschsprachigen Titel Der kopflose Falke, Originaltitel: The Headless Hawk) ist die sechste Episode innerhalb des Erzählbandes Baum der Nacht und andere Erzählungen von Truman Capote. Erstmals abgedruckt wurde der Text 1946 in Harper’s Bazaar.
Der Kunstgalerie-Angestellte Vincent Waters trifft während er Arbeit auf eine seltsame junge Frau, D.J., die ihm ein verstörendes Bild verkaufen möchte. Sie verschwindet ohne das Bild und taucht später immer wieder in Vincents Umfeld auf. Er wird von ihrer Erscheinung besessen und nimmt sie schließlich mit in seine Wohnung. D.J. ist manchmal zeitlich desorientiert, spricht rätselhaft von einem Mann namens Mr. Destronelli, den sie als Bedrohung erlebt: Für sie erscheint er in vielen Gestalten, und sie fürchtet, er werde sie töten. Vincent verliebt sich trotz ihrer Wirrnis in D.J., die ihn mehrmals verdächtig, mit Destronelli im Bunde zu sein, doch als D.J. einen Gasableser mit einer Schere bedroht und als „Destronelli“ beschimpft, trennt Vincent sich von ihr; fieberkrank und verwirrt zerstört er das Bild und verbarrikadiert seine Tür. Nach Ende des Fiebers ist er körperlich und seelisch erschöpft. D.J. verfolgt ihn weiterhin wie ein Schatten, beide bleiben isoliert, von Schuldgefühlen gequält und dem Untergang nahe.
Für Vincent Waters, den Angestellten einer New Yorker Kunstgalerie, ist jener Februartag ein „Feiertag“, weil: keine Kundschaft. Plötzlich aber anscheinend doch: eine jung Frau tritt ein. „Sie war komisch, ganz zweifellos, dieser auffällige Haarschnitt, die Augen ohne jegliche Tiefe“, ihre Ausstrahlung: „eine ängstliche Schüchternheit, wie man sie bei Kindern findet.“ Die Frau möchte ein Bild verkaufen, ihr Bild: „Eine Gestalt ohne Kopf, in einem mönchartigen Gewand, lehnte selbstzufrieden an einem schäbigen Artistenkoffer; in der einen Hand hielt sie eine räuchernde Kerze, in der andern einen winzigkleinen Käfig, der abgeschlagene Kopf lag blutend zu ihren Füßen […]. Ein Falke – auch er hatte keinen Kopf – mit scharlachroter Brust und kupferfarbenen Klauen verhängte mit seinen Flügeln den Hintergrund, so daß er aussah wie ein Abendhimmel.“ Im Laufe des Gesprächs erkundigt sich die Frau argwöhnisch, ob Vincent einen Mr. Destronelli kenne, was er verneint. „Er wollte jetzt das Bild haben, aber nicht für die Galerie, sondern für sich selbst“, erklärt, er könne ihr 30 US-Dollar zahlen, jedoch nur per Scheck, wofür er ihre Adresse brauche. Sie lässt das Bild zurück, aber nur eine kryptische Adressnotiz: „D.J. – Y.W.C.A.“, doch nach „einer D.J. zu suchen, die vermutlich in einer Y.W.C.A. wohnte, schien Wahnsinn“. In den Folgemonaten meint Vincent, die geheimnisvolle D.J. immer wieder zu sehen: „Es war, als ob ihr Gesicht in seine Sinne geprägt wäre; er konnte es nicht loswerden“. Im April ist es soweit: „Sie stand da neben einem großen, häßlichen Burschen, und es sah aus, als schliefe sie“, doch bald ist D.J. „allein; obgleich Vincents Instinkt ihm riet, zu gehen, bevor sie ihn bemerkte, ging er doch hin und berührte so leicht ihre Schulter wie jemand, der ganz sacht einen Schlafenden weckt. […] Sie drehte sich herum, starrte ihn an, und ihre Augen waren ganz leer. Schrecken zuerst und dann Verwirrung ersetzten den toten, verlorenen Blick. […] Sie war schlanker als in seiner Erinnerung, auch hübscher, und ihr Haar, das etwas gewachsen zu sein schien, hing unordentlich herum. […] Er wollte sagen: ‚Möchten sie etwas trinken?‘ Aber sie lehnte sich an ihn, ihr Kopf ruhte an seiner Brust wie der eines Kindes, und so fragte er: ‚Wollen Sie mit zu mir kommen?‘“ D.J. und Vincent gehen zu seiner Wohnung; er wohnt in der Gegend des East River. Bevor es zum Geschlechtsverkehr kommt, redet D.J. abermals von Mr. Destronelli. Vincent fragt, wie jener denn aussehe, und D.J. antwortet: „Nun […], er sieht aus wie du, wie ich, wie die meisten Menschen.“
