Reaktivfarbstoffe

Reaktivfarbstoffe sind eine Textilfarbstoffgruppe zum Färben von Baumwolle-, Wolle- und Polyamidfasern. Beim Färbeprozess bildet sich eine kovalente chemische Bindung zwischen dem Farbstoff und den funktionellen Gruppen dieser Fasern. In der Farbstoff-Nomenklatur nach dem Colour Index werden die Reaktivfarbstoffe als Reactive Dyes bezeichnet.

Chemische Eigenschaften

Reaktivfarbstoffe bestehen aus einem farbgebenden Chromophor mit einer oder mehreren löslichmachenden Gruppen, sowie einer oder mehreren reaktiven Gruppen, den sogenannten Reaktivankern. Gängige Chromophore sind Azofarbstoffe, Anthrachinonfarbstoffe, Phthalocyanine, Formazane und Triphendioxazinfarbstoffe. Als löslichmachende Gruppen sind in aller Regel Sulfonsäure-Gruppen enthalten.

Ein wichtiges Reaktivankersystem sind halogensubstituierte aromatische Heterocyclen, wie beispielsweise Mono- und Dichlortriazine, Monofluortriazine, Difluorpyrimidine, Difluorchlorpyrimidine und Dichlorchinoxalincarbonamide. Die bei den ersten kommerziellen Reaktivfarbstoffen verwendete Dichlortriazin-Gruppe spielt heute keine nennenswerte Rolle mehr.

Reaktivfarbstoffe mit heterocyclischem Reaktivanker

Monochlortriazin-Farbstoffe

Dichlortriazin-Farbstoffe

Monofluortriazin-Farbstoffe

Difluorchlorpyrimidin-Farbstoffe

Difluorpyrimidin-Farbstoffe

Dichlorchinoxalincarbonamid-Farbstoffe
CHR = Chromophor, R = aromatisches oder aliphatisches Amin

Wichtige Zwischenprodukte für die Herstellung dieser Reaktivfarbstoffe sind Cyanurchlorid (TCT), Cyanurfluorid (TFT), Trichlorpyrimidin, Trifluorpyrimidin, Tetrafluorpyrimidin und Trifluorchlorpyrimidin, sowie 2,3-Dihydroxychinoxalin-6-carbonsäure und 2,3-Dichlorchinoxalin-6-carbonsäurechlorid.

Zwischenprodukte zur Herstellung von Farbstoffen mit heterocyclischem Reaktivanker

2,4,6-Trichlortriazin (Cyanurchlorid)

2,4,6-Trifluortriazin (Cyanurfluorid)

2,4,6-Trichlorpyrimidin

2,4,6-Trifluorpyrimidin

2,4,5,6-Tetrachlorpyrimidin

2,4,6-Trifluor-5-chlorpyrimidin

2,3-Dihydroxychinoxalin-6-carbonsäure

2,3-Dichlorchinoxalin-6-carbonsäurechlorid

Die Fluorheterocyclen werden durch Halogenaustausch aus den entsprechenden Chlorheterocyclen hergestellt. Das Dichlorchinoxalincarbonsäurechlorid erhält man durch Umsetzung von Dihydroxychinoxalincarbonsäure mit Thionylchlorid.

Unter alkalischen Färbebedingungen reagieren diese Reaktivfarbstoffe mit den Hydroxygruppen der Fasern unter Abspaltung von Chlorwasserstoff (HCl) bzw. Fluorwasserstoff (HF) und Bildung einer stabilen kovalenten Etherbindung.

Reaktion von Reaktivfarbstoffen mit heterocyclischen, halogenhaltigen Reaktiv-Ankern beim Färbeprozess
Reaktion von Reaktivfarbstoffen mit heterocyclischen, halogenhaltigen Reaktivankern beim Färbeprozess

Das zweite bedeutende Reaktivanker-System ist die sogenannte Vinylsulfon-Gruppe bei den Vinylsulfonfarbstoffen. Die Vinylsulfongruppe reagiert während des Färbeprozesses mit den nukleophilen Gruppen der Faser im Sinne einer Michael-Addition. Auch in diesem Fall entsteht eine stabile Etherbindung. Bei vielen Farbstoffen liegt die Vinylsulfongruppe in geschützter Form beispielsweise als Schwefelsäurehalbester vor. Erst unter den alkalischen Färbebedingungen wird die Vinylsulfongruppe durch Eliminierung von Schwefelsäure gebildet.

Reaktion von Reaktivfarbstoffen mit Vinylsulfon-Reaktiv-Ankern beim Färbeprozess
Reaktion von Reaktivfarbstoffen mit Vinylsulfon-Reaktivankern beim Färbeprozess

Neben den Mono-Anker-Farbstoffen, die nur eine Reaktiv-Anker-Gruppe enthalten, wurden im Laufe der Jahre eine Vielzahl hochleistungsfähiger bifunktioneller Reaktivfarbstoffe entwickelt, die sich durch eine hohe Fixierrate beim Färbeprozess auszeichnen. Wichtige kommerzielle bifunktionelle Reaktivfarbstoffe enthalten entweder zwei VS-Gruppen (homo-bifunktionelle Farbstoffe) oder eine Kombination aus VS-Reaktivanker und heterocyclischem Fluor- bzw. Chlor-Reaktivanker (hetero-bifunktionelle Farbstoffe).

