Ocean Boarding Vessel

Ocean Boarding Vessel (OBV) war während des Zweiten Weltkrieges die Bezeichnung für umgerüstete und behelfsmäßig bewaffnete britische Handelsschiffe, die, obgleich zumeist bei zivilen Reedereien in Fahrt, der Royal Navy unterstanden und die zur Überwachung der Seewege sowie zur Suche nach Blockadebrechern und Versorgungsschiffen der Achsenmächte herangezogen wurden. Nach Möglichkeit sollten die gegnerischen Schiffe gekapert und als Prisen in einen alliierten Hafen eingebracht werden, weswegen die Ocean Boarding Vessels durchaus mit Hilfskreuzern verglichen werden konnten, obgleich sie zumeist nicht so stark bewaffnet waren wie diese. Ferner wurden die OBVs zur Durchsuchung von Schiffen neutraler Staaten nach Konterbande herangezogen und dienten auch als Führungsschiffe bei Konvoioperationen. Zwischen 1940 und 1941 wurden insgesamt mindestens 20 britische oder erbeutete ehemalige gegnerische Handelsschiffe zu OBVs umgerüstet.

Das OBV Largs von 1941 (Aufnahme von 1942); deutlich erkennbar ist das 15,2-cm-Geschütz auf dem Vorschiff.
Das ehemalige OBV Hilary nach dem Umbau zum Landungsschiff (Aufnahme von 1943).
Das OBV Cavina im Dezember 1941, vorn und achtern sind die beiden 15,2-cm-Geschütze gut zu erkennen.
Das OBV Corinthian, man beachte das 15,2-cm-Geschütz auf dem Vorschiff.

Technische Details und Bewaffnung

Da es sich bei allen Ocean Boarding Vessels um relativ willkürlich ausgewählte zivile Frachtschiffe handelte, gibt es keine einheitlichen technischen Daten. Zumeist indessen waren die Schiffe mit rund 4.000 bis 7.000 BRT vermessen und verfügten über eine Höchstgeschwindigkeit, die zwischen 14 und 18 kn lag. Größtes OBV war die im Oktober 1940 in Dienst genommene HMS Lady Somers mit 8.194 BRT. Auch bezüglich der Antriebsanlagen gab es große Unterschiede, so fanden sich unter den Einheiten ältere Schiffe mit Verbunddampfmaschinen wie auch modernere Turbinenschiffe. Die Bewaffnung dieser Schiffe variierte oft, zumeist jedoch befanden sich mindestens zwei 15,2-cm-Geschütze Mark XII und eine 7,6-cm-Kanone sowie vier bis sechs leichtere Flugabwehrgeschütze vom Kaliber 2 cm und 4 cm an Bord. Die Besatzung betrug zwischen 140 und 180 Seeleuten.

Einige OBVs wurden bereits nach relativ kurzer Einsatzzeit zum CAM-Schiffen umgebaut und erhielten einen Behelfskatapult, von welchem aus Jagdflugzeuge der Typen Hawker Hurricane oder Fairey Fulmar gestartet werden konnten.

Liste aller Ocean Boarding Vessels (in alphabetischer Reihenfolge)

