Küchenlatein

Lateinimitation „Tonnosaurus Rex“ in Anlehnung an die zoologische Nomenklatur an einem Müll­sammel­fahrzeug der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (2017)

Küchenlatein (latinitas culinaria) ist im ursprünglichen, engeren Sinne eine spöttische Bezeichnung aus der Zeit des Humanismus für ein als „schlecht“ oder „barbarisch“ geltendes Latein.

Daraus entwickelte sich die heutige, weiter gefasste Bedeutung, die den – meist bewussten und spielerischen – Einsatz von fehlerhaftem Latein oder unpassenden Übersetzungen bis hin zu absichtlichen Lateinimitationen einschließt. Zum Teil ist dafür auch etwas unscharf der Begriff Pseudolatein in Verwendung.

Begriffsentwicklung

An der Klassischen Antike geschulte Humanisten bezeichneten das aus ihrer Sicht im Gegensatz zum erneuerten humanistischen Latein „verderbte Mönchslatein“ (Kirchenlatein) des Mittelalters auch als Küchenlatein. Ihnen war jene – aus moderner Sicht durchaus natürliche und als Mittellatein bezeichnete – Weiterentwicklung der spätantiken lateinischen Sprache zuwider, und sie propagierten eine Rückkehr zum Stil Ciceros oder Caesars. Beispielsweise äußerte Johannes Aventinus:

„Es laut gar vbel, vnd man heisst es Küchen Latein, so man Latein redet nach aussweisen der Teutschen Zungen.“

„Es klingt ziemlich übel, und man nennt es Küchenlatein, wenn man Latein in deutscher Ausdrucksweise spricht.“

– Aventinus: Zitiert nach K. F. W. Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Band 2. Leipzig 1870, Sp. 1660.

Später übertrug sich der Ausdruck auch auf das frühneuzeitliche Vulgärlatein-Umgangsdeutsch-Potpourri, wie es sich etwa auch in der damaligen Verwaltungssprache und der Studentensprache findet. Von dort aus entwickelte sich durch den damals obligatorischen Lateinunterricht aus ungewollt komischen Übersetzungen und Wortspielen die heutige Bedeutung im weiteren Sinne.

Verwendung

Bewusst als komischer Effekt eingesetzt wurde das Küchenlatein in der sogenannten makkaronischen Dichtung. Zum Beispiel wird es in den anonymen satirischen Epistolae obscurorum virorum (Dunkelmännerbriefen) als „sprachliche Tarnkappe“ benutzt, um die verknöcherte Klostergelehrsamkeit zur Zielscheibe des Spottes zu machen.

Küchenlatein wurde genutzt, um zu imponieren (Fachwörter), zu beschwören (Zaubersprüche) oder, um einer Rede einen exotischen Reiz zu verleihen, sowie als übertriebene Verwendung von Latinismen, wie sie in der geschraubten Sprache der Barockzeit beliebt war. Eine lange Tradition hat das bewusst falsche, mit moderner Sprache gemischte Latein im Theater, etwa bei den „Vecchi“-Figuren der Commedia dell’arte, dann in der Haupt- und Staatsaktion und sogar noch in der Posse des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Diese Tradition zeigt sich in Stücktiteln: Horribilicribrifax (1663), Lumpazivagabundus (1833). Auch modernere Wortbildungen bedienen sich mit satirischer Absicht des Küchenlateins wie die „Reductio ad Hitlerum“ von Leo Strauss (1953).

Heutzutage steht der Begriff für eine spielerische, absichtlich falsche oder komische bis groteske Verwendung lateinischer Wörter (bei der etwa nur die Wort-für-Wort-Übersetzung einen Sinn ergibt) oder gar für Zeichenfolgen, die zwar wie lateinische Wörter aussehen, aber nur beim Vorlesen in einer modernen Sprache einen Sinn ergeben. – Eine noch weiter gefasste Bedeutung hat der Begriff Kauderwelsch.