Am nächsten Morgen ist D.J. zeitlich desorientiert, weiß nicht, wie lange sie schon in Vincents Wohnung weilt oder welcher Monat ist. Indirekt kommt auch wieder die Rede auf Destronelli: „Wenn du ihn nicht kennst, dann sag mir, warum ich hier bin?“, fragt sie, und Vincent antwortet: „Weil ich dich liebe.“ D.J. erklärt unter anderem, jener Mr. Destronelli hätte ihre Klavierlehrerin geheiratet, dann getötet: „Manchmal denke ich, wenn sie gewußt hätte, wie sehr ich sie liebte […], vielleicht hätte sie nicht geheiratet.“ Auch durch das Zusammenleben mit D.J. wird Vincent nicht klug aus der jungen Frau: „Er respektierte ihre Entrückung, hätte aber doch gern gewußt, in welcher Zeit sie eigentlich lebte. Er hatte eingesehen, daß es nutzlos war, nach ihrer Vergangenheit zu fragen; aber der Gegenwart schien sie sich auch nur hier und da bewußt zu sein; und es war, als ob ihr auch die Zukunft nicht viel bedeutete. Ihr Geist war wie ein Spiegel, der in einem leeren Raum die blaue Unendlichkeit reflektiert.“ Eines nachts findet Vincent D.J. im Garten vor, verängstigt: „Er ist hier“, Mr. Destronelli. Vincent reagiert ungehalten: „ER! ER! ER! Was ist los mit dir? Bist du […] verrückt?“, fragt er D.J., erkennt: „Da, das war das Eingeständnis dessen, was er schon lange wußte, was er seinem Verstand aber zu kristallisieren nicht gestattet hatte. Und er dachte: Was ist nun anders geworden? Ein Mensch kann nicht zur Rechenschaft gezogen werden für die, die er liebt.“ Auch nicht, wenn sie verrückt sind, da ihnen Mr. Destronelli als Schmetterling verkörpert erscheint, als Psychiater, als schnurrbärtiger Autofahrer, als Café-Bekanntschaft, als Sitznachbar im Kino, wie D.J. es berichtet hatte, und jedenfalls als jemand, der „auch mich umbringen würde. Und er wird es tun. Er wird es tun.“ Vincents Bekenntnis zu D.J. endet allerdings, als ihm die Frau des Hausmeisters mitteilt, dass D.J. einen Gasableser mit einer Schere bedroht und ihn schreiend als Mr. Destronelli tituliert hat: „Mein Besuch wird gehen, heute noch, und nicht wiederkommen“, versichert Vincent der Hausmeister-Gattin, packt trotz des Fiebers einer beginnenden Lungenentzündung die Sachen von D.J. in deren Koffer. „Nun versuchte er das Köfferchen zu schließen, war aber vom Fieber so geschwächt, daß er auf dem Bett zusammenbrach“, dann weitermachte. „Vincent wühlte in dem Köfferchen herum, bis er die Schere fand“, sich damit über das Gemälde hermacht: „Die Schere durchbohrte das Herz des Falken, fraß sich durch die Leinwand wie ein gieriges Maul aus Stahl; Fetzen des Bildes lagen am Boden verstreut wie abgeschnittenes Haar. Er kniete nieder, scharrte die Stücke auf einem Haufen zusammen, legte sie in das Köfferchen und schlug den Deckel zu. […] Vincent grinste blöde, während er den Koffer ins Stiegenhaus stellte. Er machte die Tür wieder zu wie ein Dieb, verriegelte das Sicherheitsschloß, zerrte einen Stuhl heran und schob ihn schräg unter den Drücker.“