   Schiff (Vermessung)      Bauwerft      Stapellauf      Indienststellung als OBV Anmerkungen und Verbleib
HMS Ariguani (6.746 BRT) Alexander Stephen and Sons, Linthouse, Vereinigtes Königreich 20. Oktober 1925 Oktober 1940 Schiff war 129,61 m lang und besaß zwei Dreifachexpansionsmaschinen. Die Bewaffnung bestand aus zwei 15,2-cm-Geschützen. Anfang 1941 zu CAM-Schiff umgebaut. Beschädigung durch U-Boot-Torpedo im Oktober 1941. Nach Kriegsende wieder als Zivilschiff in Fahrt. Um 1956 abgebrochen.
HMS Camito (6.833 BRT) Alexander Stephen and Sons, Linthouse, Vereinigtes Königreich 17. April 1915 26. September 1940 Kohlenbefeuerung; Antrieb durch zwei Dreifachexpansionsmaschinen. Im Mai 1941 von deutschem U-Boot torpediert und versenkt (28 Tote).
HMS Cavina (6.907 BRT) Alexander Stephen and Sons, Linthouse, Vereinigtes Königreich 20. März 1924 15. Oktober 1940 Ehemaliges Kühlschiff der Fyffes Line. Anfang April 1942 demilitarisiert und bis 1946 als ziviles Kühlschiff in Fahrt (hierbei indessen dem Ministry of War Transport unterstehend). Ab 1946 wieder bei der Fyffes Line in Dienst, bis mindestens 1957 in Fahrt. Um 1958 Verschrottung in Hongkong.
HMS Corinthian (3.151 BRT) William Gray & Company, Stockton-on-Tees, Vereinigtes Königreich 3. Mai 1938 September 1940 Ehemaliges Frachtschiff der Ellerman Lines. Bewaffnet mit zwei 15,2-cm-Geschützen und einer 7,6-cm-Kanone. Bis Juli 1944 als OBV in Fahrt, danach Umbau zum Trainingsschiff für Landemanöver. Half 1942 bei der Bergung von Überlebenden des von einem U-Boot versenkten Passagierschiffes Laconia.
HMS Crispin (5.051 BRT) Cammell, Laird & Company, Birkenhead, Vereinigtes Königreich 7. Dezember 1934 August 1940 Am 3. Februar 1941, als Teil der Sicherung des Konvois OB-280, etwa 450 Seemeilen südlich von Island von dem deutschen U-Boot U 107 torpediert und versenkt (20 Tote).
Empire Audacity (5.537 BRT) Vegesacker Werft, Bremen, Deutsches Reich 29. März 1939 November 1940 Ehemaliges Kühlschiff Hannover des Norddeutschen Lloyd, das im März 1940 von britischen Seestreitkräften aufgebracht worden war. Das Schiff wurde als OBV ausgerüstet, jedoch nach nur zwei Monaten bereits wieder außer Dienst gestellt und zum Geleitflugzeugträger umgebaut. Im Juni 1941 als solcher unter dem Namen Audacity in Dienst gestellt. Versenkung im Dezember 1941 durch deutsches U-Boot.
HMS Hilary (7.403 BRT) Cammell, Laird & Company, Birkenhead, Vereinigtes Königreich 17. April 1931 21. Januar 1941 Bis Juli 1942 als Ocean Boarding Vessel in Fahrt, dann Rückbau zum zivilen Frachtschiff. Ab März 1943 als Angriffs-Landungsschiff und Kommandoschiff genutzt. Nach 1945 wieder als Frachtschiff in Dienst. Abbruch ab September 1959.
HMS Inanda (5.985 BRT) Swan Hunter, Wallsend, Vereinigtes Königreich 24. Februar 1925 - Schiff wurde noch während der Ausrüstung bei einem deutschen Luftangriff auf London am 9. September 1940 versenkt. Im Oktober 1940 gehoben, wurde das Schiff später unter dem neuen Namen Empire Explorer als Frachtschiff eingesetzt. Am 9. Juli 1942 westlich von Tobago von dem deutschen U-Boot U 575 torpediert und versenkt (drei Tote).
HMS Inkosi (6.618 BRT) Swan Hunter, Wallsend, Vereinigtes Königreich 25. Februar 1937 - Schiff wurde noch während der Ausrüstung bei einem deutschen Luftangriff auf Liverpool am 7. September 1940 versenkt. Im Oktober 1940 gehoben, repariert und als Frachter Empire Chivalry bis Kriegsende in Fahrt. Um 1958 abgebrochen.
HMS Jamaica Producer (5.464 BRT) Lithgows, Glasgow, Vereinigtes Königreich 4. April 1934 August 1940 Bereits im Oktober 1941 wieder demilitarisiert und als Frachtschiff im Einsatz. Im März 1943 im Nordatlantik durch U-Boot-Torpedo schwer beschädigt. Reparatur bis Juni 1943. Um 1962 abgewrackt.