Kommerziell wichtige Reaktivfarbstoffe

Beispiele für kommerziell wichtige Reaktivfarbstoffe
C.I. Reactive Black 5C.I. Reactive Blue 19
C.I. Reactive Orange 107C.I. Reactive Red 239
C.I. Reactive Blue 235C.I. Reactive Blue 204
C.I. Reactive Blue 7C.I. Reactive Red 1

Reaktivfarbstoff-Sortimente

Beispiele für kommerzielle Reaktivfarbstoff-Sortimente sind

Reaktivfärbungen

Die Färbung von Baumwolle mit Reaktivfarbstoffen erfolgt unter alkalischen Bedingungen. Die erforderliche Färbetemperatur hängt im Wesentlichen von dem Reaktivanker ab. Die relativ reaktionsträgen Monochlortriazinfarbstoffe benötigen Temperaturen >80 °C. Man bezeichnet sie daher auch als Heißfärber. Die wesentlich reaktiveren Monofluortriazinfarbstoffe können dagegen schon bei recht niedrigen Temperaturen <40 °C eingesetzt werden. Es handelt sich um sogenannte Kaltfärber. Vinylsulfonfarbstoffe können in einem recht breiten Temperaturbereich verwendet werden.

Beim Färbeprozess kommt es insbesondere bei höheren Temperaturen zur unerwünschten Nebenreaktion der Farbstoffe mit Wasser. Die hydrolysierten und folglich nicht fixierten Farbstoffanteile müssen daher zur Erzielung der gewünschten Nassechtheit anschließend wieder ausgewaschen werden.

Geschichte

Die Entwicklung der Reaktivfarbstoffe beruht auf der 1954 bei der Imperial Chemical Industries (ICI) gemachten Entdeckung, dass bestimmte Farbstoffe mit einem Dichlortriazin-Rest unter alkalischen Färbebedingungen sehr waschechte Färbungen liefern können. 1956 wurden die ersten Reaktivfarbstoffe mit einem Dichlortriazin-Anker von der ICI in den Markt eingeführt, gefolgt von den ersten Vinylsulfonfarbstoffen durch die Hoechst AG 1957. Wichtige Meilensteine bei der weiteren Entwicklung war die Einführung der Monofluortriazin- und Difluorchlorpyrimidin-Reaktivanker um 1980 (Bayer AG / Ciba-Geigy / Sandoz), sowie die Einführung von bifunktionellen VS-/Monochlortriazin-Farbstoffen durch Sumitomo (1981) und bifunktioneller VS-/Monofluortriazin-Farbstoffen durch Ciba-Geigy.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Klaus Hunger (Hrsg.): Industrial Dyes: Chemistry, Properties, Applications. WILEY-VCH Verlag, Weinheim 2003, ISBN 978-3-662-01950-4, S. 6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. ↑ Eintrag zu Reaktivanker. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 4. April 2019.
  3. ↑ Patent DE1019025: Verfahren zur Herstellung von Monoazofarbstoffen. Angemeldet am 19. November 1955, veröffentlicht am 7. November 1957, Anmelder: ICI Ltd., Erfinder: William Elliot Stephen.‌
  4. ↑ Patent DE1062367: Verfahren zur Herstellung von Monoazofarbstoffen. Angemeldet am 19. November 1955, veröffentlicht am 13. Juli 1959, Anmelder: ICI Ltd., Erfinder: William Elliot Stephen.‌
  5. ↑ Hans Beyer, Wolfgang Walter: Lehrbuch der organischen Chemie. 18. Auflage. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 1978, ISBN 3-7776-0342-2, S. 521.
  6. ↑ Heinrich Zollinger: Chemismus der Reaktivfarbstoffe. In: Angewandte Chemie. Band 73, Nr. 4, 21. Februar 1961, S. 125, doi:10.1002/ange.19610730402.
  1. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu Tetrafluorpyrimidin: CAS-Nr.: 767-79-3, EG-Nr.: 679-197-6, ECHA-InfoCard: 100.204.187, PubChem: 136605, ChemSpider: 120372, Wikidata: Q83107254.
  2. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu 2,3-Dihydroxychinoxalin-6-carbonsäure: CAS-Nr.: 14121-55-2, EG-Nr.: 237-975-9, ECHA-InfoCard: 100.034.509, PubChem: 84211, ChemSpider: 75970, Wikidata: Q83030031.
  3. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu 2,3-Dichlorchinoxalin-6-carbonsäurechlorid: CAS-Nr.: 1919-43-3, EG-Nr.: 217-642-4, ECHA-InfoCard: 100.016.040, PubChem: 74714, Wikidata: Q81989815.
  4. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu 2,4,6-Trichlorpyrimidin: CAS-Nr.: 3764-01-0, EG-Nr.: 223-183-0, ECHA-InfoCard: 100.021.076, PubChem: 77378, Wikidata: Q72510410.
  5. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu 2,4,6-Trifluorpyrimidin: CAS-Nr.: 696-82-2, EG-Nr.: 211-801-1, ECHA-InfoCard: 100.010.730, PubChem: 69677, Wikidata: Q72513365.
  6. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu 2,4,5,6-Tetrachlorpyrimidin: CAS-Nr.: 1780-40-1, EG-Nr.: 217-228-3, ECHA-InfoCard: 100.015.663, PubChem: 15690, Wikidata: Q72504797.
  7. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu 2,4,6-Trifluor-5-chlorpyrimidin: CAS-Nr.: 697-83-6, EG-Nr.: 211-807-4, ECHA-InfoCard: 100.010.736, PubChem: 69679, Wikidata: Q72460532.