Popjournalismus ist eine Erscheinungsform von Journalismus, die Mitte der 1960er Jahre unter dem Einfluss des amerikanischen New Journalism in Deutschland aufkam und durch eine Mischung aus literarischer und journalistischer Schreibweise und durch eine Ich-Erzähler-Position gekennzeichnet ist.
In gedruckter Form taucht die Bezeichnung Popjournalismus, alternierend mit dem Begriff Popkritik gebraucht erstmals 1971 in einem Essay von Natias Neutert auf und wird so definiert: „Popjournalismus: Unterhaltungskunst — ohne jenen unsichtbaren Strich, der Unterhaltung und Kunst so oft von einander trennt.“ Darin wird nicht nur der onomatopoetische „Knalleffekt“ des Wörtchens Pop gerühmt, sondern auch die dem Begriff innewohnende „Bedeutungsvielfalt, Nicht-Normativität, Offenheit.“
Ist der Begriff Popjournalismus auch rein deutschen Ursprungs, so geht das Phänomen, das er bezeichnet, auf interkulturelle Rezeptionsvorgänge zurück, die der französische Kulturwissenschaftler Michel Espagne unter dem Oberbegriff Kulturtransfer fasst. Kulturtransfer findet statt, sobald irgendein Kulturgut aus einer Ausgangskultur in eine Zielkultur überführt und von dieser aufgenommen wird. Vollzogen wird dies von Vermittlern persönlicher oder institutioneller Art: Touristen, Austauschschüler, Entwicklungshelfer, Übersetzer, Fremdsprachenlehrer, Auslandskorrespondenten, staatliche Auslandsabteilungen. Dabei geschieht die Übernahme jeweiliger Kulturgüter nicht nur passiv, wie bei ‚kritiklos’ übernommener Mode, sondern aktiv, in einer auf die speziellen Bedürfnisse der Zielkultur zugeschnittenen Form der Aneignung. Was entsteht, ist eine innovative Mischform. Möglich wird Kulturtransfer, wie der Philosoph Wolfgang Welsch einleuchtend argumentiert, da „die separierende Idee von Kultur faktisch durch die externe Vernetzung der Kulturen überholt“ sei. Dadurch werden einschneidende Veränderungen des Zeitgeistes möglich. Zur Entstehung des Popjournalismus trugen folgende Einflussfaktoren globaler Vernetzung bei:
Der New Journalism aus Amerika, der sich mit seinen frechen, aus selbstbewusster Ich-Erzähler-Position geschriebenen Texten nicht mehr hinter der ‚Objektivität’ versteckte, wurde als progressiv eingeschätzt. Hinzu kam, dass sich journalistische Texte von Gay Talese, Truman Capote, Michael Herr, Norman Mailer und Tom Wolfe durch Literarizität auszeichneten, was nichts anderes heißt, als dass sie „von der poetischen Funktion dominiert“ wurden, was das belletristische Lesevergnügen nur noch steigerte. Hierfür griffen die ‚neuen’ Journalisten auch auf die literarischen Stilmittel ihrer eigenen Tradition zurück, deren Spannweite vom Spannungsaufbau der Kurzgeschichten eines Erzählers wie O. Henry bis zur Sinnlichkeit rhapsodischer Texte der Beatniks reicht. Tatsächlich stattgefundene Ereignisse werden erzählerisch strukturiert und so zu einer Geschichte, die mehr ist als bloßer Bericht. Von großem Einfluss für die Entwicklung des Popjournalismus in Deutschland war Tom Wolfe. Sein 1965 erschienenes Werk The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby gilt als einer der wichtigsten „Grundsteine des New Journalism“ und war von den englischkundigen frühen Protagonisten des Popjournalismus noch vor seiner Übersetzung gelesen worden. Übersetzt wurde es von der Neo-Dadaistin Lil Picard, es erschien 1968. Ökonomisch gesehen wurde die deutsche Ausgabe, sowohl in der gebundenen als auch in der Taschenbuchausgabe, ein riesiger Bestsellererfolg, ideologisch gesehen, gilt das Werk bis heute als Inbegriff von Popschreibe. Mit dem New Journalism als kulturellem Importgut ging hierzulande ein Paradigmenwechsel journalistischer Darstellungsformen einher.
Die Entwicklung weg vom faktenbasierten Nachrichtenjournalismus hin zu einem subjektiven Popjournalismus, der nicht nur die Grenzen zwischen „U“ und „E“, zwischen literarischem und tagesjournalistischem Stil, sondern gelegentlich auch die zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen lässt, bringt allerdings die Gefahr mit sich, das erzählerische Pendel so weit in Richtung Fiktion ausschlagen zu lassen, dass die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt. So geschehen im wohl größten Medienskandal des Popjournalismus, als der Schweizer Tom Kummer in den 1990er Jahren vier Jahre lang Blätter wie Süddeutsche Zeitung, Stern und Spiegel mit äußerst gut geschriebenen, aber völlig aus der Luft gegriffenen, ausgedachten Interviews belieferte, bis er im Jahre 2000 durch das Magazin Focus aufflog. Seine legendär gewordenen Interviews mit Stars wie Sharon Stone, Courtney Love, Mike Tyson oder Charles Bronson waren „einfach zu schön, um wahr zu sein,“ wie Jenny Hoch konstatiert.