HMS Lady Somers (8.194 BRT) Cammell, Laird & Company, Birkenhead, Vereinigtes Königreich 13. November 1928 Oktober 1940 Größtes aller Ocean Boarding Vessels. Turbinenschiff. Am 15. Juli 1941 von italienischem U-Boot R. Smg. Francesco Morosini im Atlantik torpediert und versenkt, die gesamte Besatzung überlebte.
HMS Largs (4.504 BRT) Chantiers et Ateliers de Provence, Port-de-Bouc, Frankreich Oktober 1938 Mai 1941 Ehemaliges vichy-französisches Kühlschiff Charles Plumier der Compagnie Générale Transatlantique, das 1939 zu einem Hilfskreuzer umgerüstet worden war. Das Schiff wurde im Oktober 1940 von der Royal Navy in Gibraltar beschlagnahmt, im Mai 1941 in Largs umbenannt und als OBV eingesetzt. Ab Oktober 1942 Einsatz als Landungstransporter. Nach Kriegsende Rückgabe an Frankreich und in Fahrt als Frachtschiff bis 1964. Um 1968 in Griechenland abgewrackt.
HMS Malvernian (3.133 BRT) William Gray & Company, Stockton-on-Tees, Vereinigtes Königreich 25. Februar 1937 September 1940 Ehemaliges Frachtschiff der Ellerman Lines. Am 1. Juli 1941 im Nordatlantik, während der Sicherung des Konvois OG-66, von einem deutschen Langstreckenbomber Focke-Wulf Fw 200 bombardiert und schwer beschädigt. Das Schiff wurde nach langwierigen Rettungsversuchen am 7. Juli 1941 aufgegeben und sank. Die gesamte Besatzung (164 Mann) überlebte.
HMS Manistee (5.368 BRT) Cammell, Laird & Company, Birkenhead, Vereinigtes Königreich 28. Oktober 1920 Dezember 1940 Am 24. Februar 1941, während der Sicherung des Konvois OB-288, im Nordatlantik von deutschem U-Boot U 107 torpediert und versenkt. Die gesamte Besatzung (141 Mann) kam ums Leben.
HMS Maplin (5.824 BRT) Workman, Clark, Belfast, Vereinigtes Königreich 5. April 1932 September 1940 Bis Januar 1941 unter dem Namen Erin in Fahrt, dann Umbau zum CAM-Schiff bis März 1941. Im Juli 1942 demilitarisiert und wieder als ziviles Frachtschiff in Fahrt.
HMS Maron (6.487 BRT) Caledon Shipbuilding and Engineering, Dundee, Vereinigtes Königreich 17. Dezember 1929 7. August 1940 Schiff wurde am 7. April 1942 abgerüstet, an den früheren Eigner, die Blue Funnel Line, zurückgegeben und wieder als Frachtschiff eingesetzt. Am 13. November 1942 versenkte das deutsche U-Boot U 81 die Maron im Mittelmeer nordwestlich von Oran. Die Besatzung überlebte.
HMS Marsdale (4.890 BRT) Lithgows, Glasgow, Vereinigtes Königreich 13. Dezember 1939 September 1940 Im Juni 1942 demilitarisiert und wieder als Frachtschiff in Fahrt. 1957 als Volta River zur Black Star Line, 1965 an griechische Eigner und in Psara umbenannt, ab 24. Mai 1967 bei Lotti in La Spezia verschrottet.
HMS Patia (5.355 BRT) Cammell, Laird & Company, Birkenhead, Vereinigtes Königreich 14. Januar 1922 Dezember 1940 Umbau zum CAM-Schiff im März 1941. Am 27. April 1941 wurde das einzeln fahrende Schiff von einem deutschen He 111-Bomber vor der Küste von Northumbria gebombt und versenkt (39 Tote). Das Wrack liegt heute in etwa 60 m Tiefe.
HMS Registan (5.886 BRT) John Redhead & Sons, South Shields, Vereinigtes Königreich 30. Januar 1930 Oktober 1940 Am 27. Mai 1941 wurde die Registan nahe Cape Cornwall bei einem deutschen Luftangriff schwer beschädigt, wobei 63 Seeleute ums Leben kamen. Das Schiff wurde nach Falmouth geschleppt und bis November 1941 repariert. Anschließend fuhr die Registan wieder als Frachtschiff. Am 29. September 1942 versenkte das deutsche U-Boot U 332 den Dampfer etwa 140 Seemeilen östlich von Barbados durch einen Torpedotreffer, wobei 16 Seeleute starben.
HMS Tortuguero (5.285 BRT) Alexander Stephen and Sons, Linthouse, Vereinigtes Königreich 19. April 1921 Januar 1941 Ehemaliges Kühlschiff. Im Juni 1942 demilitarisiert und wieder im Frachtdienst. Ab Dezember 1958 abgebrochen in Gent.

