
Odette Elina, verheiratete Dreyfus und Gruffy (geboren 28. September 1910 im 3. Arrondissement, Paris; gestorben 29. Mai 1991 in Mougins, Département Alpes-Maritimes), war eine jüdische französische Landschafts- und Blumenmalerin, Zeichnerin, Autorin, Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende.
Elina war die Tochter von Meyer Elina, einem russischen Emigranten, und Georgette Adrienne Block, die aus dem Département Doubs stammte. Elina wuchs in einer wohlhabenden Familie jüdischer Herkunft auf, die Hutfabriken besaß. Sie lebte zunächst in Paris, später dann in Fiac, Département Tarn, im Château Saint-Anne. Sie erhielt eine klassische Ausbildung und entwickelte ihr zeichnerisches Talent.
Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre lebte sie im 16. Arrondissement in Paris. Als Schülerin von Suzanne Minier in Paris wurde sie bereits 1928 in die Salon des artistes français aufgenommen. Dort präsentierte sie 1929 zwei Gemälde mit den Namen Contre-jour und Roses blanches. Sie nahm am Salon der Union des femmes peintres et sculpteurs teil, wo sie 1929 die Gemälde Reflets, Roses blanches, Hortensia und eine kolorierte Zeichnung, Portrait de Mme D. L. E., ausstellte. 1931 stellte sie im Salon des indépendants aus, die Werke Nu und Peinture.
1934 heiratete sie in Paris den Publizisten Simon Pierre Dreyfus (1896–1944). 1935 gewann sie in Royan einen Concours d'élégance féminine en automobile.
1936 entwarf sie das Titelbild für „Amours à Montparnasse“ die Erinnerungen eines Luigi Alessio (Alex Alexis).
Nach der deutschen Besetzung Frankreichs knüpfte sie 1940 schon früh Kontakte zur Résistance und wurde mit der Verbindung zwischen den in der Südzone lebenden Schriftstellern Joë Bousquet, François Mauriac, Clara Malraux, Louis Aragon und Julien Benda betraut. 1942 trat sie unter dem Decknamen „Hélène“ der Armée secrète bei. Im Widerstand war sie auch unter dem Decknamen „Jeanne Lauture“ bekannt. Von März bis Oktober 1943 war sie Leiterin des Büros der Armée secrète in der Region Südwest. Vom Pfarrer von Viterbe, Départment Tarn, vor einer Denunziation ihrer Familie gewarnt, entging sie ein erstes Mal der Verhaftung; ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder wurden jedoch Prison Saint-Michel in Toulouse inhaftiert, anschließend ins Sammellager Drancy verlegt und nach Auschwitz deportiert, von wo sie nicht zurückkehrten. Von Oktober 1943 bis April 1944 war sie Sekretärin der Armée secrète der Region Toulouse, wo sie die ständigen Verbindungen zu den zehn angrenzenden Départements sicherstellte. Am 1. April 1944 zum Leutnant befördert, wurde sie am 20. April 1944 von der Gestapo verhaftet, nachdem sie während eines Einsatzes in Paris, bei dem sie Kontakt zu einem Mitglied des Generalstabs der Forces françaises de l’intérieur aufnehmen sollte, denunziert worden war. Von der Gestapo verhört und gefoltert, wurde sie ins Lager Drancy überführt und anschließend mit dem Convoi No. 72 vom 29. April 1944 nach Auschwitz deportiert. Dieser Transport beförderte 1.004 Juden, darunter 606 Frauen, wo denen nur 37 überlebten, darunter 25 Frauen. Ihr Ehemann Pierre Dreyfus wurde den Quellen zufolge entweder mit demselben Transport wie sie oder mit dem nächsten Convoi No. 73 deportiert und bei seiner Ankunft in Auschwitz am 20. Mai 1944 ermordet. Sie berichtete später, dass mehrere Freundschaften, die sie mit anderen Häftlingen schloss, und ihr Erinnern Kraft der Liebe und der Kultur, wie die Gedichte von Aragon, ihr halfen zu überleben.
