Der Wettbewerb um die Miss Europe 1927 war der erste dieser Art. Er wurde einmalig durchgeführt von der 1925 bis 1927 bestehenden Fanamet, dem gemeinsamen europäischen Filmverleih der US-amerikanischen Filmgesellschaften Famous Players, First National und Metro-Goldwyn-Mayer.
Die Gesellschaft betreute zwölf Länder Ost-Mitteleuropas, des Baltikums und des Balkans. Dort organisierte sie als PR-Maßnahme 1926 nach amerikanischem Vorbild nationale Schönheitswettbewerbe. In einer zweiten Stufe gipfelten diese Anfang 1927 in der ersten Wahl zur Miss Europe. Als Siegespreis war die Titelrolle in einem Hollywood-Film ausgelobt worden. Diese Wettbewerbe fanden in den dortigen Pressemedien große Beachtung.
Bereits Monate zuvor suchte die Fanamet in allen zwölf Ländern attraktive Filmtalente. In jedem der Länder gab es lokale Jurys, die Tausende eingesandte Fotos prüften. Aus diesen wurden in jedem Land zwölf junge Damen ausgesucht und zum Tee oder Diner der Landesjury eingeladen. Aus ihrer Zahl wurden bis Ende 1926 wieder je drei „Halbfinalistinnen“ ausgewählt, deren Bilder einer internationalen Jury in Berlin geschickt wurden. Diese suchte die Schönste des Herkunftslandes aus, lud sie nach Wien ein, zahlte ihr und einer weiblichen Begleitperson (in der Regel der Mutter) die Reise und den Aufenthalt.

Die finale Veranstaltung fand am 5. Februar 1927 in Wien statt. Aus den zwölf Ländern gab es zehn Kandidatinnen, davon eine Lettin für die drei baltischen Staaten. Die Bewerberinnen aus Rumänien und der Türkei erschienen nicht: die erste wegen Erkrankung, die zweite wegen Visa-Problemen. Letztlich nahmen nur acht Kandidatinnen an der Wahl teil.
Über den Verlauf gibt es unterschiedliche Darstellungen:
Daher wird in vielen Internet-Veröffentlichungen als Ort der Veranstaltung Berlin und als Termin Mitte März angegeben. Als Jahr ist häufig fälschlich 1928 zu finden. Zu diesem Zeitpunkt jedoch existierte die Fanamet gar nicht mehr.
| Land | Schreibweise in der zeitgenössischen Presse | Schreibweise in der Heimatsprache |
|---|---|---|
| Platzierungen | ||
| 1. | Štefica Vidačić | Štefica Vidačić, Štefanija Vidačić |
| 2. | Aniela Bogucka | Aniela Bogucka |
| 3. | Hilde Bird | Hilde Ptak alias Betty Bird |
| Weitere Teilnehmerinnen | ||
| Margarete Klauss (Margit Klaus) | ||
| Sorka Jordanowa (Sara Jordanova) | Зорка Йорданова | |
| Dina Sarri | Διονυσία Σαρρή, Δινα Σαρρή, Ντίνα Σαρρή | |
| Ella Posnerová (Anna Posnerova) | Ela Poznerová, Eliška Poznerová | |
| Maria Mátyus | Mátyus Mária | |
| Nicht angetreten | ||
| ? | ||
| ? | ||
Von einer Misswahl ist anfangs noch nicht die Rede gewesen. Man benutzte Ausdrücke wie „Schönheitskonkurrenz“, „Filmschönheiten“, „Schönheitskönigin“, „Revue der Schönheit“, „Fanamet-Konkurrenz“. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass eine verheiratete Frau wie Hilde Bird teilnehmen konnte. Der Begriff „Miß Europa“ (damalige Schreibweise) kam erst hinterher auf. Auch würde man das Verfahren der Fanamet, alle lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Schritte in eine Hand zu nehmen, heute wohl als Casting bezeichnen – einschließlich Foto-Sichtungen und Film-Pobeaufnahmen. Und genau das war auch das zweite Ziel, neben der Marktdurchdringung.
Darstellerische Erfahrungen brachten nur wenige mit: Ela Poznerová war Theater-Schauspielerin, Hilde Bird und Aniela Bogucka verfügten über Musik- und Bühnen-Ausbildung, Margarete Klauss hatte geringe Film-Erfahrungen.
Der Traum von Hollywood platzte, als die Fanamet abgewickelt wurde (Immerhin kam sie ihrer Verpflichtung nach und zahlte ein Jahr lang das zugesagte Honorar an die Siegerin – auch ohne sie zu beschäftigen). Die beteiligten Filmgesellschaften hatten sich „neue Gesichter“ versprochen, die sich von amerikanischen Darstellerinnen unterscheiden sollten. Die gesuchte Andersartigkeit war ihnen jedoch zu gering. Hübsche und talentierte junge Frauen gab es in den Vereinigten Staaten genug. Aber die europäische Filmproduktion entdeckte und rekrutierte hier Nachwuchs-Schauspielerinnen. Hilde Bird und Ela Poznerová erfüllten die Erwartungen souverän. Štefica Vidačić drehte immerhin fünf Streifen. Die Kandidatinnen aus Bulgarien, Griechenland und Ungarn spielten nur in ein bis zwei Filmen, und zwar ausschließlich in ihren Heimatländern. Das mag an Sprachbarrieren gelegen haben, die spätestens mit dem Aufkommen des Tonfilms einen Aufstieg beenden konnten.
Werdegang der Finalistinnen im Einzelnen:
Aber auch Kandidatinnen, die nicht ins Wiener Finale gelangten, konnte der Fanamet-Wettbewerb Erfolgschancen öffnen. Das bekannteste Beispiel ist Ida Kravanja alias Ita Rina. Sie wurde in einem lokalen Vor-Entscheid im Herbst 1926 zur Miss Slowenien gewählt und erreichte den jugoslawischen Landes-Entscheid in Zagreb zu spät – als die drei „Halbfinalistinnen“ bereits ernannt waren. Dort wurde jedoch der deutsche Produzent Peter Ostermayr auf sie aufmerksam. Die Folge: Sie wirkte von 1927 bis 1939 in 18 Filmen mit und drehte einen letzten 1960.
Anderseits konnte auch eine Profi-Schauspielerin in der Landes-Auswahl scheitern: Anny Ondra war als eine der drei tschechoslowakischen „Halbfinalistinnen“ zuletzt Ela Poznerová unterlegen, obwohl sie bereits 28 Filme gedreht hatte (ab 1919). Es tat ihrer Karriere keinen Abbruch: Auch ohne Fanamet war sie bis 1951 in weiteren 61 Filmen dabei.