Erfolge von Ocean Boarding Vessels

Im Verhältnis zur Zahl der in Dienst genommenen OBVs wurden nur relativ wenige Erfolge errungen. Nachfolgend eine Auflistung von von OBVs gekaperten oder gestoppten Schiffen (die Vollständigkeit ist nicht gesichert):

Abkehr vom Konzept des Ocean Boarding Vessels ab 1942

Da ab 1942 verstärkt neue und leistungsfähigere Geleit- und Kriegsschiffe auf alliierter Seite fertiggestellt wurden und zudem die Luftüberwachung der wichtigen See- und Konvoirouten intensiviert werden konnte, auch durch das Auftreten der ersten reinen Geleitflugzeugträger, wurde das Konzept des OBV allmählich überflüssig, weswegen die meisten Schiffe entweder zurückgebaut und wieder als normale Handelsschiffe eingesetzt wurden oder andere Aufgabenfelder (Konvoiführungsschiffe, Trainingsfahrzeuge, Landungsschiffe) zugewiesen bekamen. Ein weiterer Grund war, dass einerseits die Zahl der Blockadebrecher der Achsenmächte ab 1942 stark abnahm und dass andererseits im Atlantik kein ständiges Netz mehr aus deutschen Späh- und Versorgungsschiffen bestand (so wie es bis zur weitgehenden Zerschlagung dieses Netzes durch die britische Marine Mitte 1941 der Fall gewesen war). Die Versorgung der deutschen (und auch italienischen) U-Boote wurde nunmehr von speziellen Versorgungs-U-Booten übernommen.

Verluste von Ocean Boarding Vessels

Insgesamt neun OBVs gingen im Verlauf des Krieges verloren, darunter auch das größte Ocean Boarding Vessel, die Lady Somers (8.194 BRT), die am 15. Juli 1941 im Atlantik einem Torpedo des italienischen U-Bootes R. Smg. Francesco Morosini zum Opfer fiel. Die 175 Mann starke Besatzung konnte vollständig gerettet werden. Einer der schlimmsten Verluste ereignete sich am 24. Februar 1941, als das zum Konvoi OB-288 gehörende OBV Manistee (5.368 BRT) südlich von Island von dem deutschen U-Boot U 107 torpediert und versenkt wurde. Von 141 Besatzungsangehörigen konnte infolge stürmischen Wetters niemand gerettet werden.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Ships hit by U-boats. HMS Camito (F 77). British Ocean boarding vessel. In: uboat.net. Abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).
  2. ↑ Ships hit by U-boats. HMS Crispin. British Ocean boarding vessel. In: uboat.net. Abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).
  3. ↑ Ships hit by U-boats. Empire Explorer. British Steam merchant. In: uboat.net. Abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).
  4. ↑ Seekrieg 1941, Juli. Württembergische Landesbibliothek, abgerufen am 4. Januar 2022.
  5. ↑ Screw Steamer Marsdale. In: Scottish Built Ships. Caledonian Maritime Research Trust, abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).
  6. ↑ Ships hit by U-boats. Registan. British Steam merchant. In: uboat.net. Abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).
  7. ↑ Screw Steamer Tortoguero. In: Scottish Built Ships. Caledonian Maritime Research Trust, abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).
  8. ↑ Ships hit by U-boats. Sangro. Italian Steam tanker. In: uboat.net. Abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).
  9. ↑ Seekrieg 1941, Juni. Württembergische Landesbibliothek, abgerufen am 4. Januar 2022.
  10. ↑ Brennecke, Jochen: Die Wende im U-Boot-Krieg. Ursachen und Folgen 1939–1943. Wilhelm Heyne Verlag. München 1998, S. 522.
  11. ↑ Gedania-(1920-1941). In: Auke Visser’s German Esso Tanker’s site. Abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).
  12. ↑ Seekrieg 1941, August. Württembergische Landesbibliothek, abgerufen am 4. Januar 2022.
  13. ↑ SS Lady Somers (+1941). In: wrecksite.eu. Abgerufen am 4. Januar 2022.
  14. ↑ Ships hit by U-boats. HMS Manistee (F 104). British Ocean boarding vessel. In: uboat.net. Abgerufen am 4. Januar 2022 (englisch).

Literatur