Am 27. Januar 1945 wurde sie in Auschwitz von der Roten Armee befreit. Am 10. Mai 1945 wurde sie über Odessa nach Marseille zurückgebracht und ließ sich in Castres, Départment Tarn, nieder. Da sie sehr geschwächt war, hatte sie in den folgenden zwei Jahren mehrere Klinikaufenthalte. Doch schon direkt nach ihrer Rückkehr hielt sie ihre Erlebnisse im KZ Auschwitz-Birkenau in Notizen und Zeichnungen fest und veröffentlichte den Text mit zwölf eigenen Zeichnungen 1948 unter dem Titel Sans fleurs ni couronnes („Ohne Blumen und Kränze“). Sie benutzte dabei auch für die schlimmsten Momente die Ausdruckskraft der Kunst, um die unerträgliche Realität zu beschreiben, deren Opfer und Zeugin sie zugleich ist:
„Quelle fresque étonnante, ces êtres extatiques, sorte de madones émaciées par la souffrance […] Quels tons magnifiques dans ces plis patinés de crasse et de misère, un peu comme des draperies tragiques du Greco.“
„Was für ein erstaunliches Bild, diese ekstatischen Wesen, eine Art Madonnen, vom Leid ausgemergelt […] Welche herrlichen Farbtöne in diesen von Schmutz und Elend gezeichneten Falten, ein wenig wie die tragischen Gewänder des El Greco.“
Der Historiker Laurent Joly schrieb über ihre Erinnerungen:
„[Elina] se choisit de raconter sobrement des images, des moments de sa vie au camp d'Auschwitz. Son récit, décousu, revêt cependant une intense force évocatrice par le choix des événements qu'elle raconte. […] Battue, dépouillée, affamée, malade, alors qu'elle sait bien que «raisonnablement, je ne peux plus avoir d'espoir de survivre», elle semble intimement persuadée qu'elle s'en sortira. […] sa capacité d'évasion intellectuelle lui ont perrmis de rentrer en France en mars 1943 […]“
„[Elina] entscheidet sie sich dafür, in schlichter Form Bilder und Augenblicke ihres Lebens im Lager Auschwitz zu schildern. Ihr Bericht wirkt zwar fragmentarisch und wenig chronologisch, entfaltet jedoch gerade durch die Auswahl der geschilderten Ereignisse eine außerordentliche suggestive Kraft. […] Geschlagen, beraubt, hungernd und krank, obwohl sie genau weiß, dass sie «vernünftigerweise keine Hoffnung mehr haben kann zu überleben», scheint sie innerlich dennoch davon überzeugt zu sein, dass sie durchkommen wird. […] ihre Fähigkeit, sich geistig der Lagerwirklichkeit zu entziehen, ermöglichen ihr schließlich die Rückkehr nach Frankreich […]“
Wie die meisten frühen Zeugnisse über die Deportation von Juden fand es unter dem in Frankreich herrschenden Négationnisme (Henry Rousso) bis Ende des Jahrhunderts nur wenig Beachtung. Auch Elina selbst macht in ihrem Bericht fast keinerlei Anspielung auf ihre Herkunft und das besondere Schicksal der Juden. Sie gibt in ihrem Text nicht erkennen, dass sie unter dem Namen „Dreyfus“ als Jüdin aus dem Lager Drancy deportiert wurde. Sie weist sich als Mitglied der Armée secrète und verhaftet als Widerstandskämpferin aus.
Nach ihrer Genesung engagierte sie sich sehr aktiv in Vereinigungen ehemaliger Deportierter. Sie war Vizepräsidentin der 1945 gegründeten Amicale des déportés d’Auschwitz et des camps de Haute-Silésie, in der Frauen eine führende Rolle einnahmen. Sie war Mitglied des Vorstands der Fédération nationale des déportés et internés résistants et patriotes (FNDIRP), Mitglied der Association nationale des anciennes déportées et internées de la Résistance (ADIR) und französische Sekretärin des Internationalen Auschwitz-Komitees.
1948 organisierte sie eine Ausstellung ihrer Gouachen und Zeichnungen im Hauptsitz der Union des femmes françaises in Paris und nahm 1949 am Salon de la Marine teil und zeigte die Werke Plages à Treboul, Marée basse à l'Ile Labes, Port du Steir à Lesconil et La grève à Lesconil. 1949 schuf sie eine Illustration Pour la Paix du Monde für einen Brief der französischen Friedensbewegung an den US-amerikanischen Präsidenten Truman.
Im Jahr 1950 unterzeichnete sie den Stockholmer Appell des Weltfriedensrats und war als Malerin Sekretärin der Jury der Combattants de la Paix et de la Liberté, die Friedenspreise in den Bereichen Literatur und Kunst vergab. 1951 entwarf sie im Salle Pleyel die Bühnenbilder für eine Biografie über Danielle Casanova, Le Printemps de Danielle, die von Marie-Claude Vaillant-Couturier präsentiert wurde. Im selben Jahr entwarf sie die Bühnenbilder und Kostüme für die Aufführung der französischen Delegation bei Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ost-Berlin.
In den 1950er Jahren engagierte sie sich in denselben intellektuellen Kreisen wie ihr zweiter Ehemann Jean-Louis Gruffy (1904–1980), ein ehemaliger Widerstandskämpfer und Malerunternehmer, den sie 1951 in Fréjus, Département Var, heiratete. Das Paar wohnte in Levallois-Perret, Département Hauts-de-Seine.
Über ihr weiteres Leben wenig bekannt. Mit Dekret vom 24. April 1946 erhielt sie die Médaille de la Résistance und mit Dekret vom 11. August 1946 das Croix de guerre. Am 2. Juli 1968 erhielt sie eine Citation à l'ordre de l'armée. Am 9. Juli 1976 wurde sie schließlich Offizier der Ehrenlegion.
Sie starb 1991 in Mougins, wo auch ihre im Jahr davor verstorbene ältere Schwester Denise gelebt hatte. Sie vermachte ihr gesamtes Vermögen der Kommunistischen Partei Frankreichs.
Einzelne Zeichnungen von Elina befinden sich zum Beispiel im Musée de la Résistance et de la Déportation de Besançon oder im Musée de la Résistance Nationale de Champigny.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Elina, Odette |
| ALTERNATIVNAMEN | Gruffy, Odette; Dreyfus, Odette |
| KURZBESCHREIBUNG | jüdische französische Malerin, Zeichnerin, Autorin, Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende |
| GEBURTSDATUM | 28. September 1910 |
| GEBURTSORT | 3. Arrondissement, Paris, Frankreich |
| STERBEDATUM | 29. Mai 1991 |
| STERBEORT | Mougins, Département Alpes-Maritimes, Frankreich |