Im Wirtschaftsbereich wird auf der Suche nach neuen Firmen- und vor allem Markenbezeichnungen ebenfalls immer wieder auf Latein bzw. meist eher Lateinimitationen zurückgegriffen. Zum Teil kommt es dabei, in diesen Fällen gewöhnlich unbeabsichtigt, zu genau den grammatikalisch unsinnigen oder – gelegentlich unfreiwillig – komischen Verwendungen, wie sie für die küchenlateinischen Erscheinungen typisch sind. Wegen der langen Beziehung der Medizin zur lateinischen Sprache ist diese Erscheinung verstärkt im Gesundheitswesen anzutreffen.
Jedoch kann hier nicht jede (pseudo-)lateinische Verwendung als Küchenlatein bezeichnet werden. Zusätzlich zu unterscheiden davon sind auf romanische Sprachen zurückzuführende Namen, was im Einzelfall schwer sein kann.

Obwohl sie ebenfalls aus Pseudolatein bestehen, werden Lorem ipsum und einige verwandte Texte wegen ihres Einsatzzweckes als Blindtext nicht zu Küchenlatein gezählt.

Beispiele

Theater

„HANS WURST. Weynet periculum in mora, periculum in Summo gradu, (a) ich armes Bübl steck im Unglück biß an die Ohrwaschel, mein liebes Weibl muß ich mit mir führen und all mein Vermögen im Rauch aufgehen sehen,
[…]
STAHRENBERG. He du, wer, und von wannen bist du?
HANS WURST. Ich bin generis Masculini, (b) und wolte mit diesem meinem genere feminine (c) in die Stadt hinein.
[…]
STAHRENBERG. […] Hast du auch Kinder?
HANS WURST. Ja der Singularis hat schon Pluralem propagiret, (d) ich hab ä stuck Eilff Kinder, und mit dem zwölfften gehe ich und mein Weib schwanger.“

– Joseph Anton Stranitzky: Türckisch-bestraffter Hochmuth, I/5

Übersetzungen:

(a) 
Gefahr in Verzug, Gefahr in höchstem Grade
(b) 
männlichen Geschlechts
(c) 
(Wesen) von weiblichem Geschlecht
(d) 
Sinngemäß: Die Einzahl hat sich schon in die Mehrzahl fortgepflanzt.

Küchenlateinische Spielereien

Die erste Variante verwendet Wendungen oder ganze Sätze, die auch bei korrekter Übersetzung irgendeinen Sinn ergeben (es handelt sich also im eigentlichen Sinn nicht um Pseudo-Latein), wo man aber die übertragene, umgangssprachliche oder dialektale Bedeutung der lateinischen Begriffe im Deutschen kennen muss, um den Sprachwitz zu verstehen; zum Teil sind diese Sätze auch als ungewollt komische Übersetzungen im Lateinunterricht entstanden (siehe auch Stilblüten):

Mit derselben Thematik:
  • Navigare necesse est. – „Schiffen ist notwendig.“ (Umdeutung des Zitats: Navigare necesse est, vivere non necesse est. „Seefahrt ist notwendig, Leben nicht.“)
  • „Excrementum“ inquit Caesar et in togam navigavit. – „‚Scheiße!‘ sagte Cäsar und schiffte in die Toga.“ (Siehe Exkrement.)

Eine zweite Art Pseudolatein dient als Ratespiel für Lateinkundige, etwa mit wörtlich aus dem Deutschen übersetzten lateinischen Begriffen, die erst nach der Rückübersetzung – mit wenigen Ausnahmen separat Wort für Wort – einen Sinn ergeben:

Variante, eine Mischform aus erster und dritter Gruppe: „Der Bauer a’ Rad [= Der Bauer auf dem Rad.]“ (Korrekte Übersetzung: „Der Bauer pflügt“; das heißt, agricola muss übersetzt werden, arat aber nicht.)
Variante: Caesar equus consilium consilium consilium. – „Cäsar fährt Dreirad.“
Variante: Caesar litus unam classem Romanam. (Cäsar, Küste, eine, Klasse, Römerin) – „Cäsar küsste eine klasse Römerin.“

Die dritte Variante ist gar kein Latein mehr, sondern nur dem typographischen Eindruck nach lateinisch, sogenanntes Sauerkraut-Latein (Analogie zum Wortspiel Blumento-Pferde): Der Sinn des geschriebenen Textes wird erst beim (lauten) Lesen klar – es erklingt ein deutscher Satz. Zum Verständnis sind keinerlei Lateinkenntnisse nötig, zum Teil jedoch das Beherrschen eines der deutschen Dialekte. Die folgende Inschrift charakterisiert ebendiese Art von Pseudolatein:

Weitere Beispiele:

Analog auch folgender Merkspruch:

Ähnlich gibt es auch Spielereien mit Altgriechisch, für die keine eigene Bezeichnung existiert, und die daher üblicherweise unter Küchenlatein subsumiert werden:

Es gibt auch eine Spielerei mit Hebräisch, quasi eine Kombination der obigen Gruppen 2 und 3:

Wirtschaftsbereich

Gesundheitswesen

Eisenbahnunternehmen

Autohersteller, -marken und -zulieferer

Andere Bereiche

Andere Sprachen

Die Erscheinung ist nicht auf den deutschsprachigen Bereich begrenzt, wenn auch die Begriffsbezeichnung nicht in allen Sprachen eine Entsprechung für Küchenlatein ist.

Ore stabit fortis arare placet ore stat
Bank in Oxford
Bank bei den Rollright Stones
Englisch
(Dog Latin, „Hundelatein, hündisches Latein“)
Französisch
(Latin de cuisine, „Küchenlatein“)
Der altgriechische Satz Οὐκ ἔλαβον πόλιν, ἀλλὰ γὰρ ἐλπὶς ἔφη κακά. (in lateinischen Buchstaben etwa „Ouk élabon pólin, allà gàr elpìs éffeh kaká.“, betonte Silben mit Akzent) bedeutet sinngemäß „Sie nahmen die Stadt nicht ein, tatsächlich schien die Hoffnung sogar schlecht zu sein.“ Französische Leser können den Satz aber auch lesen als « Où qu’est la bonne, Pauline? » « A la gare. Elle pisse et fait caca. » mit der stark vulgären Bedeutung „Wo ist das Dienstmädchen, Pauline?“ „Im Bahnhof. Sie pisst und kackt gerade.“
Der Satz wird in vielen Quellen irrtümlich Xenophon zugeschrieben, ist in dieser Form aber nicht in seinen Werken zu finden.
Italienisch
(Latino maccheronico, „makkaronisches Latein“)
Der lateinische Satz I, Vitelli, dei Romani sono belli – „Gehe, Vitellius, mit dem Kriegsgetön der römischen Gottheit!“ – hätte im Italienischen eine andere Bedeutung: I vitelli dei Romani sono belli. – „Die Kälber der Römer sind schön.“

In mehreren romanischen Sprachen führte ein Lesefehler sogar zur Kreation eines neuen Wortes:

Busillis (italienisch, katalanisch) oder busilis (spanisch) ist ein Ausdruck für „verwirrendes Puzzle“ oder „schwieriger Punkt“. Der Theologe Giraldus Cambrensis († 1223) erzählt, Johannes von Cornwall (um 1170) sei einmal von einem Kopisten nach der Bedeutung dieses Wortes gefragt worden. Es habe sich herausgestellt, dass er „in die busillis“ statt „in diebus illis“ gelesen hatte. Befördert wurde dies dadurch, dass die Silbentrennung von „diebus“ so erfolgte, dass „die“ auf der Seite unten am Ende einer Spalte und „bus“ oben zu Beginn der folgenden stand. Obwohl in der Quelle nicht erwähnt, dürfte die Praxis der scriptio continua ebenfalls einen entscheidenden Einfluss besessen haben, weil diese Schreibweise zu dieser Zeit der Normalfall war.
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Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. ↑ Belege unter Küchenlatein, n. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 11: K – (V). S. Hirzel, Leipzig 1873, Sp. 2504–2506 (woerterbuchnetz.de).
  2. ↑ Online unter dem Stichwort Küchenlatein bei Zeno.org; das ebenfalls verfügbare Quellenverzeichnis nennt als Originalquelle: „Johannis Aventini des Hochgelehrten weit berümbten Bayerischen Geschichtsschreibers Chronica Bavaria. Frankfurt a.M.M.D.LXVII“ (1567). Abgerufen am 16. Juli 2015. Im Deutschen Wörterbuch leicht abweichend zitiert.
  3. ↑ Onlineversion bei Zeno.org. Abgerufen am 22. Mai 2015.
  4. ↑ Hermann Wagner (Hrsg.): Illustrirtes Spielbuch für Knaben. 1001 unterhaltende und anregende Belustigungen, Spiele und Beschäftigungen für Körper und Geist, im Freien sowie im Zimmer. 6. Auflage. Leipzig 1878, S. 338–339, urn:nbn:de:0111-bbf-spo-16308064.
  5. ↑ Vergleiche Eintrag im Wiktionary: Blumentopferde.
  6. ↑ Ludwig Zehetner: Wos läscht’s denn scho wieder? In: Mittelbayerische Zeitung. 1. Juli 2017, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 16. September 2021 (in der Druckausgabe am 30. Juni 2017 [Jahrgang 73, Nr. 148, S. 18]; Artikel ist Teil einer Serie mit festem Titel). Zitat: „Man erzählt sich, dass ein Pfarrer während des sonntäglichen Hochamts befürchtete, seine Haushälterin, die andächtig im Kirchenstuhl saß, würde vergessen, die daheim im Bratrohr brutzelnde Ente umzuwenden. Also drehte er sich am Altar um (damals stand der Priester mit dem Rücken zum Volk) und deklamierte mit ausgebreiteten Armen: ‚Léni dradántum procénta‘, worauf die Gemeinde respondierte: ‚Et cum spíritu túo.‘ Die Leni verstand sehr wohl, was der Pfarrherr ihr mitteilen wollte: Dreh die Ente um! Brate sie ent auch, d. h. auch auf der anderen Seite! Eine Variante der pseudo-lateinischen Mahnung lautet: ‚Léni ventántum procénta‘ (wende die Ente um), und als Verlängerung gibt es den Satz des Pfarrers: ‚Bali hámcum ísi‘ (sobald ich heimkomme, esse ich).“
  7. ↑ Siehe Ende von Armee und Flotte. Frauen im Militärdienste. In: Neue Freie Presse, Nachmittagsblatt, 3. März 1913, S. 6 (online bei ANNO).
  8. ↑ Siehe Abbildung in der luxemburgischen Wikipedia: Teilansicht des Brunnens „Maus Ketti“ von Wil Lofy.
  9. ↑ Sonsierey: Hierundo maleficis evoltat – Bild von U Mecenase, Prag. In: TripAdvisor.de. Dezember 2010, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 28. August 2016 (Datum in der Bewertung “Consigliatissimo” (Seite dauerhaft nicht mehr abrufbar, festgestellt im November 2025. Suche im Internet Archive)).
  10. ↑ In der vom Restaurant auf der eigenen Webseite angebotenen virtuellen Tour (bereitgestellt von Google) ist die Beschriftung nicht mehr zu finden (Stand: November 2025).
  11. ↑ Überliefert in einem populären englischen Werk: Geoffrey Willans: Down with Skool! 1953.
  12. ↑ Befindet sich im Bereich Mesopotamia, siehe hierzu: Walter Sawyer: The University Parks, Oxford. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. Dezember 2014 (englisch).
  13. ↑ Wolfgang Pfeifer et al.: Tandem. In: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. 1993 (Artikel auf dwds.de).
  14. ↑ Für eine Auflistung siehe im Fandom-Wiki Looney Tunes Wiki: Latin Names (englisch, mit Screenshots und zwei Youtube-Verlinkungen).
  15. ↑ Längere Zusammenstellung: Road Runner & Wile E. Coyote - Latin Translations auf YouTube, 1. Juni 2019 (englisch; Laufzeit: 2:58 min).
  16. ↑ Rabbit's Feat (1960) Opening and Closing auf YouTube, 21. August 2021 (englisch; Selbstvorstellung ab etwa 34 Sekunden, Bezeichnung bei etwa 55 Sekunden im Video; Laufzeit: 2:58 min).
  17. ↑ Screenshot im Looney Tunes Wiki: Bart-and-homer.png (PNG-Bild, 69 kB).
  18. ↑ buṡìllis in Vocabolario (Treccani.it; italienisch).
  19. ↑ busil·lis, RodaMots.cat (katalonisch).
  20. ↑ busilis | Definición, Diccionario de la lengua española, RAE – ASALE (spanisch).
  21. ↑ John Sherren Brewer (Bearbeiter): Giraldi Cambrensis Opera. Vol. II. Longman, Green, Longman, and Roberts, London 1862, S. 343 (Latein, Digitalisat im MDZ – siehe auch Textausschnitt als Bild in Wikimedia Commons mit deutscher und englischer Übersetzung in der Beschreibung).