Im Juli ist Vincent wieder genesen. „Vier lange Wochen Lungenentzündung und schlaflose, brennende Nächte hatten sein Gewicht um ein Dutzend Pfund und mehr verringert. Jeden Morgen und jeden Abend, wenn er sie hier an seiner Tür traf oder in der Nähe der Galerie oder vor dem Restaurant, in dem er aß, wurde in ihm eine namenlose Unordnung ausgelöst, eine Paralyse der Zeit und der Persönlichkeit. Die wortlosen Gebärden, mit denen sie ihn verfolgte, schnürten ihm das Herz ab. Es gab Tage, an denen er sich wie im Koma fühlte, dann schien sie nicht nur eine Person zu sein, sondern alle, sich aus vielen zusammenzusetzen, und er folgte ihrem Schatten auf der Straße, jedem Schatten und wurde verfolgt. Und einmal, als sie beide allein in einem Fahrstuhl gewesen waren, hatte er geschrien: ‚Ich bin nicht er: Sondern ich, nur ich!‘ Aber sie hatte gelächelt, […] denn sie wußte es trotz allem besser“, heißt es gegen Ende des Textes, der zusammen mit dem Anfang des Textes in jene Zeit fällt, als D.J. und Vincent bereits wieder getrennt sind und Vincent dadurch geistig zerrüttet ist. „Am Ende sind beide allein, von Schuldgefühlen geplagt und anscheinend dem Untergang geweiht.“
Bei Ohne Ziel handelt es sich um eine auktorial erzählte „Schauergeschichte“, die in New York spielt. Zeitlich liegt die Handlung in einem halben Jahr von Februar bis Juli; das Jahr der Handlung liegt im oder nach dem Jahre 1942, als der im Text erwähnte Lilley-Loesser-Song I've Got Spurs That Jingle Jangle Jingle erschien.
Die Geschichte Ohne Ziel handelt von der ambivalenten Rolle von Kunst und Symbolik sowie nach den Worten des US-Literaturkritikers Robert Emmet Long (1934–2016) von „Einsamkeit und abweichendem Verhalten“: Es ist Einsamkeit, die unerträglich scheint und dennoch nicht weniger unerträglich als die Zweisamkeit, die dazu führt, dass mal D.J. den eher biederen Vincent Waters sucht und verfolgt, mal es andersherum ist und es zu Vincents Waters „Abstieg in eine traumartige, wässrige Unterwelt“ kommt, so Long, einem „Abstieg, der an den griechischen Mythos von Orpheus erinnert, der im Hades nach seiner verlorenen Eurydike sucht.“ Und es ist abweichendes Verhalten, wenn der bisexuelle Vincent und D.J. in unterschiedlichem Grade ihrer Obsession, ihrem Wahnsinn, ihrem Identitätsverlust verfallen: Nach Auffassung des indischen Anglisten P. Dinesh Babu (Central University of Punjab) arbeitet Ohne Ziel mit dem „Alter-Ego-Thema“, weil Vincent mit Destronelli ein anderes Selbst erhält und einer „Paralyse der Zeit und der Persönlichkeit“ verfällt. Auch der Literaturwissenschaftler Hideki Fujita (Universität Toyama) meint in Ohne Ziel ebenso wie in den beiden Capote-Erzählungen Baum der Nacht und Miriam als gemeinsames Motiv zu erkennen, dass in allen drei Erzählungen eine Begegnung zwischen Charakteren zu einem „schockierenden und erschütternden Erlebnis“ wird, das die Grundfesten der vertrauten Realität der Hauptfigur ins Wanken bringt: „Es deutet sich an, dass die mysteriöse Fremde eng mit etwas verbunden ist, das der Protagonist tief in sich trägt“, so Fujita.
„Capotes Geschichte hat wenig Handlung, dafür aber viel metaphysische Spannung“, meinte Long über die Erzählung Ohne Ziel, die 1947 in die seit 1915 erscheinende jährliche HMH-Anthologie The Best American Short Stories aufgenommen und 1970 von Gaudenz Meili unter dem Titel Der kopflose Falke verfilmt wurde. Zwar sei Ohne Ziel „zeitweise überladen mit Themen“, so Long, doch erinnere der Text durch „surrealistische Fantasien“ und „traumartige Atmosphäre“ an Edgar Allan Poe, wobei Dinesh Babu die Traumartigkeit weiter präzisierte und von einer „alptraumhaften“ Atmosphäre sprach. William Styron stellte in der Vanity Fair fest, „dass solche juwelenartigen Geschichten wie Miriam und Ohne Ziel zu den besten englischsprachigen Geschichten zählen“.